Geheimnisse um die westliche Zivilisation
Hintergründe zum beispiellosen Aufstieg des Westens

Schon gewusst? Das Kirchenrecht des frühen Mittelalters hat die westliche Zivilisation hervorgebracht. Echt jetzt!
Individualismus, Kapitalismus, Rechtsstaatlichkeit: All diese Dinge hat die westliche Zivilisation in der Neuzeit entwickelt und ihr eine beispiellose globale Dominanz ermöglicht – und dies, obwohl Europa die längste Zeit der Menschheitsgeschichte zivilisatorisch völlig abgehängt war. Ein Professor der Harvard-University behauptet nun, es sei das Kirchenrecht des frühen Mittelalters gewesen, das Europa auf den Weg der globalen Dominanz gebracht habe. Klingt völlig abwegig?
Im Gegenteil: Der Autor dieser Rezension hat es in Sambia selbst erlebt!
Die Frage nach den Ursachen des beispiellosen Aufstiegs „des Westens“ ist deshalb so interessant, weil zum Ausgang der Antike nichts, aber auch wirklich gar nichts darauf hinwies, dass sich Europa 1000 Jahre später anschicken würde, die Welt zu unterwerfen. Was war passiert? Es war weder die Reformation noch die Ausbeutung Amerikas.
Historischer Sonderfall: Der westliche Mensch
Harvard-Professor Joseph Henrich hat in seinem Buch „Die seltsamsten Menschen der Welt. Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde“ dazu eine originelle Theorie vorgelegt. Auf Englisch lautet der Titel „the WEIRDest people in the world“, wobei WEIRD ein elegantes Akronym ist für Wealthy – Educated – Industrialized – Rich – Democratic. Es verweist darauf, dass Henrich in erster Linie Psychologe ist, und als solcher wies er 2010 als einer der ersten darauf hin, dass die meisten unserer psychologischen „Erkenntnisse“ auf Experimenten mit Studierenden an westlichen Universitäten beruhen, die sich im Rest der Welt aber kaum reproduzieren lassen. Seitdem widmete er sich intensiv den psychologischen Unterschieden zwischen den sonderbaren „Westlern“ und dem Rest der Welt und wie sich diese Unterschiede entwickelt haben könnten.
Henrichs These ist nun, dass für die institutionellen Unterschiede, die im Europa des späten Mittelalters und der beginnenden Neuzeit zu beobachten sind, psychologische Unterschiede die Voraussetzung sein müssen – sonst könnten diese Institutionen niemals funktionieren (und hätte die Reformation auch niemanden interessiert). Er sieht eine Co-Evolution von individueller, psychologischer Konstitution des Individuums und den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Institutionen. Und der Stein des Anstoßes für diesen Sonderweg war dabei keine institutionelle, sondern eine psychologische Revolution. Henrichs bestechende Beobachtung ist: Während Großfamilien im antiken Europa die Gesellschaft maßgeblich prägten – Kimbern, Teutonen und Markomannen waren letztendlich auch nichts anderes –, büßten sie diese Funktion in den folgenden Jahrhunderten Stück für Stück ein – zumindest unterhalb der feudalen Klassen, was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum diese Tatsache so lange übersehen wurde: Man war einfach davon ausgegangen, dass der Rest der Gesellschaft nach denselben Prinzipien lebte wie der Adel. Dabei hatte unterhalb der Adels-Klasse eine stille Revolution stattgefunden, ausgelöst vom Kirchenrecht des frühen Mittelalters.
Kirchenrechtliches Ehe- und Familienprogramm
Um diese These zu untermauern, hat Henrich mehr Synodentexte aus der frühmittelalterlichen Kirche gewälzt als wohl mancher dezidierte Kirchenhistoriker. Er kann beweisen, wie intensiv sich die frühmittelalterliche Kirche mit den Themen Ehe und Familie auseinandergesetzt hat. Die Synodenbeschlüsse zu diesem Thema bezeichnet er als EFP – Ehe- und Familienprogramm. Dessen Kernpunkte sind:
- Verbot der Schwägerinnenheirat (Sororat), also der Verpflichtung des Bruders eines verstorbenen Mannes, dessen Witwe zu heiraten.
- Durchsetzung der Monogamie. Hier galt (vielleicht erstmals in der Menschheitsgeschichte) gleiches Recht für alle – auch wenn sich die Mächtigen noch Jahrhunderte dagegen sträuben werden. Mit dem Erbrecht – nur legitime Nachkommen konnten erben – hatte die Kirche jedoch einen sehr effektiven Hebel.
- Verbot der Vetternehe, teilweise bis in den 10. Grad hinein. Eltern mussten dementsprechend jenseits ihres Eifeldorfes auf die Suche nach Heiratskandidaten gehen, um die kirchlichen Vorgaben zum Verwandtschaftsgrad zu erfüllen. Der Hebel war auch hier das Erbrecht. Die Folge: Großfamilien konnten untereinander nicht mehr hei raten, ihre Geschlossenheit erodierte.
- Förderung der Neolokation. Frisch Vermählte bezogen (idealerweise) ein eigenes Heim, abseits ihrer Herkunftsfamilien. Auch dies schwächte die Zugriffsmöglichkeiten des Clans.
- Durchsetzung von Privatbesitz gegenüber der Großfamilie. Die Kirche setzt durch, dass individueller Besitz vererbt werden konnte – natürlich vorzugsweise an die Kirche. Vorher war vor allem Land immer Clanbesitz gewesen; auch dies schwächte deren Einfluss.
Unbeabsichtigte Nebenwirkung dieser veränderten Rahmenbedingungen war eine Veränderung in der individuellen Psychologie. Henrichs führt zahlreiche Studien an, um zu zeigen, welche unterschiedlichen Psychologien das Aufwachsen in einem Clan im Vergleich zu einer Kernfamilie hervorbringt. Clans prägen noch heute in den meisten Ländern der Welt die Identität der Menschen. Würdet ihr den Satz „Ich bin…“ fortsetzen mit „der Enkel von Opa Heinrich, der mal stellvertretender Abteilungsleiter im Postamt von Recklinghausen war?“ Wahrscheinlich nicht. Wir würden den Satz eher mit individuellen Errungenschaften („Ich bin Diplomtheologe.“) oder Charaktereigenschaften („Ich bin steil.“) beenden.
Je länger man in Henrichs Buch liest, desto mehr bekommt man eine Ahnung davon, wie anders der Rest der Menschheit auf diese Welt blickt. Natürlich darf man hier nichts verabsolutieren: Die Studien, die Henrich anführt, weisen statistisch signifikante Unterschiede nach, die aber letztlich quantitativ, nicht qualitativ sind. Und auch wenn die Unterschiede selbst bei Migranten der 2. oder 3. Generation noch wirken, sind sie letztlich kulturell und in keiner Weise genetisch. Diese psychologischen Unterschiede haben sich über Jahrhunderte entwickelt, und laut Henrich waren sie gleichzeitig der Treiber institutioneller Innovation. So schwächte das EFP zwar die Macht der Großfamilie über einzelne Mitglieder – aber gleichzeitig auch die Sicherheit, die Institution der Großfamilie bietet. Deshalb „mussten“ neue Formen der sozialen Absicherung „erfunden“ werden. Kennzeichen all dieser Institutionen ist es, dass sie außerdem Wettbewerb zwischen Individuen regeln und regulieren und das Individuum selbst psychologisch stärken, was Innovation, Entdeckerfreude, auch Leistung fördert. Man denke an Klöster, Gilden und Zünfte, freie, selbstverwaltete Städte, oder auch an die Bursen an den ersten Universitäten, von denen wir hoffentlich alle noch aus den Fuchsenstunden wissen. Voraussetzung für solche auf freiwilliger Zugehörigkeit beruhenden Institutionen – „imaginierte Gemeinschaften“ – ist die Herauslösung des Individuums aus dem Großfamilienverband, der in den meisten anderen Teilen der Welt bis heute maßgeblich Identität prägt, Lebensentscheidungen zumindest mitbestimmt und soziale Sicherheit garantiert. Die Kirche setzte sich für das Recht des Individuums zur freien Wahl dieser Loyalitäten beharrlich ein.
Je länger man in Henrichs Buch liest, desto mehr bekommt man eine Ahnung davon, wie anders der Rest der Menschheit auf diese Welt blickt. Natürlich darf man hier nichts verabsolutieren: Die Studien, die Henrich anführt, weisen statistisch signifikante Unterschiede nach, die aber letztlich quantitativ, nicht qualitativ sind. Und auch wenn die Unterschiede selbst bei Migranten der 2. oder 3. Generation noch wirken, sind sie letztlich kulturell und in keiner Weise genetisch. Diese psychologischen Unterschiede haben sich über Jahrhunderte entwickelt, und laut Henrich waren sie gleichzeitig der Treiber institutioneller Innovation. So schwächte das EFP zwar die Macht der Großfamilie über einzelne Mitglieder – aber gleichzeitig auch die Sicherheit, die Institution der Großfamilie bietet. Deshalb „mussten“ neue Formen der sozialen Absicherung „erfunden“ werden. Kennzeichen all dieser Institutionen ist es, dass sie außerdem Wettbewerb zwischen Individuen regeln und regulieren und das Individuum selbst psychologisch stärken, was Innovation, Entdeckerfreude, auch Leistung fördert. Man denke an Klöster, Gilden und Zünfte, freie, selbstverwaltete Städte, oder auch an die Bursen an den ersten Universitäten, von denen wir hoffentlich alle noch aus den Fuchsenstunden wissen. Voraussetzung für solche auf freiwilliger Zugehörigkeit beruhenden Institutionen – „imaginierte Gemeinschaften“ – ist die Herauslösung des Individuums aus dem Großfamilienverband, der in den meisten anderen Teilen der Welt bis heute maßgeblich Identität prägt, Lebensentscheidungen zumindest mitbestimmt und soziale Sicherheit garantiert. Die Kirche setzte sich für das Recht des Individuums zur freien Wahl dieser Loyalitäten beharrlich ein.
Natürlich profitierte sie auch selbst davon, dass Sterbende ihr Vermögen der Kirche vermachen konnten, in der Hoffnung, dass dies im Jenseits ihnen zugute käme – anstatt ihren zurückbleibenden Verwandten im Diesseits. Auch die Entscheidung, in ein Kloster einzutreten und sich ganz den Interessen desselben zu verschreiben, erforderte eine radikale Relativierung familiärer Bande, welche in clanbasierten Gesellschaften kaum durchzuhalten ist. Das Ergebnis dieser Transformation ist die Entstehung einer „unpersönlichen Prosozialität“, was bedeutet, dass der sonderbare Mensch bereit ist, mit Fremden in gleicher Weise zu interagieren wie mit Familienmitgliedern. Klingt selbstverständlich? Dann bist auch Du ein WEIRDer Mensch.
Bin ich meinen Verwandten gegenüber loyal oder befolge ich unpersönliche Regeln der unparteiischen Gerechtigkeit?
Henrich trägt eine Fülle an Studien aus verschiedensten Wissensgebieten zusammen, um seine Thesen zu untermauern – viele davon mit erstaunlichen Einzelbefunden. Und wer, wie der Autor dieser Rezension, international arbeitet, hat zahlreiche Aha-Momente. So hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass man Institutionen – egal wie logisch und intuitiv sie (uns!) erscheinen mögen – nicht einfach irgendwo anders copy-pasten kann. Es funktioniert einfach nicht. Henrich präsentiert dazu ein eindrückliches Public-Good-Game-Experiment. Bei diesem Versuchsaufbau kann jeder Spieler Geld in einen gemeinsamen Topf geben, welches dann vervielfacht und zu gleichen Teilen wieder verteilt wird. Je mehr also alle geben, desto besser, aber für das Individuum ist die Versuchung groß, wenig oder sogar gar nichts zu geben, um maximal zu profitieren – klassisches Freeriding. Hier zeigen sich bereits Unterschiede zwischen Kulturen, noch deutlicher jedoch in einer Variante, in der Spieler die Möglichkeit haben, Freerider anonym zu bestrafen. Während dies im Westen zu hohen Kooperationsraten führte, setzte sich an anderen Orten eine Spirale aus Sanktion und Gegensanktion in Gang, welche das Gesamtergebnis für alle Spieler sogar unter das Ergebnis ohne Sanktionsmöglichkeit drückte.
Henrichs Buch legt die These nahe: Institutionen müssen zur Psychologie passen. Damit Institutionen, wie sie bei uns entstanden sind, funktionieren können, muss zum Beispiel eine kritische Masse von Menschen der inneren Überzeugung sein, dass es wichtig ist, Regeln einzuhalten – eventuell sogar zum eigenen Nachteil. Henrich präsentiert auch dazu eine entsprechende Studie, nach der disproportional wenige Menschen aus WEIRDen Gesellschaften vor Gericht falsch aussagen würden, um einen Freund nach einem Autounfall vor der Strafverfolgung zu bewahren – im Rest der Welt wäre es die Mehrheit. Loyalität wird dort nicht abstrakten Prinzipien oder imaginierten Gemeinschaften entgegengebracht, sondern in erster Linie Beziehungen, die durch Blutsverwandtschaft oder vergleichbar enge soziale Bande abgesichert sind.
Was aus unserer Perspektive wie Korruption und Machtmissbrauch aussieht, empfinden die meisten Menschen auf der Welt als die ethische Pflicht, die eigenen Möglichkeiten zu nutzen, um Menschen zu helfen, denen man verpflichtet ist.
Bedeutet dies nun, dass man Staatlichkeit in Entwicklungsländern völlig neu erfinden muss, mit ganz anderen Institutionen, die besser zur psychologischen Ausstattung der Bevölkerung passen? Darauf weiß ich auch keine Antwort. Was ich aber sagen kann: Es ist etwas in Bewegung. Ich habe in Sambia zu traditionellen „Eheberatern“ geforscht. Es ist heute noch obligatorisch, dass ein Paar vor der Ehe von solchen Beratern ausführliche Belehrungen zu Ehe und Familie erhält – getrennt voneinander, wobei die Familie des Mannes den shibukombe aussucht, und die Familie der Braut die nachimbusa. Diese Unterweisungen sind sehr detailliert und reichen von allgemeinen Pflichten im Alltag bis hin zu expliziten Handlungsanweisungen für das Schlafzimmer.
Wandlung im Familienverständnis
Man mag darüber denken, was man will, aber eine gründliche Vorbereitung auf ein lebenslanges Zusammenleben ist sicherlich nicht schlecht und wird in unseren Breiten vielleicht zu wenig ernst genommen. Jedenfalls sind heutzutage diese traditionellen Eheberater allesamt selbst Christen und verbinden in ihren Lektionen traditionelle Werte mit christlichen Ideen. Dabei gibt es viele Schnittmengen, aber auch manche Unterschiede. Einer davon ist das Verständnis von Familie. Im Neuen Testament kann man lesen, dass der Mann Vater und Mutter verlassen wird, um sich an eine Frau zu binden, und die beiden werden „ein Fleisch“ sein (Eph 5,31). Keine Rede von der Großfamilie – auch sonst im Evangelium nicht. Jesus ist sogar sehr explizit gegen jede Art von Clan-Loyalität: Als ihm gemeldet wird, seine Verwandten stünden draußen, um ihn dringend zu sprechen, weist er sie brüsk zurück: „Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mk 3,33 par. Lk 8,21 & Mt 12,50).1 In den Gesprächen mit ihnen konnte ich nachvollziehen, wie sich unter dem Eindruck der christlichen Ideen von Ehe und Familie die Lehre der nachimbusas und shibukombes verändert. Sie betonen zunehmend die Vorrangigkeit der Loyalität zur Kernfamilie gegenüber der Großfamilie. Konkret wird das – wie im Mittelalter – bei den Themen Landbesitz und Erbe. In einer matrilinearen Gesellschaft wie Sambia fällt traditionell der Besitz des Mannes an seine Familie mütterlicherseits zurück.
Noch vor nicht allzu langer Zeit bestanden Männer auch darauf, dass die Kinder ihrer Schwester – also die zweifellos blutsverwandten – als Pensionsempfänger nach ihrem Tod eingesetzt wurden. In der Konsequenz wurden Frau und Kinder nicht selten von der Verwandtschaft des Mannes nach dessen Tod aus dem Haus geworfen – teilweise passiert das noch heute. Diese Praxis wird aber von immer mehr nachimbusas und shibukombes verworfen – mit Verweis auf die Lehren des Christentums, das sie als Rechtfertigung für diesen Eingriff in die Tradition heranziehen.
Was Henrich also in den ganz großen Linien der Geschichte liest, kann man hier im Kleinen erahnen: Das christliche Verständnis von Ehe und Familie erodiert die Macht der Großfamilie und eröffnet damit Individuen Wege, ihr Denken, Fühlen und Handeln neu auszurichten. Ob man damit in Gänze das Rätsel vom kometenhaften Aufstieg des Westens erklären kann, sei dahingestellt. Soweit hergeholt, wie die These beim ersten Hören sein mag, ist sie jedenfalls nicht.
Benjamin Kalkum (Arm, Wk)
Benjamin Kalkum
Kb Benjamin Kalkum (geb. 1985 in Gummersbach) ist nach seinem Theologiestudium in Bonn, wo er bei den Arminen aktiv wurde, und einem zusätzlichen Master an der RWTH Aachen, wo er sich dem KStV Wiking anschloss, in der Internationalen Zusammenarbeit gelandet. Nach Stationen in Ghana und Sambia lebt er derzeit mit seiner Familie in Äthiopien, wo er nach seiner Elternzeit als Consultant für Internationale Organisationen, aber auch für den Privatsektor arbeitet. Daneben engagiert er sich im akademischen Bereich mit verschiedenen Veröffentlichungen zu den Themen Gender, Sexualität und Religion - und arbeitet an einem äthiopischen Kochbuch