"Dinge sterben lassen"

Über Tod, Auferstehung und Gelassenheit

Traditionellerweise spielen die Themen Tod und Vergänglichkeit in der Kirche im Monat November eine große Rolle. Gerahmt einerseits durch die Tage Allerheiligen und Allerseelen (1./2. November) im Gedenken an die Menschen, die uns im Leben und Glauben vorangegangen sind, und andererseits durch das Christkönigsfest, an dem wir das allumfassende und ewige Königtum Jesu Christi feiern, richtet sich der Blick auf die „letzten Dinge“, also auf den Tod, das Ende und die Frage: „Was kommt danach?“

Es ist tröstlich und wichtig, dass unser Glaube (wie alle Weltreligionen) auch solche schweren, aber dennoch schlicht zum Leben gehörenden Fragen nicht ausspart. Im Gegenteil: Die Frage nach dem Tod und den letzten Dingen taucht nicht nur zufällig im menschlichen Leben immer wieder auf, sondern hat alljährlich einen prominenten Platz im Kirchenjahr und damit in unserer Glaubenskultur.

Aber obwohl die Frage nach den letzten Dingen den Abschluss des Kirchenjahres markiert, hat der Tod nach christlicher Überzeugung nicht das letzte Wort. Auf den November folgt das neue Kirchenjahr mit adventlicher Erwartung, auf den Karfreitag folgt der Ostersonntag. Allgemeiner formuliert: Nach dem Tod kommt nicht das Nichts, sondern die Auferstehung, das neue Leben. Aber umgekehrt könnte ohne Karfreitag auch kein Ostern werden, setzt die Auferstehung den Tod zwingend voraus.

Hierbei handelt es sich auch nicht um einen Glaubenssatz von vielen, sondern um das Herz unseres Glaubens, um das christliche Alleinstellungsmerkmal. Das Christentum ist in seinem innersten Kern eine Religion von Tod und Auferstehung! Beides gehört zusammen und bedingt sich gegenseitig. Jesus selbst hat dies im Bild vom Weizenkorn ausgedrückt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24).

Wie unerhört und revolutionär diese Worte auch heute noch sind, merkt man, wenn man sie mit den geltenden Maßstäben unserer Welt vergleicht. Die Dynamik von Tod und Auferstehung steht im Gegensatz zu Wirtschaftssystemen mit der Notwendigkeit eines beständigen Wachstums, aber auch zur gesellschaftlichen Priorität von Stabilität und Sicherheit, und erst recht zu Stammtischparolen à la „Früher war alles besser!“

Ob Ökonomien oder Gesellschaften unter der Prämisse von Tod und Auferstehung überhaupt funktionieren könnten, kann hier nicht geklärt werden. Aber wie sieht es in unserem Glaubens- und Kirchenleben, in unseren Gemeinden und Bistümern aus? Auch hier fällt auf, dass es sowohl kirchlichen Entscheidungsträgern wie auch Gemeindemitgliedern oft schwer fällt, sich von liebgewonnenen Formen, Formaten und Gebäuden zu verabschieden, oder etwas salopper formuliert: Auch in einer Auferstehungsreligion ist es nicht leicht, Dinge sterben zu lassen. Stattdessen ist es manchmal fast komisch anzuschauen, wieviel Energie in „lebenserhaltende Maßnahmen“ selbst für evident Todgeweihtes gesteckt wird, anstelle die freiwerdenden Ressourcen in neue Ideen und Impulse zu stecken. Wenn etwa in einem Pfarrgemeinderat bei der gemeinsamen geistlichen Betrachtung vor allem peinlich berührtes und betretendes Schweigen herrscht, danach aber die Verschiebung einer Gottesdienstzeit um eine halbe Stunde zu großem Widerstand und zu stundenlangen Diskussionen führt, stecken wir in einem deutlichen Missverhältnis.

Das heißt natürlich nicht, dass ich mich über die „Bewahrer“ lustig machen möchte. Ganz im Gegenteil: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und scheut ganz natürlich Risiko und Veränderung. Sicherheit und ein Bedürfnis nach Heimat gehören zu uns, und es ist anzuerkennen und zu begrüßen, dass viele Menschen in Kirche und Gemeinde weiter genau diese Heimat finden. Es geht weder darum, unreflektiert dem Zeitgeist in allem hinterherzulaufen, noch darum, Neues einzufordern, allein weil etwas neu ist, oder altbewährte Traditionen rein aus Prinzip einzustampfen. Gleichzeitig kann uns die Vergegenwärtigung unseres Glaubenskerns aber auch im Blick auf die derzeitige kirchliche Situation und die vorherrschenden Trends etwas mehr Gelassenheit lehren. Der Verlust auch von liebgewonnenen Dingen ist nicht das Ende der Welt. Unterm Strich steht nicht der Tod, sondern die Auferstehung. Warum haben wir dann aber solche Angst davor, wenn auch im kirchlichen Bereich Dinge zu einem natürlichem Ende kommen? Nicht das reine Bewahren oder das Stehenbleiben, sondern die Dynamik von Tod und Auferstehung sorgen für einen lebendigen Glauben und eine lebendige Kirche!

In jeder Heiligen Messe drücken wir genau diese Dynamik ironischerweise in einem immer gleichbleibenden Satz aus: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit“. Schaffen wir es, diese Überzeugung im kirchlichen Leben im Kleinen und im Großen auch auf uns zu übertragen und so lebendig zu halten?

Kb Kaplan Johannes Ludger Kutter

Kb Kaplan Johannes Ludger Kutter

Kb Johannes Ludger Kutter (Arm, Rh-I), Jahrgang 1991, studierte Theologie in Bonn und Innsbruck. 2017 weihte ihn Kb Dr. Rainer Maria Kardinal Woelki im Kölner Dom zum Priester. Seit September arbeitet er als Kaplan in der Hochschul- und Stadtjugendseelsorge der Stadt Köln.