Für seine Landsleute wurde er zur Leitfigur
Im April jährt sich der Geburtstag von Kb Weihbischof Joseph Ferche zum 145. Mal. In der aussichtslosen Situation der belagerten Stadt Breslau versuchte er im Mai 1945 zusammen mit evangelischen Pfarrern, den Stadtkommandanten von Breslau, General Niehoff, dazu zu bewegen, den sinnlosen Kampf einzustellen, um das Leiden der Bevölkerung Breslaus zu beenden. Kurz vor der deutschen Gesamt-Kapitulation stellte Niehoff die Kampfhandlungen ein. Die Russen, die Tausende von Soldaten bei der Belagerung verloren hatten, hielten sich nicht an die versprochene gute Behandlung der Breslauer und nahmen Rache. Dennoch wurden durch den mutigen Entschluss Ferches und der evangelischen Pfarrer, den Kommandanten zur Aufgabe zu bewegen, sicher sehr viele Menschenleben gerettet und die Stadt vor ihrer völligen Zerstörung bewahrt.
Wie den meisten Schlesiern blieb auch Ferche die Vertreibung nicht erspart. Aber gläubig stellte er sich diesem Geschick und wurde für seine vertriebenen Landsleute zum Tröster und zur Leitfigur.
Joseph Ferche kam am 9. April 1888 in der 1922 polnisch gewordenen oberschlesischen Bergarbeiterstadt Pschow im damaligen Kreis Rybnik zur Welt. Schon von Jugend an hatte er die Absicht, Priester zu werden und nahm als Schüler regelmäßig an den Gymnasiasten-Exerzitien in der Wallfahrtsgemeinde Grulich, der östlichsten Stadt Böhmens im Adlergebirge, teil. Vom Gymnasium im benachbarten Gleiwitz aus ging der Abiturient mit neunzehn Jahren in das Theologen-Konvikt in Breslau, um an der Schlesischen Friedrich-Wilhelm-Universität bis 1910 katholische Theologie und Philosophie zu studieren.
Ein Beitritt zu einer Studentenkorporation war Theologiestudenten aufgrund der strengen Hausordnung der Konvikte und Seminare damals in der Regel nicht möglich, sodass Joseph Ferche nur in seiner Freizeit bei Alania verkehren konnte, dennoch gehörte er ihr, auch nach der Reaktivierung in Aachen, bis zu seinem Tod an. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er außerdem Ehrenphilister bei Unitas-Breslau zu Köln und Arminia-Bonn.
Von Oktober 1910 an setzte er seine Ausbildung im Breslauer Priesterseminar fort. Am 22. Juni 1911 wurde er von Georg Kardinal Kopp mit mehr als siebzig weiteren Kandidaten zum Priester geweiht.
Seine erste Verwendung als Kaplan erfolgte ab dem 5. August in der gemischt-sprachigen oberschlesischen Industriegemeinde Schomberg. Die polnische Sprache hatte Joseph Ferche erst im Konvikt erlernt. Zum 18. September 1914 wurde er nach Königshütte in Oberschlesien versetzt, wo er bis 1922, seit 1921 als Kuratus, wirkte. Nach der Abtrennung Ost-Oberschlesiens vom Deutschen Reich verließ Joseph Ferche 1922 Königshütte.
Zum 1. Oktober 1922 wurde er zum Pfarrer in Ohlau, einer zu zwei Dritteln protestantischen Stadt, ernannt, am 1. Juni wurde er Pfarrer der Kreisstadt Cosel. Am 30. September 1931 wurde Joseph Ferche zum Domkapitular eingeführt, seit dem 15. Oktober war er als Generalvikariatsrat in der Diözesanverwaltung tätig. Seit 1933 war er Diözesanförderer der Katholischen Aktion, seit 1936 Leiter des Diözesan-Bonifatiusvereins und ab 1939 Bischöflicher Kommissar für das Olsagebiet, das mit dem Sudetengebiet an das Deutsche Reich gekommen war.
Am 16. August 1940 wurde Joseph Ferche von Papst Pius XII. zum Titularbischof von Vina und Weihbischof in Breslau ernannt und am 29. September im Dom zu Breslau zum Bischof geweiht. Am 30. Januar 1941 wurde er zum Rat der Kurialkanzlei ernannt und gehörte nun zu den engsten Mitarbeitern des Erzbischofs.
Während einer Visitations- und Firmreise in das Olsagebiet im Jahr 1942 kam es wegen einiger Worte in polnischer und tschechischer Sprache, die Ferche an die Anwesenden richtete, zur Konfrontation mit dem Reichssicherheitshauptamt der SS, das gegen ihn ein Redeverbot für ganz Deutschland verhängte und ihn aus Schlesien auswies. Erst Interventionen von Bischof Heinrich Wienken und Kardinal Adolf Bertram konnten die Durchführung verhindern.
Während der Belagerung Breslaus durch die Rote Armee bis Mai 1945 blieb Joseph Ferche in der Stadt. Wie weitere deutsche Städte im Osten hatte Hitler auch Breslau im Sommer 1944 in einem Geheimbefehl zur Festung erklärt, die die Rote Armee auf ihrem Weg nach Berlin binden sollte. Selbst nachdem sich Hitler am 30. April 1945 umgebracht und Berlin kapituliert hatte, ging der Kampf um die zerbombte Hauptstadt Schlesiens weiter. Gauleiter Hanke regierte durch blanken Terror, ließ Durchhalteparolen verbreiten und jeden erschießen, der am Endsieg zweifelte.
In dieser Situation gehörte Weihbischof Ferche zusammen mit dem evangelischen Stadtdekan Professor Dr. Joachim Konrad und ihren Begleitern Kanonikus Kramer und Pfarrer Hornig zu der Gruppe, die am 4. Mai 1945 den Festungskommandanten General Niehoff angesichts der verzweifelten Lage der Zivilbevölkerung zu bewegen suchte, sich zur Kapitulation zu entschließen und den aussichtslos gewordenen Kampf zu beenden. Zwar verfehlte die Begegnung ihren Eindruck nicht, doch hatte sie zunächst keinen Erfolg, zumal die Gauleitung davon erfuhr. Erst am 7. Mai kam es zur Kapitulation. Nach Zeugenaussagen ist es sicher, dass die Vorsprache der Geistlichen die Leidenszeit der Belagerung abkürzte und den übrigen Rest von Breslau vor der endgültigen Vernichtung bewahrte.
Als die Waffen schwiegen, blieb Weihbischof Ferche weiterhin in Breslau. An allen Entscheidungen des Domkapitels in der Folge des Todes von Kardinal Bertram nahm er teil, soweit das Domkapitel beteiligt war.
Mit Genehmigung des polnischen Administrators Karl Milik nahm er auch nach dem erzwungenen Jurisdiktions-Verzicht von Kapitelsvikar Ferdinand Piontek weiterhin bischöfliche Funktionen wahr und entfaltete eine segensreiche Tätigkeit bei der Betreuung der schutzlosen deutschen Bevölkerung, bis auch er am 15. September 1946 ausgewiesen wurde und zunächst in ein Umsiedlungslager in Brandenburg an der Havel verbracht wurde.
Nach seiner Entlassung firmte er in der sowjetischen Zone an vielen Orten, im Görlitzer Restteil der Erzdiözese Breslau und im Auftrag der Bischöfe von Fulda und Würzburg. Vorübergehend ließ er sich in Erfurt nieder. Doch seine Absicht, im mitteldeutschen Raum zu bleiben, in dem zahlreiche vertriebene Schlesier ihre Zuflucht gesucht hatten, war nicht zu verwirklichen. Seine den zuständigen Bischöfen angebotenen Dienste wurden nicht akzeptiert. Dagegen war Josef Kardinal Frings, an den er sich nun wandte, sofort bereit, Joseph Ferche als Kölner Weihbischof zu akzeptieren. Im Februar 1947 erklärte Joseph Ferche gegenüber Kapitularvikar Piontek seinen Verzicht auf die Breslauer Domherrenstelle, am 27. März 1947 wurde er von Papst Pius XII. zum Weihbischof in Köln ernannt.
Am 1. Juli 1947 trat er sein Amt in Köln an. Mit Wirkung vom 15. Juli wurde er zum Domkapitular und zusätzlich zum Erzbischöflichen Rat und Prosynodalrichter ernannt. 1950 übernahm er auch noch den Vorsitz des Diözesancaritasverbands und es war erstaunlich, mit welcher Schnelligkeit Weihbischof Ferche die Erzdiözese Köln kennenlernte.
Es ist gut zu verstehen und es gehörte auch zu seinem Auftrag, dass er sich besonders der Heimatvertriebenen und in erster Linie seiner schlesischen Landsleute annahm. In den achtzehn Jahren, die er im Westen Deutschlands wirkte, wurde er geradezu zum Mittelpunkt für die Heimatvertriebenen, besonders für die Schlesier.
Eine große Ehre war es für ihn, dass er an mehreren Sitzungen des Zweiten Vatikanischen Konzils teilnehmen konnte. Sein Wirken erfuhr nach dem Krieg vielfach Anerkennung. Seit 1954 war er Ehrendomherr des Domkapitels von Tarbes-Lourdes. Für sein soziales und seelsorgerisches Wirken für die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen wurde ihm 1958 das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. 1961 wurde er von Papst Johannes XXIII. zum Päpstlichen Thronassistenten ernannt.
Weihbischof Ferche starb wenige Tage vor seinem Silbernen Bischofsjubiläum und wurde am 25. Jahrestag seiner Bischofsweihe, dem 29. September 1965, in der Domherrengruft vor dem Ostchor des Kölner Doms beigesetzt. Das Totenrequiem hielt der päpstliche Nuntius Erzbischof Bafile.
Der Bischof wuchs im Umbruch der Zeiten, im Chaos des Untergangs der von den Nationalsozialisten zur Festung erklärten Stadt Breslau zu einem Kirchenführer, der die militärische Niederlage in jener einzigartigen Weise durchstand, wie man sie von Fürsten der Kirche in alten Hagiographien liest. Er war für seine Landsleute, die mit ihm das Inferno überlebten, ein Leitbild. Er hat sich für ihre Überführung in das zerteilte Rumpfdeutschland - bei aller Tragik letztlich auch eine physische Rettung der deutschen Katholiken im Osten Deutschlands - mit aller Kraft eingesetzt.
Ruprecht van de Weyer (Gst, Rh-Bor, Tir) / RN



In der aussichtslosen Lage der belagerten Stadt Breslau versuchte Weinbischof Joseph Ferche (9. April 1888 - 29. September 1965) im Mai 1945 zusammen mit evangelischen Pfarrern, den Stadtkommandanten von Breslau, General Niehoff, dazu zu bewegen, den sinnlosen Kampf einzustellen, um das Leiden der Bevölkerung Breslaus zu beenden. Kurz vor der deutschen Gesamtkapitulation stellte Niehoff die Kampfhandlungen ein. Die Russen, die Tausende von Soldaten bei der Belagerung verloren hatten, hielten sich nicht an die versprochene gute Behandlung der Breslauer und nahmen Rache. Dennoch wird der Einsatz Ferches und der evangelischen Pfarrer, den Kommandanten zur Aufgabe zu bewegen, viele Menschenleben gerettet und die Stadt vor ihrer völligen Zerstörung bewahrt haben. Wie den meisten Schlesiern blieb auch Ferche die Vertreibung nicht erspart. Aber gläubig stellte er sich diesem Geschick und wurde für seine vertriebenen Landsleute zum Tröster und zur Leitfigur.