Nordamerikaexperte Kb Prof. Michael Hochgeschwender (Rh-F, Bar, Ta, Al) zur „Indianer“-Debatte

Darf man noch „Indianer“ sagen? „Ja, und zwar uneingeschränkt. Gerade im Deutschen fehlt dem Begriff jede abwertende Note“, sagte Kb Prof. Dr Michael Hochgeschwender (Rh-F, Bar, Ta, Al) vor einiger Zeit gegenüber der Fuldaer Zeitung.

Anders als im Englischen könne man im Deutschen Inder und Indianer begrifflich nicht verwechseln. Zwar sei „Indianer“ eine Fremdbezeichnung der europäischen Invasoren, die auf einer geographischen Verwechslung beruhe, doch habe sich der Begriff allgemein durchgesetzt. Zudem fehlten brauchbare Alternativen: „Indigene ist zu wenig spezifisch, Native Americans kann ebenso gut Indianer wie in Amerika geborene Schwarze, Asiaten oder Weiße bezeichnen, Amerindian ist durchweg ein akademisches Kunstwort geblieben!”

Kb Prof. Hochgeschwender lehrt Nordamerikanische Kulturgeschichte, Empirische Kulturforschung und Kulturanthropologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Er hat unter anderem das Buch „Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation, 1763-1815“ (C.H. Beck) veröffentlicht.

Die Fuldaer Zeitung befragte den Nordamerikaexperten vor dem Hintergrund der Aufregung um den Entertainer Florian Silbereisen, der in der ARD-Sendung „Der große Schlagerabschied“ einen alten Song zu Gehör gebracht und darin das Wort „Indianer” gestrichen hatte.

Dass das Wort „Indianer” plötzlich von manchen als Verstoß gegen die „political correctness“ betrachtet werde, habe einerseits mit der eurozentrischen Perspektive in der Begriffsentstehung zu tun, „andererseits mit den abwertenden Untertönen, die im Englischen etwa der Bezeichnung „Red Indian“, die ganz klar rassistisch konnotiert ist, innewohnt.“ Für „Indian“ gelte dies aber nicht, viel eher für ältere Konzepte, so etwa „savage“, dem im Englischen die positive Konnotation des französischen „sauvage“ im Sinne des edlen Wilden bei Rousseau abgehe, oder „natural“, womit Indianer praktisch zu Bestandteilen der Natur würden. „Aus diesem Grund haben sich Aktivisten im Englischen gegen das Wort „Indian“ ausgesprochen”, sagte Professor Hochgeschwender. „Gleichzeitig wenden sie sich gegen die universalistische Vorstellung, es gebe so etwas wie „Indianer“ beziehungsweise „Indians“ und nicht Hunderte ganz unterschiedlicher Kulturen auf dem amerikanischen Doppelkontinent.”

Die deutsche Debatte – trotz des ganz unterschiedlichen sozialen, historischen und sprachlichen Kontextes – habe diese englischen Vorgaben unreflektiert übernommen und noch das Problem der sentimentalen Romantisierung, die eine im Grunde positive Wertschätzung widerspiegelt, hinzugefügt. „Wie bei allen Debatten um „political correctness“ geht es im Hintergrund um kulturelle Hegemonie, ausgehend von dem nicht unproblematischen Glauben, Sprache präge Gesellschaften in einer eindeutigen Art und Weise.” 

Wenn die Verkleidung als Indianer, als „kulturelle Aneignung” kritisiert werde, so sei kulturelle Aneignung selbst ein hochproblematisches Konzept, sagte Professor Hochgeschwender. Denn: „Kultur ist niemals und war niemals eine abgeschlossene Größe, sondern basierte stets auf Austausch und Aneignung. Die Vorstellung, Völker oder Kulturen seien abgeschlossen und homogen, ist ein Konstrukt, das sich vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert entfaltet hat, das aber etwa in der Archäologie und den Geschichtswissenschaften seit geraumer Zeit als empirisch überholt gilt. Es ist interessant, dass diese absurde Vorstellung nun in identitären Kreisen im linken und rechten politischen Spektrum wieder fröhlich Urständ feiert.”

RN/PD