„Blaue Mauritius” und „Schwarzer Einser"
Wie viele unserer Kartellbrüder Briefmarken sammeln, wissen wir nicht. Sollte es keine mehr geben, was höchst unwahrscheinlich ist, dann bleibt dennoch sicher, dass auch in unseren Kreisen die Postwertzeichen als kulturgeschichtliche Dokumente mit besonderer Aufmerksamkeit registriert werden. Allerdings ist bei der zunehmenden Digitalisierung nicht sicher, wie lange es noch Briefmarken gibt.
Was Briefmarken aussagen
Die Absicht der Herausgeber der Postwertzeichen, die Produkte künstlerisch zu gestalten, ist seit Anbeginn unübersehbar. Sie sollen ansprechend wirken und Freude machen oder zum Nachdenken anregen. Sie können die Landesgeschichte visualisieren und Berühmtheiten wie etwa Kb Konrad Adenauer in Erinnerung rufen. Sie können mehr oder weniger politische Botschaften verkünden. Sie spiegeln den Zeitgeschmack, die Geschichte der Druckgraphik und anhand der Stempel die Logistik der Postsendungen wider. Man kann mit ihnen in der Gestalt der Wohlfahrtsmarken Gutes tun. Dem von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertriebenen Philosophen Walter Benjamin verdanken wir die vortreffliche Beobachtung, dass die Briefmarken als bildschaffendes Medium die Fantasie anregen und sie „Visitenkarten“ der Staaten sind, „die sie in der Kinderstube abgeben“. Bemerkenswert bleibt auch die Bemerkung des Kunsthistorikers und Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, der 1926 meinte, mit einem vollständigen Markenalbum, könne man die „Weltkultur im technischen Zeitalter“ völlig rekonstruieren.
Während der private Postverkehr in Europa auf eine fünfhundertjährige Geschichte zurückblickt, erfolgte der Druck des ersten Postwertzeichens ein ganzes Stück später: Die „Ur-Briefmarke“ erschien vor fast zweihundert Jahren. Es war die 1840 aufgelegte „One Penny Black“ mit dem Portrait der britischen Königin Viktoria nach Vorbild der Herrscherportraits der Antike. Der Literaturwissenschaftler Reinhard Krüger hat in diesem Zusammenhang von „Queen Victoria als Artemis“ gesprochen, also sie als Göttin der Jagd, der Jungfräulichkeit und des Waldes gesehen. Das mag etwas zugespitzt sein. Es tuts auch mit dem Hinweis auf die Herrscherportraits auf den Münzen seit der Antike.
Die Idee, Briefmarken herzustellen, ging auf den Lehrer Rowland Hill zurück, der die Post reformierte und das sogenannte Postwertzeichen erfand, das die Bezahlung des Portos dokumentierte. Was bei der „One Penny Black“ bei näherem Hinsehen auffällt, ist das Fehlen der bis heute in der Regel üblichen Zähne, die entstanden, um die im Block gedruckten Marken durch die Perforation besser und schneller trennen zu können. Auch das ist eine britische Erfindung. Ein weiteres ist auf fällig: Der „One Penny Black“ sieht man nicht an, welcher Staat sie herausgegeben hat. Dies ist bei britischen Briefmarken in der Regel bis heute geblieben. Der 1874 gegründete Weltpostverein mit Sitz in Bern in der Schweiz hat dies genehmigt und verlangt nur, dass an irgendeiner Stelle das Bild des Monarchen zu erkennen ist. Diese Sonderregelung verdankt Großbritannien der Tatsache, die Briefmarke erfunden zu haben.
Die „Blaue Mauritius”
Die wohl bekannteste Briefmarke weltweit ist die „Blaue Mauritius“. Sie wurde 1847 in der damaligen britischen Kronkolonie Mauritius im Indischen Ozean, die seit 1968 unabhängig ist, herausgegeben und hat diesen Inselstaat bekannter gemacht als manch anderes fernes Eiland. Die Kronkolonie war das sechste Land nach Brasilien (1843), dem Schweizer Kanton Genf (1844), Finnland (1845) und den USA (1846), das Postwertzeichen verwandte. Die Marke hat eine ebenso hoch gehandelte Schwester: „die Rote Mauritius“. Beide ähneln ein wenig der „One Penny Black“. Doch ist auf dieser das Portrait der Königin wesentlich kunstfertiger gelungen, vor allem die Mundpartie. Außerdem steht bei der „Mauritius“ am linken Rand zusätzlich die Aufschrift „Post Office“ und am rechten „Mauritius“. Die Marke ist wie die „One Penny Black“ ebenfalls ungezähnt. Von der „Blauen“ sind von den jeweils 500 produzierten Marken noch 12 und von der „Roten“ noch 15 Exemplare bekannt. Der Entwurf geht auf den Graveur, Miniaturmaler und schließlich Zuckerrohrplantagenbesitzer Joseph Orwell Barnard (1816-1865) zurück, um den sich einige Mythen ranken, aber längst nicht so viele wie um die „Blaue Mauritius“ und andere Briefmarken. Über deren Historie und die Jagd der Sammler auf sie gibt es eine Menge von Publikationen. Die „Blaue Mauritius“ hat es sogar geschafft, im Mittelpunkt eines 1937 in die Kinos gekommenen deutschen Ufa-Films zu stehen, in dem Hans Albers und Heinz Rühmann mitspielten, und der Humorist Heinz Erhard hat ein Gedicht auf diese Briefmarke verfasst, in dem „Herr Franz von Ohnegleichen“, der „gerne Postwertzeichen“ sammelte, seine Tochter „Mauritius“ nennt.
Sowohl ein Exemplar der „Blauen“ wie der „Roten Mauritius“ besitzt das Berliner Museum für Kommunikation, das nicht nur deshalb eines Besuchs wert ist. 2011 hat es sie in einer Ausstellung mit rund drei Vierteln aller heute noch existierenden „Kronjuwelen“ der Briefmarkensammler gezeigt. „Diese Raritäten“, hieß es dazu, symbolisieren alles, was Briefmarken „attraktiv und geheimnisvollanziehend“ macht, nämlich ihren hohen Wert – eine vor zwei Jahren ersteigerte „Rote Mauritius“ kostete einschließlich des Aufgelds über 10 Millionen Euro – ihre Seltenheit und ihre gelegentlich verblüffende Genesis.
Vor der „Roten Mauritius“ galten an erster Stelle die „British Guiana 1 cent magenta“ von 1856 und an zweiter die schwedische gelbe „“Tre Skilling Banco“ von 1855 als die teuersten Marken der Welt. Die älteste deutsche Briefmarke, der bayerische „Schwarze Einser“ von 1849, bringt es lediglich auf einen Preis zwischen 1.000 und 3.000 Euro. Außerdem sind Fälschungen u.a. von dem 1957 verstorbenen hochbegabten Fälscher Jean de Sperati im Umlauf. Entworfen hatte die Marke der aus Thüringen stammende Graveur Johann Peter Haseney, welcher bei der Münchner Universitätsbuchdruckerei Weiß beschäftigt war und von 1812 bis 1869 lebte.
Die Philatelie
Kaum waren die ersten Marken auf dem Markt, begann die Sammeltätigkeit. Dafür wird das eigentümliche Kunstwort „Philatelie“ verwandt. Es setzt sich aus den griechischen Wörtern philos (Freund) und ateleia (Gebühren-, Steuerfreiheit) zusammen. Deshalb werden die Briefmarken in Deutschland und in den nordischen Sprachen auch Freimarken (frimärke, frimerke) genannt, wohingegen andere Sprachen sie von dem Wort Stempel ableiten (Französisch: timbre; Spanisch: sello; Niederländisch: postzegel). Die Vokabel „Philatelie“ hat der französische Markensammler Georges Herpin 1864 erfunden. Das ebenfalls in der französischsprachigen Schweiz aufkommende Wort „Timbrologie” hatte gegen „Philatelie“ keine Chance. Die Verbreitung über die Grenzen Frankreichs hinaus war unaufhaltbar. 1865 tauchte der Neologismus bereits in Großbritannien auf, und um diese Zeit muss er auch in Deutschland heimisch geworden sein, sehr zum Leidwesen der Fremdwortgegner. Der „Sprachpurist“, so Wikipedia, Hermann Dunger griff außerdem das für Postwertzeichen verwendete Wort „Freimarke“ auf und fragte 1884: Wovon machen sie denn frei, etwa von der Steuerfreiheit? Diese Frage griff sicher in Unkenntnis Dungers der bekannte ame-rikanische Schriftsteller Philip Roth in seinem 2005 auf Deutsch erschienenen autobiografisch gefärbten Roman „Verschwörung gegen Amerika“ auf und hielt die Bezugnahme auf „ateleia” für „nicht einleuchtend“.
Die Philatelisten
Der in Moskau lebende Schulmann und Zoologe Carl Grevé hat 1886 in der „Norddeutschen Rundschau“ eine volle Breitseite nicht nur auf das für ihn „fürchterliche Wort“ Philatelie abgefeuert, sondern zusätzlich auf die „Philatelisten“. Er griff wieder auf die eigentliche Bedeutung „Abgabenfreiheit“ zurück und polemisierte gegen die Sammler, denen er vorhielt, ihre Tätigkeit für „wissenschaftlich“ zu halten. Briefmarkensammler taten sich zusammen, und 1866 entstand in den USA die erste Philatelistenvereinigung der Welt. Der erste deutsche Verein wurde drei Jahre später unter dem Namen „Süddeutscher Philatelistenverein“ in Heidelberg gegründet. Weitere folgten. 1896 wurde der „Bund deutscher und österreichischer Philatelistenvereine“ aus der Taufe gehoben. Heute besteht in der Bundesrepublik der „Bund deutscher Philatelisten“ seit 1998 mit Sitz in Bonn, der u.a. die Monatszeitschrift „philatelie“ mit einer Auflagenhöhe von etwa 25.000 Exemplaren herausgibt und das dortige „Haus der Philatelie“ unterhält. Einige der Vereine befassen sich nicht allein mit dem Sammeln, sondern mit der Briefmarkenkunde und ihren vielen Aspekten. In Osnabrück gehört außerdem die verwandte Münzkunde zum Interessengebiet. Darauf geht ebenfalls das von der Deutschen Post in Bonn herausgebrachte Magazin „postfrisch“ ein, das viermal im Jahr erscheint und bei dem die Neueditionen der Marken eine besondere Rolle spielen. In der ersten Ausgabe dieses Jahres befasste es sich zusätzlich u. a. mit Serien, der Briefmarke zum 125. Geburtstag Bertold Brechts, der 2-Euro-Serie der Münzen der deutschen Bundesländer, Münzen mit dem Porträt der verstorbenen Königin Elisabeth II., dem „Partner der Briefmarke“: dem Poststempel, und stellte „qualitätsvolle Helfer“ für den Sammler vor.
Ein unerlässliches Hilfsmittel für den Philatelisten ist der Briefmarkenkatalog. Jeder, der sich einmal ernsthaft mit Postwertzeichen befasst hat, kennt die „Bibel“ der Philatelisten: den „Michelkatalog“, der selbst eine umfangreiche Geschichte hat und sich gegen Konkurrenten durchsetzte. Seinen Namen trägt er nach Hugo Michel, der 1906 in Apolda in Thüringen seinen ersten Briefmarkenkatalog herstellte. Heute erscheint der „Michelkatalog“ in Germering bei München.
Der schleichende Prozess hin zum Ende der Briefmarke
Seit 2021 ist die Digitalisierung auch in den Briefsektor eingezogen. Der App-Code ersetzt die Briefmarke. Wie einmal vor einiger Zeit der „Kölner Stadtanzeiger“ so schön schrieb: „Die elektronische Briefmarke schmeckt nach nichts, hat keine Zacken und ein Sammelobjekt ist sie bestimmt nicht“. Die Postverwaltung beteuert zwar, nach Einführung des Matrixcodes werde „die klassische Briefmarke“ nicht aussterben. Sie wisse von dem hohen „Kulturgut, das auch für die Philatelisten unabdingbar“ sei und bezeichnete die „mobile Briefmarke“ als eine Ergänzung.
Aber Ende Januar dieses Jahres ging dann durch die Presse, die Post spiele mit dem Gedanken, das nicht mehr lukrative Briefgeschäft aufzugeben, was 220 000 Arbeitsplätze betreffen würde. Grund für die Infragestellung der Briefzustellung, ob analog oder digital, sind die niedrigen Portokosten im Vergleich zu anderen Ländern. Ob sich die Post AG nicht in absehbarer Zeit von der Briefzustellung
verabschiedet, bleibt folglich eine offene Frage.
Dr. Wolfgang Löhr


Zustellung bei Wind und Wetter
Was wären Briefe und Briefmarken ohne Postverwaltung und Zusteller? Postalisch auf der Höhe zeigt sich Bayern, das 1849 als erster Staat in Deutschland Briefmarken heraus gab. Briefträger in Bayern gibt es sogar noch länger: Am 1. März 1808 kaufte das Königreich Bayern den Fürsten von Thurn und Taxis für die stolze Summe von hunderttausend Gulden die Zuständigkeit für die Post ab. Seither laufen Bayerns Briefträger bei jeder Witterung über Stock und Stein, straßauf, straßab, die Treppen herauf und herunter, liefern Privat- und Geschäftsbriefe aus, Pakete und Rechnungen, Mahnbescheide und Steuerbescheide, kassieren Nachporti und Nachnahmen.
1920 musste Bayern seine eigene Post in die Deutsche Post überführen, aber Unikate bei Bayerns Briefträgertätigkeiten gibt es bis heute: Auf der Zugspitze, in 2.950 Metern Höhe, arbeitet ein Postbote, ein anderer stellt im Winter auf Skiern die Post an bewirtschaftete Almen aus. Briefträger sind heute nicht mehr verbeamtete Staatsdiener, sondern heißen offiziell „Fachmann/Fachfrau für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen”. Sie tragen keine schmucke Amtsuniform mehr und kurven geschwind per E-Bike von Haus zu Haus. In anderen Feldern hat sich jedoch kaum etwas geändert: Briefträger werden auch heute noch häufiger als andere Leute von Hunden gebissen.
