Interview mit Kristijan Aufiero, Leiter von 1000plus
Zu Weihnachten meldete die Schwangerenberatung 1oooplus, dass sie seit ihrem Start im Jahr 2009 250.000 Frauen beraten hat. Ungefähr 160.000 davon konnten sich für ihr Baby entscheiden. Dabei stellt 1000plus von Anfang an keine Beratungsscheine aus, die zu einem straffreien Schwangerschaftsabbruch berechtigen – und sagt das auch ganz offen. Wir befragten den Gründer und Leiter von 1000plus, den Politikwissenschaftler Kristijan Aufiero.
Was ist der Zweck von 1000plus?
Im Kern geht es uns um die Bewahrung von Schwangeren in Not und ungeborenen Kindern vor der Abtreibung. Die Wahrheit ist aber, dass ein Schwangerschaftskonflikt nicht unabhängig von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stattfindet. Deshalb versuchen wir auch, in unserer Gesellschaft auf eine Kultur des Lebens hinzuwirken. Heute ist die Realität für eine Frau, die ungeplant schwanger ist, nicht ideal.
Oft hört man den Kommentar, eine ungeplante Schwangerschaft müsse doch heutzutage keiner Frau mehr passieren. Sind die Betroffenen „selber schuld”?
Ich kann aus der Beratungspraxis berichten, dass viele Frauen sich schuldig fühlen. Aber die Wahrheit ist, dass seit Menschengedenken Liebe nicht beherrschbar ist – ungeplante Schwangerschaften kann man nicht ausschließen. Und außerdem: Wer hat in seinem Leben noch nichts Unvernünftiges getan? Der soll den ersten Stein werfen. Aussagen wie „Das muss doch gar nicht mehr passieren“ sind die Folge davon, dass unsere Gesellschaft in einer totalen Verkennung der Wirklichkeit des Menschen Sexualität völlig losgelöst von Schwangerschaft betrachtet. Man hat vergessen, dass jeder sexuelle Akt zu einer Schwangerschaft führen kann. Diese isolierte Betrachtung von Sexualität hat natürlich mit Verhütung zu tun und auch mit einem anderen Verständnis von Beziehung. Ein Begriff wie „Freundschaft plus“ ist im Grunde nur deshalb möglich.
Warum geraten Frauen in Schwangerschaftskonflikte?
Eigentlich wohnt dem Begriff „Frau im Konflikt“ ein Fehler inne. Denn oftmals ist gar nicht die Schwangere im Konflikt. Im Konflikt sind in Wirklichkeit oftmals der Partner oder die Familie oder das Umfeld. Fast nie hat die betroffene Frau einen inneren Konflikt, fast immer führen äußere Umstände zur Krise: Partnerschaftsprobleme, biographisch falsche Zeitpunkte, Überforderung.
Eine Hauptursache sind also Partnerschaftsprobleme. Was heißt das genau?
Meistens bedeutet es: Der Vater will das Kind nicht. Ganz selten sagt die Frau: Mit diesem Partner wollte ich gar kein Kind mehr. Ursache ist, dass in der Partnerschaft von Anfang an kein unbedingtes Ja zueinander bestand, und dann steht man plötzlich vor den Konsequenzen.
Wir KVer sind ja durchweg Männer. Geht uns das Thema trotzdem an?
Schwangerschaftskonflikte sind häufig ein Väterproblem. Ich würde mir wünschen, dass wieder so etwas wie ein Vaterethos entsteht, also dass klar wird: Es gehört sich für einen Mann nicht, seine schwangere Partnerin zu verlassen oder gar zu erpressen. Ein Mann, der seiner Partnerin sagt „Das Kind oder ich!“, der bringt sie in eine Situation, in der sie die Wahl zwischen Pest und Cholera hat. Das ist keine freie Entscheidung. Wir wollen eine dritte, eine echte Wahl ermöglichen.
Wie kann man einer Frau in einer solchen Krise helfen?
In der Regel setzen wir voraus, dass die beiden Partner einander einmal geliebt haben. Wir unterstützen die Frau darin, dass sie ihrem Partner ihren Wunsch verständlich machen kann, das Kind zu behalten. Wir helfen aber auch der Frau zu verstehen, dass ein Mann verunsichert und überfordert sein kann, dass er das aber überwinden kann. Oft kann die Frau auf dieser Grundlage den Beziehungskonflikt entschärfen. Dann kann der Weg zu einem neuen Miteinander gebaut werden.
1000plus hat klein angefangen. Wie war das damals, wie kam es dazu?
Ich konnte mir nicht im Entferntesten vorstellen, dass wir so viel erreichen würden. Wir haben damals davon geträumt, 1000 Frauen im Jahr zu beraten. In der Beratung selbst, vor allem aber auch bei den Kommunikationswegen haben wir uns immer konsequent an den Wünschen, Bedürfnissen und Nöten der Frauen orientiert.
Am Anfang waren wir die ersten, die das Internet nutzten, um Schwangere in Not zu erreichen. So sind wir von einer kleinen Face-to-Face-Beratungsstelle zum größten digitalen Sofortangebot geworden, das es in Europa gibt. Jede Frau kann es nutzen, wenn sie über ein Smartphone verfügt.
Sie waren lange völlig unpolitisch. Inzwischen reichen Sie Petitionen ein, und man sieht Sie auf dem „Marsch für das Leben”. Wie kommt das?
Das ist der Tatsache geschuldet, dass wir in der Beratung immer wieder merken, wie krass der Unterschied zwischen der Realität der Frauen und der medialen Berichterstattung und der politischen Diskussion ist. Dort wird in einer Weise über das Thema geredet, die an der Realität der Frauen vollkommen vorbeigeht.
Man hat auch schon versucht, Sie zu verbieten?
Dass wir uns nicht für Politik interessieren, bedeutet nicht, dass die Politik uns in Ruhe lässt. Der Landesverband der SPD in Berlin hat auf seinem Parteitag 2019 den Beschluss gefasst, dass unsere dortige Beratungsstelle verboten werden soll. Verleumderische, verzerrte Berichterstattung und Anschläge auf unsere Beratungsstellen in Berlin und München kamen hinzu. Im Grunde ist unser politisches Engagement Notwehr.
Was erwarten Sie von der Zukunft?
Ich erwarte gewaltige Herausforderungen für die Kultur des Lebens. Ich erwarte, dass sich gleichzeitig immer mehr Menschen zu Wort melden, die sich für den bedingungslosen Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod einsetzen.
Was können KVer tun, die 1000plus helfen möchten?
Schon heute unterstützen uns viele KVer, Pater Robert Jauch zum Beispiel hat in seinen Gemeinden mehrere „Babyflaschenaktionen“ durchgeführt, bei denen unsere Arbeit vorgestellt wird. Zwei KVer, Simon Püschel und Josef Jung, arbeiten hauptamtlich in meinem unmittelbaren Umfeld. Ansonsten muss jeder tun, was er leisten kann, vom Gebet über Spenden bis zur persönlichen Hilfe für eine Schwangere in Not, von der er in seinem Umfeld erfährt. Aber in Wirklichkeit trägt schon jeder, der ein guter Vater oder Großvater ist, zur Kultur des Lebens bei. Ein guter Vater zu sein, ist die größte Leistung, die ein Mann in seinem Leben vollbringen kann.
Das ist unser Auftrag von Christus: Dafür einzustehen, dass jeder Mensch unendlich wertvoll ist. Wenn das alle tun, ist schwanger zu sein nur noch ein Grund zur Freude.
Die Fragen stellte Kb Harald Stollmeier (Gm, Nf, Sbg, Blt, Smn, Erm).