Papst Benedikt XVI., unser Ende 2o22 verstorbener Kartellbruder, nannte ihn „einen der größten Konvertiten der Kirchengeschichte": Aurelius Augustinus prägte die Geistesgeschichte des Abendlandes und entwickelte als Kirchenvater die Kirchenlehre und die Traditionen des Christentums weiter. Sein Gedenktag Ende August ist auch das Datum seines Todestags: Am 28. August 43o, während der Belagerung der Stadt Hippo durch die Vandalen, nahm Augustinus Abschied vom irdischen Leben. Meine Idee, als Brisgove über den Heiligen Augustinus zu schreiben, kam mir, weil die Brisgovenkapelle in Hinterhäuser oberhalb von Schluchsee (Schwarzwald) diesem Heiligen geweiht ist.
Aurelius Augustinus kam am 13. November in Thagaste, einer kleinen Stadt im Hinterland der römischen Provinz Africa proconsularis, zur Welt. Sein Leben verlief nicht immer geradlinig, denn er war auf der Suche nach der Wahrheit und dem Sinn des Lebens: Als Suchender ist er auch ein Vorbild für Studenten.
Sein Vater Patricius, Bauer und Regierungsbeamter, hing bis kurz vor seinem Tod dem römischen Götterglauben an, eine gläubige Christin war dagegen Monnica, die Mutter des Augustinus. Als aufgeweckter Jüngling durfte Augustinus eine Grammatikschule in der Nähe seiner Heimat besuchen. Ein Gönner der Familie ermöglichte ihm ab 371 ein Rhetorikstudium in Karthago.
In Karthago kam er mit vielen geistigen Strömungen seiner Zeit in Berührung: Für die Religion seiner Mutter, das Christentum, empfand Augustinus allerdings zunehmend Verachtung. Als Literat las er zwar auch die Bibel, fühlte sich von ihrer ungelehrten Sprache aber abgestoßen. Beeindruckt war er indes von Ciceros „Hortensius sive de philosophia“, einer für die Philosophie werbenden Schrift. Nach ihrer Lektüre schloss er sich einer geistig-religiösen Strömung an, die dem Christentum damals schwer zu schaffen machte: dem Manichäismus, der die Welt streng in Gut und Böse teilte und Augustinus als tiefere, radikalere Form des Christentums erschien. Neun Jahre später löste er sich von den Manichäern wieder: Vor allem die manichäische Vorstellung, dass das Gute nicht grundsätzlich mächtiger sei als das Böse, lehnte Augustinus zusehend ab.
Das freie Studentenleben brachte nicht nur Abwechslung, sondern auch Gefah-ren mit sich. Die Freundin, mit der Augustinus zusammenlebte, wurde von ihm schwanger. Er selbst war damals achtzehn Jahre alt und sah darin eine Beeinträchtigung seiner Freiheit und seines Studiums.
Nach kurzer Lehrtätigkeit in Thagaste ging er, auch auf Empfehlung manichäischer Freunde, nach Rom. Dort wirkte er kurze Zeit als Lehrer der Rhetorik, bevor er nach Mailand berufen wurde, in die damalige Hauptstadt des Römischen Reiches. Dort lernte er durch Bischof Ambrosius die platonisierende Bibelauslegung kennen. Er interessierte sich wieder für die Religion seiner Kindheit, gab den Skeptizismus auf und begriff sich von nun an als Philosoph.
Im selben Jahr geriet Augustinus in eine intellektuelle, psychische und körperliche Krise, worauf er seinen Beruf aufgab (Confessiones Augustini, VIII 2,2–4). Die Wende brachte am 15. August 386 eine meist als Bekehrungserlebnis bezeichnete religiöse Erfahrung, die seine Hinwendung zum Christentum vollendete. Er beschloss, auf Ehe, Sexualität und Beruf zu verzichten und ein kontemplatives Leben zu führen. Mehrfach hat Augustinus diese Erfahrung beschrieben, am berühmtesten im achten Buch seiner autobiographischen Betrachtungen, den Confessiones. (Conf. VIII, 12). Dort, berichtet er, vernahm er plötzlich eine Kinderstimme, die immer wieder rief: „Tolle, lege!“ - „nimm und lies!”. Daraufhin schlug Augustinus die Bibel auf und stieß auf eine Stelle aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer: „Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht!“ (Röm 13, 13).
Das war die Wende in seinem Leben: In der Osternacht des Jahres 387 empfing Augustinus durch Bischof Ambrosius die Taufe. Er kehrte nach Thagaste zurück und lebte mit Freunden zusammen auf dem Landbesitz seiner Familie. Augustinus beschreibt sein Leben als Suche nach der Wahrheit und dem erfüllten Leben: Nicht Ruhm, Ehre und Eitelkeit führen dazu, vielmehr liegen die wahren Werte in einem Leben aus dem Glauben. Diese Erkenntnis fasste er folgendermaßen zusammen: „Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ (Conf. I, 1)
Als Augustinus einen Freund in Hippo besuchte, wohnte er einer Predigt des Bischofs Valerius von Hippo († um 396) bei. Bei dieser Gelegenheit wurde er von der anwesenden Gemeinde gedrängt, dem Bischof zu versprechen, sich zum Priester weihen zu lassen; noch im selben Jahr wurde die Weihe vollzogen. 394 ernannte Valerius ihn zum Auxiliarbischof, der den Bischof zunehmend als designierter Nachfolger vertrat. Nach dem Tode des Valerius wurde Augustinus 396 Bischof von Hippo und blieb es bis zum Ende seines Lebens.
Dem Beispiel des Heiligen folgen
Der römische Statthalter in Jerusalem, Pontius Pilatus (26 bis 36 n. Chr.), fragte Jesus beim Prozess: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18, 38).
Die Suche nach der Wahrheit kann als eigentliches Ziel aller Philosophie gesehen werden. Für Platon ist das Wahre ebenso wie das Schöne oder Gute, ein absoluter Wert. Die Wahrheit zu erkennen und dadurch ein Gefühl der Gewissheit zu erlangen, erfordert klare Kriterien der Abgrenzung von wahr und falsch. Wenn sie nicht wie in der Religion offenbart wird, muss sie genau nachgewiesen werden. Der Skeptizismus, eine wichtige Strömung der antiken griechischen Philosophie und der modernen Erkenntnistheorie, hält die Wahrheit für unerreichbar. Er stellt sich dem Dogmatismus entgegen und damit jeder Lehrmeinung und Denkschule, die behauptet, im Besitz der Wahrheit zu sein.
Vor diesem Problem stand auch Augustinus. Er wollte die Wahrheit und die absolute Erkenntnis erlangen und suchte sie in den geistigen und geistlichen Strömungen seiner Zeit, etwa im Manichäismus. Aber er konnte sie dort nicht finden und wandte sich schließlich von dieser Lehre ab. Eine der zahlreichen Legenden erzählt, wie Augustinus am Ufer des Meeres wandelte und in tiefes Nachdenken versunken einen kleinen Knaben sah, der mit einer Muschel Wasser schöpfte und in eine Sandgrube goss. Befragt, was er tue, antwortete der Knabe: „Dasselbe, was du tust! Du willst die Unergründlichkeit Gottes mit deinen Gedanken ausschöpfen - ich versuche, das Meer auszuschöpfen!”
Immer wieder stoßen wir an unsere Grenzen, sei es in Wissenschaft und Erkenntnis, sei es in der Frage nach dem Sinn des Lebens und danach, was wirklich zählt. Und jeder von uns hat einmal die Erfahrung gemacht, dass das, was er erstrebt und erzielen will, nicht zu innerer Erfüllung führt, sondern eine geistige Leere erzeugt. Das kann zu Depressionen und Abhängigkeiten führen. Aber da braucht es Hilfe von außen her. Augustinus fand bei seiner Bekehrung den Satz aus dem Römerbrief: „Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht!“ (Röm 13,13)
Die Schriften des Alten und Neuen Testaments geben uns viele Hinweise für ein erfülltes und gelingendes Leben, wie auch die Antwort Jesu auf die Frage des Pilatus lautet: „Bist du ein König?“ „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (Joh 18, 37) Auf die Frage des Apostels Thomas „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ sagte Jesus zu ihm: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ (Joh 14, 6). Als Jesus ein anderes Mal zu den Pharisäern und Schriftgelehrten redete, sagte er: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8, 12) Wahrheit, Weg, Licht der Welt sind, was wir ersehnen und erhoffen. Am Beginn des Johannesevangeliums wird das Programm Jesu sichtbar: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh 1, 9-12).
Augustinus suchte Gleichgesinnte für seinen Weg im Studium und für seinen Weg zum Glauben. So schloss er sich den Manichäern an: Nach seiner Bekehrung gründete er eine klösterliche Gemeinschaft, die ihn tragen sollte. So ist auch der Anschluss etwa an die K.St.V. Brisgovia der Anschluss an eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, die auch vom christlichen Glauben geprägt ist.
In der Regel des hl. Augustinus für die klösterliche Gemeinschaft geht es auch um die Beziehungen der Mitglieder zueinander und die Verantwortung, die jeder für die Gruppe und die einzelnen Glieder trägt. Weil mein Glaube mir sagt, dass ich in meinem Nächsten Gott begegne, fühle ich mich für ihn und sein Wohlergehen verantwortlich. Deshalb ist es notwendig, sich gegenseitig auszutauschen und voneinander zu lernen. Dies bezieht sich nicht nur auf Studium und Wissenschaft, sondern auch auf die eigenen religiösen Erfahrungen nach dem Motto der Gretchenfrage in Goethes Faust I: „Wie hältst du‘s mit der Religion?“ Das ist nicht nur eine persönliche Anfrage an den eigenen Glauben und das eigene Leben als Christ, sondern auch daran, wie ich mein Leben als Christ, mein Christsein, in die Tat umsetze. Als Christ bin ich eingeladen, meine Glaubenserfahrung weiterzugeben.
Bischof Joachim Wanke (*1941) von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2012 Bischof von Erfurt, hat die sieben Werke der Barmherzigkeit (Mt 25, 34 - 46) zum Elisabeth-Jahr im Bistum Erfurt 2007 neu formuliert.1 So schrieb er zum vierten Werk der Barmherzigkeit „Ich gehe ein Stück mit Dir“: „Das Signal dieses Werkes der Barmherzigkeit lautet: Du schaffst das! Komm, ich helfe dir beim Anfangen!“ […] Sie brauchen jemanden, der ihnen Rede und Antwort steht und sie ein Stück des möglichen Glaubensweges begleitet.“2 Mitgehen bedeutet: teilnehmen an deinem Leben, dir Zeit schenken, zu-hören können und damit zu zeigen: Du bist mir wichtig! Du bist angenommen und geliebt!
Zum Nachdenken: Ich sage einem Menschen: Du gehörst zu mir! Ich höre Dir zu! Ich rede gut über Dich! Ich gehe ein Stück mit Dir! Ich teile mit Dir! Ich besuche Dich! Ich bete für Dich! (Bischof Wanke)
Stephan Weber O.Praem.(Bsg)

