Weihnachten ist das Fest der Menschenwürde
Die Menschwerdung Gottes ist auch eine politische Botschaft
Weihnachten 1944: Während Europa kurz vor der Befreiung von der nationalsozialistischen Terrorherrschaft steht, gibt Papst Pius XII. eine Weihnachtsrundfunkbotschaft am 24. Dezember. Das Weihnachtsfest ist für ihn der Anlass, über die Bedeutung der Menschwerdung Gottes und die Neuordnung Europas nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nachzudenken.
Die Jahre der NS-Herrschaft haben vor allem eins gezeigt: Menschenrechte und Menschenwürde sind keine Selbstverständlichkeit und niemand garantiert, dass sie nicht dem Zynismus der puren Gewalt zum Opfer fallen, wenn das Böse an Macht gewinnt. Es braucht Voraussetzungen, die jenseits von Gesetzen das Recht garantieren. Genau in diesem Zusammenhang steht das Diktum unseres Kartellbruders E.-W. Böckenforde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.”
Eine dieser „Voraussetzungen” ist der christliche Glaube, von dem aus sich bestimmte Menschenrechte und vor allem die Menschenwürde ableitet.
Pius XII. macht all das in seiner Weihnachtsbotschaft klar. Er will darin gleichsam einen „Fahrplan” für das kommende Europa geben.
Weihnachten ändert die Herzen und, so der Papst: „die zu Boden gesenkten Häupter erheben sich und werden wieder froh, denn Weihnachten ist das Fest der Menschenwürde, das Fest des „wunderbaren Tausches, durch den der Schöpfer des Menschengeschlechtes, indem Er Menschennatur annahm und sich würdigte, aus der Jungfrau geboren zu werden, uns der göttlichen Natur teilhaftig machte.”
Damit ist klar, dass die Menschwerdung Gottes auch eine politische Botschaft ist: Der Mensch kann nicht mehr bloß als Verfügungsmasse der Mächtigen gesehen werden, als „Zigeuner am Rande des Universums”, sondern als jemand, der durch die Menschwerdung Gottes selbst zu Gott erhoben wird. Dementsprechend müssen sich die Gesetze daran orientieren. Artikel 1 des Grundgesetzes will dem Raum geben, indem es heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.”
Wenn dieser Zusammenhang zwischen Menschenwürde und Christentum nicht gesehen wird, droht Europa in die Dunkelheit hinabzusinken. Pius XII. sieht im Zweiten Weltkrieg und seinen Verbrechen den größten Beweis dafür: „Weil unsere Zeit willentlich die Augen verschlossen hat vor dem Lichte dessen, der Strahl und Abglanz des Vaters ist; weil sie sich willentlich von Christus entfernt hat, darum ist sie hinabgesunken und der Vernichtung und Entäußerung ihrer Würde anheimgefallen. Selbst das Ewige Licht ist ausgelöscht in zahlreichen majestätischen Domen und in vielen bescheidenen Kapellen, wo es beim Tabernakel teilnahm an der Wache des göttlichen Gastes über der schlafenden Welt. Welche Verwüstung! Welche Zerstörung! Sollte es denn keine Hoffnung mehr geben für die Menschheit?”
Im Mai 1945 begann der Wiederaufbau und 1949 konstituierte sich die Bundesrepublik. Welche Werte und Richtlinien sind wichtig, damit die Nachkriegsordnung auf festem Fundament steht und ein zweites Weimar verhindert wird? Auch hier gibt der Papst wichtige Hinweise. Für die Demokratie brauche es eine gewisse Struktur. Vor allem betont er zwei Rechte: „Seine Meinung sagen über die ihm auf-erlegten Pflichten und Opfer und nicht gezwungen sein zu gehorchen, ohne gehört worden zu sein: das sind zwei Rechte des Bürgers, die in der Demokratie, wie schon ihr Name sagt, ihren Ausdruck finden. Aus der Festigkeit, Übereinstimmung und den Erfolgen dieser Berührung zwischen Bürgern und Regierung kann man erkennen, ob eine Demokratie gesund und im Gleichgewicht und wie stark ihre Lebenskraft und Entwicklungsfähigkeit ist.”
Darüber hinaus ist eine gewisse naturrechtliche Absicherung wichtig. Liberaler Rechtspositivismus kann der Willkür keine Schranken setzen. Er kann die Bedeutung der Begriffe umdrehen und schließlich dem Gegenteil des tradierten Gesetzten zum Durchbruch verhelfen. So kann Menschenwürde als Grundlage des abendländischen Rechts nicht garantiert werden. Daher macht Pius XII. darauf aufmerksam, dass es eine „absolute Ordnung des Seins und Sollens” gibt, die beachtet werden muss.
Die Kulturgeschichte Europas beginnt in Israel. Mit dem Kind in der Krippe. Was vor 2000 Jahren begann, hat die Fundamente gelegt, auf denen wir heute stehen. Eine große Gestalt der jüngsten europäischen Geschichte schreibt uns das ins Gästebuch: Robert Schuman, der Gründungsvater des vereinten Europas: „Die Demokratie verdankt ihr Bestehen dem Christentum. Sie entstand an dem Tage, wo der Mensch dazu berufen wurde, in seinem irdischen Leben die Würde der Persönlichkeit durch individuelle Freiheit, die Achtung der Rechte jedes einzelnen und die Ausübung der Bruderliebe gegen alle zu verwirklichen. Vor Christus waren solche Ideen noch niemals formuliert worden. Somit ist die Demokratie durch die Doktrin und chronologisch an das Christentum gebunden.“
Josef Jung
