Spuren zu Gott in unserer Welt
Gott ist und bleibt ein Menschheitsthema, wie die abgeebbte Welle des Neuen Atheismus (stark verbunden mit dem Namen Richard Dawkins) zeigt. Ja, die Menschen haben sogar die meist verdeckte Sehnsucht, es möge ein Gott existieren. Nur lässt sich die Existenz Gottes nicht beweisen und das verunsichert und treibt in säkularisiertes Denken und Verhalten.
Ja, es gibt etwas, was uns den Gottesglauben heute mehr denn je erschwert: das naturwissenschaftliche Weltbild: Da gibt es ja für jedes physische Ereignis eine physikalische Erklärung. Und wenn wir gar noch nach dem Handeln Gottes in unserer Welt fragen, wenn wir fragen: Wo greift denn Gott ein? Dann scheint da für Gott und sein Handeln kein Platz mehr zu sein. Man hat bestenfalls den Eindruck: Gelegentlich mal. Alles scheint mit dem Big Bang vor 13,7 Milliarden Jahren, mit der Quantenphysik (für sogenannte „Zufälle“), mit der unbestreitbaren Evolution geklärt werden zu können. Sind es nicht diese oft gar nicht bewussten Hintergründe der zunehmenden Säkularisierung, die ja auch zu beobachten ist unter den Menschen der christlichen Schwesterkirchen und auch im Islam, wenn Muslime aus ihrer relativ geschlossenen Gesellschaft heraus anderswohin kommen und anderswo leben oder in der naturwissenschaftlichen Forschung und deren Vermittlung selbst aktiv sind? Das Phänomen der Abwanderung ist nicht zu übersehen. Was unsere Kirche betrifft, sind der Missbrauchsskandal und die scheinbare oder wirkliche Reformunwilligkeit mit Sicherheit zwar der direkte Auslöser, aus der Kirche auszutreten, aber im Hintergrund sind noch andere unbewusste Schwierigkeiten mit dem Gottesglauben virulent, erkennbar an der und wiederum hervorgerufen durch die Säkularisierung. Und diese Säkularisierung könnte noch zunehmen und jede Denomination und Konfession schrumpfen lassen!
Bleibt uns also in der Verbindung gar nichts anderes übrig, als bestenfalls Kultur-Katholiken zu sein oder zu werden mit einer zunichte gewordenen christlichen Tradition im Rücken?
Werner Heisenberg, Begründer der Quantenmechanik und Physik-Nobelpreisträger des Jahres 1932, meinte allerdings: „Der erste Schluck aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“
Es geht also für uns um die Frage: Gibt es nicht doch Spuren zu Gott hin in unserer Welt? Lässt sich denn alles erklären, was es so im Universum inklusive des Menschen gibt? Ich denke - und nicht nur ich und ich nicht zuerst - Nein...
Das Spezifische des Menschseins, sein Um-sich-selbst-wissen, sein Bewusstsein, sein Freisein lassen sich nicht auf Gehirnfunktionen zurückführen, ist nicht bloß Materie. Dieses unser Bewusstsein ist auch kein Randphänomen, es ist unser Leben, es macht unser Leben aus. Es hat einen Gehalt, einen geistigen Inhalt. „Geist ist das Herz der Materie“, meinte Teilhard de Chardin, Jesuit und Naturwissenschaftler. - Das ist doch eine Spur!
Wenn wir aber nach dem Handeln Gottes in unserer Welt, im Leben fragen, ist dieses und damit ER wohl anders zu denken, als dass er in deren Verlauf eingreift als der mechanische Beweger von allem, was da geht und anders gehen soll. Nein - so nicht! Er ist vielmehr der Ermöglicher von allem, der Naturgesetze, der Evolution, der Quantensprünge, des Big Bang (einer bislang breit akzeptierten Theorie, die von dem belgischen Priester und Astrophysiker Lemaitre stammt). Gott ist dann wohl kein wundertätiger Handwerker, auch kein Uhrmacher, der die Weltuhr aufzieht und dann laufen lässt. Das ist eine andere Spur!
Gott ist das „Große Geheimnis“, das alle Energie und ihre Entwicklung in sich birgt und das sich mitteilen will - der Grund für die Schöpfung, der Grund der Inkarnation (Leonardo Boff). Er ist darum in jedem Moment der Selbstorganisation der Natur in ihr wirksam und eröffnet der Natur neue Möglichkeiten. Er verlockt zum heldischen Widerstand gegen den Schrecken von Auschwitz ebenso wie er in einer spontanen Selbstheilung wirkt, die auf Jesu Wort hin erfolgt, oder auch nur in der Schönheit des Vogelgesangs. So wird oder kann man „Gott in allen Dingen finden“ (Ignatius v. Loyola) - was aber gar nicht das betende Vertrauen zu ihm überflüssig macht. Man kann ihm betend vertrauen: am Ende wird alles gut. Denn „Gott ist alles und persönlich“ (Klaus Müller).
Ich denke, es ist angemessen, unser Prinzip Religio ernst zu nehmen und nicht nur davon zu plappern. Wir sind kein Theologenverein und keine geistliche Gemeinschaft, aber es steht uns gut an, uns damit auseinanderzusetzen und tatsächlich auch zu einem persönlichen Lebensprinzip zu machen.
Wie dies aussehen kann, dafür ist der Philosoph Blaise Pascal ein beeindruckendes Beispiel. Im Futter seiner Kleidung eingenäht fand man nach seinem Tod eine Erinnerungsnotiz, bekannt als „Mémorial“:
Jahr der Gnade 1654
Montag, den 23. November. Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht:
Feuer
Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten.
Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede. Der Gott Jesu Christi...
Dein Gott ist mein Gott.
Vergessen der Welt und aller, nur Gottes nicht....
Ich habe mich von ihm getrennt...
Mein Gott, wirst du mich verlassen?...
Möge ich niemals von ihm getrennt sein...
