Seit etwa 2400 Jahren gibt es die Spardose. Wie lange noch?

Um überleben zu können, jagte der Mensch Tiere und sammelte zusätzlich Pflanzen und Früchte. Somit gehört das Sammeln zur menschlichen Urbeschäftigung. Bald begannen unsere Vorfahren dann auch Dinge aufzuheben, die über den Alltagsbedarf hinausgingen und etwa als Schmuck Freude machten. Dabei ist es bis in unsere Gegenwart geblieben.

Eine Aufzählung heutiger Hauptsammelgebiete erreicht leicht über zwanzig Gegenstände von A wie Automobile über Bierdeckel, Bierflaschen, Bierkrüge, Bügeleisen, Couleurkarten, Feuerzeuge, Gewehre, Postkarten, Schallplatten, Schmetterlinge, Streichholzschachteln, Teddybären, Überraschungseier bis zu Z wie Zigarettenbilder. 

In der Nummer 2 der diesjährigen Akademischen Monatsblätter wurde bereits über das Briefmarkensammeln berichtet. Darin hätte auch ein Hinweis auf die von den Franziskanern Gabriel Schmidt und Clemens Anheuser gegründete „St. Gabriel Sammlergilde“ und den heutigen „Weltbund St. Gabriel“ erfolgen müssen, der vergessen wurde. Vielleicht wird dies einmal später nachgeholt. Hier soll jetzt die Geschichte und das Sammeln von Spardosen im Mittelpunkt stehen, deren zahlreiche Sammler sich 1983 zur European Money Bank Collectors (mit eigener Clubzeitung) zusammengefunden haben. 

An den Strömen Babylons 

Die älteste bekannte Spardose wurde in Babylon im heutigen Irak bei Grabungen in einem Privathaus entdeckt und stand früher im Irakischen Nationalmuseum in Bagdad zur Besichtigung. Über ihren Verbleib lässt sich nach den Zerstörungen und Plünderungen im Museum 2003 im Augenblick nichts sagen. Sie ist etwa 17 cm hoch, aus gelblichem Ton gefertigt und hat die Form einer Amphore. Oben befindet sich ein Schlitz für den Münzeinwurf. Sie wird auf das Ende des 4. bis auf den Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. datiert und stammt damit aus der hellenistischen Zeit. Jünger ist die aus Ton hergestellte Spardose in Form eines Tempelchens (naïskos), die in der Antikensammlung des Alten Museums auf der Berliner Museumsinsel aufbewahrt wird und bei Grabungen in einem Haus in der antiken Stadt Priene nördlich von Milet im Westen der heutigen Türkei gefunden worden ist und dem zweiten Jahrhundert vor Christus angehört.  
Zahlreich sind die Funde an Sparbüchsen aus der Römerzeit, die auf der Drehscheibe aus Ton ähnlich wie eine Birne geformt wurden und die man zum Öffnen zerschlagen musste, da unten ein Verschluss zum Öffnen fehlte. Diese Art der Spardose ist fast über die ganze bewohnte Welt verbreitet.         
Aber nicht nur aus Ton gebrannte Spardosen tauchen auf, obendrein auch solche, die aus anderen Ma-terialien wie Holz, Glas und Metall hergestellt wurden und noch werden. Die Größen variierten ebenfalls. Im zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v. Chr. entstandenen 2. Buch der Könige (12,9) ist etwa von einem größeren Behältnis die Rede, von einer Lade oder Truhe, in die der Priester Jojada ein Loch bohrte und in welche die Priester „alles Geld taten, das zu dem Herrn gebracht wurde.“ Damit war der „Uropferstock“ geboren.

Geld regiert die Welt

Mit der zunehmenden Bedeutung des Geldes wächst im Mittelalter die Spardosenproduktion an. Seit dem 13. Jahrhundert tauchen immer mehr in den Städten Europas auf. Beliebt sind u.a. Spardosen in Tierform, die aber auch schon die Antike kannte. So gibt es eine Sparbüchse in Schlangenform, die etwa 300 v. Chr. in Griechenland geschaffen worden ist. In Deutschland entstand um 1400 n. Chr. eine Spardose in Form eines Hahns.     Eine besondere Geschichte stellt das Sparschwein dar, dessen ältestes Beispiel in Deutschland im 13. Jahrhundert geschaffen sein wird. Es stammt aus Billeben im Kyffhäuserkreis in Thüringen und wird heute im Depot des Museums für Ur- und Frühgeschichte in Weimar aufbewahrt (siehe Abb. zu Beginn dieses Artikels). Münzen enthielt es keine und hat aber nicht nur die Form (mit Schlappohren und Ringelschwanz), sondern auch die Farbe des rosa Rüsseltiers. Es löste das früher als ältestes deutsches Sparschwein geltende Exemplar aus dem 15. Jahrhundert ab, das auf dem Nürnberger Kornmarkt gefunden worden war. Doch ist die Datierung des etwa 21 cm langen Billebener Schweins nicht ganz sicher, da sie auf Begleitfunden beruht.

Das Sparschwein im Reisfeld. Spardosen und Sparschweine sind keine europäische Sonderheit

In China gibt es Spardosen (Pu Man) seit über 2000 Jahren, und die Sparbüchse in Gestalt eines Schweins ist nicht auf Europa beschränkt. So wurden auf der zu Indonesien zählenden Insel Java seit dem 14./15. Jahrhundert bis zur Einführung des Islams – das Schwein gilt als unrein – die so genannten MajapahitTerrakotta-Sparschweine hergestellt. Sie heißen indonesisch celengan und leiten sich von celeng = Wildschwein ab. Über sie informierte 1987 einmal eine Ausstellung in Frankfurt a.M. mit dem gut gewählten Titel „Das Sparschwein im Reisfeld“. Wie im Westen sind ebenfalls in Asien Schweine Glücksbringer und gelten als Zeichen des Wohlstands. Die Verbindung zwischen Mensch und Schwein ist uralt. Die älteste figürliche Darstellung dieses Tiers wurde vor etwa 44.000 Jahren in einer Höhle im Süden der indonesischen Insel Sulawesi auf die Wand gemalt.

Auch die Studentensprache kennt das Wort Schwein. Wie man in Friedhelm Golückes Studentenwörterbuch nachlesen kann (5. Auflage, Essen 2018, S. 60), ist die Wendung „Schwein haben” mit Glück haben gleichzusetzen und für 1813 zum ersten Mal im Gebrauch der Studenten belegt. Über die Herkunft der gerade erwähnten Redensart, die schon im Spätmittelalter vorkommt, gibt es verschiedene Theorien. Nach der 25. Auf-lage des „Kluges“ (Berlin 2011, S. 143) geht es „vielleicht auf den Brauch zurück, dem Schlechtesten bei einem Schützenfest oder Wettrennen ein Schwein als Trostpreis zu geben.“

Legenden um das Sparschwein

Die Behauptung, das im Englischen piggy bank (von pig = Schwein) genannte Sparschwein sei auf einen orangenen Ton, der im Mittelenglischen pygg geheißen habe, zurückzuführen, erscheint wenig überzeugend. Ein gelungener Scherz ist auf jeden Fall die inzwischen ernst genommene Geschichte, Erfinder des Sparschweins sei Wilhelm Spies von Büllesheim (gelegentlich heute auch Spieß in Unkenntnis des Namens dieses rheinischen ritterbürtigen Geschlechts geschrieben) habe als Herr zu Schweinheim (heute Stadtteil von Euskirchen) 1576 sein Gesinde angehalten, sich für den Notfall Sparschweine zuzulegen. Diese Satire geht auf den Journalisten Lothar Schumacher (1940-2016) zurück, selbst Besitzer einer Dosensammlung von 3.000 Stück in seinem Haus in Korschenbroich bei Mönchengladbach und 2002 Schöpfer der Mär, die Bratkartoffeln habe eine Henriette Josefa Braths aus Wien erfunden.         
Schumacher trat am 14. Juni 2006 in einer Sendung von STERN-TV bei Günther Jauch als Vorsitzender der „Schutzgemeinschaft Deutsches Sparschwein“ auf und erzählte die Episode, wobei er sich auf eine Dr. Helene Traunisch berief. Klingt da nicht rheinisch „trau nisch“ = „traue nicht“ durch? 

2007 nahm der Fernsehjournalist Günter Baumann die Geschichte in sein Buch „Die spinnen, die Deutschen“ als deutsche Eigenart auf und hielt sie für bare Münze. Dabei hätte ihn der Name der Dame schon misstrauisch machen müssen. 2013 hat der äthiopisch-deutsche Publizist Asfa-Wossen Asserate, Mitglied des Corps Suevia in Tübingen, schließlich diese Erzählung in sein Buch „Deutsche Tugenden. Von Anmut bis Weltschmerz“ aufgenommen und dabei eine Lanze für das Sparschwein gebrochen, das man „in Ehren halten“ solle. Er fügte eine weitere Fama hinzu und schrieb, besagte „Schutzgemeinschaft“ habe eine Petition zur Erweiterung des Grundgesetzes verfasst. Darin hieße es, „das deutsche Sparschwein ist als solches ein Kulturgut typisch deutschen Wesens und steht unter besonderem Schutz des Staates. Es darf weder verfälscht noch in seiner Existenz bedroht werden durch Spartiere wie Bären, Elefanten und dergleichen.“ Das ist Satire vom Feinsten.

Im Zusammenhang mit der Wilhelm Spies von Büllesheim – einen solchen gab es tatsächlich im 16. Jahrhundert, was Lothar Schumacher vermutlich nicht wusste – angedichteten Empfehlung steht das 2007 in Euskirchen im Klostergarten errichtete Sparschweindenkmal, das sinnigerweise vor dem Standesamt platziert wurde. Das Kunstwerk schuf der Hammer Künstler Helmut Berger. Der Fußballer Bastian Schweinsteiger hat dafür 5.000 Euro gespendet. „Was als Sati(e)re begann“, schreibt die Stadt Euskirchen dazu, „ist nun in ein ,tierisches’ Kunstwerk gemündet.“ Der inzwischen verstorbene und aus Köln stammende Lothar Schumacher hätte sich wahrscheinlich köstlich amüsiert, dass noch in einer am 15. August 2018 ausgestrahlten Sendung der Reihe „Planet Wissen“ seine erfundene Fabel für nicht ausgeschlossen gehalten wurde und Wikipedia zurzeit unter dem Stich-wort „Sparschwein“ zwar einschränkend meint, „Ritter Spies von Büllesheim“ „soll“ das Sparschwein „erfunden haben“, aber dann ein neues Märchen hinzufügt: in dem Schwein, das bekanntlich nie existiert hat, habe sich eine Münze von 1576 befunden.

Den Begriff „Sparschwein” gibt es nicht in allen europäischen Sprachen

Es gibt zwar auch in Frankreich Spardosen, die in Form eines Schweins erscheinen, doch ist dies dem entsprechenden französischen Wort nicht anzumerken. Es heißt tirelire, kommt Anfang des 13. Jahrhunderts erstmals vor und ist wohl dem Klang nachgeahmt, wenn man eine Münze in die Dose wirft. Im französischen Argot bedeutet es Kopf und in der Sprache der Bankräuber Geldtransport. Das Katalanische verwendet das Wort hucha, das aus dem Altfranzösischen huche mit der Bedeutung Behälter abgeleitet ist, und das italienische Wort salvadonaio kommt von salvare = speichern, bewahren. Bei allen germanischen Sprachen „scheint das Schwein durch“. Das Niederländische kennt etwa neben dem spaarpot das spaarvarken und das Schwedische spargris von gris (= Schwein). Das litauische Wort ist eng mit dem Englischen verbunden und lautet piggy bankas. Im Englischen gibt es allerdings auch das „schweinefreie“ Wort penny bank. Unter diesem Titel erschien 1987 das von Andy und Susan Moore in Chicago herausgegebene Standardwerk mit über 1600 Abbildungen, dem inzwischen weitere Auflagen gefolgt sind. 

Vor einigen Jahren stellte die Kreissparkasse Köln die Herausgabe von Spardosen ein, und bei vielen Sparkassen und Banken sucht man inzwischen vergeblich danach. Durch die gewollte Ein-schränkung des Bargelds wird das Sparen in dieser Form nicht mehr gefördert, und ein populärer Brauch kommt damit an sein Ende. Das trifft vor allem Kinder. Als 2007 der niederrheinische „Reimeschmied“ Franz-Georg Ewers sein Gedicht „Das Sparschwein“ schrieb, dessen erste Strophe mit der Klage des Schweins endet: „Man wirft kein Geld mehr in mich hinein. So bleibe ich ein armes Schwein“, glaubte er wahrscheinlich nicht, dass dies tatsächlich einmal für immer eintreffen könnte, weil das Bargeld aus dem Verkehr gezogen wurde. Bei Ewers kam immerhin noch der Onkel zu Besuch, der hatte „wirklich Geld genug“, und als er seinem Neffen nichts geben wollte, wurde er von seiner Schwester bloßgestellt und spendete danach ansehnlich. Eine solche Szene ist wohl bald Vergangenheit. 

Wie lange noch Spardosen „gegen den Zorn”?

Ebenso wird deshalb die Episode, die der frühere Abtprimas Notker Wolf (EM d Ale) in seinem 2009 herausgebrachten Buch „Gott segne Sie“ schildert, keine Fortsetzung mehr finden. Er berichtet darin unter der Überschrift „Ein Sparschwein gegen den Zorn“ von einem Mitbruder und zwei von dessen Klassenkameraden, die sich verpflichteten, jedes Mal bei einer „Aufwallung von Zorn“ einen „Zehner“ in ein Sparschwein zu stecken. Nach einem halben Jahr waren sie geheilt! 

Dr. phil. Wolfgang Löhr (Arm, Car-F, Ru-Ke, E d Un, E d Gro-Lu, E d Car, Urb)

Anm.: 
Zum Billebener Schwein vgl. Hans-Joachim Barthel, Ein hochmittelalterliches Schwein von Billeben/Kr. Sondershausen, in: Ausgrabungen und Forschungen 20, 1975, S. 259-261. Für freundliche Hinweise sei auch dieser Stelle Frau S. Dünnwald (Euskirchen) und Frau Dr. A. Endrigkeit (Weimar) gedankt.