Beachtliches Alter und doch nicht in die Jahre gekommen

Kb Prälat Dr. Karl Jüsten spricht über das Erheben der katholischen Stimme heute und damals

Petrus muss wohl ein KVer sein – wieder einmal ließ er die Sonne aufgehen und die ganze Zeit scheinen über Berlin, als die älteste Verbindung des KV, die K.St.V. Askania-Burgundia, die Schallmauer ins achtzehnte Jahrzehnt ihrer Existenz durchbrach. Für dieses Jubiläum wurde breit eingeladen, und viele Verbindungen ließen es sich nicht nehmen, in die Bundeshauptstadt am Fronleichnam Wochenende zu kommen. Schade allerdings, dass sich die Repräsentanz von Kirche und Universitäten bzw. Hochschulen im Wesentlichen auf Personen beschränkte, die in Personalunion als KVer teilnahmen.

Zur Würdigung des Jubiläums und zwecks ausreichender räumlicher Kapazitäten fand der Festkommers am Samstag, dem 10. Juni, im Bürgersaal des Rathauses Zehlendorf statt. Festredner war Kb Prälat Dr. Karl Jüsten (Rh-I, Arm, E d Wf-K), der in Berlin seit über 20 Jahren das Kommissariat der deutschen Bischöfe – Katholisches Büro – leitet und damit auf dem Feld der Bundespolitik die Aufgabe des obersten Interessenvertreters der katholischen Kirche wahrnimmt. Aus erster Hand referierte er zum Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland.

Die Schwierigkeiten und Behinderungen für Katholiken, im 19. Jahrhundert bei der preußischen Dominanz des Reichsbildungsprozesses mitzuwirken, waren ein Hauptgrund für die Entstehung des Verbandskatholizismus als Netzwerkbildung, zu der auch die Gründung des Berliner Lesevereins 1853 gehörte. Schon zum damaligen Zeitpunkt lagen die Maßnahmen der napoleonischen Ära, Säkularisa-tion und Mediatisierung, die die Kirchen schwer getroffen haben, viele Jahre zurück. 

All das wirkt bis heute nach im Staatskirchenrecht, welches aus der Weimarer Reichsverfassung ins Grundgesetz "nahezu unverändert übernommen wurde. Das in Deutschland herrschende Modell der hinkenden Trennung von Staat und Kirche hat seinen Berührungspunkt darin, dass beide auf das Gemeinwohl verpflichtet sind. Auch in einer Zeit schwindender Mitgliedschaft in den christlichen Kirchen zeigt sich deren Wertschätzung durch die Politik gegenwärtig im – parallel zum Stiftungsfest laufenden – Evangelischen Kirchentag in Nürnberg. Die nach wie vor bedeutende gesellschaftliche Rolle der Kirchen tritt zutage neben der kirchlichen Wohlfahrtsfürsorge z.B. in ihrer Präsenz in Kultur (vor allem Musik) und Medien, in Bildung und Wissenschaft von Kitas bis Universitäten, aber auch in ihrer öffentlichen Sichtbarkeit gerade bei den soeben stattfindenden Fronleichnamsprozessionen. 

Kirche ist in Deutschland eine Großinstitution als einer der größten Arbeitgeber bzw. Dienstherren. Daher war es besonders wichtig, das (katholische) Arbeits- und Dienstrecht zu modernisieren und zu liberalisieren. Denn ohne politisch-gesellschaftliche Akzeptanz lässt sich die finanzielle Lastenteilung zwischen Staat und Kirche, wie sie im Staatskirchenrecht in Bezug auf die Kirchen und von ihr getragene Einrichtungen festgelegt ist, nicht aufrechterhalten. Die Kirchen haben die Gelegenheit und Aufgabe, sich mit ihrer spezifischen Sichtweise in alle relevanten politisch-gesellschaftlichen Debatten einzubringen, seien es der Krieg Russlands gegen die Ukraine und Rüstungsexporte, die Umwelt- und Klimaschutzdebatte, die Migrations- und Asylthematik, der innere Zusammenhalt und das Demokratiefördergesetz, Familie und neue familiale Strukturen, der Lebensschutz am Anfang und Ende des Lebens oder die Veränderung des Lebens durch Künstliche Intelligenz. 
Aber die Zukunftsfähigkeit der katholischen Kirche hängt nicht nur von ihrer Wirksamkeit im Staat und ihrem Verhältnis zum Staat, sondern auch von ihrer inneren Verfasstheit ab. Der sexuelle Missbrauch in der Kirche hat Strukturprobleme sichtbar gemacht, um die der Synodale Weg in Deutschland gerungen hat. Fragen nach der Verteilung und Ausübung von Macht, der Rolle der Frau, der Sexualität und sexuellen Orientierung, aber auch einer glaubwürdigen und zeitgemäßen Glaubensverkündigung müssen offen und ehrlich beantwortet werden, denn Kirche ist weder Selbstzweck noch museal versteinerte Institution.

Richard Ackermann, der das Hochoffizium vor einer beeindruckenden Reihe von Chargenabordnungen schlug, konnte eine Rezeption zum Fux und zwei Promotionen zu Burschen der Askania-Burgundia feierlich vornehmen. Nachdem für das Offizium das Präsidium auf Frederik Buhl gewechselt hatte, kam in der Reihe der Grußworte vom Vorsitzenden des KV-Rats, Kb Dr. Markus Wittenberg, vom Vorortspräsidenten, Kb Vinzenz Frey, vom Ortszirkel Berlin und von Vertretern einzelner Chargenabordnungen die hohe Wertschätzung des K.St.V. Askania-Burgundia und seiner Rolle im KV zum Ausdruck. Das Grußwort des scheidenden AHx Peter Schwegler, der ab dem Wintersemester 2022/23 im Zuge eines Generationswechsels im Altherrenverein des K.St.V. Askania-Burgundia von Lukas Freise abgelöst werden wird, fasste seine Dankbarkeit für das Gelingen seiner 19jährigen Amtszeit allgemein und speziell dieses letzten Höhepunkts zusammen.
Begonnen hatten die Feierlichkeiten mit der Teilnahme samt Chargieren an der stimmungsvollen und glaubensstarken Fronleichnamsprozession der Erzdiözese Berlin rund um die St. Hedwigs-Kathedrale am Abend des Fronleichnamstages, der in Berlin Werktag ist. Am Freitag konnten sich zahlreiche Gäste auf dem Askanenhaus in Dahlem bei einer Gartenparty delektieren. Leider gab es hierbei (gottlob wenige) Einzelfälle von Gästen auch aus dem Kartellverband, die dem Umgang mit Alkohol, dem Benimm unter (graduierten oder angehenden) Akademikern und den Umgangsformen eines kultivierten Verbindungsstudententums noch nicht gewachsen sind.

Die Religion kam im Festgottesdienst zum Tragen, den Kb Pater Maximilian Segener SDS vor dem Festkommers in der Salvator-Kirche Dahlem mit uns und seiner Gemeinde feierte. Und wem die Möglichkeiten zum Colloquium noch nicht ausgereicht hatten, der konnte am Sonntag mit einer Dampferfahrt auf der Spree ein schönes und denkwürdiges Fest ausklingen lassen.

Christian Papsthart (Ma, Ask-Bg, Urb)