Das Chorherrenstift am Fuss des Böhmerwaldes ist eines des ältesten Klöster des Prämonstratenserordens

Am Weihnachtstag 1121 legten Norbert von Xanten und seine Gefährten in Kloster Prémontré bei Laon ihre Profess ab. Das war die Geburtsstunde des Prämonstratenserordens, der sich in der Folge der Gregorianischen Reform schnell ausbreitete. Nach hundert Jahren gab es in Europa etwa fünfhundert Prämonstratenserklöster. Vielen dieser Gemeinschaften bereiteten die Reformation im sechzehnten und die Säkularisation im neunzehnten Jahrhundert ein Ende.

Heute hat der Prämonstratenserorden auf der ganzen Welt tausendvierhundert Brüder und Schwestern in 41selbstständigen Kanonien, also in Abteien, Stiften, Prioraten eigenen Rechtes und in vielen abhängigen Häusern und Niederlassungen, davon neun Klöstern im deutschsprachigen Raum. Eines der ältesten bis heute bestehenden Prämonstratenserklöster ist Stift Schlägl am Fuße des Böhmerwalds.

Nach sieben Jahren gaben die Zisterzienser auf

Nicht Prämonstratenser, sondern Zisterziensermönche standen am Anfang des Stiftes. Um 1204 stiftete im Auftrag des Bischofs von Passau der Ministeriale Kalhoch von Falkenstein ein Zisterzienserkloster als Rodungskloster und berief dazu Mönche aus dem oberfränkischen Langheim. Leider sind die Urkunden über die Gründung im Original nicht mehr vorhanden, doch ist überliefert, dass die Mönche nach siebeneinhalb Jahren wegen der schlechten Bedingungen in ihr Heimatkloster zurückkehrten. Erstmals erwähnt wurde Schlägl in den Reiserechnungen des Passauer Bischofs Wolfger, der am Sonntag „Laetare“ des Jahres 1204 dem Cellerar von „Slage“ dreißig Friesacher Denare auszahlte. Wo dieses Schlägl anzusiedeln ist, wird nicht erwähnt.

Die zweite Gründung des Klosters erfolgte wohl zwischen 1250 und 1260 durch das Geschlecht der Rosenberger, deshalb erscheint ihr Wappen neben dem der Falkensteiner im Wappen von Stift Schlägl. Dafür sprechen auch die „Romanische Krypta“ und der Umstand, dass die Pfarren Friedberg und Kirchschlag in dieser Zeit dem Stift von den Rosenbergen übertragen wurden.

Kloster mit wechselvoller Geschichte

Seit dieser Zeit leben und wirken Prämonstratenser im Oberen Mühlviertel und blicken auf eine wechselvolle Geschichte zurück: unter den Pröpsten Andreas Rieder und Crispin Fuck wurde Stift Schlägl erweitert, später setzte ein personeller Niedergang ein, 1626 brandschatzten aufständische Bauern das Kloster. Unter Propst Martin Greysing (1627-1665) erstand das Kloster personell wie baulich neu. Im Laufe der Klostergeschichte fügten insgesamt sieben Brände den Gebäuden schwere Schäden zu, die letzte Brandkatastrophe gab es 1854, als der Dachstuhl abbrannte. 1941 hoben die Nationalsozialisten das Kloster auf, erst fünf Jahre später, nach dem Ende der Hitlerdiktatur, konnten die Mitbrüder zurückkehren.

Stift Schlägl heute

Wirtschaftlich und personell führte Abt Dr. Florian Pröll (1958-1989) das Haus zur Blüte. 48 Mitglieder zählte der Konvent bei Abt Prölls Resignation. Heute gehören der Gemeinschaft 36 Mitbrüder an, je einer davon befindet sich im Noviziatsjahr bzw. im Theologiestudium. Großteils arbeiten die Mitbrüder in der Seelsorge - in 31 Pfarren bzw. Seelsorgestellen, aber auch in Schule und Wissenschaft, im Krankenhaus und in der Diözesanverwaltung.

Eine wirtschaftliche Stütze von Stift Schlägl ist ein siebentausend Hektar großer Waldbesitz, weitere Stützen sind Gastronomie, ein Seminarzentrum, eine Brauerei, drei Wasserkraftwerke, ein E-Werk, Tischlerei, Schlosserei und Kfz-Werkstatt und weitere kleine Betriebe. Mit der Zentralverwaltung beschäftigt das Stift 180 Personen. Zudem ist Stift Schlägl Initiator und Teilhaber des Skigebiets „Hochficht Bergbahnen GmbH“ im Böhmerwald.

Seelsorge, Kunst, Musik und Seminare machen Stift Schlägl zum geistlichen und kulturellen Zentrum im Mühlviertel. 2018 fand auf Anregung des Stifts die Oberösterreichische Landesgartenschau statt, die viele Besucher nach Schlägl zog.

Zentrum von Kunst und Kultur

Aus der ersten Phase des Stiftes haben sich die romanische Krypta von 1260, die gotische Krypta mit einem einmaligen Schüttgewölbe um 1480 und die Turmkapelle von 1410 mit gotischer Scheinarchitektur erhalten.

Nach 1630 wurde die gotische dreischiffige Kirche barock ausgestaltet: mit einem Chorgitter 1635, einer großen Orgel von Andreas Putz 1634 und einer Kanzel aus dem Jahr 1640. Chorgestühl und Altäre mit Holzintarsien entstanden um 1750, Künstler der Altarbilder waren Bartolomeo Altomonte (1694-1783) und Augustin Palme (1808-1897). Zudem gibt es in der Kirche eine Cantoriumsorgel der niederländischen Firma Reil und eine Chororgel von Kögler 2008 (in einem Gehäuse von 1954). Da die Putzorgel und die Reilorgel aufeinander abgestimmt sind, können Konzerte auf zwei Orgeln aufgeführt werden.

Kostbare liturgische Geräte und Gewänder

Da liturgische Feiern Höhepunkte des klösterlichen Lebens bilden, war man stets bemüht, zur Verschönerung der Gottesdienste liturgische Geräte und Gewänder anzuschaffen. Eine Besonderheit ist die „Perlenkasel“ von 1568, die den gekreuzigten Christus in reliefartiger Flussperlenstickerei zeigt. Das Gewand ist mit zehntausend Perlen bestickt – eine unglaubliche Zahl, wenn man bedenkt, dass nur in jeder dreitausendsten Muschel eine Perle verborgen ist. Daneben finden sich ein Abtsstab mit Mariendarstellung aus dem Jahr 1490 (Passauer Werkstatt), ein „Elfenbeinkreuz“ mit Gold- und Silberapplikationen von 1652 (Augsburg), ein Ziborium mit drei kostbaren Medaillons aus dem Leben Jesu (Fesenmayr, Augsburg 1654). Wertvolle Paramente mit Stickereien (Doxaner Ornat 1784; Osterornat – auf Silberstoff reiche Stickerei in Gold und Silber, 1870) und Nadelmalereien (Weihnachtsornat 1877 – Bildentwürfe A. Palme; Karfreitagsornat, Wien 1865) und weitere wertvolle Gewänder bis Ende des 19. Jahrhunderts ergänzen die Sammlung.

Sehenswert in der 1890 errichteten Bildergalerie sind vor allem die gotischen Tafelbilder: Madonna im Ährenkleid 1425, Brixener Altärchen 1484, Flucht nach Ägypten 1488 von Frueauf d. J., Morisson-Triptychons um 1580. Die Sammlung umfasst auch Gemälde des Barocks und der Renaissance von Martin Johann Schmidt, genannt „Kremser Schmidt“, Joh. Ph. Ruckerbauer, Rachel Ruysch; hinzu kommen Landschaftsbilder und biblische und christliche Motive, u.a. „Hermann Joseph bietet dem Jesuskind einen Apfel dar“ von Moritz von Schwind (1804-1871), Werke von Augustin Palme aus München und Theodor Maaßen (1817-1886, Düsseldorfer Schule) und - aus dem Jahr 1954 - die „Die Kreuzigung Christi“ (Doppeltafel) von Fritz Aigner aus Linz.

Einzigartig ist die Galerie mit den Porträts der meisten Mitbrüder ab 1801, die auch in der Gegenwart weitergeführt wird. Sie umfasst die Gemälde von 193 Mitbrüdern. Dazu kommen die Porträts der neunzehn Äbte von 1630 bis 2019 und die Bilder der dreizehn Bischöfe von Linz ab der Gründung der Diözese im Jahre 1784 bis 2015.

Neugotische Bibliothek

Sechzigtausend Bände aus der Zeit von 1520 bis 1900 umfasst die zwischen 1829 und 1852 erbaute Bibliothek. Von besonderem Wert sind 240 Pergament- und Papierhandschriften sowie 48 Codizes. Die Sammlung setzt sich aus liturgischen Büchern und Werken aus allen Wissensgebieten zusammen. Hier einige Beispiele: Codex 3, Missale Romanum mit St. Gallener Neumenschrift um 1300; Kat. 31, Deutsche Bibel 1477 (7. dt. Bibelübersetzung); Kat. 159, Hartmann Schedel, Liber chronicorum, Nürnberg 1493; Kat. 196, Missale Praemonstratense, Straßburg 1502-1504. Von diesem Missale sind nur zwei weitere Exemplare bekannt, die sich in der Bayerischen Staatsbibliothek in München befinden.

Musik in Schlägl

„Musica est praeludium vitae aeternae“ liest man auf dem Prospekt der Orgel im Sommerhaus. Neben Musik in der Liturgie veranstaltet das Kloster regelmäßig Konzerte, bei denen auch Kompositionen von Musikern aus dem Orden zu Gehör gebracht werden, etwa Werke unseres 2016 verstorbenen Mitbruders Rupert Gottfried Frieberger (+2016), der 1970 die Schlägler Musikseminare und Orgelkonzerte ins Leben rief. Höhepunkte sind die Konzerte an der Großen Orgel in der Stiftskirche und Konzerte an zwei Orgeln, große Messen (u.a. J.S. Bach: h-Moll Messe; W.A. Mozart, Krönungsmesse) und Oratorien (u.a. J. Haydn, Die Schöpfung; J.S. Bach, Weihnachtsoratorium). Besonderes Augenmerk liegt auf der Pflege des Gregorianischen Chorals beim Chorgebet und in der Liturgie. Zwei Mitbrüder führen das Erbe Friebergers weiter, H. Ewald Donhoffer (Orgel, Konzertfach) für die konzertante Musik, H. Jeremia Mayr für den Choral. Höhepunkte sind die Vespern in der Osteroktav.

Dieser Ritus mit Prozession zum Taufbrunnen bzw. zur Osterkerze geht auf das siebte Jahrhundert zurück und wird in dieser Form nur von den Prämonstratensern gefeiert.

Mag. Stephan Wolfgang Weber, O.Praem.

Mag. Stephan Wolfgang Weber, O.Praem.

Mag. Stephan Wolfgang Weber, geboren 02. Juli 1943 in Bad König, trat 1964 in die K.St.V. Brisgovia in Freiburg ein, seit 1966 gehört er dem Prämonstratenserorden an, lebt als Chorherr im Stift Schlägl in Oberösterreich und ist derzeit Kustos der Kunstsammlungen des Stiftes.