Eine unverwüstliche Spielidee: Das Kreuzworträtsel - im Dezember wird es 110 Jahre alt

Sein erstes Kreuzworträtsel entdeckte Kurt Tucholsky im Sanatorium, wo er gerade kurte. Die Rätselzeitschrift habe auf dem Fensterbrett der Badekabine gelegen, schrieb der Dichter 193o in der Berliner „Vossischen Zeitung”.

Anfangs ging das ganz gut”, erinnerte sich Tucholsky. „Alles, was ich auf Anhieb wusste, schrieb ich in die kleinen Quadrate, und wenn ich nicht weiter konnte, ließ ich das angebissene Rätsel liegen und machte mich an das nächste.” Der Bademeister wiederum „brachte mir, trinkgeldlüstern, noch wei-tere achtzehn Rätselzeitschriften. Aber es fehlten immer gerade die Nummern, in denen die Lösungen jener enthalten waren, an denen ich gerade knabberte.”
Was tun? Kurzerhand erfand Tucholsky Phantasienamen, um die Fragen zu beantworten, wo er passen musste. So kreierte er den „Mogelvogel” als neuartiges Raubtier - und siehe da, das Wort ging auf. „Bekannter Gruß: Hummel. (Was ja für Hamburg stimmt.) Und es tauchten geradezu abenteuerliche Wörter auf: ,Mippel' und ,Flunz' und ,Bakikeke'. So erbaute ich mir eine neue Welt.”
Fast jeder kennt den beliebten Rätselspaß - und hoffentlich auch den Augenblick des Triumphs, wenn der Groschen fällt und das gesuchte Wort gefunden ist. Vor allem in Zeiten sozialer Distanz, etwa in der gar nicht so lange zurückliegenden Corona-zeit, blüht das Kreuzworträtsel-Raten erst recht so richtig auf.
Daher lohnt sich ein Blick auf die Geschichte dieser Kulturtechnik, die demnächst, im Dezember, 110 Jahre alt wird.
Alles begann damit, dass im Dezember 1913 der Chefredakteur der „New York World” für seine Zeitschrift eine Weihnachtsbeilage plante. Da musste jeder mittun, auch der Feuilletonredakteur Arthur Wynne. Der Chef gab ihm den Auftrag, ein neues Spiel zu ersinnen: etwas für die besinnlichen Tage, bei dem die Leute ruhig etwas länger knobeln konnten. Denn während der Feiertage war fast jeder daheim und hatte Zeit. Und Wynne hatte die Idee zu einem Spiel, bei dem die Mitspieler Stunden zubringen konnten - und das bis auf den heutigen Tag. 

Die Spielidee des „Magic square” wird umgedreht. 

Es ist nicht völlig geklärt, wie Arthur Wynne sein Ur-Kreuzworträtsel konzipierte. Fest steht: Als Vorlage für sein System sich gegenseitig ergänzender Wörter diente ihm das viktorianische Spiel „Magic Square”, das er schon als Kind mit seinem Großvater in Liverpool gespielt hatte. Die Idee des „Magic Square” bestand darin, mit einer Gruppe vorgegebener Wörter so zu jonglieren, dass die Buchstabenkolonnen exakt in die „magischen Quadrate” hineinpassen - und sich dabei vertikal wie horizontal sinnvoll ergänzen.
Wynne drehte diese Spielidee einfach um: Statt die Wörter im voraus zu verraten, überließ er den Rätselfüchsen die Suche. Und um sie auf die Spur nach den gesuchten Worten zu bringen, setzte Wynne Hinweise und Fragen ein, etwa: „Was Schnäppchenjäger glücklich macht…” (Antwort: Schlussverkäufe), oder „Was dieses Rätsel ist…” (Antwort: hart). Nur drei Buchstaben gab Wynne seinen Lesern auf dem Knobelweg vor: „F-U-N" - habt Spaß! Einunddreißig Suchbegriffe enthielt dieses Ur-Kreuzworträtsel. Ein Bild davon ist übrigens im Netz zu sehen. 
Niemand hatte mit dem Echo gerechnet, das Wynnes neue Spielidee auslöste: Die Redaktion der „New York World” wurde mit Briefen und Anfragen förmlich bombardiert, deren Verfasser alle wissen wollten, wann denn das nächste „Wortkreuz” erscheine.
Arthur Wynne hatte eigentlich nicht geplant, in nächster Zeit ein weiteres Kreuzworträtsel herauszubringen. Aber aufgrund der Resonanz auf seine Spielidee tüftelte er gleich an einem neuen Rätsel für den nächsten Sonntag - wohl zum Ärger der Setzer, die dafür zuständig waren, mit Bleilettern den Text einer Zeitungsseite vertikal gespiegelt zu setzen, damit dieser mit Farbe bestrichen auf Papier gedruckt werden konnte. Das war an sich schon eine schwierige Arbeit - wie viel mehr dagegen das Setzen eines Kreuzworträtsels!
Es könnte also der Ärger über die Rubrik gewesen sein, wenn es nicht doch eine Unachtsamkeit war: Als das „Word-Cross Puzzle” zum dritten Mal in Folge erscheinen sollte, überschrieb einer der Setzer das Rätsel mit einem Wortdreher: „Can you fill in the Cross words?” zu deutsch: „Können Sie die Kreuzworte ausfüllen” - womit Arthur Wynnes Spielerfindung den Namen erhalten hatte, den sie bis heute trägt.

Das große Geld machten andere

Für ein paar Jahre blieb Wynne der einzige Kreuzworträtseltüftler der Welt. Er entwickelte seine Erfindung weiter, andere amerikanische Zeitungen druckten seine Rätsel ab - bis Anfang der 1920er Jahre fast alle größeren amerikanischen Zeitungen eigene Rätselkonstrukteure einstellten.
Dauerhaft auf Erfolgskurs brachten die Spielidee aber zwei Jungunternehmer, die gerade ihr Studium absolviert hatten: Dick Simon und Max Schuster. Der Legende nach, so der Hamburger „Spiegel”, soll Simons Tante Wixie 1924 ihren Neffen gefragt haben, ob es nicht ein Buch nur mit Kreuzworträtseln gebe, ganz so wie die in der „New York World”. Simon präsentierte der „New York Word” seine Buchidee, die Zeitschrift hatte nichts dagegen einzuwenden, zumal es für Wynnes Spielidee auch kein Copyright gab.
So machte das Kreuzworträtsel nicht Arthur Wynne und die „New York World” reich, sondern seine Vermarkter Dick Simon und Max Schuster. Dreitausendsechshundert Exemplare umfasste die Erstauflage ihres „Cross Word Puzzle Book”, an jedes Buch war ein Bleistift geheftet. Nach einem Jahr hatten die beiden vierhunderttausend Rätselhefte verkauft.
In den Vereinigten Staaten wurde Kreuzworträtsel-Raten bald zum Nationalsport. Yale rätselte gegen Harvard, in New York die Polizei gegen die Feuerwehr. Es gab nationale Turniere für jedermann, die University of Kentucky lockte mit Vorbereitungskursen. Psychologen untersuchten das Verhältnis von Lösungsgeschwindigkeit und Intelligenzquotient. Bald eroberte das schwarz-weiße Gitterspiel sogar die Mode und zierte Stoffe, Manschettenknöpfe und Schlipse.
Nicht jeder konnte indes den Hype ums Kreuzworträtsel teilen. „Dauernd brütest du über deinen Kreuzworträtseln. Sag doch mal was Nettes zu mir!” meinte eine junge Ehefrau in jenen Tagen. „Gern”, erwiderte der Gatte. „Wieviel Buchstaben soll es denn haben?” Andere, wie der Reformrabbiner Lewis Brown 1925, wollten gegen die „Kreuzworträtselmanie” sogar eine Bürgerbewegung ins Leben rufen, „die einen Zusatzartikel zur Verfassung verfassen wird, der die Herstellung, den Verkauf und den Vertrieb all dieser schädlichen Kreuzworträtselartikel verbietet. Ich muss Alarm schlagen, weil der Wahnsinn zu weit geht.”
Auch in Europa, wohin es das Kreuzworträtsel im November 1924 geschafft hatte, wetterte die Londoner „Times” unter dem Titel „Das versklavte Amerika”: „Ganz Amerika hat sich dem Kreuzworträtsel unterworfen. Es hat sich inzwischen zu einer Gefahr für die Arbeitskosten quer durch alle sozialen Schichten ausgewachsen. Fünf Millionen Stunden gehen dem amerikanischen Volk täglich dabei verloren - meist wertvolle Stunden in der Arbeitszeit - für eine sinnlose läppische Sache.”
Zu spät: Bald hatte das Kreuzworträtsel seinen festen Platz in allen englischen Zeitungen - auch in der Times: erst etwas versteckt und verschämt im Innenteil, dann im Großformat auf der letzten Seite. Denn rasch hatte sich gezeigt, dass sich mit Kreuzworträtseln die Auflage steigern ließ. Und so wurden möglichst schwierige Rätsel angeboten und Preise für die richtige Lösung ausgesetzt. 

Queen Mary war entzückt

Auch auf der britischen Insel kam es zu einem Kreuzworträtselhype, der selbst vor allerhöchsten Kreisen nicht halt machte: Queen Mary habe königliches Gefallen am Raten von Kreuzworträtseln gefunden, wurde aus dem Buckingham Palace gemeldet. Und beim Londoner Zoo gingen so viele Anfragen ein, dass dieser verzweifelt und öffentlich verlauten ließ: „Der Londoner Zoo lehnt es künftig strikt ab, telefonische Anfragen zum Gnu, zum Emu oder jeder anderen Kreatur von drei Buchstaben aufwärts zu beantworten.”
In Deutschland wurden die ersten Rätselecken von elitären Zeitgenossen beanstandet: Das seien doch nur anspruchslose Rateaufgaben, die kein logisches Denken verlangten, sondern einfache Begriffe aneinanderreihten. Ungeachtet dessen war der Erfolg auch hierzulande überwältigend. 2013, beim hundertsten Jubiläum des Kreuzworträtsels, erschienen regelmäßig mehr als dreihundert Rätselzeitschriften. Allein der „Deutsche Rätselverlag” brachte jährlich fünfzig Millionen Einzelexemplare unter die Leute. Und längst hat das Kreuzworträtsel das Internet erobert. Schätzungsweise 42 Millionen Bundesbürger sind regelmäßige Kreuzworträtselrater - schon diese Zahl zeigt, dass es sich bei Kreuzworträtselratern keineswegs nur um weltfremde Eigenbrötler oder pensionierte Lehrer handeln kann, die stundenlang über ein Gitter gebeugt am Bleistift herumkauen, sondern um Schüler, Studenten und Azubis, um Gesellen und Meister, Lehrer und Profs, um Beschäftigte in Produktion, Dienst-leistung und Pflege, um Frauen, Männer und Kinder - kurz: um uns alle.     
Was aber macht die Faszination des Kreuzworträtsels aus? Psychologen haben oft versucht, Gründe dafür zu finden. Das Kreuzworträtsel als Labyrinth, als Irrgarten, wo man auf der richtigen Spur bleiben muss, um nicht in Sackgassen zu landen, sprich falschen Antworten, die dann zu anderen falschen Antworten (wie dies wohl Kurt Tucholsky passiert ist) führen?

Das Geheimnis hinter dem Gitter

Oder ist die Suche nach dem Geheimnis hinter dem Muster des Kreuzworträtselgitters das Faszinosum? Wie ist es möglich, dass Wörter auf eine ganz bestimmte Art und Weise zusammenpassen - und das über weite Strecken? Und welches Geheimnis liegt dem zugrunde? Diese Neugier, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, scheint offenbar eine große Anziehungskraft auszuüben. 
Und dann ist da auch noch der mentale Zustand völliger Vertiefung, der sich einstellt, wenn man die Fragen lösen kann und sich das Kreuzworträtselgitter füllt. „Dieser Flow „entsteht immer dann, wenn man genau an der Grenze zwischen Über- und Unterforderung ist”, sagte Deutschlands bekanntester Rätselmacher Stefan Heine vor einiger Zeit gegenüber dem ARD-Morgenmagazin. „Die Freude daran ist, dass man alles um sich herum vergisst, alle Sorgen, alle Nöte, alle Gedanken, die man hatte, die ganze Schwere fällt weg: Die Zeit vergeht, gefühlt, doppelt so schnell und das ist ein schöner Zustand, den man gerne hat.”

Reinhard Nixdorf

Vorbeugen gegen geistigen Verfall

Kreuzworträtsel lösen schützt vor geistigem Verfall, heißt es oft. Aber ganz so einfach funktioniert das nicht. Einem Bericht der Tageszeitung „Die Welt” zufolge führten 2017 Wissenschaftler der Universität Exeter eine Online-Untersuchung an 17.000 Probanden durch. Das Ergebnis: Ältere Menschen, die häufiger Kreuzworträtsel lösten, hatten ein besseres Kurzzeitgedächtnis und bessere Grammatikkenntnisse.
Die Studie zeigte aber auch, dass selbst das beste intellektuelle Training „nicht mit dem Verlauf des kognitiven Abbaus im höheren Alter assoziiert“ sei, so die Forscher im „British Medical Journal“. Das heißt: Auch wer intelligent ist und sich geistig fit hält, baut im hohen Alter ab.
Ist es also sinnlos, als älterer Mensch Kreuzworträtsel zu lösen oder anspruchsvolle Bücher zu lesen? Keineswegs. „Sich im Laufe des Lebens und im Alter intellektuell herauszufordern – etwa Rätsel zu lösen, einen komplexen Roman zu dekonstruieren oder ein schwierig zu spielendes Musikstück zu erlernen, beeinflusst zwar nicht die Geschwindigkeit, mit der man geistig abbaut, aber es stellt sicher, dass man von einem höheren Level aus in diese Phase startet“, sagte der Wissenschaftler Roger Staff  gegenüber der „Welt”.
Wer sich regelmäßig intellektuellen Herausforderungen stellt, dessen geistige Fähigkeiten sind besser ausgeprägt. Die Auswirkungen des Alterns zeigen sich bei ihm zwar trotzdem – aber verglichen mit unterbeschäftigten Altersgenossen schneidet derjenige, der seinen Geist trainiert, meist besser ab.