Nachdenklich und vergeistigt zog Kb Papst em. Benedikt XVI. aus seinem tiefen Glauben Optimismus und Kraft

Wir nehmen Abschied von unserem Kartellbruder Joseph Alois Ratzinger, Papst Benedikt XVI. Kaum ein Tod hat in den letzten Jahren ein derartiges Echo in aller Welt erfahren und das wohl zurecht. Mit dem emeritierten Papst verliert nicht nur die Katholische Kirche einen großen Theologen und Hirten, sondern auch die Welt einen herausragenden Denker.

Am Karsamstag 1927 in Marktl am Inn in der Diözese Passau geboren und aufgewachsen in der Nähe der österreichischen Grenze waren seine Kindheit und Jugend geprägt von dem auch antikirchlichen Terror der NS-Diktatur, aber auch durch den Zweiten Weltkrieg, der ein Jahr vor seinem Studienbeginn endete.

Seine Mitgliedschaft in unserem Kartellverband begann in seiner Zeit als Studentenpfarrer in Freising. Hier trat Joseph Ratzinger in den damals wiederbelebten K.St.V. Lichtenstein-Hohenheim zu Freising-Weihenstephan ein. Findet sich auch bei dem vom KV abgespaltenen Verbindungsteil kein Verweis mehr auf die Mitgliedschaft des verstorbenen Papstes, blieb dieser dennoch dem Korporationswesen verbunden. So gründete er in Rom 1986 die KAV Capitolina im CV, bei der allein ihm die Ehrenmitgliedschaft zuteil wurde, blieb aber gleichzeitig seiner Verwurzelung im KV eingedenk.

Sein Wirken als Theologe, sowohl als Professor als auch als Priester, Bischof, Kardinal und ab 2005 auch als Papst war bestimmt durch die Verhältnisbestimmung zwischen Glaube und Vernunft. Besonders sein Pontifikat war von dem bestän-digen Versuch geprägt, die mitunter von Theologen präferierte Trennung des Jesus der Geschichte vom Christus des Glaubens aufzuheben und viel den Jesus der Geschichte als den Christus des Glaubens herauszustellen. Davon zeugt sein Bemühen, die Hermeneutik des Zweiten Vatikanischen Konzils zu fördern und durch seine Jesus-Trilogie den Gläubigen den Gotteshorizont aufzuschließen.

In all seinem Wirken hat sich immer wieder die große Sehnsucht nach Gott gezeigt. Trotz, oder vielleicht gerade wegen seines wachen und scharfen Verstandes, war die Frage nach Gott nie abgeschlossen, vielmehr bewahrte er sich eine kindliche Neugier. Nach seinem Rückzug aus dem Papstamt sagte er selbst: „Ich stehe vor der letzten Wegstrecke meines Lebens und weiß nicht, was mir verhängt sein wird. Aber ich weiß, dass das Licht Gottes da ist, dass er auferstanden ist, dass sein Licht stärker ist als alles Dunkel; dass Gottes Güte stärker ist als alles Böse dieser Welt.“

So nehmen wir in Trauer und Dankbarkeit Abschied von unseren lieben Kartellbruder Joseph Alois Ratzinger. Möge sein Herz nun jene Ruhe in Gottes Gegenwart finden, die ihm zeitlebens unzugänglich war.

Thomas Kettel (Nm)