„Jung blieb Münster trotz der Stürme”

Studentische Korporationen an der Universität Münster einst und jetzt

Wer des Pinkus Müllers Tochter und den Bullenkopp nicht kennt…“ – „Die Westfälische Wilhelms-Universität und ihre Studenten“ lautet der Titel dieses im Juni 2023 in Münster im Eigenverlag erschienenen Buches von Kartellbruder Christian Delhey über die Geschichte der Hochschulen, ihrer Studenten und deren Korporationen in Münster. 

Der in Münster lebende Autor hat in Münster und Würzburg Geschichte, Germanistik und Wirtschaftspolitik studiert und trat während seines Studiums in Münster dem K.St.V. Markomannia und in Würzburg dem K.St.V. Walhalla bei. In seinem Vorwort betont er, dass Münster eine reichhaltige Korporationsgeschichte vorweisen könne, allerdings ein andersartiges Korporationswesen entwickelt habe als andere berühmte deutsche Universitätsstädte, wie z.B. Heidelberg, Tübingen oder Würzburg. Diese These belegt sein Werk eindrücklich.

Zunächst führt der Autor den Leser in das historische und kulturelle Umfeld des Korporationswesens in Münster ein. Er skizziert hierfür unter anderem die Geschichte der Stadt Münster und beschränkt sich auf die Auflistung der wichtigsten Daten. Er stellt das Münsterlied vor, dem der Titel des Buches entlehnt ist, und lässt Annette von Droste-Hülshoff launisch den „Münsterländer“ charakterisieren. Es schließen sich sodann an umfangreiche Ausführungen zu dem örtlichen Kneipen- und Brauereiwesen, zu dem sog. „münsterschen Bierkrieg“, zur Entwicklung des Ausflugsverkehrs im Münsterland und zu den ortstypischen Verbindungsbootshäusern an der Werse in Münster-Handorf. Dem Wirken der Akademischen Wehr im Jahre 1920 zur Bekämpfung der inneren Unruhen im Ruhrgebiet, bei der konfessionelle und schlagende Verbindungsstudenten gleichermaßen zu den Waffen gegriffen haben, ist ebenfalls ein eigenes Kapitel gewidmet. Diesem folgt eine Darstellung der Ursprünge und Entwicklung der Hochschulen in und um Münster; diese reicht bis in das Jahr 1625 zurück, als Münster eine erste Universität erhielt. Dies alles breitet der Autor gut lesbar auf den ersten 55 Seiten des Buches aus, die zum Teil mit Fußnoten mit Quellenangaben und mit weiteren Erläuterungen zumeist sinnvoll ergänzt sind. Vor dem Hintergrund dieser ersten einführenden Kapitel folgt auf den Seiten 56 bis 64 eine Geschichte des münsterschen Korporationswesens, das mit der Konstitution der ältesten in Münster errichteten Studentenverbindung, der Sauerlandia (heute CV), an der Königlich Theologischen und Philosophischen Akademie am 17. Dezember 1847 beginnt. 

Im Hauptteil des Werkes stellt der Autor auf den Seiten 65 bis 651 - auch wenn er in seinem Vorwort noch einen Anspruch auf Vollständigkeit ausdrücklich von sich weist - die Ursprünge und die Entwicklung von mehr als 120 Korporationen dar, von denen heute 29 in Münster aktiv sind. Der Autor versteht es hierbei auf sehr anschauliche Art und Weise, die Gründung und die oftmals wechselvolle Geschichte der einzelnen Korporationen nachzuzeichnen. Aus dem Kreise der in Münster gegründeten und heute noch aktiven Verbindungen seien dem geneigten Leser hier beispielhaft ans Herz gelegt die detailreichen Darstellungen zu dem am 07. März 1864 gegründeten Katholischen Studentenverein Germania, der am 04. August 1878 aus der Sauerlandia abgespaltenen Münsterer Burschenschaft Franconia, der am 23. Juni 1891 gegründeten Akademischen Ruderverbindung Westfalen, dem am 27. Oktober 1902 gegründeten Wissenschaftlichen katholischen Studentenverein Unitas Winfridia, dem am 26. Mai 1903 gegründeten Wingolf, dem am 29. Juli 1908 gegründeten Corps Rheno-Guestphalia, der am 24. Oktober 1954 
errichteten Akademischen Jagdverbindung Hermann Löns und der am 20. Januar 1988 gegründeten Akademischen Damenverbindung Helenia Monasteria. Besonders interessant sind hierbei auch die Ausführungen zu den Beziehungen zwischen den einzelnen Verbindungen vor Ort und über die Grenzen der einzelnen Verbände und Kartelle hinweg. 

„In den Karzer muss er nun, ei, da kann er Buße tun!”

Manche Schilderungen regen den heutigen Leser zum Schmunzeln an, so z. B. die der Karzerhaft eines Rhenanen auf den Seiten 204 ff. oder der Umstand, dass ein Aktiver der katholischen Zollern (CV) 1907 sein Band vorübergehend ablegte, um eine Kontrahage auszutragen (S. 299). Manches Kuriose, wie der Umstand, dass der eine oder andere Waffenstudent einen „Ehrenleibburschen“ oder „Ehrenleibfuchs“ aus den Reihen des KV und CV hatte (aaO.), dürfte auf manchen heutigen Korporierten merkwürdig wirken.

Das Korporationswesen in Münster zeichnet sich im Vergleich zu dem anderer deutscher Universitätsstädte vor allem dadurch aus, dass es von Anbeginn einen starken Anteil konfessioneller Korporationen aufweist. Der Zustrom zu den katholischen Korporationen vor allem ab dem Ende des 19. Jahrhundert war so stark, dass zum Beispiel der K.St.V. Germania im Jahre 1901 einen Teil der mehr als 160 (!) Aktiven auf gleich zwei neukonstituierte Tochterkorporationen aufteilen musste, die Cimbria (KV) und die Markomannia (KV). Auch andere katholische Korporationen haben noch heute einen erfreulich hohen Mitgliederbestand, so zum Beispiel die Winfridia-Breslau (CV) mit rund sechzig Aktiven und ca. 385 Alten Herren. Dies darf und soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Münster auch viele nichtkonfessionelle und schlagende Korporationen gedeihen konnten und sich auch behaupteten. Der Autor zählt insbesondere neun Landsmannschaften, fünf Burschenschaften und vier Corps; allen voran die wohl älteste Verbindung schlechthin, die auf die sehr beachtenswerte Tradition der im Jahre 1716 (!) in Leipzig von evangelischen Theologen gegründeten Sorabia zurückgehende Landsmannschaft Sorabia-Westfalen. Die älteste in Münster ansässige Burschenschaft ist die am 20. Juni 1837 in Halle gegründete und heute noch am Ort aktive Burschenschaft der Pflüger. Das älteste in Münster registrierte Corps ist das im Jahre 2006 an seinen Gründungsort Halle zurückgekehrte und dort weiterhin aktive und dem grünen Kreis zugehörige Corps Guestphalia-Halle, gegründet am 08. September 1789.     
Wie reich und vielfältig das Korporationswesen in Münster war und ist, zeigen zudem die Darstellungen zu vielen weiteren, illustren und oftmals leider nicht mehr existenten Korporationen, seien es Akademische Piusvereine, der Akademische Pharmazeuten-Verein, Akademische Freischaren, Baugewerkschulverbindungen, Hochschulgilden, Hochland- verbindungen, Ingenieurkorporationen, eine Jagdkorporation, Jüdische Verbindungen, Landwirtschaftliche Verbindungen, Sängerschaften, Schwarzburgver-bindungen, Turnerschaften, Katholische Burschenschaften, der Verein deutscher Studenten, der Verein abstinenter Studenten oder der Wingolf. 

Den nach den einzelnen Korporationsverbänden geordneten Studentenverbindungen folgt sodann eine Erläuterung der verbandsfreien Korporationen, von denen Christian Delhey neunzehn aufführen kann, sowie vier Interkorporative Zusammenschlüsse (z. B. Akademischer Historischer Verein von 1909) und schließlich achtzehn Schüler- bzw. Pennälerverbindungen (u.a. Gymnasial-Gesangverein Bardophonia von 1858). Besonders hervorzuheben sind auch die Damenverbindungen, von denen der Autor insgesamt dreizehn aufzählen kann, einschließlich der jüngsten Münsteraner Korporation, der am 11. Juni 2016 konstituierten und im Unitas-Verband (UV) organisierten Damenkorporation W.k.St.V. Unitas Anna Westphalia. 

Wer ein handliches Kompendium mit einer Aneinanderreihung von Auszügen aus Chroniken münsteraner Korporationen erwartet, wird positiv überrascht sein. Das vorliegende Buch ist mehr als das. Mit seinen 682 Schriftseiten im Großformat DIN A4 ist es eine gewichtige, umfassende und in ihrer Detailvielfalt bislang unerreichte Darstellung des Korporationswesens in Münster. Das vorliegende Buch gewährt aufgrund zahlreicher Originaltexte vor allem aus Chroniken einen intimen Blick in das Leben und Wirken der Korporationen. Das Literaturverzeichnis verrät, dass sich der Autor darüber hinaus weiterer zahlreicher und sehr unterschiedlicher Quellen bedienen konnte, so zum Beispiel Korporationszeitungen, Verbandsmitteilungen und -schriften, Fuxenfibeln, Festschriften und Conventsprotokolle. Der Textteil des Buches wird bereichert durch zahlreiche Fotos und farbige Abbildungen, zumeist von Korporationshäusern - aus denen das besonders schöne Haus des K.St.V. Ravensberg hervorsticht -, von Verbindungsbootshäusern, Verbindungswappen und einigen Couleurkarten. Eine dieser Couleurkarten, die der Autor auf Seite 65 erläutert, ziert die Vorderseite des hochwertigen Bucheinbandes; eine Karte aus dem Jahre 1909, welche die Zirkel und Farben von 26 Korporationen in Wappenform zeigt.

Für ein umfassendes Werk, wie das hier besprochene, ist das im Anhang enthaltene Verzeichnis der Korporationen selbstverständlich; dieses ist dankenswerterweise sehr detailliert und sehr sorgsam bearbeitet, was den Leser schnell zu den für ihn wichtigsten Fundstellen führt. Dem Korporationsverzeichnis wird zudem ein umfangreiches Personenregister hinzugefügt, was den Wert dieses Buches zusätzlich steigert. Diese Verzeichnisse belegen eindrucksvoll, dass dieses Buch nicht bloß eine Aneinanderreihung einzelner historischer Darstellungen von zufällig am selben Ort bestehender Korporationen ist, sondern darüber hinaus zahlreiche Querbezüge herzustellen vermag, wodurch ein großes und umfassendes Bild über die Entwicklungen des Korporationswesens in Münster insgesamt entstanden ist. Dem Autor ist damit ein großer Wurf gelungen.