Christliche Gesichtspunkte zum aktuellen Kriegsgeschehen in der Ukraine

Der Pazifismus ist seit Beginn des Christentums dessen größte politische Herausforderung. „Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.” „Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.” (Mt 5,5; 5,9). Diese Worte Jesu aus der Bergpredigt hallen in der abendländischen Geistesgeschichte ebenso nach wie seine Aufforderung „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!” (Mt 5,39).

Aber weshalb fordern diese Sätze so heraus? Es ist sicher nicht ihre Verständlichkeit oder die fak-tische Unmöglichkeit, ihren Inhalt zur Anwendung zu bringen. Es ist wohl eher der Umstand, dass sie so quer zu unseren Alltagsüberzeugungen liegen: Ein Sanftmütiger wird nichts gewinnen und nichts erben, denken wir. Oder: Kinder Gottes können wir nur sein, wenn wir unseren Gott auch gegen seine vermeintlichen Gegner verteidigen. Oder: Wer nach der rechten auch noch die linke Wange hinhält, dem wird auch noch auf den Bauch geschlagen oder in die Beine getreten werden. Die Botschaft Jesu stört den öffentlichen Diskurs; das war früher nicht anders als heute, wo wir wieder mit Aggression und Krieg mitten in Europa konfrontiert sind. Kirchliche Vertreter sollten nicht aus Sorge, nach den Missbrauchs- und Finanzskandalen im öffentlichen Image noch mehr ins Hintertreffen zu geraten, ihre Stellungnahmen an das von der Menge Erwartete anpassen. Papst Franziskus hat hier ein gutes Vorbild geliefert, indem er sich pauschaler Schuldzuweisungen enthält und dennoch das Unrecht des Krieges nicht leugnet.

Wenn eine bis zur Eskalation entschlossene Machtclique in Moskau bereit ist, die etablierte völkerrechtliche Ordnung, die von ihr selbst jahrzehntelang in der Praxis akzeptiert wurde, durch einen Angriffskrieg mitten in Europa zu torpedieren, so ist es zum einen verständlich und zum anderen wohl angemessen, darauf mit einem gewissen Maß an Zorn zu reagieren. Schließlich bringt dieser Krieg unendlich viel Leid über unzählige Menschen. Christentum fordert nicht, Unrecht hinzunehmen wie eine Naturkatastrophe. Auch Jesus selbst „stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler“ im Jerusalemer Tempel um, weil er es empörend fand, wie „aus dem Haus des Gebetes für alle Völker“ „eine Räuberhöhle“ geworden ist (Mk 11,15-17). Aber der Zorn und der in ihm liegende Drang nach Vergeltung bringen eben auch eine sehr problematische Seite unseres Moralbewusstseins zum Vorschein, nämlich dort, wo wir uns am Schaden freuen, den ein anderer empfängt, weil wir diesen Schaden als die gerechte Strafe für die Unrechtstaten empfinden. Ein solcher Zorn ist schon bei zwischenmenschlichen Beziehungen keine Haltung, die in die (gemeinsame) Zukunft weist, aber erst recht versagt sie bei politischen Vorgängen, denn dort sind Kollektive betroffen, und Kollektivierungen sind ihrerseits immer ungerecht gegenüber der Singularität jeder einzelnen Person. Es ist traurig, wenn in der öffentlichen Berichterstattung über den derzeitigen Krieg die Zahl der getöteten russischen Soldaten mit einem triumphierenden Unterton vorgetragen wird, weil der Vergeltungswille eine Genugtuung darin erlangt, dass der Aggressor nun seine Quittung bekommt. Was wissen wir über den einzelnen russischen Soldaten, der selbst vielleicht nur widerwillig oder in Unkenntnis der wirklichen politischen Umstände von seiner eigenen Regierung in diesen Kampf geschickt worden ist? Wir können auch nicht von der Lauterkeit der Motive bei jedem ukrainischen Soldaten überzeugt sein. Nur weil man gegen eine aggressive und in diesem Sinne schlechte oder ‚böse‘ Konfliktpartei kämpft, gehört man noch nicht selbst unbedingt zu den ‚Guten‘. Putin und seine Gefolgsleute haben diesen Krieg vom Zaun gebrochen und sind in erster Linie für seine fürchterlichen Folgen verantwortlich. Man darf sich zurecht wünschen, dass sie für dieses enorme Verbrechen vor ein weltliches Gericht gestellt werden. Aber jede und jeder, der den Krieg am Laufen hält, hat auch eine bestimmte Verantwortung für sein oder ihr Handeln.

Wir kommen hier zu einem sehr ernsten Problem in der Ethik von verteidigender Gewalt. Auch viele neuere Texte aus kirchlichen Kontexten rechtfertigen die (Gegen-)Gewalt der Ukrainer mit einem Verweis auf die Selbstverteidigung, zu der sie der Charta der Vereinten Nationen zufolge berechtigt sind. Dieses Recht wird auch aus christlich-moralischer Perspektive nicht generell in Frage gestellt, aber es ist deutlich komplexer, als es den Anschein hat.[1] Zunächst ist nämlich das Recht auf Selbstverteidigung ‘nur’ ein Recht, was bedeutet, dass die praktische Frage, ob man sich tatsächlich verteidigen soll, erst einmal offenbleibt. Zur Ausübung eines Rechtes ist man gerade nicht gezwungen wie zur Ausübung einer Pflicht. Zweitens hat das Recht auf Selbstverteidigung auch Grenzen, nämlich z. B. dort, wo Selbstverteidigung nur möglich wäre um den Preis, unbeteiligte dritte Personen unverhältnismäßig zu schädigen. Aber Selbstverteidigung kann auch falsch sein, wenn der Angreifer eben einem Irrtum unterliegt oder durch Druck zu seinem Handeln veranlasst wurde. Auch Kinder, die noch keine rechte Verantwortung für ihr Handeln übernehmen können, sind nicht einfachhin angreifbar, selbst wenn sie z. B. als instrumentalisierte Kindersoldaten eine Gefahr darstellen. Es ist nicht von einem Schreibtisch aus zu bestimmen, wo die jeweiligen Grenzen der legitimen Gewalt liegen, aber es ist sicherlich so, dass in vielen Fällen auch Angreifer, die Unrecht tun, zumindest teilweise entschuldigt sind, so dass es ethisch richtig sein kann, auch als Angegriffener eigenes Risiko auf sich zu nehmen und möglicherweise in bestimmten Fällen auf Selbstverteidigung ganz zu verzichten. Vielleicht kann man Jesu‘ Gebot der Feindesliebe (Mt 5,44; Lk 6,27) in bewaffneten Konflikten so auslegen, dass man dem Gegner ‚hermeneutisch benevolent‘ gegenübertritt, d. h. in ihm nicht die Verfehlung sucht, sondern diejenigen Faktoren, die ihn entschuldigen, selbst wenn er auf der Seite des Aggressors kämpft.

Das bringt uns nämlich zur nächsten heiklen Frage: Was ist das für ein ‚Selbst‘, das in Kriegen verteidigt wird? Ein Staat, ein Volk, eine politische Gemeinschaft, eine Nation? Natürlich muss die Frage erlaubt sein, ob ‚nationale Unabhängigkeit‘ bereits die vielen menschlichen Opfer eines Krieges rechtfertigt. Der Nationalgedanke als solcher begründet ethisch wohl kaum den Einsatz von Gewalt, und sei sie in ‚Selbstverteidigung‘ ausgeübt. Etwas anderes steht aber mit der politischen Freiheit als ganzer auf dem Spiel, wenn also ein aggressiver Staat nicht nur Territorium, sondern auch Menschen schlechthin unterwerfen will. Und noch einmal etwas ganz anderes steht auf dem Spiel, wenn ein Angreifer eine Absicht zu einem Genozid erkennen lässt. An solchen Punkten kommt bestimmt auch christlicher Pazifismus an eine Grenze, und der Einsatz von Gegengewalt wird – bei allem Schmerz, den man darüber auch empfinden wird – zu einer ethisch legitimen Möglichkeit und vielleicht sogar zur Notwendigkeit.

Christlicher Einsatz gegen den Krieg und für den Frieden setzt bei jeder und jedem selbst an, wie insbesondere die Botschaften der Päpste zum Weltfriedenstag immer wieder neu betonen.[2] Wir müssen vor allem unsere Bedürfnisse hinterfragen, denn in überbordenden Bedürfnissen liegt immer eine Quelle für Konflikte. Dass der hohe Energieverbrauch in der westlichen Welt schwerwiegende ökologische Konsequenzen mit sich bringt, ist uns ja immerhin bekannt, auch wenn wir vielfach noch nicht entschieden genug danach handeln. Aber nun haben wir ebenfalls gelernt, dass dieser hohe Energieverbrauch auch unsere Abhängigkeiten von totalitären Staaten zementiert hat, sodass wir mit hineingenommen werden in die Verantwortlichkeit für aggressives Verhalten, das bei solchen Staaten seinen Ausgangspunkt nimmt – weil wir damit eben auch Teil der Kräfte sind, die den Krieg (wie oben gesagt) am Laufen halten. Für den antiken Philosophen Aristoteles war Autarkie, also die Möglichkeit, sich selber versorgen zu können, eine materielle Grundvoraussetzung für eine gelingende Polis, also eine politische Gemeinschaft. Immanuel Kant hat geglaubt, dass durch wechselseitigen Handel der globale Frieden befördert werden kann. Beides ist richtig, aber Kants These wäre missverstanden, würde man sich bei Grundbedürfnissen so sehr voneinander abhängig machen, dass man sich sogar von Aggressoren nicht mehr befreien kann. Längst haben sich bei uns die Maßstäbe verschoben. Viele Leute fühlen sich als ökologisch bewusste Menschen, weil sie ‚nur‘ zwei oder drei Urlaubsreisen jährlich unternehmen, aber bei anderen sehen, dass diese noch öfter unterwegs sind. Ähnlich läuft es bei Nahrung oder Kleidung; es muss nicht jedes Jahr eine neue Grundausstattung sein. Friedensgefährdend sind unsere überbordenden materiellen Bedürfnisse auch deshalb, weil sie uns immer weniger Zeit für echte Mitmenschlichkeit lassen. So wird die Pflege von alten und hilfsbedürftigen Menschen mehr und mehr von den Einzelnen selbst auf ein marktwirtschaftliches System ausgelagert. Auch das Problem der zunehmenden Vereinsamung ist wohl in seiner ethischen Dimension noch nicht ausreichend begriffen. Das, was an Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander fehlt, wird dann durch den Konsum von Gütern zu kompensieren versucht; ein Unterfangen, womit wieder nur neue Ressourcen verbraucht werden und dennoch keine echte Befriedigung, wie sie uns gelingende Mitmenschlichkeit verschafft, erzielt wird.

In einer gewissen Weise ist es ein Glück, dass für die meisten Menschen in Deutschland Kriege zunächst einmal nur Geschehen sind, die sie aus den Medien wahrnehmen. In einer anderen Hinsicht aber ist genau dies auch wieder problematisch, denn die mediale Darstellung eines Konflikts ist längst schon selbst ein Instrument geworden, Konflikte auszutragen. Dieser Umstand lässt jeden, der sich von einem Krieg ein Bild machen und dabei ernsthaft bleiben will, recht ratlos zurück. Wem kann man glauben? Wo liegt die Ursache eines Geschehens? Was läuft im Hintergrund ab? Selbst Gewaltmittel einzusetzen oder jemand mit (offensiven) Gewaltmitteln auszustatten ist ein massiver Schritt. Man sollte sich, bevor man zu solchen Maßnahmen greift, sehr sicher sein, dass man dem geschehenen Unrecht durch solche Handlungen nicht noch weiteres Unrecht hinzufügt. Am Ende gilt nämlich immer eine Präsumtion (Prima-Facie-Pflicht) gegen die Gewalt.

Fragen von Krieg und Frieden sind Fragen von vielfachen Abwägungen, die keine einfachen Antworten haben. Neben der Suche nach den rechten Handlungsgängen, die wir einschlagen sollten, tritt auch die Suche nach der rechten Haltung. Im politischen Leben ist viel gewonnen, wenn alle Parteien bereit sind, sich an fair vereinbartes Recht zu halten. Aber in ethischer Hinsicht reicht die bloße Rechtsbindung nicht aus. Der christliche Anspruch besteht darin, dass eine andere Person nicht nur als Rechtssubjekt anerkannt wird, sondern dass man sich der oder dem anderen als Mitmensch – liebend – zuwendet. Christlicher Friede ist Frieden durch und in Nächstenliebe (caritas). Frieden ist kein ‚Produkt‘ unseres Handelns, das wir im Modus des Herstellens erzeugen könnten. Frieden ist nicht einfach nur Resultat, sondern auch Grundlage von sozialem Handeln. In einem vollen Sinne ist er für die Christin oder den Christen nicht ‚machbar‘, sondern verheißen (vgl. Joh 14,27). Deshalb ist das Gebet um den Frieden nicht ein zynisches Nichtstun und ein Im-Stich-Lassen der Opfer, sondern eine Anerkennung des Umstands, dass unser Handeln beschränkt ist und dass wir nicht selbst die Geschichte an das Ziel führen können und müssen, das Gott für unsere Welt vorgesehen hat.

Die Botschaft Jesu irritiert den öffentlichen Diskurs, wurde oben gesagt. Aber vermutlich ist genau diese Irritation notwendig, wenn „der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt aufgebrochen werden“ soll. Der verstorbene Freiburger Moraltheologe Kb Prof. Dr Eberhard Schockenhoff (Bsg) sah im Gebot der Feindesliebe eine „politische Vernunft“: „Es ist das wichtigste und mutigste Werk der Feindesliebe, einen <wagemutigen, ungesicherten ersten Schritt des Wohlwollens auf den anderen zu> zu gehen, der diesen zum Einlenken ermuntern soll.“[3]

Professor Dr. Bernhard Koch
 

[1] Worauf der kluge Text von Annette Kurschus "Jenseits von Eden" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 07. Juni 2022 (Seite 7) dankenswerter Weise auch hinweist
[2] Vgl. Merkl/P. Körbs/B. Koch (Hrsg.): Die Friedensbotschaften der Päpste. Von Paul VI. bis Franziskus, Freiburg i. Br. (Herder) 2022
[3] Eberhard Schockenhoff: Kein Ende der Gewalt? Friedensethik für eine globalisierte Welt, Freiburg (Herder) 2018, 557 (mit Binnenzitat von Rupert Scheule, Anm. 157).