Pater Augustin Rösch und der Opfertod des Bauern Wolfgang Meier
Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde”, heißt es im Johannes-Evangelium (Joh 15,13). Dieses Bibelwort hat sich in der Geschichte erfüllt, die den Jesuitenpater Kb Augustin Rösch mit dem bayerischen Bauern Wolfgang Meier verbindet. Als Ehrenmitglied der Münchner Ottonen war Pater Augustin Rösch KV-Zeuge in dunkler Zeit. Als Jesuitenprovinzial kam er in Konflikt mit den Nationalsozialisten. Dem oppositionellen Kreisauer Kreis angehörig, stand er nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler auf der Fahndungsliste der Gestapo. Es gelang ihm unterzutauchen: Mehrere Monate verbarg der Bauer Wolfgang Meier den Pater auf seinem Hof, dann wurde das Versteck verraten:
Anfang 1945 stürmte die Gestapo das Anwesen, verhaftete neben Pater Augustin Rösch auch Wolfgang Meier, mehrere seiner Kinder und zwei Priester. Wolfgang Meier wurde ins KZ Dachau gesperrt und starb im Februar 1945. Die Söhne, ebenfalls im KZ inhaftiert, überlebten. Pater Rösch, im Berliner Gestapo-Gefängnis inhaftiert, überlebte seine Haft. Wolfgang Meier erlitt den Tod, der Pater Rösch zugedacht war.
Zum hundertdreißigsten Mal wird sich 2023 der Geburtstag von Pater Augustin Rösch jähren: Am 11. Mai 1893 kam Rösch als Sohn des Lokomotivführers Philipp Rösch und seiner Frau Franziska, geb. Auböck, in Schwandorf in der Oberpfalz zur Welt. Er war das zweite Kind der beiden, sechs Geschwister sollten folgen. Bald übersiedelten die Eltern nach Rosenheim, am Domgymnasium Freising legte Rösch 1912 sein Abitur ab. Von ignatianischen Exerzitien in Österreich beeindruckt, begann der junge Mann im Herbst 1912 das Noviziat bei den Jesuiten in Feldkirch.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs sollte den weiteren Lebensweg des Jesuitennovizen, der noch nicht die ersten Ordensgelübde abgelegt hatte, prägen. Aus patriotischer Gesinnung, wie viele Katholiken in Deutschland, meldete er sich zum Kriegsdienst und trat im Oktober 1915 beim III. Ersatzbataillon des 20. Königlich-Bayerischen Infanterieregiments in Lindau seinen Dienst an.
An der Westfront wurde er Ende Oktober 1915 zweimal verwundet, konnte aber im Reservelazarett in Regensburg vor dem dortigen Jesuitenspiritual des Priesterseminars die ersten Gelübde ablegen. Nach der Genesungszeit wurde er, wieder an der Westfront, im März 1917 zum Leutnant befördert und wegen seines mutigen Einsatzes ausgezeichnet. Der Einsatz im Stellungskrieg vor Verdun belastete ihn. Dazu kam im Dezember 1917 eine Typhuserkrankung. Nach notdürftiger Gesundung wurde Augustin Rösch seit August 1918 als Kompanieführer in Flandern eingesetzt und ein drittes Mal verwundet. Nur wenige Männer seiner Kompanie überlebten die Kämpfe.
Mit dem Wagemut des Weltkriegsoffiziers
Nach den Abschlussexamina und der Priesterweihe im Jahre 1925 waren Röschs Führungsqualitäten bald aufgefallen: Er wurde Generalpräfekt im Internat der Jesuiten in St. Andrä im Lavanttal, anschließend übernahm er die Leitung des dortigen Gymnasiums. Hier traf er auf Alfred Delp.
Am 15. August 1935 wurde Rösch zum Provinzial der Oberdeutschen Provinz der Gesellschaft Jesu berufen. In dieser Position bekam Rösch das immer härtere Vorgehen des Hitlerregimes gegen die Jesuiten und die anderen katholischen Orden, gegen kirchliche Einrichtungen und Christen zu spüren. Die Wellen der Devisen- und Sittlichkeitsprozesse gegen Ordensleute, die Schließung katholischer Schulen und Klöster, die Einweisungen in Konzentrationslager, Schulverbote und andere Schikanen gegen Priester, Ordensleute und Laien - all das brachte die Kirche in schwere Bedrängnis. Nach dem Ausbruch des Krieges im September 1939 hielten sich die Machthaber stellenweise mit ihren Repressionen zurück, aus Sorge, die „innere Front” zu beunruhigen. Doch der Kampf gegen die Schulen und sonstigen Einrichtungen der Gesellschaft Jesu wie gegen die Ordensleitung und besonders missliebige Jesuiten ging verstärkt weiter.
Pater Rösch arbeitete in den Kriegsjahren im „Ausschuss für Ordensangelegenheiten bei der Deutschen Bischofskonferenz“ mit. Hier wurde er Motor einer Gruppe von Ordensleuten, die sich gegen die nationalsozialistische Kirchenpolitik wandte und auch nicht mit Kritik am Vorsitzenden der Bischofskonferenz, dem Erzbischof von Breslau, Kardinal Adolf Bertram, sparte.
Konspirative Zusammenkünfte
Bei einem Besuch in Berlin kam Rösch mit Helmuth James von Moltke in Kontakt, der ihn schließlich zu den Treffen des „Kreisauer Kreises“ einlud. Der Kreis umfasste NS-Gegner aus verschiedenen politisch-weltanschaulichen Lagern, die eine neue Ordnung nach dem Sturz Hitlers vorbereiten wollten: Jenseits von westlichem Liberalismus und östlichem Zwangskollektivismus suchte man eine gerechte, menschenwürdige Ordnung in neuer Synthese von Freiheit und Bindung des Individuums.
Gerade von der katholischen Kirche erwartete Helmuth James von Moltke viel Hilfe für seine Pläne. Bei der Tagung in Kreisau Ende Mai 1942 stellte Pater Rösch seinen strategischen Umgang mit der Gestapo dar. Neben Augustin Rösch und Lothar König gehörte auch Pater Alfred Delp als weiterer Jesuit dem Kreis an. Rösch hielt Verbindung zu Kb Kardinal Faulhaber (Nm-W) in München, Moltke traf sich regelmäßig mit dem Berliner Bischof Konrad Graf von Preysing. Diese beiden Bischöfe waren demnach über die Planungen im „Kreisauer Kreis“ informiert.
Die Pläne gerieten in eine Krise, als am 19. Januar 1944 Helmuth James von Moltke von der Gestapo verhaftet wurde, weil er einen Freund vor der ihm drohenden Verhaftung gewarnt hatte. Von der Kreisauer Konspiration wusste die Gestapo damals allerdings noch nichts. Da brachte das gescheiterte Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 den Einschnitt. In den Gestapoverhören wurden die konspirativen Verbindungen der Kreisauer schrittweise entdeckt. Einige Kreisauer wirkten beim Attentat mit, Pater Rösch wusste - nach eigener Mitteilung nach dem Krieg - auch Näheres von der Planung.
Fünf Monate im Versteck
Viele Mitglieder und Kontaktpersonen wurden hingerichtet - darunter Pater Alfred Delp. Pater Rösch wurde rechtzeitig gewarnt: Zunächst konnte er bei den Armen Schulschwestern im Kloster Moosen bei Dorfen im Landkreis Erding untertauchen. Als das Versteck, ein Speicherstübchen, unsicher wurde - Schülerinnen erzählten von merkwürdigen Geräuschen auf dem Speicher - vermittelte die Hausoberin die Verbindung mit dem Schlossbauern Wolfgang Meier im nahen Hofgiebing. Wolfgang Meier war nicht nur Landwirt, sondern auch Mesner seiner Kirche. In dieser Eigenschaft brachte er die Kirchenwäsche ins Kloster Moosen zum Waschen. Man habe einen Mann im Kloster, der Zuflucht suche, sagte eine der Schwestern. Ohne zu zögern nahm Wolfgang Meier Pater Augustin Rösch bei sich auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie schon vier Söhne im Krieg verloren.
Augustin Rösch wurde erst in dem Einödhof Marx am Holz versteckt, der ebenfalls im Besitz des Bauern Meier war, später im Schlossbauernhaus in Hofgiebing. An die fünf Monate ging alles mit der gebotenen Vorsicht gut, aber offenbar hatte jemand der Gestapo einen Wink gegeben: Am 11. Januar 1945 gegen 9.00 Uhr umstellte ein Gestapokommando mit 24 Mann das Anwesen, drang ein und verhaftete neben Pater Augustin Rösch auch Wolfgang Meier, seine Söhne Wolfgang und Martin und die Tochter Maria, außerdem Pfarrer Johann Neumair in Oberornau und den Priester Franz Stadler, denn beide hatten Pater Rösch besucht.
Die Verhafteten wurden nach München in die Gestapozentrale im Wittelsbacher Palais gebracht. Meiers Tochter Maria wurde eine Woche später entlassen.
Die verhafteten Priester wurden am 12. Januar 1945 nach Berlin überstellt, Wolfgang Meier mit seinen beiden Söhnen ins KZ Dachau eingeliefert. Nun KZ-Häftling mit der Nummer 13 80 60, sollte er die Befreiung nicht mehr erleben. Am 22. Februar 1945 starb Wolfgang Meier im KZ Dachau an Typhus. Die Leiche wurde verbrannt. Eine Urne gab es nicht.
Pater Rösch kam während der Schlacht um Berlin am 24. April 1945 aus dem Berliner Gestapo-Gefängnis frei. Auf abenteuerlichen Wegen durch das besetzte Land kam er am 8. Juni nach München zurück. Es bedrückte ihn tief, dass seinetwegen die Familie Meier so schweres Leid hatte erdulden müssen. Später, bei einem Besuch, empfing ihn die Familie Meier jedoch mit großer Herzlichkeit. Pater Rösch wurde nach dem Krieg Direktor des Landescaritasverbandes in München und Mitglied des Bayerischen Senats. Er starb am 7. November 1961 in München.
Lange Jahre blieb es still um den Opfertod des Bauern Wolfgang Meier. 1965 berichtete der Bayerische Rundfunk in einem Fernsehbericht von seinem Schicksal. Durch Besuche in Hofgiebing ehrten die Kardinäle KbKb Döpfner (Nm-W) und Wetter (Ale) Meiers Einsatz und den seiner Familie. Der Jesuit Professor Roman Bleistein, der im Rahmen seiner Forschungen zum Widerstand deutscher Jesuiten gegen das NS-Regime auf den Fall Wolfgang Meier gestoßen war, hielt 1985 zum 40. Todestag Meiers einen Vortrag in Oberornau. Damals wurde der erste offizielle Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche Oberornau abgehalten. Bei der Renovierung der Filialkirche in Hofgiebing, für die Wolfgang Meier viele Jahre als Mesner gewirkt hatte, wurde im Kirchenraum eine Tafel angebracht: „Dem Gedenken an Wolfgang Meier, Schloßbauer in Hofgiebing, + 22. Febr. 1945 im KZ Dachau.“
Nach Berichten eines Mithäftlings in Dachau hat Wolfgang Meier bis zuletzt an Pater Rösch gedacht: „Wenn nur der Pater wieder heimkommt, wenn nur der Pater wieder heimkommt“, habe der Sterbende gesagt.
Reinhard Nixdorf (Nm-W)
Pater Augustin Rösch SJ
Pater Augustin Rösch (1893 - 1961) kämpfte während der Hitlerdiktatur für die Rechte der Kirche und hielt Verbindung zur Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis.
Nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 tauchte er unter, wurde aufgespürt und zusammen mit denen, die ihm Schutz gewährt hatten, eingesperrt.
Er überlebte Haft, Folter und Krieg; der Bauer Wolfgang Meier, der ihn versteckt hatte, kam im KZ Dachau um.
Nach dem Krieg wirkte Rösch als Caritasdirektor.
Pater Augustin Rösch war Ehrenmitglied der Münchner Ottonen.