Nikolaus Kopernikus verbannte die Erde aus dem Zentrum des Universums - Kopernikus-Jahr 2023

Mit seinem Namen verbindet sich der Wechsel eines Weltbilds: Nikolaus Kopernikus (1473 bis 1543) verbannte die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums. Der Domherr aus Frauenburg im Ermland setzte das heliozentrische Weltbild dagegen, in dem sich die Planeten um die Sonne drehen.

Heute mag dieses Weltbild ebenfalls relativ erscheinen, denn die Sonne, die unsere Erde umkreist, ist nicht das Zentrum des Alls, sondern nur einer von Milliarden Sternen - so wie auch die Milchstraße nur eine von vielen hundert Milliarden Galaxien ist, die sich über den gesamten Kosmos verteilen. Aber der Abschied vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild war ein Schritt zu einer realistischeren Sichtweise des Universums. Am 19. Februar lagen 550 Jahre zurück, dass Kopernikus in der westpreußischen Stadt Thorn (heute Torun) zur Welt kam. Siebzig Jahre später starb er, kurz nachdem sein größtes Werk, „De Revolutionibus orbium coelestium”, zu deutsch „Über die Revolution der himmlischen Sphären”, erschienen war.

So befassen sich im Gedenkjahr 2023 viele Veranstaltungen, Forschungen und Studien mit Nikolaus Kopernikus. Ein wissenschaftliches Highlight bildet dabei der Nikolaus-Kopernikus-Weltkongress in Polen. Veranstalter sind die Nikolaus-Kopernikus-Universität Torun (Torun), der Ermland-Masuren-Universität Olsztyn (Allenstein), die Jagiellonen-Universität Krakau, das Tadeusz-Manteuffel-Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften, sowie die Historische Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung und die Copernicus-Vereinigung für Geschichte und Landeskunde. Die Eröffnungsveranstaltung fand am 19. Februar statt, dem 550. Geburtstag von Nikolaus Kopernikus.

Wissenschaft und Glaube miteinander versöhnen

Der Zufall spielte 2008 sein Puzzle-Spiel: Im Dom von Frombork, dem früheren Frauenburg, hatten Archäologen schon zwölf Gräber untersucht, von denen nicht klar war, wer hier bestattet sei. Im dreizehnten Grab wurden sie fündig. Dort stießen sie auf den Schädel eines Mannes, der zwischen sechzig und siebzig Jahre alt gewesen sein musste, als er starb. Ein DNA-Vergleich mit zwei Haaren aus einem Buch, das einst im Besitz des Gesuchten war und dann als Beutekunst der Polnisch-Schwedischen Kriege des siebzehnten Jahrhunderts in die Bibliothek der Universität Uppsala gelangt war, brachte im November 2008 Gewissheit: Dies war der Kopf von Nikolaus Kopernikus. Jacek Jezierski, der Bischof von Elblag, dem früheren Elbing, hatte die Suche nach den sterblichen Überresten des Nikolaus Kopernikus angestoßen. Zu Pfingsten 2010 wurden die Gebeine feierlich beigesetzt und der symbolische Wert dieser Handlung mit folgenden Worten betont: „Wissenschaft und Glauben können miteinander versöhnt werden”.

Bis heute wird bezweifelt, ob Kopernikus den astronomischen Umsturz, den er auslöste, tatsächlich beabsichtigt hatte, oder „bloß” die Planetenbewegungen besser berechnen und harmonischer darstellen wollte. Sein Biograf Jochen Kirchhoff sprach von einer „ungewollten Revolution”. Immerhin formulierte Kopernikus seine Ideen mitten in einer Zeit des Aufbruchs und der Grenzüberschreitungen: 1473, in Kopernikus' Geburtsjahr, stießen Europäer auf die Südhalbkugel der Erde vor. Eine portugiesische Expedition überquerte bei Afrika den Äquator. 1492, Kopernikus war neunzehn, entdeckte Columbus Amerika. Der Buchdruck wurde erfunden, Kunst, Architektur und Literatur blühten auf, mit dem Ruf „ad Fontes” - zurück zu den Quellen der antiken Texte - wandten sich die Humanisten gegen die gedankenlose Übernahme althergebrachter Weltbilder. ,,Oh Jahrhundert! Oh Wissenschaften: Es ist eine Lust, zu leben!" schrieb der Humanist Ulrich von Hutten.

Eigentlich hieß er Koppernigk oder Kopernik, doch in der Tradition der Humanisten latinisierte Nikolaus Kopernikus seinen Namen. Früh starb sein Vater, doch Nikolaus hatte das Glück, dass sich sein einflussreicher Onkel Lucas Watzenrode, später Bischof von Ermland, seiner annahm und ihn unterstützte.

Als der Kaufmannssohn aus Thorn 1491 sein Studium generale an der Universität Krakau aufnahm, stellte man sich das Weltall noch so vor, wie es im zweiten vorchristlichen Jahrhundert der Astronom Claudius Ptolemäus formuliert hatte: Das Zentrum des Universums bildet  die Erde, die Sonne und die Sterne umkreisen sie. Ptolemäus beschrieb den Bewegungsablauf der Planeten so, als seien diese Edelsteine, eingebettet in Schalen, die sich in unterschiedlicher Distanz über der Erde bewegten. Beobachtungen, die diesem Modell widersprachen, versuchte Claudius Ptolemäus dadurch zu interpretieren, dass er verborgene Zahnräder implizierte, die Kreise innerhalb der Planetenbewegungen beschrieben.

Doch schon in der Antike gab es entgegengesetzte „heliozentrische” Positionen: So versuchte Aristarchos von Samos, die Masse und Distanz von Erde und Mond abzuschätzen und folgerte daraus, dass die viel kleinere Erde um die Sonne kreisen müsse, gerade so, wie der Mond um die Erde kreist. Doch aufgrund des Einflusses des Philosophen Aristoteles, der davon ausging, dass Wahrheit selbstverständlich sein müsse, wurden die Theorien des Aristarch verworfen. Für Aristoteles war nichts selbstverständlicher, als dass sich die Erde nicht bewegt. Und weil das geozentrische Weltbild so nahe an der täglichen Erfahrung des Betrachters war und nicht der Bibel widersprach, übernahm auch die Kirche diese Sicht und verteidigte sie entschieden.

Mathematik hatte Kopernikus an der Universität Krakau bei Professor Albert Brudzewski gehört, der ihn das Ptolemäische Weltsystem in Bezug auf die Struktur des Sonnensystems lehrte. Inspiriert von Brudzewski, aber doch von seiner Lehrmeinung über diese Dinge verunsichert, schrieb sich Kopernikus an der Universität von Bologna auch für Studien in Astronomie ein, während er eine Promotion in Kirchenrecht anstrebte. Um seine wirtschaftliche Basis für die weitere Ausbildung zu sichern, machte ihn sein Onkel, nun Bischof von Ermland, zum Domherrn von Frauenburg. Dies machte es Kopernikus möglich, noch sieben Jahre in Italien zu studieren, darunter auch Medizin.

Ptolemäus und Aristarch

Hier, im Stammland der Renaissance, traf er auf kritische Geister, die sich von überkommenen Vorstellungen lösen wollten. In Bologna, wo er Jura studierte, schloss er sich dem Astronomen Domenico Novara an, der an der ptolemäischen Astronomie zweifelte. Hier dürfte Kopernikus auch von den Überlegungen des Aristarch gehört haben.

Ausgestattet mit vielen akademischen Ehren, dem Doktorat in Kirchenrecht und der Berechtigung, als Arzt zu praktizieren, kehrte Kopernikus nach Hause zurück und arbeitete für seinen Onkel, den Bischof, als Assistent und persönlicher Arzt, bis dieser 1512 verstarb. In der Zwischenzeit hatte er im Verborgenen astronomische Beobachtungen gemacht, die das System des Ptolemäus in Frage stellten. Nach dem Tod des Bischofs zog Kopernikus als Domherr und Kanzler des Domkapitels nach Frauenburg.

Dort begann er mit der Niederschrift jenes Werkes, das die Bewegung der Himmelskörper erklären und das Weltbild verändern sollte. Wie der Astronom Aristarch, war auch Kopernikus zur Ansicht gelangt, dass sich die Abweichungen der Planetenbahnen von den komplizierten Berechnungen des Ptolemäus am besten durch die Drehung der Erde um ihre Achse und eine Umlaufbahn um die Sonne darstellen lassen. Doch anders als Aristarch suchte Kopernikus, dies auch mit Hilfe von Berechnungen zu beweisen.

Kopernikus war klar, dass seine Sicht der Dinge viele Menschen verunsichern würde. Und weil ihm sein Amt als Domherr in Frauenburg eine finanziell gesicherte Existenz ermöglichte, nahm er sich Zeit, seine Sicht der Dinge ausreichend zu begründen. Nur wenigen interessierten Fachleuten ließ er seine Thesen zukommen, eher nutzte er die Zeit, sie durch mathematische Berechnungen und Beobachtung zu beweisen.

Selbst eine Anfrage von Papst Leos X. nach Reformvorschlägen für den Kirchenkalender im Jahr 1514 bewegte ihn nicht dazu, seine Forschungsergebnisse öffentlich bekannt zu machen. Stattdessen forschte und rechnete er weiter und teilte erst einige Jahre später Papst Paul III. jene Ergebnisse mit, die zur Grundlage des Gregorianischen Kalenders wurden.

Unausgereifte Theorien?

1530 schloss Kopernikus sein im wahrsten Sinne des Wortes revolutionäres Werk „Über die Kreisbewegung der Himmelskörper“ ab, lautet doch dessen lateinischer Titel „De revolutionibus orbium coelestium“. Freilich hatte Kopernikus mit diesem Titel wohl eher die Bewegung als den Umsturz im Sinn, das wissenschaftliche Weltbild seiner Zeit brachte dieses Werk allerdings dennoch gründlich durcheinander - freilich nicht sofort. Denn obwohl die  Vorlesungen, in denen Kopernikus seine Forschungen vorstellte, erfolgreich waren, wartete er noch dreizehn Jahre ab, bis er sein Werk öffentlich vorstellte. Allem Anschein hielt Kopernikus seine Theorie noch nicht für ausgereift genug - was im nachhinein auch zutrifft. Denn zutreffend war nur seine Annahme einer Zentralstellung der Sonne und der Planetenumläufe, ansonsten ging Kopernikus wie die bisherige Astronomie davon aus, dass sich alle Himmelskörper gleichförmig auf Kreisbahnen bewegen. Tatsächlich bewegen sie sich ungleichförmig auf Ellipsenbahnen - aber dies fand erst Johannes Kepler mehr als sechzig Jahre nach Kopernikus´ Tod heraus.

Erst als Papst Clemens VII. 1534 bat, das Werk endlich drucken zu lassen, gab Kopernikus nach. Interessanterweise waren es vor allem protestantische Theologen, die die These vom heliozentrischen Weltbild angriffen, vor allem aus dem Bestreben heraus, alles allein auf der Basis der Bibel zu bewerten und sie auch dort wörtlich zu nehmen, wo Bibelworte zeitbedingt waren. So soll Martin Luther in einer Tischrede gegen Kopernikus als den Forscher gewettert haben, der verbreite, dass die Erde sich bewege - wo doch schon die Bibel berichte, dass Josua die Sonne stillstehen hieß, nicht die Erde - also müsse sich die Sonne vorher bewegt haben.

Obwohl sich Kopernikus' Erkenntnisse nur langsam verbreiteten, nahmen viele Wissenschaftler seine Berechnungen erfreut auf, denn sie waren einfacher als die Modelle des Ptolemäus. Kopernikus selbst hat wegen seiner Arbeiten keinerlei Schwierigkeiten bekommen. Umstritten ist, ob er die Veröffentlichung seines Werkes noch bewusst wahrnahm. Denn 1542 erlitt er einen Schlaganfall und blieb von da an halbseitig gelähmt. Dass sein so sorgfältig gestaltetes, immer wieder verbessertes Manuskript ohne sein Wissen noch vor der Drucklegung von dem lutherischen Theologen Andreas Osiander bearbeitet wurde, scheint er nicht mehr realisiert zu haben. Glücklicherweise. Denn Osiander verwässerte die Aussagen des Kopernikus und eliminierte wesentliche Passagen. Damit verlangsamte er die Wirkung von „De Revolutionibus“ – bremsen oder aufhalten konnte er sie nicht. Auch wenn Gelehrte, die an Kopernikus anknüpften, die Macht der Kirche zu spüren bekamen - am schlimmsten Giordano Bruno, der als Ketzer verbrannt wurde. Als Galileo Galilei seine Entdeckungen mit dem Fernrohr als Bestätigung der neuen Lehre ansah, wurde die Inquisition aufmerksam: 1616 kamen die Schriften des Nikolaus Kopernikus auf den Index der verbotenen Bücher – bis sie „korrigiert“ seien, wie es hieß. An den offensichtlichen Fakten änderte das nichts und so musste die Inquisition korrigiert werden: 1835, mehr als zwei Jahrhunderte nach dem Verbot, wurden die Ideen des Kopernikus wieder zugelassen – zutreffend waren sie aber stets gewesen.

Das ewige Schweigen der unendlichen Räume

Siegmund Freud hat Kopernikus Entdeckung, die die Erde und damit den Menschen aus dem Mittelpunkt der kosmischen Weltordnung gerückt hat, als erste unter den drei großen Kränkungen der Menschheit bezeichnet. Zumal die Kosmologie den Menschen im Laufe der Zeit immer weiter aus der Mitte des Universums gerückt hat: Nahm bei Kopernikus noch die Sonne den Mittelpunkt des Universums ein, musste sie diesen Raum fünfzig Jahre später räumen, als Galilei die Struktur der Milchstraße entdeckte und in ihr eine Vielzahl von Sternen entdeckte, unter denen auch unsere Sonne keinen besonderen Rang mehr beanspruchen kann. Damit nicht genug: Heute zählen Astronomen hundert bis dreihundert Milliarden Sterne in unserer Milchstraße. Und unsere Milchstraße ist nur eine unter zwei bis drei Billionen Galaxien, die Astronomen seit einer neuen Schätzung im beobachtbaren Universum vermuten. Einer der ersten, dem diese kosmischen Dimensionen zu denken gaben, war der Mathematiker Blaise Pascal. „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich”, schrieb er in seinen „Gedanken über die Religion”. Und wirklich zeigen die sich stetig ausdehnenden Grenzen unserer Welt, wie sehr der Mensch das Ausmaß der Schöpfung unterschätzt hat.

Mit jeder neuen Entdeckung hat sich die Macht des Schöpfers als größer erwiesen, als sich der Mensch dies bis dahin vorstellen konnte. Aber mag der Mensch auch dem Philosophen Jacques Monod als „Zigeuner am Rande des Universum” erschienen sein, er bleibt theologisch derjenige, dem sich Gott als ein Gegenüber geschaffen hat, in dem sich die Gemeinschaft zwischen Gott und seiner Schöpfung ihre definitive Gestalt findet. Das Erstaunen, dass der Mensch als Staub des Universums dennoch Gottes Aufmerksamkeit findet, ist jedenfalls nicht neu: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast, was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?” fragt der Beter in Psalm 8 - und sein Staunen ist seither immer größer geworden. Nikolaus Kopernikus hat dazu einen Impuls gegeben.

Reinhard Nixdorf (Nm-W)

Ein großer Europäer

Der Ruhm des Nikolaus Kopernikus bewirkte, dass er weit nach seinem Tod von Deutschen wie von Polen für ihre Nation beansprucht wurde. Der polnische Anspruch stützt sich dabei unter anderem auf die Tatsache, dass seine Heimat damals zum polnischen Königreich gehörte und er dieses Gebiet gegen Angriffe durch den Deutschen Orden verteidigte. Dem wird von deutscher Seite entgegengehalten, dass von Kopernikus zwar Aufzeichnungen auf deutsch, nicht aber auf polnisch erhalten sind.

Hinzu kommt, dass sein Vater Schöffe in Thorn war, was damals Deutschen vorbehalten war. Von Kopernikus ist nicht bekannt, ob er sich zu der einen oder anderen Nation bekannt hat, vielleicht war ihm das auch nicht besonders wichtig. Heute kann man ihn als Europäer sehen, der ausschließlich auf Latein, der internationalen Sprache der Gelehrten, schrieb und der sich der Kirche, dem übernationalen Band Europas, ebenso verbunden fühlte wie der humanistischen Republik des Geistes und der Wissenschaft.