Rekonstruktion der Pariser Kathedrale Notre Dame
Rekonstruktion der Pariser Kathedrale Notre Dame
15. April 2019: Eine Nachricht erschüttert Frankreich und die ganze Welt: Im Zentrum von Paris hat ein Brand die ehrwürdige, achthundert Jahre alte Kathedrale Notre Dame verwüstet. Wie groß ist das Ausmaß der Zerstörungen? Kann das Bauwerk die Katastrophe überstehen? Bald nachdem die Flammen erloschen sind, kündigt Staatspräsident Macron an, Notre Dame werde bis 2014 instand gesetzt. Seither arbeiten Restauratoren und Wissenschaftler aus vielen Ländern gemeinsam am Wiederaufbau - auch die Kölner Dombauhütte und Wissenschaftler der Universität Bamberg.
Notre Dame brennt! Zum ersten Mal wird am 15. April 2019 um 18.20 Uhr Feueralarm gegeben, mitten in der Heiligen Messe, nochmals um 18.50 Uhr. Flammen zeigen sich über der Vierung, wo sich Haupt- und Querschiff kreuzen. Der 110 Meter lange, dreizehn Meter breite und zehn Meter hohe Dachstuhl stammt aus dem dreizehnten Jahrhundert. Staubtrocken sind seine uralten Eichenbalken: Sofort fangen sie Feuer. Der Brand greift um sich, lichterloh brennt der hölzerne Spitzturm über der Vierung. Kurz vor 20.00 Uhr kippt er zur Seite, zerschmettert den Dachstuhl und beschädigt das Steingewölbe des Querschiffs. Vor dem Brand ist der Spitzturm für Reparaturen eingerüstet worden, Steigleitungen für Löschwasser gibt es nicht.
Viele Menschen sind tief erschüttert
Hat ein Kurzschluss den Brand ausgelöst? War es eine glimmende Zigarettenkippe? Niemand kann es sagen. Etwa sechshundert Feuerwehrleute kämpfen die ganze Nacht gegen den Brand. Sie können rund neunzig Prozent des Kirchenschatzes retten, darunter die Reliquie der Dornenkrone Christi.
Im Blaulicht der Einsatzwagen stehen am Abend viele Menschen auf den Seine-Brücken und schauen hinüber zur brennenden Kirche. Viele weinen, andere beten und singen geistliche Lieder. Stundenlang schwebt eine Rauchwolke über Notre Dame. Riesenflammen fressen sich durch das Dach. Erst nach fünfzehn Stunden Feuer kann am nächsten Tag, um 9.50 Uhr, entwarnt werden: Der Brand ist gelöscht.
Einen Tag nach dem Brand fliegt eine Drohne an der gotischen Kirchenfassade entlang, dokumentiert und scannt die Schäden. Sie schwebt durch ein von der Hitze verformtes Baugerüst, das ein Loch im hölzernen Dachstuhl einfasst. Die tausenddreihundert Eichenbalken aus dem Mittelalter, die dem Dachstuhl den Spitznamen „la forêt – „der Wald” – gaben, sind verbrannt, die Bleischindeln, mit denen das Dach gedeckt war, zerschmolzen.
Herabgestürzte Balken und Trümmer sind im verrußten Kirchenschiff verstreut. Die meterhohen Buntglasfenster, die bereits Victor Hugo im „Glöckner von Notre-Dame“ beschrieb, haben die Katastrophe überstanden, sind aber bedeckt von Ruß und Staub.
Noch einmal davon gekommen ist die Hauptorgel von Notre Dame, mit 115 Registern das größte Instrument Frankreichs. Aber im Jahr 2019 gibt es einen Hitzesommer und die Temperaturschwankungen, denen die Orgel nach dem Brand ausgesetzt ist, setzen ihr zu. Das Instrument wird abgebaut und in drei Orgelwerkstätten restauriert. Im Kirchenraum und in der ganzen Umgebung haben sich giftige Partikel aus der Masse der geschmolzenen Bleischindeln verteilt. Noch in fünfzig Kilometern Entfernung werden Bleiwerte gemessen, die zwanzigmal so hoch sind wie üblich.
„Notre Drame”
„Notre Drame” - unser Drama - mit diesem Wortspiel macht die linksliberale „Liberation”, die sonst zu Kirche und Religion auf Distanz geht, nach der Brandkatastrophe auf. Kaum eine Zeitung, deren erste Seite nicht das Bild der brennenden Notre Dame zeigt. Denn in Notre Dame spiegelt sich Frankreichs Geschichte: Notre Dame sah Kapetinger und Bourbonen, die Bartholomäus-Nacht und die eigene Entweihung zum Tempel des Höchsten Wesens während der Französischen Revolution. Sie sah die Selbst-Krönung Kaiser Napoleons und die große Feier nach der Befreiung von Paris 1944. Der Brand am 15. April 2019 ist nur die neueste Episode einer langen dramatischen Geschichte.
Frankreich ist ein säkularisiertes Land. Mehr als die Hälfte der Franzosen gehört keiner Religionsgemeinschaft an, nur fünf Prozent der Katholiken gelten als praktizierend. Aber mag für viele auch der gelebte Glaube nicht mehr zum Alltag gehören, die Spur der christlichen Kultur, das Heimaterbe, ist es schon. Und so verkündet Staatspräsident Macron: „Wir werden Notre Dame wieder aufbauen. Weil die Franzosen das erwarten. Weil es das ist, was unsere Geschichte verdient. Weil es unser tiefes Schicksal ist.“
Zurückhaltender ist der Erzbischof von Paris, Michel Aupetit. Er weist darauf hin, dass seine Bischofskirche mehr ist als ein nationales Kulturdenkmal, sondern ein Ort des Gebets und jenes steinerne Buch, in dem die Schlüssel zu der Botschaft zu finden sind, die die Kirche mit Statuen, Bildern und der Architektur vermitteln will.
Vier Jahre sind seither vergangen. Notre Dame ist eine Baustelle mit dem größten Kran dieses Kontinents. Hunderte von Arbeitskräften wirken mit, das schwer beschädigte Bauwerk wiederherzurichten. Doch ehe die Rekonstruktion beginnen konnte, musste aufgeräumt und das bei dem Brand zerschmolzene Baugerüst, das für Reparaturarbeiten rund um den Spitzturm errichtet worden war, entfernt werden. Die Überreste dieses Gerüstes hingen in Form von vierzigtausend Stahlrohr-Einzelteilen, als zweihundert Tonnen schwerer Metallknoten, über dem Kirchengewölbe.
Ein gigantisches Mikado-Spiel
Mit Seilen gesichert mussten die Arbeiter Stücke aus dem Gerüst-Wirrwarr herausschneiden, sichern und entfernen - wie bei einem gewaltigen Mikado-Spiel: Denn Teile, die sich von selbst gelöst und herabgestürzt wären, hätten weitere Schäden angerichtet. Bei dieser Montagearbeit gab es Rückschläge: das giftige Blei in der Luft erforderte besondere Schutzkleidung und Arbeitspausen, hinzu kamen Beeinträchtigungen durch Regen, Sturm und die Corona-Pandemie zwischen 2020 und 2022.
Auch nach der Aufräumarbeit war das wirkliche Ausmaß der Schäden schwer abzuschätzen. Sicher, die Feuerwehrleute waren bei den Löscharbeiten so umsichtig wie möglich. Sie hatten das Feuer auf den brennenden Dachstuhl eingegrenzt und verhindert, dass sich der Brand bis zur Westfassade durchfressen konnte, sonst hätte Notre Dame wirklich nicht gerettet werden können. Dank eines Notfallplans wussten sie, welche Kunstwerke in welcher Reihenfolge zu retten waren. Sie wussten, dass sie den Wasserdruck niedrig halten mussten und keines der Buntglasfenster treffen durften, damit das kalte Wasser das heiße Glas nicht zersplitterte. So blieben die Fenster und die Orgel unversehrt, ebenso viele Kostbarkeiten und Reliquien.
Aber zerstört waren der Dachstuhl und der Spitzturm über der Vierung und offen blieb das Ausmaß der Schäden am Mauerwerk: Das Feuer mit seiner Hitze und das Löschwasser hatten dem Stein schwer zugesetzt, der poröse Kalkstein war durch das Wasser um bis zu ein Drittel schwerer geworden und das empfindliche Kräfteverhältnis zwischen Gewölbe und Strebepfeilern damit geschwächt. „Wie haltbar ist die Gesamtkonstruktion des Bauwerks?” Viele befürchteten, die berühmteste Kathedrale Frankreichs könne im nachhinein doch noch zusammenfallen wie ein Kartenhaus.
Einen wichtigen Beitrag, um das Bauwerk vor dem Einsturz zu schützen, lieferte die Universität Bamberg kurz nach dem Brand: Denn – Glück im Unglück – genau die Bereiche des Gebäudes, die der Brand beschädigt hatte, hatte wenige Jahre zuvor ein Team der Bamberger Universität untersucht.
Wie groß ist der Schaden?
Professor Dr. Stephan Albrecht, Inhaber des Lehrstuhls Kunstgeschichte, insbesondere Mittelalterliche Kunstgeschichte, hatte seit 2015 das Bauwerk erforscht. Zusammen mit seinem Team erstellte er bis 2018 für das Forschungsprojekt „Mittelalterliche Portale als Orte der Transformation” 3D-Scans des Querhauses.
Bei einem 3D-Scanner schickt ein rotierender Spiegel einen Laserstrahl auf jede Stelle des untersuchten Raumes. Von dort wird der Strahl zurückgeworfen und im Scanner wieder erfasst. Aus dem so aufgenommenen Signal erzeugt der Scanner Milliarden von Bildpunkten, aus denen ein Computerprogramm ein dreidimensionales Bild errechnet. Auf diese Weise wurde der Zustand des Querhauses von Notre Dame kurz vor dem Brand dokumentiert. Das beschädigte Querhaus brauchte also nur noch ein zweites Mal gescannt und die beiden Scans vor und nach dem Brand miteinander verglichen zu werden.
Glück im Unglück
Auf diese Weise ließ sich millimetergenau erkennen „wo es Abweichungen gibt und was für Schäden möglicherweise dahinter sind. Und da das sehr genau ist, wird man auch sehr genaue Schlüsse auf die Tragfähigkeit des Mauerwerks gewinnen können”, sagte Professor Albrecht 2020 in einem Fernsehbericht des Bayerischen Rundfunks. Dieser Glücksfall macht eine umsichtige Reparatur der Gebäudeschäden möglich.
So furchtbar die Brandkatastrophe war - die riesige Baustelle mit ihren Gerüsten und Grabungen erlaubt der Forschung wichtige Erkenntnisse zur Baugeschichte von Notre Dame und zur mittelalterlichen Bautechnik. Untersuchungen zeigten etwa, dass die Steine des Bauwerks konsequent mit Eisenklammern verstärkt wurden - und zwar, wie Datierungen und metallurgische Untersuchungen ergaben, schon in der ersten Phase des Kirchenbaus. Die Klammern stabilisierten den Bau, der mit seinem 32 Meter hohen Kirchenschiff das höchste Gebäude der damaligen Zeit war. Spätere Kathedralbauten übernahmen diese Technik.
Und: Bei Grabungen wurden uralte Blei-Sarkophage mit den sterblichen Überresten Unbekannter entdeckt, aber auch Reste des im 18. Jahrhundert abgeräumten mittelalterlichen Lettners.
Nicht nur im Innern und rund um Notre Dame gehen die Arbeiten vor sich, sie verteilen sich auf viele Werkstätten in Frankreich und darüber hinaus. So wurden in der Werkstatt der Kölner Dombauhütte vier große ausgebaute Obergadenfenster von Bleistaub gereinigt und repariert. Inzwischen sind die zusammen 90 Quadratmeter großen Fenster, Werke des französischen Glasmalers Jacques Le Chevalier (1896-1987) aus den 1960er Jahren, wieder in Notre Dame eingebaut und im Juli übergeben worden.
Tausend Eichen wurden in ganz Frankreich für Notre Dames neuen Dachstuhl gefällt. Bearbeitet werden sie aber nicht nach mittelalterlichen Vorgaben, so ein Bericht der Universität Bamberg, „nun verwendet man gesägte Balken, die erst später überbeizt werden. Auf diese Weise entzünden sich die Fasern im Falle eines Brandes nicht mehr so schnell.”
Neu entsteht auch der in der Brandnacht zerstörte Spitzturm über der Vierung. Seine insgesamt 2300 Einzelteile werden Stück für Stück vor Ort zusammengebaut und dann mit Hilfe des Krans in der Höhe montiert. Bis Ende 2023 wird man verfolgen können, wie er sich nach und nach in den Himmel über Paris erhebt.
Letztlich bot - Glück im Unglück - die Katastrophe den Anlass, das Bauwerk gründlich vom Staub und Ruß der Jahrhunderte zu säubern, denn eine Komplett-Sanierung war bei 12 Millionen Besuchern pro Jahr bisher nur schwer möglich gewesen.
Wenn die Arbeit vollendet ist, wird Notre Dame einen neuen Eindruck machen. Die Fenster sind gesäubert - also wird mehr Licht ins Kircheninnere gelangen. Die große Orgel wurde gereinigt - also wird sie anders klingen. Ändern wird sich aber nicht das Programm dieses Bauwerks: Es ist die Botschaft vom barmherzigen Gott, der in Jesus von Nazareth Mensch geworden ist - und dieses Evangelium verkündet Notre Dame als steinerne Predigt mitten in einer säkularisierten Welt.
Reinhard Nixdorf (Nm-W)



