Auch der Staat benötigt die Religion
Kb Prof Kirchhof: Kirche muss Vertrauen zurückgewinnen
Nach Ansicht des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Kb Prof. Dr. Paul Kirchhof (Rh-P, Sx, Ale, Arm, Gst) kann es einen Staat ohne Religion nicht geben. Alle kulturgeschichtlichen Einsichten bewiesen dies, sagte Kirchhof Anfang Dezember gegenüber der Würzburger katholischen „Tagespost”. Der Mensch denke über seine eigene Existenz hinaus: „Er sucht eine Antwort, die er allein durch Vernunft und Logik nicht finden kann.” Wenn es zudem nur ein System gebe, das auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtet sei oder eines, das Macht sammeln, verstärken und ausüben wolle, „dann würde aus Freiheit Willkür“. Dagegen aber wehre sich jeder freiheitlich denkende Mensch.
Je höher die Kultur sei, desto dringlicher werde das Begehren nach Freiheit und nach Maßstäben, „die dieser Freiheit in der Wahrnehmung einen subjektiven Inhalt geben”, sagte der Staatsrechtler. Mit Blick auf die Kirche räumte er ein, dass man sich in Europa und in Deutschland in einem gewissen Tief befinde. Das zeige aber auch, dass diese freiheitliche Gesellschaft nicht gelingen könne, wenn die freiheitsberechtigten Menschen nicht ihrerseits Maßstäbe wie Ethos und Moral mitbrächten, um diese Freiheit nicht zur Beliebigkeit und Willkür werden zu lassen.
Die Kirche habe zuletzt an Vertrauen verloren, konstatierte Kirchhof. Sie müsse deshalb beginnen, dieses Vertrauen wieder aufzubauen. „Mit ihrer Botschaft des Friedens und der Nächstenliebe hat sie positive Nachrichten und Informationen, aber auch Emotionen zu vermitteln.” Sie müsse jetzt vermehrt darüber sprechen und zeigen, was sie etwa im karitativen Bereich leisten könne. Zudem müsse sie verdeutlichen, dass sie mehr Formen der menschlichen Begegnung als nur den rationalen Diskurs habe: die Musik, die Malerei, den Ritus.
Kirchhof hatte im November die Gastprofessur der „Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.”-Stiftung an der Universität Regensburg inne. Ihn fasziniere, dass dieser sich als „herausragender Theologe“ immer für die Frage zum Verhältnis von Glauben und Vernunft eingesetzt habe – „nicht als Gegensätze, die sich überwinden wollen, sondern als Regeln, die sich gegenseitig begrenzen und fördern“, so Kirchhof. „Das ist ein Grundgedanke, der uns auch heute sehr bewegt.“