Glanzvolles Jubiläum an historischer Stätte

„Geschenes zu erforschen, aus seinen Quellen zu schöpfen und Geschichte zu schreiben" - 100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Hochschulkunde (DGfH) an der Universität Würzburg

Studentengeschichte – ein besonderer Charme umgibt dieses Fachgebiet seit der Gründung einer ersten Gesellschaft zu seiner Erforschung, der Hochschulkundlichen Vereinigung, am 16. Februar 1922. Dies geschah auf Anregung von Paul Ssymank, und zwar in Göttingen. Seinen Reiz erregt dieses eigentümliche Gebiet nicht zuletzt dadurch, dass damit eine ganz eigentümliche Lebenswelt berührt wird, die sich in Deutschland und angrenzenden Ländern im Lauf von mehr als 200 Jahren als studentisches Korporationswesen in unzähligen, bunten Facetten seit Entstehen der ersten Landsmannschaften, Studentenorden, Corps und Burschenschaften, konfessionelle und schwarze Korporationen bis hin zu Schüler-, Ingenieur- und Damenverbindungen herausgebildet hat.

Letztlich hat eine autochthone Kultur studentischer Gesellung seit Gründung der Universitäten in Europa ihre Spuren hinterlassen, die Wurzeln sind mittelalterlich. Der Deutsche Idealismus, die Freiheits- und Nationalbewegung angesichts der Eroberung durch Kaiser Napoleon und die gesellschaftlichen Umwälzungen durch Progress einerseits und Kulturkampf andererseits waren wesentliche Marksteine, die die Herausbildung der Vielfalt heutiger studentischer Gemeinschaftsformen befördert und bewirkt haben. „Geschehenes zu erforschen, aus seinen Quellen zu schöpfen und Geschichte zu schreiben“ – mit diesen Worten umschrieb deswegen auch der Herausgeber der aus Anlass des sechzigjährigen Bestehens der Deutschen Gesellschaft für Hochschulkunde 1982 erschienenen Festschrift, Günther G. Schulte, treffend Wege und Ziele im auch unter Fachhistorikern wenig bekannten Feld der Studentengeschichte – im wahrsten Wortsinn vielfach eine terra incognita.

Studentengeschichte - alles andere als eine „Orchideenkunde"

Auch die Geschichte der heutigen Gesellschaft für Hochschulkunde selbst ist verschlungen und von Brüchen begleitet: Zwangsweise aufgegangen in dem am 26. Mai 1939 auf der Festung Marienberg auf Betreiben der damaligen Reichsstudentenführung eröffneten Institut für Studentengeschichte, wurde die DGfH dann auch endlich unter diesem Namen wiedergegründet am 26. November 1955 in Frankfurt am Main. Als Bestandteil der Würzburger Universitätsbibliothek wurden dem nunmehrigen Institut für Hochschulkunde die über den Krieg geretteten Archivgüter, Bücher und Couleurgegenstände aller Art übereignet. Im Jahr 1981 zog das Institut aus den viel zu klein gewordenen Räumen in der Alten Universität in das oberste Stockwerk der neu erbauten Universitätsbibliothek am Hubland, bis 2014 im Zuge des Abzugs der US-Armee das Gebäude der ehemaligen Würzburg American Elementary School frei wurde.

Aus diesem Grund hatte die DGfH am Freitag, dem 28. Oktober 2022, nachmittags um 15 Uhr zur Begrüßung auch zur Führung durch das Institut für alle Interessenten geladen, an die sich ein stimmungsvoller Begrüßungsabend im Hofkeller mit Weinprobe anschloss. Am Sonnabend dann die Fortsetzung des Festprogramms der DGfH mit einem gemeinsamen Mittagessen in den Bür-gerspital-Weinstuben; nachmittags wurden die Regularien mit Rechenschaftsberichten und Vorstandsneuwahl erledigt. Dies alles parallel zur 82. Tagung des Arbeitskreises der Studentenhistoriker mit wissenschaftlichen Vorträgen und eigenem gesellschaftlichem Rahmenprogramm. Unumstrittener Höhepunkt beider Tagungen war dann der Festakt der DGfH im barocken Ballsaal des Huttenschlößchens, das im Jahr 1722 von dem späteren Fürstbischof Christoph Franz von Hutten (1673-1729), dessen Porträt bis heute die Stirnseite des Saals ziert, als Sommerresidenz errichtet und seit 1884 im Besitz des Corps Rhenania. Die Schar der Gratulanten war groß, die Aufmerksamkeit der zahlreich versammelten Festgesellschaft gespannt. Nach Begrüßung durch den frisch gewählten DGfH-Vorsitzenden Frank Nowak und den wissenschaftlichen Leiter des IfH, Prof. Dr. Matthias Stickler, dankte Dr. Uwe Klug als Kanzler der Universität Würzburg den Vertretern der Korporationsverbände für ihre treue Verbundenheit, wovon das 2020 erschienene und nach dem von dem Theologen Bernhard Panzram gedichteten Loblied „Würzburgs Zauber“ benannte Buch eindrucksvoll zeuge. Der Oberbürgermeister der Stadt, Christian Schuchardt (CSU), schloss sich den Glückwünschen an.

Ein Hauch Donaumonarchie in Czernowitz

In beklemmender Aktualität entführte Prof. Raimund Lang die Anwesenden in seiner berührenden Festrede „Vom Ursprung eines Mythos – die Universitätsstadt Czernowitz“ hin an seinen persönlichen Sehnsuchtsort, den er seit den 1980er Jahren noch zu Zeiten der Sowjetunion verbunden mit großen bürokratischen und politischen Hürden über zwanzig Mal besucht hat. So zahlreich wie die Studenten aus allen Regionen Osteuropas an der 1875 gestifteten Franz-Josephs-Universität, so verschiedenartig auch die an ihr nach deutschem Vorbild gegründeten Verbindungen: bis zur Besetzung des siebenbürgischen Buchenlands, der seit 1918 rumänisch gewesenen Bukowina, im Jahr 1940 durch die Sowjetunion waren es insgesamt über hundert Korporationen aller Richtungen, darunter eine sehr prominente Reihe jüdischer Verbindungen. Derzeit existieren in Czernowitz, an der heutigen Jurij-Fedkowytsch-Universität, nur die beiden ukrainischen Verbindungen Obnowa und Bukowina.

Erkennbar freudig die Überraschung des scheidenden und jahrzehntelangen DGfH-Vorsitzenden Dr. Karsten Bahnson, dem vom Vorstand nicht nur die Ehrenmitgliedschaft zuerkannt, sondern in bleibender Erinnerung auch ein Ölporträt gewidmet wurde, das der so Geehrte spontan dem Institut übereignete. Der Leiter des Arbeitskreises der Studentenhistoriker (AKSt), Dr. Sebastian Sigler, bedankte sich sodann artig bei den großzügigen Gastgebern im Huttenschlößchen mit einem elfenbeinernen Gehstock Rhenanias, der von einem Aktiven des Corps stellvertretend in Empfang genommen wurde.

Während die DGfH das Jubiläum mit einem sonntäglichen Frühschoppen in den Juliusspital-Weinstuben ausklingen ließ, machten sich die Teilnehmer der Studentenhistorikertagung am Morgen auf den steilen Weg zum Germanenhaus am Nikolausberg, wo sie sich für einen anschließenden Besuch im „Käppele“ stärkten. Pater Winfried Schwab OSB, dort Conzelebrant einer Pilgermesse, sprach bei der folgenden Matinee im Kneipsaal des KStV Walhalla über die Priester im Deutschen Reichstag von 1871 bis 1918. Einstimmig beschloss der nach dem Mittagessen auf dem Walhallenhaus tagende Herbstconvent des Convents Deutscher Akademikerverbände (CDA) die Verleihung der Fabricius-Medaille – benannt nach dem Corpshistoriker Wilhelm Fabricius – an den Gründer und langjährigen Vorsitzenden der 1974 in Würzburg gegründeten Gemeinschaft für Deutsche Studenten-geschichte (GDS) sowie Leiter des Instituts für Deutsche Studentengeschichte (IDS) an der Universität Paderborn, Dr. Friedhelm Golücke. So vollbrachten die Studentenhistoriker in Würzburg ihre Arbeit, jeder auf seine Weise.

Dr. Bernhard Grün

 

Institut für Hochschulkunde

Die Deutsche Gesellschaft für Hochschulkunde (DGfH) trägt finanziell in weiten Teilen das Institut für Hochschulkunde (IfH) an der Universität Würzburg. Das Institut für Hochschulkunde vereint eine umfangreiche Forschungsbibliothek, mehrere Archive und breit gefächerte Sammlungen zu Fragestellungen der Universitäts-, Wissenschafts- und Studentenge- schichte. Seine Geschichte reicht bis in das Jahr 1922 zurück, es existiert in seiner gegenwärtigen Form seit 1954. 2006 wurde das IfH zum An-Institut erhoben, damit ist es Teil der Universität Würzburg geworden, obgleich es finanziell hauptsächlich durch die Deutsche Gesellschaft für Hochschulkunde (DGfH) getragen wird. Seit Juli 2014 befindet sich das IfH zusammen mit dem Universitätsarchiv und der Forschungsstelle Deutscher Orden in einem renovierten Gebäude auf dem Campus Nord. Das IfH steht der allgemeinen Benutzung für Forschungszwecke zur Verfügung.

www.phil.uni-wuerzburg.de/hochschulkunde/institut/