Wie sich Kartellbruder Hermann Cardauns und andere katholische Publizisten mit Karl May auseinandersetzten
Vor kurzem entstand ein erheblicher Wirbel, als der Verlag Ravensburger sein Buch „Der junge Häuptling Winnetou” und andere Winnetou-Artikel aus dem Programm genommen hatte und dies damit begründete, „das Feedback” der Leser zeige, dass man „mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt” habe. Kritisiert wurde, dass die Produkte, darunter ein Puzzle, rassistische Stereotype wiedergäben. Dem zeitgleich in den Kinos laufendem Winnetou-Film mit gleichem Titel wurde eine kolonialistische Erzählperspektive vorgehalten, welche die geschichtliche Wirklichkeit, die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung ausblende. Mit der jetzigen Debatte wird der Geschichte der Rezeption der Werke des meistgelesenen deutschen Schriftstellers Karl May (1842-1912) ein weiteres Kapitel hinzugefügt.
Schon vor über hundert Jahren gab es kritische Stimmen, die Karl May betrafen, darunter die unseres Kartellbruders Hermann Cardauns (Arm, Ott), der uns wegen seiner KV-Geschichte unvergessen geblieben ist. Zunächst hatte die „Kölnische Volkszeitung“, deren Redaktion in seinen Händen lag, gegen die Reiseromane Karl Mays, die in den von dem katholischen Verlag Friedrich Pustet in Regensburg erscheinenden „Deutschen Hausschatz“ ab 1878 abgedruckt wurden, nichts einzuwenden. Dies änderte sich erst 1901, als Hermann Cardauns (1847-1925) die von Karl May (1842-1912) verfassten im Verlag Münchmeyer in Dresden herausgebrachten Kolportageromane zunächst in Vorträgen und dann 1902 in einem längeren Aufsatz in den „Historisch-politischen Blättern für das katholische Deutschland“ mit dem Titel „Herr Karl May von der anderen Seite“ anprangerte.
Vorausgegangen war die Ablehnung der Romane Karl Mays durch den Herausgeber der katholischen Kulturzeitschrift „Hochland“ Carl Muth, der in einer 1898 unter dem Pseudonym „Veremundus“ erschienenen Schrift mit dem Titel „Ist die Katholische Belletristik auf der Höhe der Zeit?“ May auf zwei Druckseiten lang vorhielt, in seine Romane „als captationes bene volentiae religiöse Phrasen“ einzuflechten.
Karl May in der katholischen Kritik
Bedeutender war allerdings sein Urteil, Mays Oeuvre sei literarisch bedeutungslos trotz „bischöflicher Empfehlungen“. Besonders schwer wog außerdem Muths Vorwurf, Mays Romane seien „reiseliterarische Taxiliaden“. Damit spielte er auf den von Hermann Cardauns, den man heute einen investigativen Journalisten nennen würde, zwei Jahre zuvor aufgedeckten sogenannten Taxilschwindel an und bezog sich auf das Faktum, dass Karl May bis dato nicht im Ausland gewesen war und alles aus seiner Phantasie geschöpft hatte.
Hinter der Bezeichnung „Taxilschwindel“ steckte die Geschichte Léo Taxils (1854-1907), der in mehreren Publikationen von ihm erfundene geheime satanische Riten der Freimaurer aufgedeckt haben wollte, was in katholischen Kreisen, welche die Freimaurer bekämpften, auf dankbare Leser gestoßen war. Treffsicher hat vor drei Jahren Josef Schnelle in der „Süddeutschen Zeitung“ Taxil als den Erfinder der Fake News bezeichnet. Mit der Anspielung auf diesen Schwindler, der eigentlich Marie Joseph Jogand-Pagès hieß, wollte Carl Muth darauf aufmerksam machen, dass Karl May sich selbst für Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi hielt und nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden konnte. Als bessere und authentischere Schriftsteller empfahl er stattdessen Charles Sealsfield (1793-1864), den Karl May auch gelesen haben muss, und Francis Bret Harte (1836-1902), der 1860 gegen das Massaker an den Wyots in Kalifornien protestiert hatte. Bei der Empfehlung Sealfields, der eigentlich Carl Anton Postl hieß und aus Mähren stammte, störte Carl Muth offensichtlich dessen frühere Zugehörigkeit zum Kreuzherrenorden und späteres Auftreten als protestantischer Geistlicher in den USA nicht. Er hatte dessen Bücher als „sprachliche Kunstwerke“ (W. Kriegleder) entdeckt.
Aufschneiderei und Selbstüberschätzung?
Hermann Cardauns, der nächste katholische Kritiker Karl Mays, war sich nicht völlig sicher, ob man Karl May mit Taxil in einem Atem nennen sollte. Er warf ihm zwar „Aufschneiderei“ und Selbstüberschätzung vor, musste ihm allerdings „mannigfache Kenntnisse“ sowie „Formengewandtheit und Erfindungsgabe“ bescheinigen. Für ihn stand bei seiner vehementen Ablehnung Karl Mays etwas anderes stärker im Vordergrund: Er hielt seine im Verlag Münchmeyer veröffentlichten Kolportageromane, die zeitgleich mit seinen Romanen im „Deutschen Hausschatz“ erschienen waren, für pornografisch. In seinem Aufsatz in den „Historisch-politischen Blättern“ 1902 mokierte Cardauns sich zunächst über die „blindgläubige Gemeinde“ Mays und nannte dessen Anhänger „May-Käfer“.
Er verwunderte sich, dass May, der Protestant sei, wogegen er nichts habe, im „Deutschen Hausschatz“ mit „katholisierenden Romanen“ einschließlich Marienverehrung und Verteidigung des Primats des Papstes auftrete und in anderen Romanen wie etwa im „Waldröschen“ die pure „Schamlosigkeit“ vorherrsche. Das stufte er als Doppelmoral ein.
„Ein bevorzugtes Thema“ so schrieb er, „bilden [darin] tiefe und tiefste Negligés, durchsichtige Kleider, Nuditäten, üppige Formen, lüsterne Bilder aller Art, furchtbare Rohheiten, Verführung, Sittlichkeitsverbrechen, Ehebruch, gemeine Wüstlings- und Dirnen-Erlebnisse, eine unendliche Bordellgeschichte – oft bis zur Unerträglichkeit ausgemalt und unzählige Male derart bei den Haaren herbeigezogen, dass man den Zweck, Befriedigung der niedrigsten Instinkte, mit Händen greifen kann.“ Darin bestand für ihn, dem wie Muth außerdem der „mangelnde Stil“ Mays in anderen Werken nicht verborgen geblieben war, der Hauptkritikpunkt.
Werbung wider Willen
Spontan fragt man sich, ob er nicht hätte wissen können, dass er mit seinem Verriss unwillentlich für diese Romane, die heute niemand mehr lesen möchte, Reklame gemacht hat. In seiner Autobiografie aus dem Jahr 1910 schreibt Karl May völlig richtig dazu, durch seine „überlauten Trommel- und Paukenschläge“ habe Cardauns den Schundromanen einen „ungeheuren Erfolg“ beschert. Die monierten Passagen in den Kolportageromanen, fügte er hinzu, stammten nicht „aus seiner Feder“ und seien „von dritter Hand hineingetragen worden.“ Cardauns bescheinigte er gleichzeitig einen „niederschmetternden Stil“ und eine „infallible Ausdrucksweise“, womit er ihm unterstellte, sich für unfehlbar zu halten. Da klingt deutlich die Infallibilität des Papstes an.
1907 setzte sich Hermann Cardauns erneut in den „Historisch-politischen Blättern“ mit Karl May auseinander und nannte seinen Beitrag ironisch „Die ,Rettung' des Herrn Karl May“. Dabei stand für ihn im Mittelpunkt, dass es dem angegriffenen Autor nicht überzeugend gelungen war, nachzuweisen, dass er nicht der Verfasser der „Unsittlichkeiten“ in den „Schundromanen“ gewesen war. Andererseits stand hier Aussage gegen Aussage. Weder Hermann Cardauns noch Karl May besaßen ein einziges Manuskript der Urfassungen, das ihre Version hätte belegen können. Gerichtlich vorgegangen ist May gegen Cardauns nicht, obgleich er ihn für einen „Hetzer“ hielt und ihn als „Ghulam el Multasim alias der Henker“ verewigt hat. Bei anderen Kritikern war er nicht so zurückhaltend, wie etwa der Fall des Beuroner Benediktinerpaters Ansgar Pöllmann (1871-1933) zeigt.
Pater Ansgar Pöllmann hatte ab 1900 gegen Mays Kolportageromane Front gemacht. Später bezeichnete er ihn als Schwindler, der sich als Katholik ausgäbe und zu Unrecht einen Doktortitel führe. Außerdem beschuldigte er ihn des Plagiats, nannte ihn deshalb recht einprägsam einen „literarischen Dieb“ und stellte bei ihm religiösen Indifferentismus fest, worunter er die Gleichwertigkeit jedes Glaubens an Gott verstand. In der Tat verkündet May die „Kernbotschaft eines überkonfessionellen Christentums der völkerverbindenden Nächstenliebe“, wie Wolfram Pytra in seinem 2010 erschienenen lesenswerten Buch „Karl May: Brückenbauer zu den Kulturen“ festgehalten hat. Der gegen Pöllmann angestrengte Prozess endete 1910 in Dresden damit, dass sich das Amtsgericht für nicht zuständig erklärte. Pater Pöllmann hat anschließend seine Kampagne gegen May eingestellt, wahrscheinlich auf Veranlassung seines Abtes.
Karl May auf den Index?
Wie Hubert Wolf in seinem 2006 in zweiter Auflage erschienenen Buch „Index. Der Vatikan und die verbotenen Bücher“ entdeckte, hat 1910 ein anonym gebliebener Denunziant Karl May angezeigt. Er hielt ihm vor: „dogmenloses Christentum, Kritik an jeder Art von konfessionellem Christentum, besonders am Katholizismus, religiöse Gleichgültigkeit, spiritistische Lehren über Blicke ins Jenseits, Monismus und Pantheismus.“ Er berief sich dabei auf Pöllmann und den Philologen Dr. Adolf Droop (1852-1938), der 1909 ein Buch mit dem Titel „Karl May. Eine Analyse seiner Reiseerzählungen“ in einem Verlag in Köln-Weiden veröffentlicht hatte. Darin spricht er, der sonst nicht zu den May-Gegnern gehörte, in Bezug auf Mays Spätwerk von dessen mit „spiritistischer, okkultischer Ornamentik verbrämtem Mystizismus.“
Der Sekretär der Indexkommission, der Dominikaner Thomas Esser (1850-1926) notierte zur Anzeige: Weil es sich bei Karl May „um einen nicht-katholischen Autor“ handle, „über dessen Leben und Werke verschiedene Zeitungen unterschiedliche Gerüchte und Ansichten“ verbreitet hätten, habe die Versammlung entschieden: „Wegen dieses Sachverhalts ist bei der gegenwertigen Lage nichts zu unternehmen.“ Die ausschlaggebenden Motive werden nicht eigens erwähnt. Wer als Katholik Winnetou lesen wollte, der durfte es tun. Wie üblich wurde der Vorgang von der Indexkommission nicht öffentlich gemacht.
Die Kritik von katholischer Seite hat Karl May kaum nachhaltig geschadet, und in mancher gutkatholischen Familie gehörten seine Romane zur Grundausstattung einer kleinen Bibliothek. So berichtet etwa der katholisch geprägte Schriftsteller Günter de Bruyn (1926-2020), wie er Bücher arl Mays zuhause vorfand, sie ab dem ersten Schuljahr zu entziffern begann und sie sich später in einer Bücherei auslieh. Er gibt an, 65 Bände dieses Schriftstellers, den er erst nach und nach durchschaute, geradezu verschlungen und noch unter der Decke bei Taschenlampenlicht „Winnetou 1“ gelesen zu haben.
Mays „kleinbürgerliche Ressentiments“, seine „kuriosen Rassenvorurteile“ und sein „bismarckdeutscher Nationalismus“ hatten ihn, wie er schreibt, nicht „identifiziert“, sondern „eher immunisiert gegen großdeutschen Nationalismus und brutalen Rassismus.“ Die Bücher Mays „suggerierten die Kraft, jeder Gefahr trotzen zu können und nährten den Glauben, dass letztendlich Gerechtigkeit triumphiert.“ Auch die „Omnipotenz der Ich-Gestalt“, mit der May „seine Komplexe abreagiert hatte“, hatten es ihm „angetan.“
Nur langsam kehrte er sich von ihm ab, pries immer noch seine „Phantasie“, fand es aber „lächerlich, dass fast jeder seiner Helden sich als Deutscher, meist sogar als Sachse, entpuppte.“ Schließlich wurde er sich bewusst, dass „Literatur immer nur dann wahrhaftig“ ist, „wenn irgendetwas Selbsterlebtes dahintersteckt.“ Damit griff er wieder ein Argument gegen May auf, das schon zu dessen Lebzeiten oft geäußert worden ist und Muth als „Taxiliaden“ und Cardauns als „Aufschneiderei“ charakterisiert haben.
Wolfgang Löhr
Anmerkung:
Alle Zitate wurden in heutiger Orthografie wiedergegeben.

Karl May Biographisches
Am 25.2.1842 kam Karl Friedrich May als Sohn armer Weber im heutigen Hohenstein-Ernstthal zur Welt. Ein Stipendium ermöglichte ihm die Lehrerausbildung. Dann aber rutschte er ins Kleinkriminellenmilieu ab und war insgesamt fast acht Jahre hinter Gittern. Wieder in Freiheit beging May Diebstähle und Betrugsdelikte: Insgesamt war er fast acht Jahre im Gefängnis. Mit Anfang 30 begann er, Humoresken, Dorfgeschichten und Groschen-Romane zu schreiben. 1875 erschien seine erste Indianergeschichte, Abenteuerromane machten ihn zum Erfolgs-Autor. May inszenierte sich als Weltreisender, der vorgab, als Old Shatterhand den Wilden Westen besucht zu haben und als Kara Ben Nemsi in den Orient gezogen zu sein. Nach Mays Orientreise 1899 wurden seine Werke stärker pazifistisch: „Et in terra pax” (erweiterte Fassung: Und Friede auf Erden!) ist ein auf Gleichberechtigung und Antikolonialismus abzielendes Werk. Eine USA-Reise führte May 1908 nach New York und zu den Großen Seen. Den „Wilden Westen“ lernte er nicht kennen.
Im März 1912 hielt Karl May in Wien seinen letzten großen Vortrag „Empor ins Reich der Edelmenschen”. Nach der Rückkehr an seinen Wohnsitz Radebeul erkrankte er und starb am 30. März 1912.