Die hierarchische Form der Organisation tendiert dazu, bei komplexen Herausforderungen zu versagen
1. Leistungen politischer Regulierung:
Eine starre Wissensordnung (rational, ideologisch, religiös, sozialstaatlich) zeichnet sich aus durch eine geringe Lern- und Innovationsfähigkeit. Sie bleibt nicht ohne Folgen für Bestand und Entwicklung eines sozialen Systems (e.g. Politik, Parteien, Organisationen, Kirchen, Gewerkschaften).
Leistungsstarke Systeme gründen ihre Überlegenheit weniger auf Starrheit als auf eine flexible Anpassungsfähigkeit. Anstelle starrer Generalplänen bevorzugen sie indirekte Lenkungsmethoden durch Rahmenbedingungen und die Anregungen des Handelns. Die Durchführung übernehmen Markt, Geld oder Preise ebenso wie die Selbsthilfe seitens freiwilliger Vereinigungen und Stiftungen (A. de Tocqueville). Diese unterstützen eine dynamische Selbstregulierung sozialer Teilsysteme, vorausgesetzt sie sind dazu legitimiert.
Prozesse der Legitimierung können sowohl vertikale als auch horizontale Gliederungen unterstützen:
- Vertikal. d. h. hierarchische (auch absolutistische oder oligarchische) Herrschaft, Kontrolle von oben nach unten, nicht von unten nach oben. Widerstand gegen kreisförmige Prozesse der Machtausübung; diese wird daher der öffentlichen Kontrolle entzogen.
- Horizontal, d. h. egalitäre Kommunikation in Verhandlungen, gegenläufige Kontrolle in kreisförmig ablaufenden Prozessen, wechselseitige Beiträge zu spiralig sich mehrender Leistungssteigerung.
Die hierarchische Regulierung erweist sich in der Regel überlegen beim reaktionsschnellen Durchregieren im Falle plötzlich auftretender Krisen, die egalitäre in der Anpassungsfähigkeit.
2. Philosophen gegen Demokratie:
Differenzierte Formen politischer Regulierung entstanden in der Antike nach der Herauslösung der Politik aus Familie und Verwandtschaft. Die Verfassung wurde variabel, eine Demokratie, eine Oligarchie oder eine Despotie. Berühmte Philosophen bezogen dazu Stellung: Sokrates diente den Oligarchen, gab sein Wissen an deren Söhne weiter und sprach sich für soziale Ungleichheit aus. Auch sein Schüler Platon setzte sich für eine Ständeordnung ein. Der Staat solle die Kinder der Vielen dazu erziehen, sich für minderwertig zu halten, um den wenigen Besseren zu dienen. An der Spitze der Hierarchie throne ein Philosoph! Demgegenüber anerkannte Aristoteles den politischen Streit. Dieser polarisiere in den Verhandlungen Interessen nach rationalen Regeln und begründe Legitimität.
Der führende Kirchenlehrer im Mittelalter, Thomas v. Aquin, empfahl nach römischem Vorbild stattdessen die Form der Hierarchie unter dem Dach der Religion. Seit der Renaissance aber emanzipierte sich die politische Gewalt von den religiösen Vorgaben. Gemeinschaft und Herrschaft begründen quasi einen Vertrag (Hobbes). Der Staat der Vernunft (Descartes) funktioniere wie eine Maschine. Sie folge einer eigenen Logik (Macchiavelli); Rationalität ist systembezogen, denkbar sind daher viele. Aus heftigen Kämpfen unterschiedlicher Interessen resul- tierte die Gewaltenteilung zur Einhegung der Herrscher. Gegen die Auffassung von Hierarchie als natur- oder gottgegeben richtete sich die Einsicht von der Herstellbarkeit der Gesetze. Im Zuge der Positivierung des Rechts steuerten labile Prozesse die sicheren: Das Variable wurde Lenkungsspitze!
3. Einfache und komplexe Herausforderungen:
Politische Systeme leben von und mit den Strukturen der umgebenden Gesellschaft. Bei einfachen Herausforderungen wird für die politische Entscheidungsfindung eine hierarchische Rangordnung genügen. Man braucht nicht jeweils Konsens zu beschaffen und erspart sich langwieriges Verhandeln, zumal Eliten in der Erhaltung ihrer Macht zielstrebig, beharrlich, nüchtern und fast unsterblich sind. In Krisensituationen bedeutet die Reaktionsschnelligkeit der Spitze einen überlebenswichtigen Leistungsvorteil.
Die Bildung einer Hierarchie schmälert jedoch die leistungsfördernde Differenzierung der sozialen Rollen im politischen System und beschränkt die Prozesse politischer Konkurrenz (Verführung durch einfache Mittel, populistische Freund-/ Feindschemata, Unterdrücken von Kontroversen, Verfolgung Andersdenkender, Unfähigkeit zu Neuerungen, Anstarren der Traditionen, mangelnde Erzeugung von Alternativen, Kampf gegen Modernisierung). Das Einebnen der Differenzierung beeinträchtigt nachteilig die Rationalität der Sachbearbeitung und damit die Leistungsfähigkeit des Systems.
Die Vorteile rascher Reaktion bei Krisen verschwinden jedoch sehr schnell, wenn die Herausforderungen komplexer werden. Die Merkmale eines leistungsfähigen Systems (strukturelle Variabilität, hoher Grad sozialer Ausdifferenzierung und Autonomie der Teilsysteme, Kompetenz der verarbeitenden Kommunikationsprozesse, hohe Übertragbarkeit selektiver Leistungen) erhöhen entscheidend die Rationalität für die Bewältigung komplexer Herausforderungen.
4. Variabilität:
Wechselnde Herausforderungen von außen erzwingen nach innen eine hohe Variabilität, sofern Verantwortung streng geregelt und ihr Abschieben geahndet wird. Je nach Lage braucht man flexibel verschiedene Formen der Regulierung, die egalitäre, die hierarchische (ggf. flach) oder die gemischte; es wäre jedoch nicht ratsam, sich von vornherein auf eine einzige dauerhaft festzulegen. Die Erhaltung von Identität qua Veränderung besitzt den Vorzug, gleichzeitig Beständigkeit und Anpassung, Wandel und Beharrung zu ermöglichen. Die Stabilisierung dieser Variabilität durch laufende Mobilisierung politischer Unterstützung wird die unverzichtbare Leistung der Parteienbildung.
Parteien übernehmen in vorderster Linie die variable Gestaltung der Werte, die dem Ergebnis des politischen Kampfes überlassen bleiben. Auch letzte Werte können bewertet werden. Nur der oberste gesellschaftliche Wert, die Gesundheit, bleibt bestehen. Beständigkeit ist demnach relativ. Unbeständigkeit aber entzieht einer festen Werte-Hierarchie den Boden.
Die Bewertung von Werten (Priorisierung, Opportunismus, Flexibilität im Rahmen der Verfassung) ist eine der Vorbedingungen der Leistungssteigerung. Die Grenze der Umwertung ist die weiträumige Vereinbarkeit mit den Werten von Politik und Gesellschaft, Theorie und Praxis, Tradition und Fortschritt sowie der notorischen Behäbigkeit kollektiver Prozesse des Aushandelns.
5. Regeln des politischen Streits:
Die im Streit sichtbar werdenden Interessen werden in Verhandlungen nach rationalen Regeln ausgeglichen. Werden die resultierenden Entscheidungen akzeptiert, binden sie die Teilnehmer. Anschließend kann sich die Konkurrenz auf den Zugang zu den Stellen legitimer Machtausübung konzentrieren.
Stellenbeschreibungen versetzen die politischen Akteure in die Lage, in langen Entscheidungsketten Handlungs-Prämissen für andere zu setzen (Bürokratie, Personalauswahl, formale Regeln, Werte). Erst die generalisierte Anerkennung der Entscheidungen anderer bildet die allgemeine Grundlage von Macht. Diese erlaubt eine Steigerung der Effektsicherheit bei der Übertragung von Entscheidungen, sofern sie von Legitimität getragen wird. Macht ist so gesehen für das Funktionieren des Systems unverzichtbar.
6. Prozesse der Legitimierung:
Die Rechtfertigung der bestehenden Ordnung als legitim ruht auf den Legitimitätsgrundlagen Glaube, Tradition und Rechtmäßigkeit. Sie wird gestützt von einem breiten sozialen Konsens ebenso wie durch das Vertrauen in die Fortdauer jener Basis. Legitimationsfähige Werte sind beispielsweise eine Moral oder der Wohlfahrtsstaat. Legitimation leisten aber auch Verfahren, Rituale und Zeremonien, die Umdeutung von Symbolen oder die Mitwirkung im Bürgersinn.
7. Gesetz der Entsprechung (W.R. Ashby law of requisite variety):
Die Herausforderungen an Bestand und Entwicklung eines Systems erzwingen immer wieder eine angemessene Leistungsfähigkeit. Dabei zeigt sich aufgrund hoher Flexibilität die Überlegenheit egalitärer Regulierung. Sie verfügt über Mechanismen adaptiven Lernens, ist variabel und anpassungsfähig.
Die bereits erwähnte egalitäre Regulierung vermag die Effektsicherheit der Entscheidungsprozesse zu steigern, weil sie die symbolischen Medien Einfluss und Macht am stärksten zu legitimieren vermag. Die Legitimierung trägt dazu bei, lange Kommunikationsprozesse miteinander zu verketten und damit das kollektive Arbeiten zu ermöglichen. Auf der Basis legitimierter Entscheidungsprozesse kann die Entscheidung über Entscheidungsprämissen anderer gelingen, die Normierung der Normsetzung oder das Bewerten von Werten.
Die egalitäre Selbststeuerung eignet sich daher insbesondere für die Variabilität offener Gesellschaften, während die hierarchische Regulierung in der Regel auf eine geschlossene Einparteien-Herrschaft angewiesen ist. Diese erhebt den allgemeinen Anspruch auf Legitimität, Vollständigkeit, Homogenität, Konsistenz und latente Gewaltanwendung.
Eine funktionale Differenzierung mit systemeigenen Rationalitäten, welche eine Voraussetzung zukunftsoffener Entwicklung, für Lernen und Innovation ist, wird von einer monolithischen Herrschaft unterbunden.
Die hierarchische Form der Organisation tendiert infolgedessen unvermeidlich dazu, bei komplexen Herausforderungen zu versagen. Der von einem rasanten technologischen Fortschritt (Digitalisierung, Künstliche Intelligenz) angetriebene gesellschaftliche Wandel wird zudem nicht darin nachlassen, die Hierarchien zu schleifen. Schon aus diesem Grund hat sich die ecclesia mit der Aufwertung der Hierarchie keinen Gefallen getan. Auf Dauer vermag selbst die Pastoralmacht (M. Foucault), wie überall zu sehen ist, nicht den Bestand ihrer Herrschaft zu sichern.
DDr.phil. habil., Dipl.Soz., Dipl.Psych. Paul Ridder (Mk)

Paul Ridder
Kb PD DDr.phil. habil., Dipl.Soz., Dipl.Psych. Paul Ridder (Mk), Jahrgang 1942, studierte Soziologie und Ökonomie in Münster und promovierte zum Dr. phil. in Aachen. Nach dem Zweitstudium der Psychologie in München diplomierte er in klinischer Psychologie. Schließlich habilitierte er sich für Allgemeine Soziologie an der Universität Konstanz. Er ist Psychologe und Soziologe, Dozent und Autor.