Impressionen vom Requiem auf Benedikt XVI. - „Ur-KVer” und Papst

Die Wahl unseres Kartellbruders und „Ur-KVers“ Joseph Kardinal Ratzingers zum 264. Nachfolger des Heiligen Petrus bildete 2005 eine prägnante Zäsur in der Geschichte des KV. Deshalb war es selbstverständlich, dass sich nach seinem Tod eine KV-Delegation auf den Weg nach Rom machte, um ihm durch die Teilnahme am Requiem die letzte Ehre zu erweisen.

In den Morgenstunden des Silvestertags 2022 gibt der Sprecher des Heiligen Stuhls bekannt, dass Papst em. Benedikt XVI. sein irdisches Leben beendet habe. Mit Hilfe von Geschäftsführer Damian Kaiser wird eine Information auf der Homepage des KV und in den Social Media eingestellt, die die Stationen seines Wirkens würdigt. Schwieriger gestaltet sich die Klärung der Teilnahme am Requiem am 5. Januar 2023. Schnell sind Kontakte zum Vorort sowie zu Alemannia und Isaria geknüpft, bei denen Benedikt XVI. Ehrenphilister war. Seine Urkorporation Lichtenstein wird durch den Chronisten vertreten sein. Rasch zeigt sich, dass eine gemeinsame Anreise nicht möglich sein wird. Berufliche Erfordernisse machen eine Flugreise unumgänglich – doch Düsseldorf bietet keinen Direktflug nach Rom. Mit KLM ist ein Zwischenstopp in Amsterdam unvermeidlich.

Einfacher gestaltet sich die Suche nach einer Unterkunft, denn normalerweise halten sich um diese Jahreszeit nur wenige Touristen in Rom auf. Ideal gelegen ist Hotel Smeraldo in der Via dei Chiaveri 20 nahe des Campo de‘ Fiori. Von hier aus sind es nur 20 Minuten Fußweg bis zum Petersplatz – gute Voraussetzungen, um sich beim Requiem Plätze in den vorderen Reihen zu sichern. Dank des Internets sind Flug und Quartier rasch gebucht. Die Aktiven vom Vorort entscheiden sich für einen Nachtzug von München aus, Isaria für einen Privat-Pkw und die Alemannen für einen Sprinter, der auch als Nachtquartier dienen kann. Eine rasch eingerichtete Whatsapp-Gruppe erleichtert die Kommunikation unter den Kartellbrüdern, zu denen auch Kb Giacomo Diedenhofen, AH von Arminia und Urbano, gehört. Wohnhaft in Rom, wird er ein wertvoller Helfer und Ratgeber sein.

Am 4. Januar geht es zum Flughafen Düsseldorf. Beim Zwischenstopp in Amsterdam sind zwei Mitreisende vom CV dabei, Mitglieder einer Bremer Verbindung, die zufällig für diese Woche eine Verbindungsfahrt nach Rom geplant hat. Wie 2005 bei einer vergleichbaren Konstellation auf dem Flug zur Amtseinführung werden sie darauf hingewiesen, dass Benedikt XVI. primär KVer war und im CV nur Ehrenmitglied.   

Gegen 23.00 Uhr landet die Maschine auf dem Flughafen Fiumicino. Rasant - teilweise fünfzig Stundenkilometer schneller als erlaubt - bringt mich ein Taxi zum Hotel. Am Ende der Fahrt verstehe ich, weshalb in Rom kaum ein Auto ohne Beulen und Lackschäden zu sehen ist. Auch in schmalen Altstadt-Gassen umfährt der Fahrer wohl dreimal schneller als in Deutschland Hausecken und parkende Fahrzeuge. Nach dem Einchecken im Hotel gibt der Portier den Tipp, dass es am Campo de‘ Fiori nach Mitternacht noch warme Küche gibt. Dort ist die Atmosphäre fast unwirklich. Zwar liegt um diese Zeit Nachtruhe über der Stadt, aber diesen Platz erfüllen Unterhaltungen und das Johlen junger Leute, Pop-Musik schallt aus Bars und Restaurants. Vielleicht verbirgt Giordano Bruno deshalb sein Haupt unter einer Kapuze? Trotz des nasskalten Wetters kann man im Freien neben Heizstrahlern gemütlich sitzen. Beim Abendessen und einigen Cocktails gehen die Gedanken ins Jahr 2005 zurück. Damals bestimmte freudige Erwartung die Stimmung, jetzt Trauer über den Verstorbenen und Nachdenklichkeit über die zurückliegende Zeit mit ihren Schwierigkeiten für die Kirche und den Unsicherheiten, die die Zukunft bereithalten mag. Erst um 2.00 Uhr endet ein hektischer Tag.

Dreieinhalb Stunden später schrillt der Wecker – um 5:30 Uhr, denn wir KVer haben uns für 6:30 Uhr an den Kolonnaden verabredet. Fünfzigtausend Gläubige werden auf dem Petersplatz erwartet. Im Verlauf der Nacht ist es auf 4° C abgekühlt, ein nasskalter Nebel hat sich ausgebreitet, der sich zäh bis zum Ende des Requiems halten wird. Der Fußweg führt über den Campo de‘ Fiori und die Via dei Cappellari zu den Tiberbrücken. Anders als 2005 präsentiert sich die Stadt bei nasskaltem Nebel in den schmalen, dunklen Gassen  wie in einem „Edgar-Wallace-Krimi“ der 1960er Jahre… Dazu passend erscheint urplötzlich ein hell erleuchtetes Gebäude mit zwei schwer bewaffneten Soldaten vor der Tür und einem Militärfahrzeug mit laufendem Motor. Eine Tafel neben dem Eingang klärt alles: „Ministero Giustizia – Direzione Nazionale Antimafia“! Der Plan, Petersplatz und Treffpunkt von Süden her zu erreichen, scheitert an großräumigen Absperrungen und freundlichen Sicherheitskräften, die die Besucher zur Via della Conciliazione leiten – ein déjà vue, das der Berichtende 2005 schon einmal erlebt hatte. Für friedliche Pilger genügt ein einfaches Flatterband, um den Durchgang zu verwehren.

An den Absperrungen zum Petersplatz sammeln sich gegen 6:15 Uhr erste Gruppen von Gläubigen. TV-Stationen führen Interviews. Die Stimmung der Wartenden ist gedämpft, aber nicht bedrückt. Viele Ordensschwestern und Priester aus Afrika und Asien sind gekommen. Nach Öffnung der Absperrungen geht es Stück für Stück durch zwei Sicherheitskontrollen zum Petersplatz. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass die Chargen in einem separaten vorderen Bereich Platz finden werden, da sie als „bayerische Delegation“ gelten. Sehr gut! Auch der CV ist mit Chargenabordnungen vertreten, dabei wird die Capitolina durch Kb Thomas Kettel (Nm, Cp) unterstützt. Im rechten vorderen Block der normalen Gläubigen finde ich Platz – und treffe Kb Michael Bischoff (Alb), der sich wenige Reihen hinter mir mit einer Pilgergruppe der Initiative „Neuer Anfang“ eingefunden hat! Jetzt sind es noch zwei Stunden bis zum Beginn des Requiems. Der Blick über den sich füllenden Petersplatz lässt wie 2005 katholisches Multi-Kulti in seiner besten Form erkennen: Gruppen aus Italien, Argentinien und den USA, aus Schwarzafrika, Korea, Indien und Polen - sowie, aus Deutschland, viele Gruppen aus Bayern. Eine Frau verteilt QR-Codes für ein Online-Kondolenzbuch – eine ganz neue Erfahrung. Gesänge und Gebete überbrücken die Zeit und lenken von der Kälte ab, die Stück für Stück von den Füßen an hochklettert. Erst gegen Ende des Requiems wird sich der Nebel gelichtet haben. Die Messe wird in guter katholischer Tradition in Latein zelebriert. Die Liturgie ist schlicht, wie es sich Benedikt XVI. gewünscht hat. Lesungen und Fürbitten werden in verschiedenen Sprachen vorgetragen. In den Augen der Menschen lese ich Trauer, Verehrung und Dankbarkeit für einen Papst, der das Gesicht der Katholischen Kirche bereits als langjähriger Präfekt der Glaubenskongregation geprägt hat. Als sein schlichter Sarg nach dem Requiem in den Petersdom zur Beisetzung gebracht wird, brandet Beifall als letztes Zeichen des Abschieds auf.

Nach dem Requiem sammeln wir KVer uns für gemeinsame Fotos am Eingang zum Petersplatz. Dabei werden die Chargen immer wieder von Besuchern aus aller Welt, Ordensfrauen, Priestern und Laien angesprochen – für Fotos und Fragen, wen man denn repräsentiert. Teilweise bilden sich Warteschlangen! Die Wichs der Chargen scheint starke Anziehungskraft auszuüben. Auch der bayerische Ministerpräsident Söder lässt sich ein gemeinsames Foto nicht nehmen. Mehrere TV-Sender führen Interviews, etwa CNN und ein Team für einen katholischen Sender aus Indien.
Nach über einer Stunde machen wir uns auf den Weg zum Mittagessen, zu dem uns Kb Dr. Michael Menzinger (Lu) ins Restaurant Satiricus einlädt – ein Zeichen für die sprichwörtliche KV-Gastfreundschaft.

Zwar war der Anlass für den Besuch in Rom ein trauriger, doch ließ er in großem Maße Kartellbrüderlichkeit erleben. Besonderer Dank gilt Kb Giacomo Diedenhofen, der wegen seiner Orts- und Sprachkenntnisse eine große Hilfe war - und für einen kurzfristig erkrankten Aktiven der Alemannia als Chargierter einsprang. Ebenso gilt der Dank Kb Dr. Michael Menzinger für seine großzügige Einladung zum gemeinsamen Mittagessen vor der Abreise.  

Markus Wittenberg (Mk, Li, AR, Smn, E d Wk)