Christen auf der Flucht: „Die armenische Gemeinschaft in Bergkarabach wird aufhören zu existieren"

Handstreichartig, mit massivem Artillerie- und Raketenbeschuss der Region Bergkarabach, haben aserbaidschanische Truppen Ende September diesen international nicht anerkannten Staat im Kaukasus erobert, der sich selbst Republik Arzach nannte und mehrheitlich von christlichen Armeniern bewohnt wurde. Zweihundert Menschen sollen dabei das Leben verloren haben. Zur Vorbereitung der Offensive hatte das muslimische Aserbaidschan wochenlang Truppen und militärische Ausrüstung an den Grenzen zu Bergkarabach zusammengezogen. Mehr als hunderttausend Menschen der armenischen Volksgruppe machten sich auf die Flucht.

Der aserbaidschanische Diktator llham Alijew verkündete nach dem Angriff den Sieg über die seiner Sicht nach armenischen Separatisten, also die armenischen Verteidiger der Republik Arzach. Gespräche zwischen aserbaidschanischen Regierungsvertretern und besiegten Bergkarabach-Armeniern zur Zukunft der Region wurden nach wenigen Stunden abgebrochen. An dem ungleichen Format nahm auch ein Abgesandter der in der Region stationierten russischen Truppen teil. Die dreitausend Soldaten der russischen Friedenstruppen sicherten die danach einsetzenden Evakuierungen von Bergkarabach-Armeniern notdürftig ab. Ob die geflüchteten Armenier je wieder in ihre Heimat zurückkommen können, ist unklar.

Joel Veldkamp, Armenien-Experte der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI) äußert sich im Interview mit Dr. Sebastian Sigler und Christian Rudolf pessimistisch, was die Zukunft der armenischen Volksgruppe in der Region angeht. CSI warnt mit anderen Menschenrechtsorganisationen seit langem vor einem Völkermord an den armenischen Christen in Bergkarabach.

Rund neun Monate blockierte Aserbaidschan die Armenische Enklave Bergkarabach - und löste dadurch eine humanitäre Katastrophe aus. War diese Entwicklunge absehbar?
Diese Entwicklung war absolut vorhersehbar - und sie wurde vorhergesehen. Der aserbaidschanische Diktator llham Alijew hat wiederholt damit gedroht, Bergkarabach  gewaltsam zu erobern.

Wie stehen die USA, die übrigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates und die EU zum Angriffskrieg Aserbaidschans gegen Bergkarabach?
Sie alle haben Erklärungen der „Besorgnis" abgegeben    und  Aserbaidschan „aufgefordert", seine Aggression zu beenden. Indem sie so schwach reagieren, signalisieren  sie ihre  stillschweigende Zustimmung zu diesem Krieg. Sie hoffen auf eine schnelle Lösung des Karabach­Konflikts, damit Armenien seine Beziehungen zu Aserbaidschan und der Türkei normalisieren kann und die gesamte Re gion in den Schoß des Westens aufgenommen wird.

Ist das plausibel? Dass die Republick Armenien ihre Beziehungen zu Aserbaidschan und ihrem Helfer Türkei "Normalisieren" wird, scheint unwahrscheinlich, nachdem Baku möglicherwise alle Karabasch-Armenier vertrieben oder massakriert haben wird.
Es  mag  unwahrscheinlich  erscheinen, aber dies ist eindeutig das Ziel des Westens. Auf Druck der USA hat der armenische Premierminister Bergkarabach als Teil Aserbaidschans  anerkannt und erklärt, er wolle die Beziehungen zu Aserbaidschan und der Türkei normalisieren. Er hat sich bemüht, sich nicht in die Kämpfe einzumischen. Es kann sein, dass dieser Premier durch die Empörung der Bevölkerung gestürzt wird, aber der Westen rechnet eindeutig damit, dass er bleibt und diese Mission erfüllt.

Im UN-Sicherheitsrat sind Russland und China vertreten, die nicht damit einverstanden sein werden, "die gesamte Region in den Schoss des Westens" aufzunehmen. Was wünschen die Staatem Armenien und Aserbaidschan selbst?
Russland und China werden mit Sicherheit nicht akzeptieren, dass die Region in den Schoß des Westens aufgenommen wird. Aber der Westen versucht es trotzdem. Dieser Krieg ist eines der Symptome dieses Kampfes.

Welcher der ständigen Ratsmitglieder wird riskieren, Aserbeidschan zu verärgern, um die Armenier zu schützen?

Der unglückliche Unterschied für die Armenier von Bergkarabach ist, dass sowohl Russland als auch der Westen versuchen, Aserbaidschan auf ihrer Seite zu halten, und kein großes Interesse an der Sicherheit  der Armenier  haben. Armenien will überleben. Aserbaidschan  will der regionale Hegemon sein. Beide versuchen, den Westen und Russland gegeneinander auszuspielen, um zu erreichen, was sie wollen. Aserbaidschan ist dabei erfolgreich, Armenien nicht.

Noch vor kurzem war ein CSI-Team vor Ort und berichtete von aserbaidschanischen Truppen auf armenischem Staatsgebiet. Wie wahrscheinlich ist eine Ausweitung des Konflikts über die umkämpfte Region Bergkarabach hinaus?
Das ist sehr wahrscheinlich. Derzeit versucht  der  armenische  Premierminister Nikol Paschinjan verzweifelt, die Republik Armenien und seine Regierung von den aktuellen Kämpfen zu distanzieren. Aserbaidschan behauptet jedoch, dass sie daran beteiligt sind und gibt fälschlicherweise vor, dass die armenischen Streitkräfte immer noch in Bergkarabach präsent seien. Seit Jahren bereitet die aserbaidschanische Regierung ihre Bevölkerung psychologisch auf einen Krieg zur Eroberung eines Großteils oder des gesamten armenischen Staatsgebiets vor, das sie als „West-Aserbaidschan" bezeichnet. Es ist gut möglich, dass sie die derzeitigen Kämpfe als Vorwand für einen  Einmarsch in Armenien nutzen. Wenn nicht in dieser Runde der Kämpfe, dann vielleicht bald in der Zukunft.

Das aserbaidschanische Militär verlautbarte, mit Hochpräzisionswaffen nur "legitime" militärische Strukturen anzugreifen. Tatsächlich kusieren aber zahlreiche Videos, die zerstörte zivile Ziele und zivile Opfer zeigen Wissen Sie mehr?
Bei der Eroberung Bergkarabachs wurde ein Krankenwagen, der die Leichen der bei dem Angriff getöteten Menschen zur Leichenhalle brachte, von aserbaidschanischen Streitkräften bombardiert. Aserbaidschan hat auch das Stromnetz für die gesamte Region angegriffen und zerstört. Es gibt neue, unbestätigte Berichte über die massenhafte  Geiselnahme armenischer  Zivilisten.  Bei jedem der Angriffe auf  Armenier in  den Jahren 2016, 2020 und 2022 nahmen aserbaidschanische Streitkräfte   Zivilisten und Soldaten als Geiseln, folterten und exekutierten sie anschließend. Das Gleiche ist auch dieses Mal zu erwarten. Es sei darauf hingewiesen, dass fast  alle arbeitsfähigen armenischen Männer in Bergkarabach in den Verteidigungskräften von Arzach gedient haben. Aserbaidschan betrachtet sie alle als „Terroristen";  und wir sollten nicht überrascht sein, wenn Aserbaidschan viele von ihnen inhaftiert oder hinrichtet.

Die Blockade hat zu einer schweren medizinischen und Versorgungskrise geführt. Wie hat sich durch den Angriff die Situation der Menschen verändert?
Der Angriff hat unermessliches menschliches Leid verursacht, dessen Ausmaß wir noch lange nicht kennen werden.

Welche Teile Bergkarabachs sind von den Angriffen besonders betroffen?
Die gesamte Region wurde angegriffen, und selbst wenn nach der Einnahme der Region  ein  Waffenstillstand  verkündet wurde,  der  vorsieht,  dass  die  Verteidigungskräfte von Bergkarabach ihre Waffen abgeben und sich auflösen müssen, gaben mehrere armenische Gruppen bekannt, bis zum Tod weiterkämpfen zu wollen. Die aserbaidschanischen Streitkräfte dürften also jeden anhaltenden Widerstand als Rechtfertigung für Massaker und andere Kriegsverbrechen nutzen.

Was denken Sie, passiert mit den Karabach-Armenier und ihrer jahrtausende alten christlichen Kultur, wenn sich Aserbaidschan die International nicht anerkannte Republik Arzach einverleibt?
Die armenische Gemeinschaft in Bergkarabach wird  ganz aufhören zu existieren. Die Armenier können nicht sicher unter der Herrschaft einer Diktatur leben, die ihre nationale Identität auf einen ewigen Krieg gegen Armenien aufgebaut hat. Wenn ihnen die Ausreise gestattet wird, werden viele Armenier nach Armenien zurückkehren; andere werden zurückbleiben und weiterkämpfen, höchstwahrscheinlich auf Kosten ihres eigenen Lebens. Das armenischchristliche Erbe von Bergkarabach wird systematisch zerstört oder als „eigentlich" aserbaidschanisch deklariert. In diesem Fall ist damit zu rechnen, dass Denkmäler verunstaltet werden, um armenische  Schriftzeichen und andere Beweise für ihre wahre Herkunft zu entfernen.