Viehundert Jahre Universität Salzburg
Plus ohne Minus?
Rechtzeitig zum Gedenken an die Gründung der Universität Salzburg durch Fürstbischof Paris Lodron vor vierhundert Jahren erschien im Salzburger Verlag Anton Pustet ein von Christoph Brandhuber verfasstes 448-seitiges, reichbebildertes, großformatiges Buch mit dem Titel „Pluspunkte“ (ISBN 978-3-7025-1018-3). Hinter dem ersten Wortbestandteil verbirgt sich „Plus“, seit 2019/20 die Kurzform für Paris Lodron Universität Salzburg, die im neuen Logo als Markenzeichen der Hochschule verwandt wird. Mit dem Namen „die PLUS“ soll wohl zum Ausdruck kommen, dass die Universität inzwischen ihr „Profil“ geschärft hat. Das kann man jedenfalls so aus dem Geleitwort des derzeitigen Rektors Hendrik Lehnert herauslesen.
Wie der Verfasser Christoph Brandhuber in seiner Einleitung deutlich macht, wendet die Publikation ihren Blick nicht allein auf die Vergangenheit, sondern ebenso auf die Zukunft. Eine umfassende Universitätsgeschichte darf man folglich nicht erwarten. Sie bleibt nach wie vor ein Desiderat und für die Erstellung müssten sicherlich mehrere Autoren gewonnen werden. Die vorliegende Publikation ist eben eine Festschrift, und diesen Zweck erfüllt sie vollständig. Hie und da leistet sie bereits wertvolle Vorarbeit für eine zukünftige „große“ Universitätsgeschichte. Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt. Es befasst sich mit der Benediktineruniversität (1622-1810), dem Lyzeum und der Theologischen Fakultät (1810-1938, 1945-1962), der Paris Lodron Universität und schließt mit 12 Exkursen, die unter dem Titel „Themen” zusammengefasst sind. Während die genuin hochschulgeschicht-lichen Kapitel (I-III) 60 Seiten umfassen, kommt das vierte Kapitel, das teilweise auch interessante, kaum bekannte historische Tatbestände (etwa die Geschichte der Bibliotheken) behandelt, auf mehr als 280 Seiten. Gelegentlich sind die Exkurse so abgefasst, dass sie sich wie eine Werbung lesen, an der Salzburger Universität das Studium aufzunehmen und damit an der „PLUS“ ein „Plus“ zu erreichen. Zu diesem Zweck wurden im Übrigen 2021 Leitmotive eingeführt. Sie sind in Englisch abgefasst und lauten: Art in Context, Development & Sustainability, Digital Life und Health & Mind. Bei allem Verständnis für die Internationalisierung der Wissenschaften und bei Anerkennung der englischen Sprachen als heutige lingua franca sei hier dennoch am Rande die Frage erlaubt, ob man damit nicht des Guten allzu viel getan hat. Man vergleiche etwa das 2022 verabschiedete Leitbild „Studium und Lehre“ der Universität Köln, das keine englischsprachigen Schlagwörter braucht und doch auf der Höhe der Zeit ist.
Im ersten Kapitel schildert Christoph Brandhuber prägnant die Gründungsphase der Universität, die 1620 mit der Ausstellung eines kaiserlichen Privilegs begann. Dieses wurde zwei Jahre später noch einmal revidiert. Jetzt räumte man der Neugründung das bisher fehlende Promotionsrecht ein. Dem Fürstbischof Paris Lodron, der zu Recht als der eigentliche Gründungsvater gilt und dessen Wappen am ursprünglichen Eingang der alten Universität bis heute hängt und über den man gern ein klein wenig mehr erfahren hätte, war dieser Erfolg zu verdanken. 1625 zog der Papst mit seinem Privileg nach, dem zu Folge die Neugründung unter den Schutz des hl. Karl Borromäus gestellt wurde. Damit war nach fünf Jahren die Entstehungsgeschichte der Universität abgeschlossen. An ihr lehrten fortan Benediktiner aus St. Peter in Salzburg und anderen süddeutschen und schweizerischen Klöstern. Die Benediktinerhochschule, die drei Fakultäten (Philosophie, Theologie, Jura) und ein Gymnasium mit einer Vorbereitungsklasse und fünf Schulstufen umfasste, bestand fast zwei Jahrhunderte lang. Weit über 30.000 Studenten haben in diesem Zeitraum an ihr studiert, darunter Leopold Mozart. Sie blieb die einzige der im Deutschen Reich bestehenden katholischen Hochschulen, die nicht von den Jesuiten geführt wurde. Außerdem übernahmen mit ihr die Benediktiner aus 60 Klöstern erstmals „die nahezu vollständige, personelle und institutionelle Verantwortung für eine Universität“( P. Walter, Universität und Landtag, Köln u.a. 2018, S. 636.).
Weiterhin erfahren wir, dass 1810 trotz einer Petition der Salzburger für den Erhalt der Hochschule an König Maximilian I. Joseph von Bayern, zu dem Salzburg damals gehörte, der Lehrbetrieb eingestellt wurde. Es entstand das Lyzeum, „worunter man eine an das Gymnasium anschließende höhere Schule mit einer theologischen und philosophischen Sektion“ verstehen muss (S. 48). Wofür die Absolventen ausgebildet wurden, hätte man gerne erfahren (Gymnasiallehrer, Priester?). Als Salzburg 1816 endgültig zu Österreich kam, – es hatte von 1805 bis 1810 schon einmal zum österreichischen Kaiserreich gehört – blieb zunächst alles beim Alten. 1818 wurde die Schule für Landärzte eingegliedert. 1835 konnte ein erster Kandidat des Lyzeums zum Dr. theol. promoviert werden. 1848 zerschlug sich die Hoffnung, die Hochschule als Volluniversität wieder zu begründen. Das Lyzeum wurde allerdings aufgelöst, und an seine Stelle trat 1850 die Theologische Fakultät.
Die Bemühungen, in Salzburg die untergegangene Universität wieder zu beleben, lesen wir, nahmen nicht ab und hielten bis 1962 an. Da war es endlich nach manchen „Animositäten und Ränken“ so weit. Eine der treibenden Kräfte dafür stellten die 1931 ins Leben gerufenen „Salzburger Hochschulwochen“ dar, denen ein eigener vortrefflich illustrierter Exkurs von fast 30 Seiten gewidmet ist, darunter ein gesonderter Abschnitt über Kb Kardinal Joseph Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI., und sein Verhältnis zu Salzburg und den Hochschulwochen. Nach Beratungen waren schließlich mehrere Partner bereit, diese universitas catholica in nuce im deutschsprachigen Raum zu unterstützen: der (deutsche) Katholische Akademikerverband, die Salzburger Benediktinerkonföderation, die Theologische Fakultät, die Görres-Gesellschaft und der Salzburger Katholische Universitätsverein. Warum aus dieser erwünschten katholischen Universität zu guter Letzt nichts wurde, kann man teilweise in dem Unterkapitel IV 6 „Nationalsozialismus und Wiedergutmachung”? erfahren. Insgesamt hätte man darüber mehr erwartet. Ein wenig zu kurz gekommen ist ferner die Tatsache, dass innerhalb der Salzburger Gründungsgeneration nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr, über den ausführlicher berichtet wird, eine NS-Vergangenheit hatte, sondern eine Reihe anderer mehr, darunter der erste gewählte Rektor Egon Lendl, Parteimitglied seit 1932 und damit zwei Jahre später als Sedlmayr. Andererseits weist der Verfasser ausdrücklich darauf hin, dass Heinrich Schmidinger, Rektor bis 2019, den Auftrag für eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der Verquickung von Angehörigen der Universität in die NS-Herrschaft erteilte. Schließlich hätte man sich einige Sätze mehr über Erika Weinzierl gewünscht, die 1969 nach Salzburg als erste Professorin für Zeitgeschichte in Österreich berufen wurde.
Diese Randbemerkungen, die eher einige Wünsche formulieren, sollten nicht überbewertet werden. Das Buch ist gut geschrieben und gut zu lesen, sieht man einmal von manchen überflüssigen englischen Lehnwörtern und der konsequenten, den Lesefluss hemmenden Vermeidung des generischen Maskulinums (Politiker:innen, Vertreter:innen etc.) ab. Daran ist wohl die universitäre „Richtlinie zum verbindlichen Gebrauch von geschlechtergerechter Sprache“ und nicht der Autor schuld. Das Layout und die Bebilderung sind eine Augenweide.
Wolfgang Löhr

