Als Lehrbeauftragter an der Nationaluniversität in Taschkent

Impressionen aus Usbekistan, vom Aralsee und über Germanistikstudenten in Mittelasien

Schon in meiner Schulzeit wollte ich den Aralsee in Usbekistan besuchen, im Herbst 2017 war es endlich möglich. In der Schule hatte ich gelernt, dass der Aralsee, früher fast so groß wie der Freistaat Bayern und einer der größten Binnenseen der Erde, mehr und mehr schrumpft. Grund ist die Landwirtschaft an den Ufern der Zuflüsse Amudarja und Syrdaja: Ihr hoher Wasserverbrauch lässt den See austrocknen. Viele Eindrücke nahm ich 2017 aus Usbekistan mit - seither bin ich mehrfach dorthin zurückgekehrt: als Lehrbeauftragter an der Nationaluniversität in der Hauptstadt Taschkent.

Usbekistan ist ein zentralasiatisches Binnenland – etwas größer als Deutschland und die Benelux-Staaten zusammen. Im 19. Jahrhundert eroberte Russland die Vorläuferstaaten Usbekistans, zur Zeit der Sowjetunion bestand die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik. Von 1960 bis 2021 wuchs die Bevölkerung von 8,53 auf 34,92 Millionen Einwohner: ein Anstieg um fast 310 Prozent in gut sechzig Jahren. Weite Teile des Landes sind Wüsten oder Halbwüsten, nur zehn Prozent der Fläche sind landwirtschaftlich nutzbar; so die Ufer des Amudarja, der wie ein grünes Band von Südost nach Nordwest verläuft und das Ferghanatal im Nordosten des Landes, das man von Taschkent aus über einen knapp 2300 Meter hohen Pass erreichen kann. Wasser ist kostbar in Usbekistan.

Durch Zufall an die Universität

Meine Reise 2017 wurde von Frau Dr. Dilshoda Ibragimova organisiert, die Germanistik in Usbekistan studierte. Ihre Kontakte zur Nationalen Universität Usbekistan Mirzo Ulugh Bek1 in Taschkent brachten uns auf die Idee, am dortigen Lehrstuhl für deutsche Philologie ein Seminar zu organisieren, wo ich aufgrund meiner Lehrbefähigung in Geschichte, Geographie und Politikwissenschaft die Geschichte Deutschlands, seine Geographie sowie das politische System der Bundesrepublik Deutschland vorstellen würde. Studenten kämen so in Kontakt mit einem „Native Speaker” und wären vorbereitet auf Studienreisen nach Deutschland oder eine spätere berufliche Tätigkeit.

Der Lehrstuhl für deutsche Philologie an der Nationaluniversität in Taschkent beschäftigt sich als einziger Lehrstuhl in Zentralasien mit der Wissenschaft der deutschen Sprache und Literatur. Doch gibt es in fast jeder größeren usbekischen Stadt Schulen bzw. kleinere Universitäten, die Deutsch unterrichten - etwa im Rahmen ökonomischer oder Dolmetscherausbildungen. In Usbekistan leben auch Russlanddeutsche oder deren Nachfahren. In der Stadt Ferghana besuchte ich etwa die von Russlanddeutschen getragene Gemeinde „Wiedergeburt“, die ein Kulturinstitut mit deutscher Schule und Bibliothek unterhält.

Mittlerweile 104 Jahre alt und älteste und größte Hochschule Usbekistans ist die Nationale Universität eine Volluniversität mit Maturitätsprinzip. Die 28.000 Studenten und 81 Lehrstühle teilen sich auf sechzehn Fakultäten auf. Internationale Zusammenarbeit wird mit Russland, Weißrussland und Polen gepflegt. Weitere Kooperationen werden angestrebt, die Beteiligung an internationalen Universitätsrankings zeitigt erste Erfolge.

Das erste Blockseminar 2019

2019 wurde ich durch Vermittlung von Dr. Ibragimova von der Inhaberin des Lehrstuhls Frau Prof. Dr. Imyaminova Schuchratchon eingeladen. Im März 2019 reiste ich an die Universität nach Taschkent. Freundlich empfangen, konnte ich mir die Räume der Fakultät ansehen. Die Zahl der Studenten am Lehrstuhl habe sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelt, erfuhr ich. Internationale Kontakte seien willkommen.

Vom 11. bis 13 März 2019 sollte mein Blockseminar stattfinden. Es war für Studenten in höheren Semestern reserviert, deren Sprachkenntnisse ausreichten, um meinem Vortrag zu folgen. Unterrichtet wurde an drei aufeinanderfolgenden Tagen in zwei Blöcken von jeweils 80 Minuten. Zu Anfang wurde die Geographie Deutschlands behandelt, am zweiten Tag beschäftigten wir uns mit Themen aus der deutschen Geschichte, um am dritten Tag das politische System der Bundesrepublik Deutschland zu besprechen. Besonders dieses Thema weckte reges Interesse. Der Erfolg des Seminars löste die Überlegung aus, mein Engagement fortzusetzen. Die weltweite Coronapandemie jedoch sorgte dafür, dass die verabredete weitere Zusammenarbeit zwei Jahre lang nicht fortgeführt werden konnte. Aber zusammen mit dem Lehrstuhl verfasste ich ein Lehrbuch für Studenten. 2021 erschien diese „Kleine Landeskunde Deutschlands“. Die meisten Exemplare wurden nach Usbekistan versandt.

2022 war es wieder soweit. Vom 11. bis 13. Mai fand das zweite Blockseminar statt. Diesmal verwendete ich das neue Lehrbuch und setzte andere Schwerpunkte. Als Studenten des Blockseminars fragten, wie junge Leute in Deutschland leben, bat ich kurzerhand „meine“ studentischen Hilfskräfte aus dem Stadtarchiv Mönchengladbach, sich online zuzuschalten. So erfuhren Studenten aus Usbekistan etwas über deutsche Studenten und umgekehrt.

Fernsehinterview nach dem zweiten Blockseminar

Am letzten Tag des Blockseminars bat mich das usbekische Fernsehen um ein Interview. Das in deutscher Sprache in der Sendereihe „Dialog“ geführte Gespräch über meine Reise und meine Tätigkeit an der Universität richtete sich vor allem an Schulen, Universitäten oder deutsche Kultureinrichtungen des Landes.

Dem Lehrstuhl für Deutsche Philologie vermittelte ich Kontakte zum Verein für Deutsche Sprache (VDS) und zum zentralasiatischen Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Taschkent. Ronny Heine, der Leiter der Einrichtung, war unmittelbar vor dem Ausbruch von Corona nach Taschkent gereist. Seither hatte er das Land nicht verlassen, war eineinhalb Jahre von seiner Familie abgeschnitten und konnte sie nur online sehen. Seinen dienstlichen Aufgaben hatte dies genutzt: In kurzer Zeit konnte er Kenntnisse und Vertrauen sammeln.

Zudem stattete ich dem für China und Usbekistan verantwortlichen Manager der Firma Trützschler2, Wilfried Gothmanns, einen Besuch ab. In Mönchengladbach hatte ich ihn kennengelernt. Ob die gut ausgebildeten, perfekt deutsch sprechenden Studenten der Nationaluniversität für deutsche Unternehmen als Mitarbeiter in Betracht kommen, wird die Zukunft zeigen.

Presseberichterstattung in Deutschland und die politische Situation in Usbekistan

Was den Aralsee und Usbekistans Baumwollwirtschaft angeht, habe ich den Eindruck, dass in Deutschland darüber einseitig berichtet wird. Man spricht von einer Umweltkatastrophe, zeigt Bilder von der angeblichen „Geisterstadt“ Muinak, von einer verfallenden Fischfabrik und einem im ehemaligen Hafen von Muinak für Touristen drapierten verrosteten Schiffswrack. Zudem wird in der Regel ein alter Fischer interviewt, der beklagt, dass die Lebensgrundlage Fisch nun verschwunden sei. Anschließend wird über eine Wiederkehr des Wassers spekuliert, wenn doch nur weniger Flusswasser für die Baumwollwirtschaft am Amudarja verbraucht würde.

Verschwiegen wird dabei Usbekistans Bevölkerungsanstieg, seine geringen landwirtschaftlichen Ressourcen sowie die Funde großer Gasvorkommen auf dem früheren Seegrund des Aralsees, die gegenwärtig erschlossen und ausgebeutet werden und viele Arbeitsplätze schaffen.

Tatsächlich ist Muinak alles andere als eine „Geisterstadt“ und die ehemalige Fischfabrik beinahe das einzige verfallende Gebäude des Ortes. Dies kann man aber nur selber vor Ort feststellen - nicht durch ausgewählte Bilder westlicher „Ökojournalisten“. In Usbekistan fahren die meisten Fahrzeuge mit Gas, es gibt eine gut entwickelte Infrastruktur von Gastankstellen. Der in deutschen Medien so beliebte „Öko-Zeigefinger“, mit dem man gern auf andere zeigt, ist vor diesem Hintergrund fragwürdig.

Die Frage, warum ca. 1,3 Millionen Hektar der vorhandenen Ackerfläche Usbekistans für die sehr wasserintensive Baumwollproduktion genutzt werden, mag berechtigt sein. Doch ist Baumwollanbau ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor in Usbekistan.

Politisch hatte sich seit meinem ersten Besuch 2017 viel verändert. Das Land schottet sich weniger ab. Als Tourist kann man sich frei bewegen und Autos mieten. Das Problem Terrorismus wird in Usbekistan sehr ernst genommen. Wichtige Verkehrsinfrastruktur, wie Brücken oder Tunnel, dürfen nicht photographiert werden:  Soldaten verwehrten mir das Photographieren des Tunnelmundes bei der Passquerung von Taschkent nach Ferghana und einer Brücke über den Fluss Syrdarja. Offenbar informieren sich insbesondere ältere Usbeken vor allem durch russische Medien. Denn russisch sprechen alle Menschen in Usbekistan. Auch sind russische Medien attraktiver gestaltet als die usbekischen. Was den Krieg in der Ukraine betrifft, sind ältere Usbeken nach meiner Beobachtung eher pro-russisch eingestellt. Viele betrachten Russland als Schutzmacht. Russen, mit denen ich ins Gespräch kam, hatten ihr Land verlassen, da sie wegen der westlichen Sanktionen dort ihre Arbeit verloren hatten; andere waren grundsätzlich gegen Krieg, zeigten aber Verständnis für Russlands Handeln.

Für Angst sorgt das afghanische Talibanregime. Für die Situation in Afghanistan macht man vor allem die USA verantwortlich. Was die Unruhen in Kasachstan Anfang dieses Jahres angeht, wurde ich ganz anders informiert als durch deutsche Medien.     

Ich hatte nicht verstanden, warum der kasachische Präsident russische Truppen ins Land rief, um den „Aufstand“ niederzuschlagen. Unabhängig voneinander erklärten mir drei akademisch gebildete Personen, dass es sich originär nicht um Unruhen wegen einer Erhöhung der Gaspreise handle, wie in deutschen Medien kolportiert, sondern um einen Machtkampf zwischen zwei als korrupt bezeichneten Parteien: einerseits dem „Clan“ des ehemaligen kasachischen Präsidenten Nursultan, der noch Teile des Sicherheitsapparats kontrolliert, andererseits den Anhängern des neuen Präsidenten, Qassym-Schomart Toqajew. In Kasachstan fand also kein „Volksaufstand“ statt, wie in Deutschland berichtet.

Clanskämpfe und Trittbrettfahrer

Angezettelt wurden die Unruhen von dem „Nursultan-Clan“, der sicher sein konnte, dass Teile des Sicherheitsapparats nicht eingreifen würden. Die Unruhen eskalierten wegen vieler unzufriedener „Trittbrettfahrer“. Schließlich entschied der amtierende Präsident, sich mit Hilfe russischer Truppen durchzusetzen. Auf die eigenen Sicherheitskräfte wollte oder konnte er sich offenbar nicht verlassen.

Die Grenzprobleme in Zentralasien verdeutlichte mir ein in Kasachstan lebender Usbeke. Von Beruf Kinderchirurg, lebt er in Taraz unweit der usbekischen Grenze. Zu Sowjetzeiten waren Grenzen zwischen den Sowjetrepubliken unwichtig. Für einen Usbeken war es unerheblich, ob er im usbekischen Taschkent oder im kasachischen Taraz wohnte. Nach der Unabhängigkeit lebten die verschiedenen Ethnien plötzlich in unterschiedlichen Staaten mit nationalstaatlichen Grenzen und entsprechendem Grenzregime: Der Usbeke war nun Kasache.

Der im postsowjetischen Raum durch russischen Kolonialismus und kommunistisch-sozialistischen Sowjetimperialismus angerichtete Schaden sorgt dafür, dass es überall und immer wieder kriselt.

Beispiele sind die Wasser- und Grenzkonflikte zwischen Usbekistan und Tadschikistan, der aktuelle Grenzkonflikt zwischen Kirgistan und Tadschikistan, der Dauerkonflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien um Bergkarabach, der ruhende Krieg und Dauerkonflikt in Georgien um Abchasien und Südossetien, der ruhende Krieg und Dauerkonflikt in Moldawien um Transnistrien, Russlands Krieg gegen die Ukraine oder die Krise des Regimes in Weißrussland. Ungewiss, wie sich diese Probleme des sowjetischen Erbes weiterentwickeln. Gegenwärtig erscheint Russland als Partner zur Lösung dieser Konflikte diskreditiert.

Ausblick

Zum Abschied wurde ich von den Mitarbeitern des Lehrstuhls für deutsche Philologie zum Essen eingeladen. „Meine” Studenten schenkten mir ein klassisches usbekisches Gewand mit Kopfbedeckung und einen Buch(Koran)ständer aus Holz, was mich sehr freute. So wird es mir möglich sein, 2023 in angemessener Kleidung an der Nationaluniversität zu unterrichten.

 

 

Anmerkung

1 Mirzo Ulugh Bek lebte im 15. Jahrhundert und war Mathematiker und Astronom, aber auch Fürst von Samarkand.
2 Die Trützschler Group SE ist in Mönchengladbach ansässig und produziert Textilmaschinen. Sie unterhält in Taschkent ein Büro.

Kb Dr. Dr. Helge Kleifeld (Rhein)

Jahrgang 1971, studierte nach dem Abitur 1990 Mittlere und Neuere Geschichte, Geographie und Politikwissenschaft in Marburg und Köln. Anschließend wurde er Lehrer für Geographie und Geschichte und verfolgte ein Dissertationsprojekt im Fach Geschichte, das er 2001 mit der Promotion abschloss. Seit 2018 leitet er das Stadtarchiv von Mönchengladbach. Das Foto zeigt ihn in dem Gewand, das ihm seine usbekischen Studenten überreichten.