Wohin führen Wokeness und Genderstern?
Wenn Political Correctness die Freiheit gefährdet
In einem bemerkenswerten Band, der unter dem Titel „Die Wokeness-Illusion“ bei Herder erschien, beobachten sieben Autoren, was hierzulande gesellschaftlich geschieht. Scharfsinnig sind die Analysen der Herausgeber Alexander Marguier und Ben Krischke, ebenso treffend sind die Schlussplädoyers von Stefan Laurin und Ralf Hanselle.
„Mein Sozialismus ist nicht dein Sozialismus!“ Auf Seite 19 kommt dieser Satz mitten im Fließtext – und trifft unmittelbar. Dies ist eine Kernbotschaft, denn sie erklärt, wieso es einerseits sozialistische Parteien in den Parlamenten gibt, andererseits aber Extremisten an Deutschlands Straßen kleben, und sich nur mit Mühe zurückhalten können, jahrhundertealte Kulturgüter unwiederbringlich zu vernichten. Was heute als Wokeness daherkommt, hat dabei eigentlich sehr nachvollziehbar mit der Frage nach Gerechtigkeit, nach Teilhabe, nach Respekt angefangen. Doch dann wurden die Fragen lauter, radikaler, drehten schließlich die Beweislast um. Die Analysten legen objektive Maßstäbe an und kommen damit zu erschreckenden Diagnosen für die deutsche Gesellschaft.
Woher die „woken“ Verirrungen kommen, ist in diesem Band klar aufgeschlüsselt. Der Name Judith Butler muss gar nicht erst erwähnt werden, aber es ist bekannt, dass die Gender-Historikerin Joan Walach Scott fordert, dass Historiker nicht mehr „treu gegenüber vergangenen Fakten“ sein sollen, sondern stattdessen treu „gegenüber zukünftigen Zielen“? Wohin könnte solches Denken führen? Wohin hat solches Denken im letzten Jahrhundert in Deutschland geführt? Schon nach diesem ersten Aufsatz, verfasst von Ralf Hanselle, ist klar, dass dieses Buch eine weite Verbreitung und viele Leser verdient.
Mathias Brodkorb beschäftigt sich sodann mit dem, was heutzutage „Rassismus“ genannt wird. Er geht dabei von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus, die unter dem unmittelbaren Eindruck des Nationalsozialismus entstand, und erklärt, warum spätere, kritische Sichtweisen genau zum alten Rassismus im neuen Gewand zurückführen, anstatt ihn dauerhaft zu beseitigen. Insbesondere nennt er die Critical Race Theory (CRT), nach der nur Menschen mit weißer Hautfarbe Rassisten sein können: „Der neueste Schrei der kritischen Antirassisten läuft somit darauf hinaus, selbst in rassistischen Theorien zu denken – und es nicht einmal zu merken.“ Brodkorb bringt angstmachende Beispiele, legt in seiner überzeugenden Conclusio aber dar, dass der rassistische Antirassismus letztlich auf eine Tautologie hinausläuft und somit wirkungslos wird. Wie viele Persönlichkeiten, wie viele Gesellschaften zerstört sein werden, bis es endlich soweit ist, sagt er nicht.
Viel ließe sich schreiben über dieses Buch – jeder Gedanke nachvollziehbar, jede Schlussfolgerung eine Erkenntnis. Das gilt auch für Ben Krischke, der zur Debatte um die Geschlechter festhält, dass erstens 99,98 Prozent der Bevölkerung ein klar und eindeutig zuzuordnendes Geschlecht haben, das „männlich“ oder „weiblich“ heißt, und dass die vielbeschworene „Intersexualität“ nach Auskunft von Medizinern ausnahmslos durch Gendefekte hervorgerufen wird. Die Lektüre lohnt speziell hier ganz besonders.
Wussten Sie, verehrter Leser, was „progressiver Neoliberalismus“ ist? Wenn mit einem Gendersternchen höhere – berechtigte – Lohnforderungen abgewiesen werden. Was hier wie ein bitterer Witz klingt, ist Realität beim weltgrößten Warenversender, der auch hierzulande den Einzelhandel zur Verzweiflung bringt – Bernd Stegemann stellt das fest, völlig korrekt im übrigen. Ganz nebenbei werden, so Stegemann weiter, die Gewerkschaften erledigt, weil sich das linke politische Spektrum in einen sozialen und einen identitätspolitischen Flügel spaltet. Praktisch für die neuen „woken“ Millionäre – nicht aber für die Millionen von ganz normalen Menschen, die entweder an ihrer Persönlichkeit zweifeln oder unterm Gendersternchen verarmen. Philipp Jess sekundiert sodann Stegemann mit einem Beitrag über „Woke Washing“, das er knapp und treffend als „Blendwerk für den politisch korrekten Konsum“ entlarvt.
Eine zentrale Botschaft hat Ingo Way: „Genus und sexus sind nicht dasselbe.“ Und leicht, ja, elegant entlarvt der Autor sodann die Verfechter der Gendersprache in Schrift und Worte als Erziehende – wobei dieser Begriff exakt richtig gesetzt ist, denn diese Verlaufsform bedeutet, dass unablässig weitergemacht wird. Der Operierende wird hoffentlich eine Pause machen, denn sonst sterben unweiger-lich Patienten. Der Autofahrende ebenso, denn sonst erleiden seine Mitfahrenden den Unfalltod. Erziehende aber erziehen unablässig die Menschen, derer sie habhaft werden – gegen deren Willen zumeist, dafür aber umso penetranter, zum Genderstern, zur Verlaufsform, zur Schere im Kopf.
Stefan Laurin schreibt auf Seite 107 im Bezug auf die postmodernen Fakten vom „Glauben, dass die Wirklichkeit durch Sprechakte geschaffen wird“. Meinungen wären damit die neuen Fakten, und sie sind es in zunehmendem Maße. Natürlich kann dadurch die eine oder andere Ungerechtigkeit abgemildert oder ausgeglichen werden, aber neuer Ungerechtigkeit ist zugleich Tür und Tor geöffnet. Früher nannte man (sic!) das „den Teufel mit dem Beelzebub austreiben“. Es ist alles schon einmal dagewesen – nur wurde es damals, in einer weder guten noch alten Zeit, halt anders ausgedrückt.
Und dann, wie eingangs erwähnt, der Schlussaufsatz von Ralf Hanselle. Unter dem Rubrum „romantischer Reinheitszwang“ dekliniert er die Zerstörung des kulturellen Menschheitskonsenses, der sich zuerst bei Herder findet und der sich bis zum Nationalsozialismus immer weiter verschärft. Dort, genau dort wurde die Leistung von Kollektiven über die Leistung des Individuums gesetzt. Und wo stehen wir heute, wohin gehen wir? Diese Frage erklärt der Titel des Buches – was als Wokeness apostrophiert wird, ist alles andere als das, was es zu sein vorgibt. Wer eine Befreiung erwartet, unterliegt einer Illusion. Diese Wokeness ist vielmehr die konkrete Drohung, ein freiheitsfeindliches Zeitalter heraufziehen zu lassen.
Damit erscheinen die Vertreter der Wokeness-Illusion als Machtbesessene, die unter dem Mäntelchen einer scheinbaren neuen Gerechtigkeit alte Privilegien behalten beziehungsweise neue für sich selbst schaffen wollen. Im Übrigen spielt auch die Hybris eine große Rolle in der ach so „woken“ Genderdebatte, wie zum Beispiel an der Forderung nach einer „feministischen Außenpolitik“ sichtbar wird. „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen!“ Wer hat diesen Satz vor etwa 160 Jahren geprägt, welche deutschen Staatenlenker haben ihn übernommen bedenkenlos verschärft? Alle „woken“ Mitbürgern, die’s nicht wissen, müssen die Googl*in fragen.
Dr. Sebastian Sigler
