Schneller, Weiter, Höher: Nein!
Reduktion! Warum wir mehr Weniger brauchen“. - unter diesem höchst aktuellen Motto stand die diesjährige Salzburger Hochschulwoche, die am 6. August 2023 endete. Seit 1931 gibt es diese Veranstaltung: Sie hat deutsche wie österreichische Katholizismusgeschichte geschrieben. An dieser ältesten Sommeruniversität im deutschsprachigen Raum nahmen stets zahlreiche Kartellbrüder teil. Manche sind als Referenten aufgetreten, manche haben im Präsidium und Direktorium an der Gestaltung mitgewirkt.
Ein erstes Fazit
Die Bilanz im Blick auf die Teilnehmerzahl fällt gut aus: Mehr als achthundert Personen folgten den Vorträgen, Diskussionen, Gesprächen und nahmen weitere Angebote wahr. Das Echo in deutschen Medien hätte allerdings größer sein können. Außer katholischen Organen wie dem Kölner „Domradio”, dem Nachrichtenportal katholisch.de und dem Neuen Ruhrwort berichtete lediglich der Deutschlandfunk über die Hochschulwoche des Jahres 2023. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat vor vierzehn Jahren zum letzten Mal über die Hochschulwoche informiert, die einmal der emeritierte Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser „den kleinen akademischen Zwilling der Festspiele“ nannte.
Hat die Zukunft ihre beste Zeit hinter sich?
Bei der Eröffnung am 30. Juli 2023 in der Aula der Alten Universität ging der Obmann der Hochschulwochen, der Theologe Martin Dürnberger, auf das Thema „Reduktion“ ein. Zunächst klänge es für uns heute wie eine Zumutung, seien wir doch „auf Erzählungen von Wachstum und Fortschritt gepolt“, habe doch „die Logik des Höher, Schneller, Weiter, Mehr“ historisch gesehen „einen unglaublichen Zuwachs an Wohlstand und Freiheitsräumen freigesetzt.“ Jetzt sei allerdings das Ziel, unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir, an ein Ende gekommen. Deshalb frage er sich, ob nicht die Zukunft vielleicht ihre beste Zeit hinter sich habe.
Darüber und über die sich bietenden Lösungen, aus dem Dilemma herauszukommen, wurde auf der Hochschulwoche nachgedacht. Auf einige, nicht alle Beiträge dazu wird im Folgenden eingegangen. Dabei bilden besonders die von Henning Klingen verfassten Newsletters für die Hochschulwoche und seine Berichte für Kathpress die Basis.
Die in deutschen Medien oft präsente Vorsitzende des Deutschen Ethikrats Alena Buyx, Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der Technischen Hochschule in München, hielt die Suche nach gemeinsamen Lösungen für höchst dringlich, um der üblichen Wissenschaftsskepsis, der Verbreitung von Verschwörungstheorien und den zugespitzten Wortgefechten entgegenzuwirken.
Verheerende Ökobilanz
Sie selbst bekannte sich wegen der sich gelegentlich ergebenden Pattsituation zwischen den rivalisierenden Theorien zu einer angewandten Ethik. Deren Grundprinzipien seien Menschenwürde, Freiheit und Selbstbestimmung, Schadensvermeidung, Wohltätigkeit, Gerechtigkeit, Solidarität sowie Verantwortung. Die Kenntnis, dass unsere westliche Lebensweise gesundheitsschädlich und zerstörerisch ist, sei zwar weit verbreitet, es mangele aber an einem Narrativ, welches den dringlichen Umbau erkläre. Deshalb empfahl die Referentin der Kirche „gute Geschichten zur Reduktion zu erzählen.“
Die Kirche muss neues Vertrauen gewinnen
Aaron Langenfeld, Paderborner Fundamentaltheologe und Mitverfasser des 2020 erschienenen Handbuchs „Theologische Grundbegriffe“, forderte ein „Weniger“ an großflächigen Strukturlösungen für „mikrologische Probleme“, also kleinliche Probleme, außerdem „weniger Antworten auf Fragen, die keiner mehr stellt“, und schließlich ganz konkret weniger „Identitätspolitik und Diskursblockaden“. Angesagt sei ein Mehr an „Zuhören auf das, was wirklich gefragt wird“, sowie ein Mehr an Debatten „unter den sich unversöhnlich gegenüberstehenden Gruppierungen in der Kirche“. Nur so gewinne man neues Vertrauen.
Ein weiterer Befund: Viele Menschen hätten auf die Frage, wozu man die Kirche noch brauche, keine Antwort mehr. Die Kirche diene ihnen weder zur Bewältigung ihres Alltags, noch um von ihr zu erfahren, wie ein Leben gelingen könne. Darauf müsse sich die Kirche einstellen und intern einen „langwierigen, aber zugleich unausweichlichen Prozess“ antreten, ehe sie wieder nach außen an Glaubwürdigkeit gewinnen könne. „Verstehen und würdigen, was dem anderen wichtig ist“, so Aaron Langengfeld, „wäre der Weg, den wir als Kirche gehen müssen, nach innen wie nach außen.“
In der Podiumsdiskussion über die Zukunft der Theologie meinte der evangelische Theologe Thorsten Dietz, der beim „Fokus Theologie“ der Reformierten Kirche in Zürich arbeitet und zuvor an der Theologischen Hochschule Tabor in Marburg lehrte, wenn sich die Kirche zu allen sozialen Fragen äußere, stärke sie das nicht unbedingt, es könne sie sogar schwächen. Die Salzburger Theologin Elisabeth Höftberger stellte heraus, dass sich das längst nicht mehr begehrte Fach Theologie erst noch seine Rolle als Vermittlerin verdienen müsse.
Theologie und Kirche müssen sich nicht zu Allem äußern und dürfen populär sein
Simon Biallowons, Geschäftsführer und Cheflektor des Herder-Verlags sowie Absolvent der katholischen Journalistenschule in München, empfahl der Theologie, sich jenseits der Fachsprache an die Menschen zu wenden. Nichts spräche dagegen, populär zu sein und somit die Menschen zu stärken und zu erbauen.
Zu den bereits seit längerem bestehenden Berliner Denkfabriken, die unter dem Namen „Agora“ firmieren, hat sich im Jahr 2022 der „Thinktank“ Agrar hinzugesellt. Einer seiner beiden Direktoren ist der Agrarwissenschaftler an der Humboldt-Universität Harald Grethe. Er wies darauf hin, dass bis zu fünfundzwanzig Prozent der Emissionen in der Europäischen Union auf die Sektoren Landwirtschaft und Ernährung entfielen. Ein Paradigmenwechsel sei fällig. Was fehle, sei die politische Gestaltung. Aber, hob Harald Grethe hervor, wir müssten „uns auch persönlich an die eigene Nase fassen.“ Die Europäische Union tue zu wenig für die Nachhaltigkeit. Es bedürfe einer politischen Steuerung, um die Emissionen zu reduzieren. Dazu müsse in die Art der Produktion eingegriffen werden und sich das Konsumverhalten und die individuellen Verhaltensweisen ändern. Einsparungsmöglichkeiten seien genug vorhanden. Ziel bleibe es, die Biodiversität, den Klimaschutz und den Tierschutz zu verbessern - und zwar so, dass es nicht zu einer Abwanderung der Produktion ins Ausland komme.
Ein Mehr an Therapie in der Medizin führt nicht in jedem Fall zu einem Mehr an Lebensqualität
Der Mediziner und Theologe Gereon Heuft, bis 2022 Leiter der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychiatrie an der Universität Münster, machte deutlich, dass ein Mehr an Therapie nicht unbedingt zu einem Mehr an Lebensqualität führen müsse. Er fragte an, ob die Mediziner „nicht zur Idealisierung“ ihrer „Therapieziele“ neigten, also zu einem „Immer Mehr, Weiter, Länger“, und ob nicht auch bei schweren Erkrankungen eine entsprechende palliativmedizinische Behandlung weiterführe, denn bei unheilbaren Erkrankungen könne damit durchaus Lebensqualität erhalten bleiben. Außerdem sei die Psyche bei der Genesung und im Verlauf einer Krankheit weit wichtiger, als die Medizin bisher angenommen habe. Für ältere Menschen sei mehr psychosoziale Unterstützung bis hin zur Psychotherapie nötig, damit sie, solange es gehe, ein selbstorganisiertes und zufriedenes Leben führen könnten.
Reduktion kann zu einem Gewinn an Lebensqualität werden
Der Unternehmer Dirk Gratzel, den der österreichische „Standard“ gerade den Mann nannte, der klimaneutral leben und seinen CO2-Fußabdruck löschen möchte, wandte sich gegen die „calvinistische Miesepetrigkeit in der Umweltdebatte“. Man solle vielmehr den Gewinn, den die Reduktion bieten könne, herausstellen. „Es geht weniger um Verzicht“, so Gratzel, „sondern darum, Dinge anders zu machen.“ Er stellte dabei als Beispiel die Unternehmergruppe „Greenzero“ vor, die ein Klimanotstandsprogramm mit schnell wirkenden Gesetzesmaßnahmen entwickelt hat. Würde man die zweihundert bis fünfhundert Milliarden Euro, die in Deutschland jährlich an Umweltschäden entstehen, in konkrete Reduktionsmaßnahmen investieren, könne man dadurch viele ökologische Probleme lösen und zu einer nachhaltigen Qualitätsverbesserung in vielen Lebensbereichen kommen. In seinem Unternehmen „HeimatERBE“, bei dem Ökologie, Ökonomie und Soziales eine Einheit bilden, verwendet er achtzig Prozent seines Unternehmensgewinns zum Erwerb von Brach- und Industrieflächen. Mit seiner Firma, der Haniel GmbH, „Greenzero“ und der Stadt Duisburg verfolgt Dirk Gratzel zurzeit das ehrgeizige Ziel, Duisburg-Ruhrort mit seinem Hafen bis 2029 zum ersten umweltneutralen Quartier der Welt zu machen.
Schreckensnachrichten über die Folgen des Klimawandels verfangen nicht
Die Salzburger Umweltpsychologin Isabella Uhl Hädicke, die über die Bewusstseinsbildung und die Förderung von umweltfreundlichem Verhaltenswissen forscht, war überzeugt, dass „die Strategie des Wachrüttelns durch Fakten und bedrohliche Szenarien“ nicht ankomme, sondern vielmehr Ängste sowie Gefühle eines Kontrollverlusts auslöse. Statt wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen, grenze man sich ab und schiebe die Verantwortung anderen zu. Zugespitzt bedeute dies, dass „bloßes Lesen von Informationen über den Klimawandel (...) keinen Einfluss auf ein klimafreundliches Verhalten“ habe und dies sogar mindern könne. Demzufolge müssten die Informationen „lebenswirklich“ geerdet, also im echten eigenen Leben angesiedelt werden. Dies rege das Gefühl der „Selbstwirksamkeit“ an, also die Überzeugung, sich aus eigener Kraft den Herausforderungen stellen zu können und persönlich aktiv zu werden.
Nach der sonntäglichen Festmesse im Salzburger Dom, den der Salzburger Erzbischof Franz Lackner zusammen mit Confratres und Amtsbrüdern wie dem Münchner Kardinal Reinhard Marx (UV) zelebrierte und bei dem der Linzer Bischof Manfred Scheuer predigte, folgte als krönender Abschluss der Akademische Festakt mit dem Vortrag des Nobelpreisträgers Anton Zeilinger, eines ÖCVers. Die Kontroverse zwischen Naturwissenschaft und Religion hielt er als Physiker für einen Scheinkonflikt. Bei Einhaltung der Grenzen der jeweiligen Disziplin könne auch ein Naturwissenschaftler sagen, er schöpfe aus beiden Quellen. Immer wieder staune er über „Schönheit und Einfachheit“ der Physik und der Naturgesetze. Auch seine eigene Disziplin, die Quantenphysik, die alle Sicherheiten der Vorhersehbarkeit bezweifle, trage dazu bei. Die Zukunft sei offener, als wir glaubten, meinte Prof. Zeilinger. Die Anmaßung einer Machbarkeit der Welt sei oft nur der eigenen Phantasie geschuldet. Gegen die Annahme eines deterministischen Ablaufs von Gesetzmäßigkeiten spräche oft der Zufall, der nach der Bemerkung des französischen Schriftstellers Théophile Gautier und Wortführers der L‘art pour l‘art-Bewegung in Frankreich, vielleicht das Pseudonym Gottes sei, wenn er nicht unterschreiben wolle.
Die Preisverleihungen
Der mit fünftausend Euro dotierte Theologische Preis der Hochschulwochen ging diesmal an die österreichische evangelische Theologin Susanne Heine, die sich um den interreligiösen Dialog in Österreich verdient gemacht hat. In der Begründung hieß es, sie werde für ihre „Sachlichkeit, Ausgewogenheit und Konstruktivität“ geschätzt und habe „wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Disziplinen der Religionspsychologie, der Religionspädagogik sowie der feministischen Theologie an den Theologischen Fakultäten zentral etablieren konnten.“
Mit dem vom „Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen“
in Salzburg verliehenen und nach dem 2021 verstorbenen Religionswissenschaftler Ulrich Winkler und Begründer der „Salzburger Theologischen Zeitschrift“ benannten „Award für komparative Theologie und Religionswissenschaft“ wurden drei Theologen ausgezeichnet: Mathias Schneider für seine Arbeit über eine „buddhistische Interpretation Jesu“, Bettina Bäumer für ihre Untersuchung „Biographical location of interreligious processes“ und Christian Hackbart Jonson für seine Forschungen über den aus Frankreich stammenden, in Indien wirkenden Mönch Henri Le Saux, der Abhishiktananda genannt wurde.
Den ersten von drei Preisen des Publikums, die an Nachwuchswissenschaftler gehen, erhielt Janik Hollaender, Musik-wissenschaftler aus Freiburg i.Br., der dafür eintrat, mit äußerster Vorsicht der Verlockung entgegenzutreten, kirchliches Wachstum durch die Verschränkung von religiöser und ästhetischer Erfahrung erzeugen zu wollen. Es sei eine Kommunikationsillusion, wenn charismatische Gemeinschaften durch popmusikalische Songs und musikalische Anbetungsübungen glaubten, „eine unmittelbare Gotteserfahrung“ zu ermöglichen, betonte Janik Hollaender. Den zweiten und den dritten Preis erhielten die Theologinnen Kathrin Ritzka aus Berlin und Gabriele Wozniak, die sich zurzeit in Erfurt habilitiert.
Treffen der korporationsstudentischen Verbände
Beim traditionellen Treffen der Mitglieder der korporationsstudentischen Verbände beschäftigte sich Klaus Oidtmann (CV) aus dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus mit der Frage, wie eine sinnvolle Vernetzung und Kooperation der Hochschulen in der EU vorangebracht werden könne. Leider konfrontierte das abendliche, eine Stunde später beginnende Internationale Studententreffen in den Arkaden der Alten Universität die Aktiven mit der Frage, ob sie an der anschließenden Kneipe teilnehmen oder das Gespräch mit ihren Kommilitonen wahrnehmen sollten.
Das inzwischen zur Tradition gewordene Sommerfest fand wegen der Regengefahr im Foyer des Bischöflichen Hauses statt. Erzbischof Franz Lackner diskutierte mit der Schauspieldirektorin der Salzburger Festspiele Bettina Hering, der Schauspielerin Nicole Heesters, die dieses Jahr in den „Jedermann”-Aufführungen der Salzburger Festspiele in der Rolle der „Mutter” zu sehen war, und Hans Holzinger, Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Es moderierte der Obmann der Hochschulwochen Martin Dürnberger.
Die Lacher auf seiner Seite hatte Dürnberger, als er von einem Besuch des Erzbischofs bei dem Schauspieler, Regisseur und Intendanten Otto Schenk berichtete: Schenk habe dem Erzbischof empfohlen, seine Predigt-Zuhörer damit wach zu halten, dass er mit einem Satz beginne, den keiner erwartete, etwa: Ich mag keine Zwetschgenknödel. Als der Erzbischof diesem Rat folgte, erlebte er eine Totenstille. „Alle waren schockiert – ich inklusive“, so Lackner, „weil ich mich fragte, wie es weitergehen soll.“ Eine Geschichte, die man so schnell nicht vergisst, ebenso wie die Erzählung des Linzer Bischofs Manfred Scheuer, der in seiner Predigt die Reduktion in einer Überflussgesellschaft zum Gebot der Stunde erklärte, zum Teilen aufrief, dabei an die Heiligen Martin und Nikolaus erinnerte und folgendermaßen schloss: Ein Kind wisse: „Schokolade wird durch Teilen weniger, aber wenn ich nicht teile, bekomme ich Bauchweh und Verstopfung”.
Fragiles Vertrauen
Man darf gespannt sein, wie beim Publikum das Thema „Fragiles Vertrauen” ankommt, das als Motto für die Hochschulwoche im kommenden Jahr gewählt wurde. 2024 wird die Salzburger Hochschulwoche vom 29. Juli bis zum 04. August stattfinden.
Dr. phil. Wolfgang Löhr (Arm, Car-F, Ru-Ke, E d Un, E d Gro-Lu, E d Car, Urb)