Ökologie als Systemfrage der christlichen Sozialethik

Acht Jahre liegen zurück, seitdem Papst Franziskus seine Enzyklika Laudato si veröffentlicht hat. Angesichts eines dramatischen Klimawandels und immer stärkerer Verwerfungen im globalen Ökosystem sind die Zustandsbeschreibungen dieser Enzyklika und ihr Ruf nach einer globalen ökologischen Verantwortung brisanter denn je. In dem neuen Apostolischen Schreiben Laudate Deum schreibt der Papst Laudato si fort und ruft zu ökologischer Umkehr auf. Tatsächlich ließe sich aus jedem Absatz von Laudato si eine eigene Enzyklika entwickeln. Theologie und Spiritualität der Zukunft werden ökologisch orientiert sein - oder es wird sie nicht geben.

Die Bewahrung der Schöpfung ist ein christlicher Wert. Jeder von uns hat diesen Wert in seiner religiösen Entwicklung kennengelernt: im Religionsunterricht, in der Firmkatechese, im Konfirmationsunterricht. Wir glauben, dass der Mensch Gottes Geschöpf ist und ein Verhältnis zu seinem Schöpfer hat. Auch glauben wir mit Gen 1,28, dass Gott den Menschen zum Herrscher und Verwalter seiner Schöpfung eingesetzt hat und dies die besondere Stellung des Menschen in Gottes Schöpfung rechtfertigt. 
Neu ist die ökologische Krise des Anthropozäns, also des Erdzeitalters des Menschen, in dem wir uns befinden. Der Begriff Anthropozän macht deutlich, dass der Mensch inzwischen zum dominanten Antriebsfaktor planetarer Veränderungen geworden ist. Aber viele dieser Veränderungen durch den Menschen richten solche schweren Schäden an, dass das Ökosystem gefährdet ist und damit das Überleben des Menschen, der ja selbst Teil der Natur ist. Heute können wir dem Ozean keine Wasserprobe mehr entnehmen, ohne darin Plastikteile zu finden: Spuren des Menschen, Spuren des Anthropozäns, Spuren der ökologischen Krise, überall.

Christliche Verantwortung für die Schöpfung

Diese ökologische Krise führt als Systemkrise zu einer neuen und grundlagentheologischen Auseinandersetzung mit der Schöpfung und ihrer Bewahrung. Um zu erkennen, was theologisch-ethisch geboten ist, müssen wir zwischen theologischer Ethik bzw. Moraltheologie auf der einen Seite und Gesellschaftsethik auf der anderen Seite unterscheiden. Die Theologische Ethik behandelt die Frage, wie der Mensch im christlichen Sinne handeln soll - als Subjekt und Individuum - individualethisch eben: „Wie soll ich handeln als Christ in der Welt?” lautet die Ausgangsfrage der Theologischen Ethik - ein alter theologischer Traditionsstrang, der schon in der Bibel beginnt.

Dagegen fragt die christliche Gesellschaftslehre, die Sozialethik, wie eine Gesellschaft, wie Politik, Wirtschaft etc. ausgestaltet sein müssen, damit ein Leben nach christlichen Werten für alle Menschen möglich ist. Dieser Zugang betrachtet weniger das Individuum, sondern eher das Kollektiv: die sozialen Strukturen, die Gesellschaft. 

Denn eine Gesellschaft wird nicht dadurch automatisch gut und gerecht, dass wir alle gute Christen und gute Christinnen sind. Wenn in dem gesellschaftlichen System, in dem wir leben, problematische, ungerechte Strukturen wirken, dann wirken sich diese Strukturen auch dann aus, wenn der einzelne sich darum bemüht, ethisch gut zu handeln. Gesellschaftliche Krisen lassen sich nicht individualethisch lösen: Es gibt private Prozesse und es gibt politische Prozesse und das eine kann nicht im anderen aufgelöst werden.

Das bedeutet aber auch, dass sich die Kirche nicht zurücklegen und sagen kann, soziale Missstände beruhten auf „weltlichen” Sachfragen, für die sie nicht zuständig sei. Wo das Schicksal und das Überleben von Mensch und Schöpfung in Frage steht, muss die Kirche Partei für das Gute ergreifen und die ungerechten Strukturen, die daran Schuld tragen, beim Namen nennen. Denn Christsein ist auch ein politischer Akt: Verantwortlichkeit zeigen für die Welt. Dieser theologische Zugang existiert übrigens in dieser expliziten Form erst, seit sich die Kirche der Krise der „Sozialen Frage“ des 19. Jh. gegenübergestellt sah. Heute gesellt sich die ökologische zur sozialen Frage dazu.

Wirtschaftswachstum: die neue Religion?

Inwiefern ist die ökologische Krise eine Systemkrise? Und welche normativen Ansprüche an Kirche und Theologie erwachsen aus dieser Systemkrise?
Dazu müssen wir darüber sprechen, dass unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem wachstumsbasiert ist. Wirtschaftswachstum ist nichts anderes als eine permanente Erhöhung der Wertschöpfung. Regelmäßig wird in den Nachrichten über das BIP, das Bruttoinlandsprodukt, gesprochen, das alle Produkte und Dienstleistungen zusammenfasst und so das Wirtschaftswachstum misst. Jedes Jahr wird diese Menge erhöht. Unter gewissen Umständen ist Wirtschaftswachstum nicht falsch. Das zeigt sich, wenn man Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum ein-ander gegenüber stellt: Wächst die Bevölkerung, muss auch die Wirtschaft wachsen. Denn mehr Menschen brauchen mehr Nahrung, mehr Wohnraum, mehr Transportmittel, mehr Infrastruktur, mehr Lehrer, mehr Schulen und nicht zuletzt mehr Jobs. Wächst die Bevölkerung schneller als die Wirtschaft, werden die Güter und Dienstleistungen knapper und teurer: Es gibt Wohlstandsverlust. Wächst die Wirtschaft schneller als die Bevölkerung, haben wir Wohlstandszuwachs. Halten sich Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum die Waage, bleibt das Wohlstandsniveau gleich. 

Die allermeiste Zeit der Menschheitsgeschichte bestand eine Balance zwischen Wirtschaftswachstum und Bevölkerungszuwachs. Erst mit der Industriellen Revolution änderte sich dies und erst recht mit der Wachstumsexplosion, der „great acceleration” nach dem Zweiten Weltkrieg, die wir in Deutschland als „Wirtschaftswunder” erlebt haben. Genauso explosionsartig wie die Wirtschaft schnellen seitdem der Ressourcenverbrauch, der CO2-Ausstoß und die Belastung der Ökosysteme in die Höhe.

Heute ist Wirtschaftswachstum nicht etwas, was „nice to have” ist, sondern ein für unser Wirtschaftssystem notwendiger Faktor: Ohne permanentes Wirtschaftswachstum kollabiert unser System hauptsächlich aus zwei Gründen: Der technische Fortschritt führt zu einer permanenten Effizienzsteigerung. Damit diese  Effizienzsteigerung aber keine Arbeitsplätze vernichtet, muss sie genutzt werden, um den Ausstoß an Produkten und Dienstleistungen zu steigern. Irgendjemand muss das, was produziert wird, ja kaufen, und wenn wir keine Arbeit mehr haben, können wir diese Produkte nicht bezahlen und die Wirtschaft bricht zusammen. Also müssen wir immer mehr produzieren und immer mehr konsumieren, sonst funktioniert das System nicht.

Der zweite Grund ist unser Geldsystem: Unsere Wirtschaft ist kreditfinanziert, sie  basiert also darauf, dass Menschen in die Wirtschaft investieren - und das tun sie in Erwartung von Zinsen und Dividenden. Um dies zu können, muss mehr Geld erwirtschaftet werden als investiert wurde.

Hinzu kommt: Wachstum spielt sich nicht abstrakt irgendwo ab, sondern sehr konkret, in unserem Leben, denn wir alle sind Konsumenten. Ohne unseren Konsum kein Wachstum. Jedes Jahr gibt es mehr Güter in den Hausständen, jedes Jahr wächst das Angebot an Dienstleistungen, wir werden immer mobiler und der Lebensstandard steigt immer weiter. Eigentlich müsste man annehmen, dass der Konsum nicht mehr steigt, wenn alle Bedürfnisse erfüllt sind und jeder hat, was er braucht. Tatsächlich aber konsumiert der Mensch weit über seine Bedürfnisse hinaus und es gibt keinerlei empirische Anzeichen für einen Sättigungseffekt.

Der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel schrieb dazu folgendes: „Die Mägen und Truhen der meisten sind voll […] Anreiz zu geben, sie noch voller zu stopfen und immer noch mehr zu konsumieren, ist eine Missachtung und Entmündigung der Bürger, die auch mit dem zweifelhaften Argument des Erhalts von Arbeitsplätzen nicht zu rechtfertigen ist.” Wachstum habe sich zur „Religion unserer Zeit” entwickelt und werde nicht mehr rational begründet.

Warnungen vor Überlastung des Planeten

Schaut man sich dies an und hält sich dabei die ökologische Krise vor Augen, dann führt dies zu einer Wachstumskritik, einer Kritik am Wachstumsparadigma. Der Ausgangspunkt jeder wachstumskritischen Literatur ist das vom Club of Rome 1972 herausgegebene Buch „Grenzen des Wachstums”. Dort heißt es: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.”

Daraus leitet die Studie die Forderung ab, das Wachstumsparadigma zu verwerfen und eine Wirtschaftsweise des Gleichgewichts herbeizuführen, denn nur dies sei dauerhaft haltbar. Wie gesagt: 1972, vor 51 Jahren, also vormehr als einem halben Jahrhundert erschien die Studie. Man kann die meiste Literatur, die danach zur ökologischen Krise veröffentlicht wurde, als Kommentar dazu lesen. Es ist gar nicht so viel entscheidend Neues hinzugekommen.
Wie weit fortgeschritten der Raubbau an der Schöpfung ist, zeigt der jährliche Erdüberlastungstag, an dem die Menschheit alle natürlichen Ressourcen, die die Erde innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellen kann, aufgebraucht hat. Dieser „Earth  Overshoot Day” wird vom „Global Foodprint Network”, einer Non-Profit-Organisation, jedes Jahr berechnet und ausgerufen. Global liegt dieser Erdüberlastungstag seit 1971 vor dem 31. Dezember, und Jahr für Jahr rückt er im Kalender nach vorne. Ausreißer in die entgegengesetzte Richtung gab es während der Ölkrise in den 1970er Jahren, während der Weltfinanzkrise oder in der Covidpandemie. Das bedeutet: Nicht durch Unweltmaßnahmen konnte der Mensch bisher die Erdüberlastung verringern, sondern dadurch, dass er nicht wirtschaften konnte oder durfte. 

Im Moment liegt der aktuelle Überlastungsfaktor der Erde bei 1,75. Um diesen Faktor betreiben wir Raubbau an unserem Planeten, entnehmen mehr Ressourcen und emittieren mehr Schadstoffe als wir dürfen. Freilich ist die Überlastung regional verschieden. In manchen Ländern findet der Überlastungstag im Januar statt. Manche Länder haben überhaupt keinen. Deutschland hat seinen Überlastungstag im zweiten Jahresquartal und steht damit unter den Industrienationen relativ gut da. China ist etwas besser, sein Termin etwas später. In den meisten Schwellen- und Entwicklungsländern ist der Überlastungstag entweder im zweiten oder dritten Quartal oder gar nicht. Global fiel der Erdüberlastungstag in diesem Jahr auf den 2. August. Erstes Fazit: Die ökologische Krise existiert nicht zufällig oder infolge eines optionalen Fehlverhaltens, das sich abstellen ließe. Vielmehr bringt die ganze Art und Weise, wie wir leben und wirtschaften, wie wir unsere Wirtschaft aufbauen und stabilisieren, diese ökologische Krise als logische Konsequenz hervor. Wir können nicht über Ökologie diskutieren, ohne über das System zu diskutieren, in dem wir leben. Würden wir es tun, wäre dies Selbstbetrug. Die Grundstrukturen einer neuzeitlichen, liberalisierten, wachstumsorientierten Gesellschaft bringen die ökologische Krise nicht zufällig, sondern systemisch hervor. Die ökologische Frage - eine Systemfrage.

Nötig ist ein Wechsel der Paradigmen, die unser Denken bisher bestimmt haben: Es kommt darauf an, die Wachstumslogik zu überwinden.

Laudato si umfasst viel mehr als das bloße Thema Umwelt

Dazu hat Papst Franziskus 2015 in der Enzyklika Laudato si (LS) Stellung genommen. Als Umwelt-Enzyklika des Papstes wird Laudato si oft bezeichnet. Aber damit ist viel zu wenig gesagt, denn LS umfasst noch viel mehr als das bloße Thema „Umwelt”. Während die Vorgänger des Papstes die Umweltfrage immer nur im Kontext anderer Fragestellungen thema- tisierten, etwa Frieden oder Gerechtigkeit, kommt hier die erste dezidierte systematische Auseinandersetzung mit der Umweltfrage in einer Enzyklika. 
Bis 2015 war die Umweltfrage also kein Grundelement der katholischen Soziallehre. Ein typischer Fall von „katholischer Verspätung”?
Der Münchner Sozialethiker Prof. Dr. Markus Vogt kommentierte: „Angesichts der Dringlichkeit der Thematik, die im Hinblick auf ihre existenzielle Bedeutung unübersehbar religiöse Dimensionen einschließt, ist es nicht erklärungsbedürftig, warum sich die katholische Kirche dazu äußert, sondern vielmehr warum sie das erst 2015 tat.”
Kapitel 1 ist eine Bestandsaufnahme. Dort kritisiert der Papst als erstes die Beschleunigung des menschlichen Lebens, den blinden Fortschrittsglauben und die Umweltzerstörung, die vor allem durch Konsum und Verschwendung entsteht und er stuft dabei den Klimawandel als wichtigste aktuelle Herausforderung an die Menschheit ein. Die Reichen und Mächtigen, - also wir - sagt er, verschleiern ihre Verantwortlichkeit und weigern sich, ihre Konsum- und Produktionsgewohnheiten zu ändern. Die Zerstörung der Ökosysteme - Stichwort Artenvielfalt - offenbare dabei die Kurzsichtigkeit menschlichen Wirtschaftens. Er schreibt: „Der Preis für die Schäden, die durch die egoistische Fahrlässigkeit verursacht werden, ist sehr viel höher als der wirtschaftliche Vorteil, den man erzielen kann.” Der Papst fordert dementsprechend „die Errichtung unüberwindbarer Hürden zum Schutz der Ökosysteme vor dem techno-ökonomischen Paradigma”.

Im Kapitel 2 geht es um ein neues Schöpfungsverständnis: Sehr lange habe das Christentum die Aufforderung Gottes an den Menschen in Gen 1,28, sich die Erde untertan zu machen, als Aufruf zur Ausbeutung fehlinterpretiert. Dafür bittet er um Vergebung. Nötig sei eine Neuinterpretation, die wesentlich auf Verantwortung abzielt und eine neue demütige Spiritualität braucht, die die Schöpfung als Geschenk begreift - nicht als einen Gegenstand zum Ausbeuten. Der Mensch ist dabei von Gott berufen, die Schöpfung in ihrer Schwäche und Verletzlichkeit zu schützen, das sei seine vornehmste Aufgabe. Vor allem mahnt der Papst die aus dem Privateigentum erwachsende Verantwortung an. Wir haben aus der Schöpfung unser Privateigentum gemacht - und jetzt haben wir umso größere Verantwortung dafür.

Auch der Ressourcenreichtum der Erde ist begrenzt

In Kapitel 3 und 4 kommt der Papst auch zur Systemkritik. Er benennt das technokratische „Fortschrittsparadigma”, wie er es nennt, als Ursache der ökologischen Krise. Dazu schreibt er: „Von da aus gelangt man leicht zu der Idee eines unendlichen und grenzenlosen Wachstums, das die Ökonomen, Finanzexperten und Technologen so sehr begeisterte. Dieses Wachstum setzt aber die Lüge bezüglich der unbegrenzten Verfügbarkeit der Güter dieses Planeten voraus, die dazu führt, ihn bis zur Grenze und darüber hinaus auszupressen.”

Der Papst fordert dementsprechend nicht nur einen Paradigmenwechsel, sondern ein neues, systemisches, „ganzheitliches” Denken. Der Mensch, sagt er, habe völlig vergessen, dass er in die Natur eingebettet ist. Doch Artensterben und Störung der Ökosysteme entscheiden auch über das Überleben des Menschen. Kernprinzip für die kommende Entwicklung solle das Gemeinwohl sein, das der Papst als zentrale Kategorie einer nachhaltigen, human-ökologisch orientierten Entwicklung der Zukunft beschreibt. 

Kapitel 5 und 6 zeigen die Richtung der Entwicklung auf: Lösungen, sagt der Papst, sind nur vereint und auf globaler Ebene zu finden. „Die Interdependenz verpflichtet die Menschheit, an eine einzige Welt, an einen gemeinsamen Plan zu denken.” Umso trauriger ist, dass es im Augenblick Machthaber auf der Welt gibt, die nichts besseres zu tun haben als das glatte Gegenteil von dem auszuführen, was geboten ist: Kriege zu führen und die Umwelt zu zerstören. 
Die wohlhabenden Länder, sagt der Papst, sollen die ärmeren Länder bei der Errichtung einer ökologiekonformen Energieversorgung unterstützen, da sie selbst von der Umweltzerstörung am meisten profitiert haben. 

Bußgeld für koloniales Unrecht

Es geht also durchaus auch um eine Pflicht der Industriestaaten, den weniger wohlhabenden Ländern ein „nachträgliches Bußgeld” für den Kolonialismus zu leisten und sie zu unterstützen. Den ärmeren Ländern weist der Papst zunächst noch eine andere Aufgabe zu: Sie sollen ihre Korruption in den Griff bekommen.  

„Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen”, fordert der Papst weiter, und die Wirtschaft nicht dem Paradigma der Technokratie folgen. Im Hinblick auf das Gemeinwohl sollten sich Politik und Wirtschaft in den Dienst des menschlichen Lebens stellen. Deshalb solle in manchen Teilen der Welt eine gewisse Rezession akzeptiert werden, damit in anderen Teilen ein gesunder wirtschaftlicher Aufschwung stattfinden kann. Aufgabe der Religion sei dabei, die zentralen ethischen Grundsätze verstehbar zu vermitteln. Der Papst fordert dabei eine Hinwendung zu einem „ökologischen Bürgertum” als Erziehungsaufgabe. Für das Christentum fordert der Papst eine neue ökologische Spiritualität.

Wie ist das ganze zu bewerten? Der Kölner Sozialethiker Professor Elmar Nass kommentiert LS folgendermaßen: „Während andere Enzykliken soziale und ökonomische Fragen diskutieren, wird hier die ökologische Frage [...] nicht nur thematisiert als Anwendungsfeld einer zuvor abgesteckten ethischen Systematik, sie wird als Ingrediens der Heilsökonomie vor die Klammer jeder ethisch-christlichen Legitimität gezogen und so als Wertekompass erster Priorität profiliert.” Das heißt: Theologie und Spiritualität der Zukunft werden ökologisch orientiert sein - oder es wird sie nicht geben. Wie lassen sich die Forderungen der Enzyklika LS praktisch umsetzen? Ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten ökologischen Wirtschaftens ließe sich aufführen. Auf der einen Seite des Spektrums haben wir das, was man als „grünes Wachstum” oder „green growth” bezeichnen kann: Es basiert auf Entkoppelung. Das heißt: Das Wirtschaftswachstum wird vom Ressourcen- und Energieverbrauch entkoppelt: Mithilfe von grüner Energie, von Stoffkreisläufen und Recycling gelingt es, ein Wirtschaften auf Basis der Wachstumslogik fortzusetzen: Die Wirtschaft wächst, der Verbrauch an Ressourcen und Energie dagegen wächst langsamer, bleibt konstant oder sinkt. Es geht also um Effizienz. Wir steigern unsere Effizienz, und können mit der Energie und den Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, mehr tun. Das ist der klassisch-konservative Ansatz, den im Moment alle politischen Parteien, die Ökologie betreiben wollen, vertreten - einschließlich der Grünen. 

„Green growth” oder „Degrowth”?

Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es die Vertreter des sogenannten „Degrowth”: Sie fordern eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum und eine Wirtschaft, die nur das produziert, was der Mensch zum Leben wirklich dringend braucht. Konkret zielen ihre Forderungen auf den Abriss von Industrieanlagen, den Rückbau von Autobahnen und auf eine Subsistenzwirtschaft. Ein bekannter Vertreter des „Degrowth” ist der Ökonom Prof. Niko Paech. Im Wesentlichen geht es hier darum, die menschliche Aktivität so weit zu reduzieren, dass der Mensch den Planeten nicht weiter überlastet: „Wir fahren einfach runter”.
Die Forderungen der Vertreter eines „Degrowths” entstanden im Wesentlichen aus der Beobachtung, dass „grünes Wachstum” offensichtlich nicht gelingt. Hauptursache sind die sogenannten „Rebound-Effekte”: Zwar lassen sich Ressourcen und Energie durch Effizienzsteigerungen einsparen. Deutschen Auto- bauern gelang etwa die Entwicklung eines effizienteren Verbrennungsmotors. Aber diese Effizienzsteigerungen wurden nicht zum Bau sparsamer Autos genutzt, sondern zum Bau größerer, PS-stärkerer Wagen. Ein anderes Beispiel ist die LED-Beleuchtung. LEDs brauchen ein Zehntel der Energie einer Glühbirne - und was geschieht? Es wird viel mehr beleuchtet als zuvor - und am Ende ebenso viel Energie verbraucht, wie früher mit der Glühbirne. Die Effizienzsteigerungen werden also nur genutzt, um mehr zu konsumieren, nicht aber zur echten Einsparung.

Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein

Zwischen dem „Degrowth”- und dem „Green-Growth”-Modell bewegt sich der Ansatz einer Gemeinwohl-Ökonomie von Christian Felber. Hier ist die Idee eine doppelte Entkoppelung: Das Wirtschaftswachstum wird nicht nur vom Verbrauch von Energie und Ressourcen entkoppelt, sondern auch von der Monetarität. Stattdessen orientiert sich dieses Wirtschaftsmodell an Werten, die das Gemeinwohl fördern. An die Stelle des BIPs tritt ein Gemeinwohlindex, der anhand von Faktoren wie dem Zustand der Natur oder dem Unterschied zwischen arm und reich berechnet wird. Das Ganze zielt darauf, statt des wirtschaftlichen Erfolgs den Einsatz für das Gemeinwohl zu belohnen. Dazu gibt es einen streng gemeinwohlorientierten Ordnungsrahmen, der etwa nicht nachhaltig produzierte Güter ebenso verbietet wie Finanzgeschäfte, oder den Ausstoß von CO2 exorbitant besteuert.

Der Papst stellt Suffizienz klar vor Effizienz, setzt auf Verzicht statt auf den weiteren technologischen Fortschritt. Aber völlig unabhängig davon, wie ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell aussehen kann, drängt die Zeit. Rasch müssen Maßnahmen ergriffen werden, um den Ausstoß an CO2 zu senken. Und es kommt darauf an, dass unser demokratisches System dies umsetzt. Demokratie besteht im Organisieren von Mehrheiten. Aber je radikaler und je unpopulärer die zu ergreifende Maßnahme ist, desto schwerer könnte es sein, Mehrheiten zu finden, um diese durchzusetzen. Wer würde freiwillig für Stromabschaltung, Autofahrverbot oder das Verbot von Fleischverzehr stimmen? „Klimaschutz ja - aber ich möchte doch bitte weiter das Recht haben, mit meinem SUV mit 200 km/h über die Autobahn zu brettern” - ist das im Moment die gängige Haltung zu ökologischer Verantwortung in Deutschland? Es ist zu hoffen, dass am Ende der Wahlerfolg für Politiker nicht wichtiger ist als unbeliebte Maßnahmen für Klimaschutz. Der Wiener Nachhaltigkeitsforscher Ingolfur Blühdorn behauptet sogar, dass am Ende des Tages die Demokratie eine Politik der Nicht-Nachhaltigkeit zementiert.

Fazit: Die ökologische Krise des Anthropozäns ist eine Systemkrise. Das Wachstumsparadigma gerät ins Wanken, Theologie und Kirche erfahren einen Paradig- menwechsel, die katholisiche Soziallehre wird an der ökologischen Frage völlig neu ausgerichtet. Papst Franziskus verkörpert diesen Paradigmenwechsel. Die Enzyklika Laudato si ist eine Grundsatzschrift für eine neue, radikale und ganzheitliche Theologie der Schöpfung. Christinnen und Christen sind zum Handeln für diese nachhaltige Zukunft aufgerufen.

Johannes Rolf (Rh-Mv!)

Kb Johannes Rolf (Rh-Mv)

Johannes Klaus Rolf, Jahrgang 1990, wurde in Vechta geboren, machte sein Abitur am Kolleg St. Thomas der Dominikaner in Vechta und studierte vom WS 2010/11 bis zum SS 2021 an der Ruhr-Universität Bochum Theologie und Philosophie. Während seines Studiums arbeitete er unter anderem von 2014 bis 2018 als Tutor des Theologischen Grundkurses an verschiedenen Lehrstühlen der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, sowie ab 2013, am von Prof. Dr. Joachim Wiemeyer geleiteten Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre. Dort war er bis 2021 wissenschaftlicher Mitarbeiter. Im Juli 2018 war er Bachelor of Arts, im Juli 2021 Master of Education. Seine Masterarbeit zum Thema „Ökologie als neue Systemfrage der Sozialethik” wurde von Prof. Dr. Wiemeyer betreut. Anfang November 2021 begann Johannes Rolf ein Referendariat an einem Gymnasium in Herdecke in den Fächern Philosophie/praktische Philosophie und Katholische Religionslehre, das er im vergangenen April erfolgreich abschloss. 
Im SS 2012 trat Kb Johannes Rolf dem K.St.V. Rheno-Merovingia zu Bochum bei. Während des SS 2014 und des SS 2017 war er dort Fuchsmajor, während des WS 2014/15 und des SS 2015 bekleidete er das Amt des Seniors, im SS 2018 war er Consenior. Inzwischen ist Johannes Rolf AH des K.St.V. Rheno-Merovingia.