Zur Erinnerung:
K.S.St.V. Alemannia trauert um ihren Ehrenphilistersenior Dr. Othmar Keller (Ale, E d Ru-Ke, E d Bar) Polizeipräsident a.D. (* 17.11.1925, † 17.08.2022)
Dr. Othmar Keller hat ein langes, ein beruflich erfolgreiches und im privaten ein sehr zufriedenes und ein glückliches Leben gelebt. Er wurde am 17. November 1925 in Wiesbaden geboren und wuchs in behütetem Elternhaus in Mainz auf, wo er die Grundschule und ein humanistisches Gymnasium besuchte.
Othmar Keller gehörte einer Generation an, die drei sehr unterschiedliche gesellschaftliche und politische Systeme in Deutschland erlebt hat. Geboren waren sie in der Weimarer Republik, aufgewachsen im Dritten Reich, und wer das Glück gehabt hatte zu überleben, trug anschließend zum Aufbau der Bundesrepublik bei, meist wie auch bei Othmar Keller mit großem persönlichem Erfolg. Sie mussten nicht nur die Irrungen jener Zeit, sondern auch den Wahnsinn des zweiten Weltkrieges hautnah miterleben. Und Othmar Keller traf es besonders hart.
Nach seinem Abitur 1943 wollte er ein Jurastudium beginnen. Die Einberufung als Soldat verhinderte das. Dass er das Grauen des Krieges an vorderster Front erlebte, belegen die Verleihung des Infanteriesturmabzeichens und des EK II. Aber auch das Verwundetenabzeichen spricht eine klare Sprache – zwei schwere Verwundungen musste er in diesen Jahren erleiden. Am Ende des Krieges geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. Die Militärführung meldete ihn als vermisst, für Familie und Freunde galt er als gefallen. Erst 1 ½ Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges erreichte die Eltern ein erstes Lebenszeichen. Und die Zwangsarbeit im russischen Bergbau sollte dann noch weitere Jahre dauern. Er gehörte zu den letzten deutschen Soldaten, die 1949 in ihre Heimat zurückkehrten.
Mit fast 25 Jahren ohne Ausbildung und ohne Beruf, stand er an einem Nullpunkt seines Lebens, ohne die früheren Freunde und Bekannten, in einem völlig neuen Umfeld, denn die Familie war mittlerweile nach Bayern umgesiedelt. Wer Othmar Keller kannte, weiß, dass er sich nicht in sein Schicksal ergab, sondern mit dem ihm eigenen Durchsetzungsvermögen schnell diese Situation ändern würde. Er wollte rasch nachholen, was er durch Krieg und Gefangenschaft versäumt hatte. 1950 begann er das Jurastudium in München und trat schon im SS 1951 der KSStV Alemannia bei. Hier suchte und fand er, was er im Krieg und Gefangenschaft so sehr vermisst hatte, eine Heimat unter Bundesbrüdern und Freunden.
Und diese Heimat Alemannia wurde zu seinem Leben. In 142 Verbindungssemestern hat er die Verbindung maßgeblich geleitet und geprägt. Wie kein anderer verkörperte er Alemannia nach innen und nach außen. Aktiv sein bedeutete für Othmar Keller nicht nur Mitläufertum, sondern Mitgestalten an der Spitze schon während seiner Aktivenzeit: Senior im WS 1951/1952, FM im WS 1952/1953, FM im SS 1956, Beisitzer im Vorort des KV 1953. Er war es auch, der im Februar 1952 als damaliger Senior den Antrag der Alemannia auf Lizenzierung, also auf Wiederzulassung der Alemannia an der Münchner Universität formuliert und unterschrieben hatte.
Während seiner Aktivenzeit lernte er im Kreis der Verbindung seine spätere Ehefrau Emmy kennen, die damals Seniorita und Fuchsmajorin im Damenflor der Alemannia war. 1956 heirateten sie; der Ehe entstammen zwei Kinder. Auch hier – wie häufig in der Alemannia – wurde der Grundstein der Familie in der Alemannia gelegt.
Othmar Keller hatte sich durch seine Erlebnisse im zweiten Weltkrieg und danach nicht kleinkriegen lassen. Sein Wille zur Leistung und sein Pflichtbewusstsein waren ungebrochen. Dabei fand er stets das richtige Maß an Aufgabenbewältigung und Lebensfreude. Für ihn galt das Motto: „Harte Arbeit, frohe Feste“. Das Feiern war ihm nicht fremd, und oftmals gehörte er zu den letzten, die nach Veranstaltungen in der Alemannia den Tresen in der Kaulbachstraße 20 verließen.
Aber nicht nur in der Alemannia, sondern auch in seinem Studium engagierte er sich rasch, mit großem Engagement und viel Erfolg: 1. Juristische Staatsprüfung schon 1952, 2. Juristische Staatsprüfung 1955, juristische Promotion im Verfassungsrecht 1956. Seine Erfolge in den juristischen Staatsprüfungen eröffneten ihm den Weg in die innere Verwaltung des Freistaats Bayerns, der ihn und seine Familie zunächst nach Schwaben führte. Dort begann er 1956 bei der Regierung von Schwaben in Augsburg seine Karriere im öffentlichen Dienst. 1957 wechselte er als juristischer Staatsbeamter an das damalige Landratsamt Schwabmünchen, bis er 1959 den Weg zur Bayerischen Polizei fand, die damals unbelastete junge Juristen im Staatsdienst für die Polizei suchte. Und das war Othmar Keller, der als überzeugter Vertreter des Rechtsstaats und aus der persönlichen Erfahrung des Zweiten Weltkriegs heraus jegliche totalitäre Herrschaft ablehnte und ein klarer Anhänger der parlamentarischen Demokratie war. Nach sechs Jahren als Leiter der Polizeidirektion Schwaben wechselte er 1965 als Vizepräsident der bayerischen Landespolizei nach München und wurde 1968 Polizeipräsident von Oberbayern - ein Amt, das er mehr als siebzehn Jahre bis zu seiner Pensionierung im Dezember 1985 ausüben sollte. Daneben war er ein stets gefragter Vortragsredner. Als Lehrbeauftragter an der Polizeiführungsakademie, an der Beamtenfachhochschule und an der Bundeswehrhochschule vermittelte er seine Kenntnisse und Erfahrungen an junge Generationen weiter.
Othmar Kellers Lebensgeschichte war immer wieder unmittelbar mit den aus heutiger Sicht historischen Herausforderungen unseres Landes verbunden. Das galt nicht nur für die Zeit des Zweiten Weltkriegs, sondern auch für die 1970er und 80er
Jahre, die vom Terrorismus der Roten Armee Fraktion überschattet waren. Als Polizeipräsident, als maßgeblicher Repräsentant des Freistaats Bayerns und der Bundesrepublik Deutschland stand er ganz oben auf der Abschuss- und Todesliste der RAF. Er selbst konnte als Kriegsteilnehmer und Spätheimkehrer damit wohl ganz gut umgehen, aber für seine Frau und seine Kinder bedeutete dies über Jahre hinweg eine große Belastung.
Als überzeugter Demokrat und Vertreter eines funktionierenden Rechtstaats war er aber doch auch ein Vertreter des Staates, der immer weitab von hierarchischen Regeln das Wohl des Einzelnen im Auge hatte. Auch noch viele Jahre nach seiner Pensionierung war Othmar Keller bei vielen Kolleginnen und Kollegen, die unmittelbar mit ihm zu tun gehabt hatten, außerordentlich geschätzt und beliebt.
Wie sehr Othmar Keller beruflich weit über die Bayerische Polizei hinaus geschätzt wurde, zeigen seine vielfältigen Auszeichnungen aus dem In- und Ausland: Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Komturkreuz des Ordens König Olaf V. von Norwegen, Großes Silbernes Ehrenzeichen der Republik Österreich, Großer Tiroler Adlerorden in Gold, Goldenes Ehrenkreuz des Landes Salzburg sowie Ehrenzeichen zahlreicher Verbände.
Am Ende seiner beruflichen Karriere hatte er wieder mehr Zeit, um sich intensiver seiner Alemannia zuwenden zu können.1981 übernahm er das Amt des Philisterseniors. Dort brachte er seine große Persönlichkeit und seine umfangreiche Lebenserfahrung ein. Generationen von Alemannen war er ein Vorbild. Er war ein herausragender Philistersenior, der mit viel Herz, Charme und Verstand, aber auch geleitet von einem klaren christlichen Wertekompass seine Alemannia führte. Dabei kümmerte er sich stets und intensiv um seine Aktivitas und die Chargia. Obwohl bereits in höherem Alter, war er selbst ein Aktiver, feierte mit, nahm an Chargenfahrten teil, war aber zugleich Vorbild. Stets korrekt auftretend, charmant, intelligent und vernünftig, stets ausgleichend moderierend und ein hervorragender Redner. Manchem Aktiven stand er nicht nur mit seinem hochgeschätzten Rat, sondern auch mit Tat zur Seite. Er beriet nicht nur in Fragen des Studiums und der beruflichen Entwicklung, sondern war selbstlos als Lektor und Prüfer von Diplom-, Dissertations- und Habilitationsarbeiten unterwegs.
Der sichere Bestand unseres Lebensbundes war sein wichtigstes Ziel. Stets hatte er Sorge um die Zukunft seiner Alemannia. Wie kann man die Aktivitas immer wieder an die Grundidee der Verbindung heranführen, wie kann man die Altherrenschaft zur Teilnahme am Verbindungsleben aktivieren und dadurch das Lebensbundprinzip erhalten? Diese Fragen beschäftigten ihn. Er wollte Alemannia wohlbestallt an nachfolgende Generationen weitergeben. Das ist ihm hervorragend gelungen. In den elf Jahren seines Philisterseniorats hatte Alemannia den Vorort des KV inne und es gelangen zwei Verbindungsneugründungen aus der Alemannia heraus, die der KStV Barbarossa in Kaiserslautern und der KStV Rupertia in Kempten. An all diesen Aktivitäten und Erfolgen war Othmar Keller maßgeblich beteiligt. Darüber hinaus war er aber auch im KV aktiv, nahm nicht nur regelmäßig an den Vertreterversammlungen teil, sondern wurde dort ab 1989 Mitglied des KV-Hauptausschusses.
Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Philisterseniors bedankte sich Alemannia bei „ihrem Othmar“ mit der Ernennung zum Ehrenphilistersenior und zum Ehrenburschen Alemanniae. Dies verstand er nicht als Austragsposten. Er war weiter aktiv und stand allen bereitwillig mit Rat und Tat zur Seite. Alemannia erlebte bis zuletzt einen lebenserfahrenen und intelligenten Menschen, der sich geistig klar, scharfsinnig in der Analyse und deutlich in den Worten an vielen Diskussionen beteiligte. Körperlich gebrechlich und in seiner Mobilität eingeschränkt, ließen seine Aktivitäten zuletzt etwas nach. Trotzdem war er auch noch als ältester lebender Alemanne immer wieder Gast auf dem Alemannenhaus. Regelmäßig besuchte er auch den gemeinsamen Stammtisch und Ortszirkel des CV und KV im Würmtal. Gerne nahm er an den inhalts- und qualitätsvollen Veranstaltungen dieses Kreises teil und pflegte dort viele Freundschaften.
Mit dem Tod ihres Ehrenphilisterseniors Dr. Othmar Keller hat Alemannia, haben die katholischen Studentenverbindungen eine große Persönlichkeit verloren.
Der Herr gebe ihm die ewige Ruhe!
Dr. Erwin Lohner (Ale, Bar)