Christsein in Schule und Gesellschaft heute
Die Tatsache einer durchgreifenden Säkularisierung Deutschlands in den vergangenen Jahrzehnten ist unbestreitbar. Doch wie mit diesem längst nicht abgeschlossenen Prozess speziell als christliche Glaubensgemeinschaften umgehen? Hierauf sucht der katholische Theologe und Pädagoge Axel Bernd Kunze in seinem neuesten Aufsatzband unter dem Titel „Bildung und Religion“ Antworten und Lösungsmöglichkeiten in unwegsamem Gelände. Neben einer wachsenden Zahl von Religionslosen, die den durch die beiden großen Kirchen repräsentierten Konfessionen naturgemäß kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, haben wir es zu tun mit einem bislang gesellschaftlich wenig in Erscheinung tretenden Islam, der in den kommenden Jahrzehnten aber seinen Tribut verlangen wird.
Kunze analysiert die Lage anhand verschiedener Beispiele und scheut sich dabei auch nicht, seine eigene Sozialisa-tion als Akademiker in einem christlich-burschenschaftlich geprägten Milieu exemplarisch voranzustellen, um danach die sich bedingenden Beziehungen von Bildung und Religion in den folgenden Kapiteln zu entwickeln. Bildung als geistiger Raum, der erst die Voraussetzungen schafft, sich selbstständig mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen wie wissenschaftlichen Fragestellungen überhaupt zu befassen. Die geistige Freiheit und Unabhängigkeit Europas, die allen Kinderkrankheiten und berechtigter Kritik zum Trotz überhaupt erst den globalen Erfolg eines humanistisch-aufgeklärten, westlich-abendländischen Gesellschaftsmodells ermöglicht hat. Dogmatismus jeglicher Art tötet.
Dabei geht es nicht bloß um das Reservat eines konfessionell geprägten Religionsunterrichts, sondern schlichtweg um die Grundlagen unserer Gesellschaft, die Grundlagen unseres Zusammenlebens, die eindeutig aus christlicher Prägung, einem christlichem Menschenbild und aktiv praktizierten Toleranzbegriff resultieren. Oder anders gesagt: Würden nicht gerade die christlichen Kirchen mit ihrem liberalen Wertegerüst individuelle wie geistige Freiheitsräume garantieren, wäre besagter Raum überhaupt nicht existent gewesen. Ein einziger Blick auf die bittere Realität totalitärer Gesellschaftssysteme weltweit sollte genügen, um diesen Befund in Gänze zu bestätigen. Nicht nur die Bewahrung, sondern die proaktive Aneignung dieses in den vergangenen Jahrhunderten mühsamen erworbenen Erbes müsste daher im Interesse aller Akteure sein – auch derjenigen, die davon gewissermaßen indirekt profitieren. Was tun?
Der Autor als Universitätsdozent wie Schulleiter gibt dezidiert Antworten aus der eigenen Praxis in Form dreier didaktischer Anregungen, wie Bildung insbesondere auch im interreligiösen Dialog gelingen kann und arbeitet die notwendigen Bedingungen heraus. Persönliches Fazit: Wenn wir uns jetzt nicht den Herausforderungen stellen, werden wir absehbar auch das verlieren, was wir jetzt noch besitzen – das aber wäre ein anderes geflügeltes Goethezitat. Oder anders ausgedrückt: Es geht um die Fülle des Lebens.
Dr. Bernhard Grün
