Glaube und Nichtglaube zur Weihnachtszeit

„Herr Pfarrer, der Weihnachtsgottesdienst war diesmal wieder so schön - nächstes Jahr zur selben Zeit bin ich wieder dabei.“ Auch bei diesem Weihnachtsfest werden wieder Millionen Menschen die weihnachtlichen Kirchen stürmen, wo man sie während des Jahres eher selten antrifft. Dort quetschen sie sich auf sonst leeren Kirchenbänken, falten fromm die Hände und singen „Christ, der Retter ist da!“

Schön, dass die Kirchenfernen zu Weihnachten die treue Schar der regelmäßigen Kirchenbesucher verstärken, schade, dass sie nicht auch während des Jahres beim Gottesdienst auftauchen und sich ins Gemeindeleben einbringen. Denn nach dem Weihnachtsgottesdienst genehmigen sich die meisten von ihnen Kirchenabstinenz - bis zum nächsten Heiligen Abend.
Das Weihnachtsfest löst ganz unterschiedliche Reaktionen aus: Es gibt die treuen Kirchenbesucher. Sie kommen zum Weihnachtsgottesdienst, um das Fest der Geburt Christi zu feiern. Später, unter dem Christbaum, lesen sie dann ihrer Familie die Weihnachtsgeschichte vor.
Es gibt die treuen Kirchenfernen, die, wenn sie in die Kirche gehen, sehr interessiert mitfeiern.

Es gibt die Leute, die keinen Sinn mehr im Weihnachtsfest sehen können, weil die Botschaft dieses Festes, die Menschwerdung Gottes, von Kitsch und Kommerz verdrängt wird. Manche nervt das ganze Fest bloß noch. Sie klagen darüber, wie sehr sie die Festvorbereitung stresst, wie sich alles bloß noch ums Konsumieren dreht und wie verlogen es doch ist, sich Frieden in einer Welt vorzugaukeln, in der es ziemlich brutal und friedlos zugeht - wovon man sich aktuell, in der Ukraine, ein Bild machen kann. Folgerichtig machen sich immer mehr „Weihnachtsflüchtlinge” auf in den Winterurlaub in wärmere Regionen außerhalb Europas – wo sie dann Gefahr laufen, erst recht dem Weihnachtsmann und all den anderen Requisiten von Weihnachtskitsch und -kommerz zu begegnen.

„Je reicher eine Gesellschaft ist, desto weniger spielt die Religion eine Rolle.”

Für alle, die nicht flüchten, bleibt noch viel Advents- und Weihnachtszauber übrig – auch wenn Daten über den Zustand des Religiösen im einst christlichen Abendland wenig Hoffnung machen - und diese Daten standen schon in der Zeit vor den Missbrauchsskandalen fest, die Tausende aus den Kirchen getrieben haben. Kirchen und sonstige Glaubensgemeinschaften in Europa würden weiter stark an Bedeutung verlieren, diagnostizierte die britische Religionssoziologin Linda Woodhead 2018 in der Zeitschrift „Psychologie heute”. „Ich glaube nicht, dass es ein völliges Absterben des Christentums geben wird, doch die Zunahme der Konfessionslosigkeit lässt sich nicht umkehren“, schrieb die Wissenschaftlerin. Es gebe einen klaren Zusammenhang zwischen der persönlichen Religiösität der Menschen und materiellem Wohlstand: „Je reicher eine Gesellschaft ist, desto weniger spielt die Religion eine Rolle.“ Reichtum ermöglicht mehr Konsum, mehr Freizeitmöglichkeiten, mehr Selbstverwirklichung. Gott brauche man immer weniger. Er verliert seine Funktion für ein gutes Leben, für Trost und Hoffnung auf Unsterblichkeit.

„Seltsam nur”, schrieb Johannes Röser dazu in der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart”, „dass es ausgerechnet zum Hochfest des Konsums, des zur Schau gestellten Wohlstands – Weihnachten – immer noch so viele Menschen in die Gotteshäuser zieht, zu den Ritualen eines christlichen Kults. Womöglich ist der Rausch des Reichtums und der Glücksgefühle gerade zu diesem Zeitpunkt doch noch mit einer anderen Gefühlslage verbunden: mit der Melancholie, dass wir auf dieser Welt der Endlichkeit und Sterblichkeit doch nicht ganz zuhause sind; dass alles, was wir sind, nicht in der Trivialität des bloßen Habens aufgeht. Weihnachten ist ja interessanterweise weniger ein Fest des Besitzens als ein Fest des privaten wie sozialen Gebens, was nicht zuletzt die vielen Spendenaktionen belegen. Eine Sehnsucht nach mehr durch weniger, nach einem Mehr der anderen Art, über das Gewohnte und Gewöhnliche hinaus.”

Können Menschen, die nicht an Gott glauben, Weihnachten mit einem tieferen Verständnis für den Sinn dieses Festes feiern? Es geht nicht darum, Nichtglaubenden Oberflächlichkeit zu unterstellen, wenn sie das Fest der Geburt Christi mitfeiern, erst recht nicht, ihnen das Recht auf freie Tage am Ende des Jahres abzusprechen. Aber wie äußern sich Atheisten selbst? „Geht’s auch ohne?“ fragte 2018 die Autorin Valerie Schönian in einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Zeit”. Näherhin: „Geht Weihnachten auch ohne Jesus?” Funktioniert Weihnachten ohne den, um den es ursprünglich ging? Oder fehlt ohne Jesus etwas?

Valerie Schönian wuchs in Magdeburg auf, als Kind wurde sie nicht getauft, sie besuchte aber eine katholische Schule. Sie hatte also Kontakt mit gläubigen Menschen, aber in ihrer Familie war Glaube kein Thema. Vor einiger Zeit wurde Valerie Schönian durch die Serie „Valerie und der Priester” bekannt: Dort schilderte sie ihre Erfahrungen und Erlebnisse als Ungetaufte mit dem katholischen Kaplan Franziskus von Boeselager, den sie ein Jahr lang begleitete.

Welches Dilemma ein Mensch, der nicht an Gott glaubt, an Weihnachten erlebt, schilderte Valerie Schönian folgendermaßen: „Wenn Atheisten Weihnachten feiern, ist das gleichermaßen einleuchtend wie bescheuert. Einleuchtend, weil Menschen fast nichts ohne einen Anlass tun – und sei es, mit der Familie zusammenzusitzen. Bescheuert ist es, weil Weihnachten eben der Geburtstag des Sohnes Gottes ist. Man schmeißt ja auch keine vierwöchige Party für fremde Kinder, vor allem, wenn man dem Vater nicht recht über den Weg traut.“

Man tut Nichtglaubenden jedenfalls Unrecht, wenn man sie einfach als illegale Weihnachtsfeierer oder als tumbe, kitschverfallene Konsumenten hinstellt. Pro Jahr sind zehn bis elf Monate lang Arbeit und Alltag angesagt - je nachdem, ob man den Urlaub mitzählt oder nicht. Zum Schluss kommt das Jahresende, die Advents- und Weihnachtszeit - eine Festzeit. Feste aber sind besondere Wochen und Tage, bei denen der Mensch zur Seite treten kann, um sich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Da werden auch Nichtglaubende nachdenklich.

Unterschiedliche Menschen begegnen dem Jesuskind

Den frühen Christen muss das auch bewusst gewesen sein, sonst würden in der Weihnachtsgeschichte nicht Menschen mit ganz unterschiedlichem religiösen Hintergrund auftreten. Die erste Personengruppe, die das Kind in der Krippe sieht, sind die Hirten: In Israel der Zeit Jesu waren Hirten zwar nicht besonders hoch angesehen, dennoch stehen sie für den Stand, dem auch David, Israels idealer König und Held, entstammte. Damit symbolisieren die Hirten Israels Volksfrömmigkeit.

Später, als das Kind in den Tempel von Jerusalem gebracht wird, begegnen ihm Hanna und Simeon, zwei hochbetagte Menschen, die ihre Lebensmitte im Tempel gefunden haben. Sie stehen für den Teil Israels, der entschieden den Glauben an Gott lebt. Dazwischen treten die Weisen aus dem Morgenland an die Krippe. Ungewiss, ob es sich bei ihnen um Glaubende gehandelt hat. Die Tradition hat aus ihnen drei Könige gemacht, obwohl die Bibel gar keine Angaben darüber macht, wie viele sie sind. Der Text des Matthäus-Evangeliums bezeichnet sie einfach als „Magier”. Sie stehen für die Wissenschaftler der damaligen Zeit. Die Weisen aus dem Morgenland sind Menschen, denen der Lauf der Sterne und Planeten vertraut ist: Sie wissen, dass alles im Kosmos zusammenhängt und einen tieferen Sinn erkennen lässt.

Das lässt sie ahnen, dass sich ein besonderes historisches Ereignis mit der Konjunktion von Jupiter und Saturn, dem Halleyschen Kometen, einer Supernova aus dem Sternbild Haar der Berenike, oder welcher Himmelserscheinung auch immer verbindet, die hinter dem Stern von Bethlehem gesteckt haben könnte. Ungewiss, ob die Weisen die Erscheinung am Sternenhimmel als religiös im Sinne des jüdischen Glaubens deuten. Sie kommen aus dem Osten, wahrscheinlich aus Mesopotamien. Sie kennen Religionen und ihre Prophezeiungen. Ob jedoch das, was sie inspiriert und vorantreibt, wirklich Glaube ist oder wissenschaftliche Neugier, darüber schweigt das Matthäus-Evangelium. So weit der Text des Matthäus-Evangeliums die Weisen charakterisiert, sind es Menschen, die offen sind für religiöse Phänomene, die aber vor allem aus wissenschaftlichem Interesse geleitet werden.

Kind in der Krippe statt Königskind mit Hofstaat

Glauben und Wissen waren zur Zeit der Geburt Jesu nicht so getrennt, wie das heute der Fall zu sein scheint. Eines jedenfalls fällt in der Erzählung auf: Am Ende glauben die Weisen aus dem Morgenland. Aber was haben sie in diesem Kind entdeckt, wenn doch seine Geburt in einem Stall ganz anders ist als das glanzvolle Kommen eines künftigen mächtigen Königs? Es wird wohl nicht ein plötzlicher Moment der Bekehrung gewesen sein. Auf ihrer Wanderschaft werden die Weisen wohl schon länger geahnt haben, dass der, zu dem sie pilgerten, ein anderer, ein größerer sein musste, als der Sohn eines Provinzfürsten in einem entlegenen Winkel des Imperium Romanum, wie es der Tyrann Herodes nun einmal war. Die Geburt eines Thronfolgers wäre sicherlich auch keine umwerfende Entdeckung gewesen, die solch eine lange Reise erfordert hätte. Nachkommen und mögliche Nachfolger hatte Herodes bereits genug.

Die Weisen aus dem Morgenland waren sicherlich offen für Gott, ungewiss ist jedoch, ob sie auch Glaubende waren. Eine unbestimmte Sehnsucht muss sie angetrieben haben - und in einem bestimmten Moment ließ sie diese Sehnsucht zu Glaubenden werden. Das Matthäus-Evangelium beschreibt diesen Augenblick folgendermaßen: „Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm.“ Was den Weisen in diesem Augenblick offenbar wurde, das benennt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Epheser: „dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und mit teilhaben an der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium.“

Eine große Grauzone

An den Personen, die in der Weihnachtsgeschichte dem neugeborenen König, dem Erlöser der Welt, begegnen, zeigt sich, dass es einen breiten Übergang zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden gibt – eine Grauzone mit vielen Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß: Es gibt Menschen, für die ihr Glaube eine Lebenskraft ist, auf die sie vertrauen - ebenso wie Menschen, die zwar getauft sind, den Glauben aber nicht leben. Es gibt religiöse Fanatiker, die ihren Glauben so engstirnig leben, dass sie anderen Angst einflößen. Es gibt Menschen, die nicht glauben wollen und alles verwerfen, was sich mit Gott verbindet. Und es gibt Menschen ohne konkreten Glauben, die aber dem, was Christen erfüllt, sehr nahe sind und die Jesus nachfolgen, ohne dass ihnen dies vielleicht bewusst ist. „Anonyme Christen" hat sie Karl Rahner einmal genannt.
Christen sollten Antwort geben, wenn das Weihnachtsfest den Alltagstrott durchbricht und zur Stellungnahme nötigt, ob es ein „Mehr” in diesem Leben gibt oder nicht: vielleicht nicht mit großangelegten Bekehrungsaktionen, sondern durch das Zeugnis ihres Glaubens, der ihr Leben formt und ihre Mitmenschen fragen lässt, was sie prägt.

„Du weckst lauten Jubel!” (Jes 9, 2)

Denn, sagte Pfarrer Sven Johannsen aus Lohr letztes Jahr in seiner Predigt zum Fest Epiphanie: „Wenn Nichtglaubende spüren, dass wir an das „Mehr“ im Leben glauben, an Rettung der Vergangenheit und Hoffnung auf Zukunft, (...) dann brauchen wir gar nicht mehr große Predigten darüber halten, dann wird man es an der Freude merken, die uns erfüllt und von uns ausstrahlt.”

Wie überzeugend dieses unaufdringliche Zeugnis wirkt, hat Valerie Schönian in der „Zeit” anhand eines Erlebnisses in der Christmette beschrieben: „Ich schaute mich um, ging in der Kirche umher, beobachtete die Leute, die Szenerie am Altar. Lichter, Orgelmusik, Weihrauch. Satte rote Adventssterne, grüne Tannen. Andächtige Blicke, hohe Stimmen. Sie besangen etwas, was außerhalb des Fassbaren liegt, aber in dem Moment fühlte es sich fast greifbar an. Dieser Glaube, dieses Vertrauen, dass alles gut wird.“ - Ein Schlüsselerlebnis, das ihr den Unterschied zwischen Glauben und Nichtglauben klar machte: Atheisten fehle ,,die Freude, die Christen mit Weihnachten, mit der geweihten Nacht verbinden. Die Freude, die nicht am Drumherum hängt, nicht an den Glühweinständen, nicht an der Art, wie im Kapitalismus damit umgegangen wird, nicht an der Frage, ob Onkel und Kind es rechtzeitig nach Hause schaffen und das Gänseessen nicht doch im Streit endet. Sondern die aus dem Umstand resultiert, dass ihnen der Sohn Gottes geboren ist. Ich habe an Weihnachten vor allem eben immer die Jetzt-und-hier-Liebe gefeiert. Christen feiern mehr als das. Sie feiern die Rettung in der Vergangenheit und die Hoffnung auf die Zukunft.“

Geht Weihnachten ohne Jesus? Sicherlich nicht. Weil dieses Fest den Alltag durchbricht und schon dadurch die Frage nach dem „Mehr” im Leben, nach dem Wozu und Wohin des Menschen aufwirft. Selbst der schlimmste Weihnachtskitsch kann die Frage nach dem „Mehr” im Leben nicht verdrängen. Christen können darauf eine Antwort geben: Es ist die Geschichte von der Geburt und der Lebensgeschichte des Mannes von Nazareth, von seinem Leiden und Sterben, das aber darin nicht endete, sondern seine Erfüllung gefunden hat im liebenden Gott Jesu Christi.

Reinhard Nixdorf