Klausurtagung nach langer Corona-Durststrecke
„Endlich wieder einmal richtig zusammen - ohne Abstandsregeln und Atemschutzmasken!” - Stoßseufzer vieler Kartellbrüder, die Mitte Oktober zur Klausurtagung von KV-Rat, Vorortspräsidium und Altherrenbund nach Dresden gekommen waren. Für manche war es ein erstes Kennenlernen der sächsischen Landeshauptstadt und der K.St.V. Abraxas-Rheinpreußen. Um den Kartellbrüdern in Sachsen die Unterstützung der Leitungsgremien des Verbandes sichtbar und erfahrbar zu machen, hatte man die Beratungen auf das Datum des 95. Stiftungsfestes der KStV Abraxas-Rheinpreußen gelegt und ließ so die Stärke des KV lebendig werden: Gemeinschaft und Freundschaft mit gleichen Prinzipien und Idealen über ganz Deutschland verteilt.
Eine weitere Stärke ist die Vielfalt des KV, wobei man sich fragt, ob Unterschiedlichkeit die Zusammengehörigkeit des KV nicht mitunter überwiegt und es dann heißen könnte: Erst unsere Korporation, dann der Verband.
Viele Korporationen haben jedenfalls ähnliche Sorgen: Der Mitgliederstamm ist überaltert, neueintretende Aktive gleichen die Sterbe- und Austrittsrate nicht aus. Das Verbindungsleben muss aber aufrechterhalten, das Haus weiter finanziert werden. Mögliche Auswege: Ausgabenkürzungen, Sparmaßnahmen, Beitragserhöhungen. Aber zu solchen Maßnahmen sind nicht nur Korporationen gezwungen, sondern auch der Verband, finanziert er sich doch zu einem nicht geringen Anteil über die Verbandsbeiträge der Kartellvereine. Drohen Verteilungskämpfe zwischen Verband und Vereinen? „Jeder einzelne zahlt den gleichen Beitrag”, sagte Kb Dr. Markus Wittenberg (Mk, Li, AR, Smn, Wk), der Vorsitzende des KV-Rats, aber was „erschlägt”, sei die Gesamtsumme, die mancher Kartellverein an den Verband entrichten müsse. Und wenn das Geld für den Verband genauso gut in die Renovierung einer Etage des Verbindungshauses oder die Finanzierung einer wichtigen Veranstaltung investiert werden könnte, liege die Versuchung nahe, die Mitgliedschaft im Verband in Frage zu stellen oder gar das eine oder andere Mitglied nicht oder nur verzögert dem KV zu melden.
Der eigene Verein ist nahe, das KV-Sekretariat aber weit entfernt.
Leider entstehen im KV-Sekretariat hohe Kosten durch unnötige Arbeit: Weil wir Kartellbrüder unseren Pflichten nicht gut genug nachkommen. Beispielhaft seien die Meldebögen oder die Mitteilung von Änderungen bei unseren Anschriften bzw. der Vorstände genannt. Wenn wir alle nur in dieser Frage unsere „Hausaufgaben“ erledigen würden, könnten wir ca. 30 Prozent der Arbeitszeit im KV-Sekretariat einsparen.
Was tun? Versuche, ausstehende Beitragszahlungen durch Strafen (bis hin zu zivilgerichtlichen Mahnverfahren) zu erzwingen, widersprechen eigentlich kartellbrüderlichem Umgang und forcieren letztlich eine Entfremdung bis hin zur Trennung vom Verband. Bonusregelungen hatten gleichfalls nicht den erwünschten Erfolg. Zudem offenbarten sie bei sorgfältiger Prüfung ein gravierendes Problem: „Wenn sich jetzt wirklich alle bei der Ehre gepackt fühlen und die Vorgaben erfüllen würden, verlören wir so viel Einnahmen, dass der Verband zahlungsunfähig würde”, berichtete Kb Dr. Markus Wittenberg. Und Kb Harald Stollmeier (Gm, Nf, Sbg, Blt, Smn, Erm), der Vorsitzende des Altherrenbundes, sagte, dass falsche Angaben zur Mitgliederzahl (mit der Absicht weniger Verbandsbeitrag zahlen zu müssen), doch wohl einen groben Bruch der Kartellbrüderlichkeit darstellten: „Hier lügen KVer andere KVer an.” Solche Handlungsweisen sollten eigentlich ausgeschlossen sein, wenn man sich als Verband von Brüdern - von Kartellbrüdern - verstehe. Deshalb möchte Kb Stollmeier die nächsten Jahre nutzen, um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Kartellbrüder zu stärken.
Identifikation mit dem KV indes gelingt nur, wenn Kartellbrüder den Verband auch positiv erleben und sich gern einbringen. Karl Kautzsch (Cher, Bf, AR, NC, Ma, Urb, Win), langjähriger KV-Ratsvorsitzender und aktueller Vorsitzender der KV-Akademie, wies nicht nur auf die Reisen, das Seminarprogramm der KV-Akademie und Großveranstaltungen wie die VVen hin, sondern auch auf die Ortszirkel. Denn sie lebten den Kartellgedanken vor Ort und sollten stärker unterstützt werden, um attraktiv für jüngere Kartellbrüder zu werden.
Und Kb Dr. Philipp Fondermann (Mk, Ebt, Smn), stv. Vorsitzender des AHB-Vorstands und zudem Mitglied einer Verbindung im Schweizerischen Studentenverein (Schw. StV), wies darauf hin, dass die Mitglieder des Schw. StV mit großer Selbstverständlichkeit neben ihrem Vereins- auch den Verbandsbeitrag zahlen, weil sie es gut finden, dabei zu sein - ungewöhnlich für KV-Ohren. „Das wäre etwas, wo wir hinkommen müssen!” Dem Schweizerischen Studentenverein gelinge diese Identifikation u.a. durch sein großes Zentralfest. Diese Einschätzung wurde vom Aktivenvertreter im KV-Rat, Kb Maximilian Reinberger (Mk), geteilt, der gleichfalls Mitglied im Schw. StV ist. Selbstverständlich dürfe der KV nicht einfach andere Verbände kopieren, sollte aber nach Möglichkeiten suchen, um sich als Verband zu erleben. Schon vor Jahren sei auch im KV für ein Fest geworben worden, wo es „keine Sitzungen, keine Tagesordnungen, keine Beschlüsse und Sanktionen geben sollte, sondern wo man sich einfach als KVer trifft, um gemeinsam Zeit zu haben.”
Natürlich wurden auf der Klausurtagung auch Einsparpotenziale des Verbandes diskutiert. Begrüßt wurde etwa die Idee, Vertreterversammlungen künftig in kleineren Städten zu veranstalten - nicht nur wegen günstigerer Säle und Hotels, sondern weil sich dort auch ein engeres Gemeinschaftsgefühl entfaltet, wie die letzte VV gezeigt habe. Es wurde beschlossen, den mit 4.000,- € dotierten Carl-Sonnenschein-Gedächtnis-Preis, mit dem der KV wissenschaftliche Arbeiten auszeichnet, nicht mehr im Jahrestakt zu verleihen, sondern nach einer dreijährigen Ausschreibungsfrist nur noch in Jahren mit einer Vertreterversammlung, dafür aber das Preisgeld auf 5.000,- € zu erhöhen. Eine Vereinfachung der Buchführung mit erheblichem Einsparpotential (ca. eine halbe Stelle im KV-Sekretariat) bei Intensivierung der Kontrolle durch den Verbandskassenausschuss wurde kontrovers diskutiert. Vertretungen des KV-Rats auf der Altherrenseite bei Stiftungsfesten o.ä. Anlässen sollen nur noch für einen AH vom KV finanziert, die erforderlichen Sitzungen nur noch in unvermeidbaren Ausnahmen in Präsenz stattfinden. Noch viele andere Vorschläge wurden diskutiert, auch was die Finanzierung dieser Zeitschrift angeht. Allen war klar: Die Umstellungen, die die Kartellbrüder mit Recht vom Verband erwarten, werden auch erheblichen Einfluss auf die Arbeit der Vereinsvorstände haben. Die einzelnen Maßnahmen sollen bei Online-Treffen mit den Kartellvereinen abgestimmt werden. Und als Altherrenbundsvertreter, KV-Rat und Vorort zusammen mit den Abraxas-Rheinpreußen den Festkommers feierten, freuten sich viele, mitten in Sachsen, in der einzigen Neugründung des KV in den gar nicht mehr so neuen Bundesländern, genau die Kartellbrüderlichkeit zu erleben, die wir uns für den gesamten Verband wünschen.
Reinhard Nixdorf