Lebhafte Diskussion auf der Online-Konferenz zur KV-Agenda 2030 über Beitragserhöhung und Kostenreduktion

Als eine Art „Kummerkasten" war die zweite Online-Konferenz zur KV-Agenda 2030 eigentlich gedacht, die Mitte Februar stattfand: für Kartellbrüder, „die keine Zeit gehabt haben, zu einer VV zu kommen und auf dieser Ebene ihre Sorgen, Anregungen und Wünsche zur Sprache bringen wollen”, sagte Dr. Markus Wittenberg, der Vorsitzende des KV-Rats, bei der Eröffnung der Runde.

Aber rasch kamen bei diesem Online-Treffen mit mehr als fünfzig Aktiven, Alten Herren und Vertretern der Ortszirkel Fragen zur Sprache, die vielen Kartellbrüdern unter den Nägeln brennen: Der Mitgliederrückgang aufgrund von Todesfällen und Austritten wird durch Neueintritte seit längerem nicht mehr ausgeglichen - im Verband wie in vielen Kartellvereinen. Demgegenüber steigen die Kosten und müssen von einer kleiner werdenden Zahl Beitragszahler finanziert werden. Vor diesem Hintergrund wird immer nachdrücklicher diskutiert, was man den Kartellbrüdern an Beitragserhöhungen zumuten kann, was man sich in Zukunft noch leisten kann und welche Projekte und Initiativen so notwendig und sinnvoll für den ganzen Verband sind, dass man sie auch in Zukunft noch weiterführen sollte - vor allem: Sollen diese so wie bisher weitergeführt werden oder in verringertem Umfang?

Nachdrücklich wurde dabei darauf hingewiesen, dass der Beschluss der letzten VV in Recklinghausen, den KV-Beitrag auf 75 Euro und dann stufenweise auf 85 und hundert Euro zu erhöhen, in vielen Kartellvereinen offenbar schwer zu vermitteln sei und Austritte beschwöre: Gerade in den Reihen der „schweigenden Mehrheit”, also der Kartellbrüder, die nur noch losen Kontakt zu ihren Kartellvereinen unterhielten und sich angesichts steigender Beiträge unweigerlich fragen würden, was sie denn noch mit dem KV verbinde. Der Beitrags-Beschluss von der VV in Recklinghausen sei wie der sprichwörtliche „Elefant im Zimmer”, der jede Diskussion und jede Entscheidung beeinflusse, meinte ein Kartellbruder. Es wurde gefordert, eine „Task Force” von betriebswirtschaftlich versierten Kartellbrüdern einzurichten, die kritisch prüfen sollten, was der KV sich in Zukunft noch leisten könne und dürfe. Mehrere Kartellbrüder boten sich auf der Onlinekonferenz an, bei dieser „Task Force” mitzuarbeiten.

Austritte - ein Riesenproblem

Wir haben es mit rückläufigen Beitragszahlern zu tun, die bis ca. 2035 auf etwa 6.000 zurückgehen könnten, berichtete Markus Wittenberg, wie viele C-Philister und Beitragsbefreite es gebe, entziehe sich nota bene der Kenntnis. Doch falle auf, dass der KV zwischen 2005 und 2020 mehr als 2700 Kartellbrüder durch Austritt verloren habe - und davon seien alle Jahrgänge betroffen. „Das ist ein Riesenproblem”, sagte der KV-Ratsvorsitzende - „und bestimmt spielt dabei auch der KV-Beitrag eine Rolle - aber nicht die einzige. Genauso zählt, dass man austritt, weil man sich auseinandergelebt hat.”

Anscheinend muss das Verhältnis zwischen Verband und Kartellvereinen neu ausbalanciert werden. Das Unbehagen an der auf der VV in Recklinghausen beschlossenen Beitragserhöhung scheint dafür ein Symptom zu sein. „Wir sollten uns auf das Kernthema einer angemessenen, gerechten Beitragshöhe konzentrieren” sagte etwa Kb Theo Säugling von den Münchner Ottonen. „Wie kann man den Beitrag möglichst gering halten, was kann der KV abspecken, denn meines Erachtens ist der KV für uns da - und wir nicht für den KV!” Am Anteil des KV-Sekretariats am KV-Haushalt wolle er gar nicht rütteln, ergänzte Theo Säugling, wohl aber an anderen Positionen, „wo ich mich frage: Muss der KV auf jeder Hochzeit tanzen, oder sollte er nicht schauen, dass er sich in gewissen Sachen zurücknimmt zum Wohl der einzelnen Verbindungen?”

Kritisch gesehen wurde etwa der Willkommensgutschein für Neumitglieder. Allerdings habe man sich dort inzwischen so umgestellt, so Markus Wittenberg, „dass diesen Gutschein nur erhält, wer etwa an einem KV-Fuchsenseminar teilnimmt.”

Für ihn zeige die Kritik am Willkommensgutschein eher, dass die Diskussion vor allem betriebswirtschaftlich (eng-)geführt werde, wandte  Martin Heumesser von der Aktivitas der Tübinger Alamannen ein. Man trete doch einer Studentenverbindung nicht aus wirtschaftlichen Erwägungen bei, sondern weil man gern dabei sei. Und genau in diese Richtung müsse sich auch der KV bewegen: „Wir müssen eine gemeinsame Identität schaffen und erreichen, dass die Kartellbrüder gern im KV sind.” Dann seien Beitragserhöhungen auch nicht mehr so problematisch.

„Alte Tradition: Wenn Alamannia etwas sagt, darf Rechberg nicht schweigen”, entgegnete Kb Dr. Markus Held (Rbg): „Ich bin bei Rechberg eingetreten, weil Rechberg ein cooler Haufen ist. Dann gibt es die Alamannen auch, mit denen wir uns in Tübingen ganz gut verstehen.” Der KV aber helfe den Kartellvereinen am besten, wenn er ihnen Freiraum zugestehe und ihnen Luft zum Atmen lasse. Dafür seien Willkommmensgutscheine irrelevant, genau wie andere Aktivitäten aus früheren Zeiten - „ich sage nur ´Schock die Philister!`” Deshalb: „Was wir brauchen sind Freiräume, niedrige Kosten und dann klappt das auch mit dem Bier miteinander und dem gemeinsamen Vorantreiben dieses Verbandes.”

Für was steht der KV?

Eine Umfrage, was KVer von ihrem Verband erwarten, welche Leistungen sie sich wünschen und welche Kernpunkte der Verband wahrnehmen soll, stellte der Aktivenvertreter im KV-Rat, Kb Maximilian Reinberger (Mk), vor. 58 Einheiten nahmen daran teil, davon 48 Prozent Aktivitates, vierzehn Prozent Ortszirkel und 38 Prozent Altherrenvereine. Weithin positiv wurde die Frage beantwortet, ob der Kartellverband das Zusammengehörigkeitsgefühl der Kartellbrüder stärken solle. Breit verteilten sich Zustimmung und Ablehnung auf die Frage, ob im KV berufliche Netzwerke gebildet werden sollten. Die Frage, ob der KV seine Kartellvereine bei ihrer Keilarbeit unterstützen könne, wurde dahingehend zustimmend beantwortet, „dass es dabei um Know-How-Transfer geht”, sagte Maximilian Reinberger. Auf deutliche Ablehnung stieß die Frage, ob der KV beim Wechsel des Studienorts behilflich sein könne, zugestimmt wurde der Frage, ob der KV notleidende Kartellver-eine unterstützen solle.

Eher ablehnend beantwortet wurde die Frage, ob sich der KV in kirchlichen und gesellschaftlichen Debatten positionieren solle. Weit gestreut mit leichter Tendenz zur Ablehnung waren die Voten auf die Frage, ob der Verband Qualifikationstrainings anbieten sollte, etwa Rhetorikseminare. In der Summe zeige sich das Bild eines breit aufgestellten Kartellverbandes, fasste der Aktivenvertreter die Umfrage zusammen.

Ihn wundere, dass die Frage nach einer kirchlichen oder politischen Positionierung des KV eher negativ beantwortet worden sei, meinte Kb Becker vom K.St.V. Cimbria, Münster. Denn es gebe ja auch Themen, die politisch aufgenommen würden, etwa die Frage nach der Förderfähigkeit von Vereinen, die nur Männer oder nur Frauen aufnehmen. Und das sei ein wichtiges Thema für den KV, auf das er als Verband antworten müsse, meinte Kb Becker. „Ansonsten empfinde ich eine bestimmte politische oder religiöse Positionierung durchaus wichtig, denn der KV muss ja für irgendetwas stehen - auch in seiner Außenwirkung.”

Kb Gabriel Lenz (Erw) sagte, dass es selbstverständlich Aufgabe des Kartellverbands sei, die Kartellbrüder zu unterstützen, Freundschaft zu pflegen und neue Bundesbrüder zu vermitteln, aber das gelinge bereits im Netzwerk der Kartellvereine und es sei nicht Aufgabe der Gremien, hier irgendwie tätig zu werden. Kb Wolfgang Hanke (Aln) ergänzte: „Wenn das Netzwerk innerhalb der Kartellvereine ohne Hilfe der Gremien automatisch läuft, dann brauchen wir keine Gremien, die solche Sachen auch noch überwachen, ´pseudo-fördern´ und Geld ausgeben.” Auch Dr. Markus Held hob hervor, dass der KV die Keilarbeit am besten dadurch unterstütze, dass er den Kartellvereinen Freiheit gebe. Initiativen der Gremien, etwa mit Flyern oder Anzeigen zu werben bis hin zur Diskussion, ob man Kinowerbung betreiben sollte, hätten sich schon vor zwanzig Jahren als abstrus erwiesen.

Subsidiarität und Solidarität

Als Vorsitzenden des Altherrenbundes gehe für ihn eine klare Botschaft aus der Umfrage hervor, sagte Kb Harald Stollmeier (Gm): „Erstens soll der „Amts-KV”, die Organisation, weniger regieren, weniger Projekte machen, weniger Detailangebote machen.” Zweitens sei Solidarität mit notleidenden Vereinen unabdingbar. Selbstverständlich sei es vom Subsidiaritätsprinzip her richtig zu sagen, dass die Kartellvereine das ausführen sollten, was sie können und der Verband machen solle, was diese nicht können, „aber wem es nicht gut geht, dem muss geholfen werden.”

Dass gerade bei den Aufwendungen für das KV-Sekretariat, die AM und andere Projekte in den letzten Jahren massiv Kosten reduziert worden seien, zeigte Kb Dr. Markus Wittenberg anhand eines Überblicks. Oft sei es günstiger gewesen, Arbeiten intern auszuführen, als diese outzusourcen, hob der KV-Ratsvorsitzende hervor. Zwar mache die Teuerungsrate, die steigenden Kosten für Energie oder Papier, oder was Corona in der Vergangenheit an Kosten angerichtet habe, auch vor dem Sekretariat nicht Halt, aber bei externen Lösungen wirkten sich diese Preissteigerungen besonders stark aus.

2003 kosteten die AM noch 906 Euro pro Seite, im Jahr 2021 waren es nur noch 380 Euro. Mittlerweile seien die Kosten für die AM bei knapp sechzig Prozent des früheren Niveaus angelangt, was freilich auch damit zu tun habe, dass die gedruckte Auflage reduziert worden und die AM für viele KVer nur noch online erhältlich seien. Über siebzehn Jahre hätten so bei den AM 930.000 Euro eingespart werden können. Dieser Erfolg habe sich herumgesprochen, mit der Folge dass wir externe Anfragen erhalten, die um Informationen zur Erstellung der Akademischen Monatsblätter bitten, um gegebenenfalls die Erstellung des eigenen Periodikums zu ändern, berichtete Dr. Markus Wittenberg.

Externe Anbieter sind teurer

Weiter sei es gelungen, die Kosten für das KV-Jahrbuch, die Flyer oder die VV-Mappen, stark herunterzuschrauben. Der Ankauf der Sekretariatsräume in Marl im Jahr 2006 - bilanztechnisch ein Nullsummenspiel, da aus einer Rücklage des KV eine Immobilie wurde - habe jährliche Mietzahlungen von zehntausend Euro erspart und ermöglicht, „dass wir, wenn wir uns vor Ort treffen, keine Tagungsstätten buchen müssen”, sagte Dr. Markus Wittenberg. Auch biete die Immobilie Platz für das KV-Archiv, das zwar früher in Mönchengladbach untergebracht gewesen sei, für das aber seit  Jahren jährliche vierstellige Kosten hätten aufgebracht werden müssen.

Was die Kosten für die Sitzungen der Gremien angehe, veranstalte der KV-Rat nur noch zwei, maximal drei Mal seine Sitzungen in Präsenz: „in der Regel innerhalb der Klausurtagung oder auf einer Sitzung zur Vorbereitung der Parlamentarischen Versammlung, also des Hauptausschusses, des Aktiventags oder der VV.” Alle anderen Sitzungen - zehn bis zwölf pro Jahr - würden inzwischen online ausgerichtet. Das erspare Fahrt- und Übernachtungskosten, zumal auch private Übernachtungsquartiere genutzt würden. Hier gehe er als KV-Ratsvorsitzender mit gutem Beispiel voran und verriet, dass bei der nächsten KV-Ratssitzung alle drei Aktivenvertreter bei ihm zu Hause übernachten würden.

EDV, IT und Software-Pflege sind nicht billig. Nach dem Tod von Thomas Schmöller, dem Datenschutzbeauftragten im KV-Sekretariat, habe man eine Zwischenlösung finden müssen. Dazu machte das Ingenieurbüro Dr. Plesnik, geleitet vom früheren AH-Vorsitzenden des Wiking, dem KV ein kostengünstiges Angebot.

Insgesamt konnte seit 2005 eine Einsparsumme von ungefähr zwei Millionen Euro erzielt werden. Das gehe vor allem auf die strategischen Überlegungen des Geschäftsführers des KV-Sekretariats, Damian Kaiser, zurück.

Kosten ließen sich übrigens auch reduzieren, wenn dem KV-Sekretariat unnötige Arbeit erspart würde und Kartellbrüder ihrer Pflicht nachkämen. Dazu gehören die Zustellung der Meldebögen und die Mitteilungen von Adressänderungen. Wenn alle Kartellbrüder nur in dieser Frage ihre Hausaufgaben erfüllen würden, ließen sich ca. dreißig Prozent Arbeitszeit im KV-Sekretariat einsparen.

In der Vergangenheit ist einiges getan worden, um Kosten zu reduzieren. Die Frage ist, ob es noch weitere Einsparungspotenziale gibt, oder ob es nötig ist, sich von Dingen und Aufgaben ganz zu trennen oder ihre Finanzierung auf eine neue Basis zu stellen. Schon jetzt werden zwei Ausgaben der AM durch Spenden finanziert. Ob es aber möglich sei, die AM ganz durch Spenden zu finanzieren, hänge davon ab, dass dafür ausreichend und planbare Spendenmittel zur Verfügung stünden, die eine seriöse Haushaltsplanung ermöglichen würden, sagte der KV-Ratsvorsitzende. Und Kb Becker vom K.St.V. Cimbria richtete seine Hoffnung auf die unvoreingenommene Sicht der „Task Force”, die von außen komme; denn, sagte er „Wenn man etwas verändern will, dann darf man die Frösche nicht fragen, denn die sind immer dagegen, dass der Sumpf trocken gelegt wird.”

Kein glücklicher Beschluss

Bleibt die Frage, ob der Beschluss zur Beitragserhöhung auf der VV in Recklinghausen bestehen bleiben oder zurückgenommen werden soll. Da fielen die Antworten aus dem KV-Rat deutlich aus. „Wir, die Mitglieder des KV-Rats, sind der festen Meinung, dass dieser Beschluss so nicht umgesetzt werden kann”, sagte Kb Dr. Markus Wittenberg. Deshalb sei man ja auf die Kartellbrüder zugegangen um zu hören, was künftig noch sein soll - und was nicht.

Und Harald Stollmeier, der Vorsitzende des Altherrenbundes, ergänzte: „Wir brauchen die 75 Euro - und wir brauchen sie auch im nächsten und im übernächsten Jahr”. Anders verhalte es sich mit dem Stufenbeschluss mit einer automatischen Erhöhung auf 85 und einhundert Euro - „da ist mir schon die Kinnlade heruntergeklappt, als der eine Mehrheit bekommen hat.” Jeder wisse, wie der KV-Rat über den Beitragsbeschluss denkt. Nun müsse geprüft werden, ob rechtssicher ein außerordentlicher Altherrentag einberufen werden kann, der online über den Beitragsbeschluss der VV in Recklinghausen noch einmal entscheidet. Denn ein außerordentlicher Altherrentag, der mit Anreise und Kosten verbunden ist, wäre doch irgendwie widersinnig.

„Wenn das nicht geht, wird der KV-Rat einen Weg finden, sich selbst zu binden.” Der amtierende KV-Rat bereite die nächste VV vor und werde einen Haushaltsplan vorlegen, und der werde sicherlich nicht auf einem KV-Beitrag von 85 Euro basieren, sagte Harald Stollmeier. „Ich werde nicht Altherrenbundvorsitzender sein mit einem Beitrag über 75 Euro.”

Kb Reinhard Nixdorf