Wie ein Abt aus Deutschland den Konflikt im nahen Osten erlebt

Seit Frühjahr 2023 ist Nikodemus Schnabel (OSB) Abt der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg in Jerusalem, eines deutschsprachigen internationalen Benediktinerklosters, das durch sein Theologisches Studienjahr bekannt ist. Im Konflikt zwischen Israel und der Hamas wirbt er um Versöhnung, eine differenzierte Sicht und entzieht sich jeder Vereinnahmung. „Denn”, sagt er, „wir sind weder pro Israel, noch pro Palästina, wir sind pro Mensch!”

Nikodemus Schnabel, 1978 als Claudius Schnabel in Stuttgart geboren, wuchs in Fulda auf, studierte Philosophie und katholische Theologie in Fulda, München, Münster und Jerusalem und promovierte in Wien. Er ist Mitglied der CV-Verbindungen K.D.S.tV. Adolphiana Fulda, K.D.St.V. Vindelicia zu München und KAV Capitolina Rom. Fast die Hälfte seines Lebens lebt er schon im Heiligen Land, doch der Kriegsausbruch überraschte ihn in Rom. „Unser Bischof, der Lateinische Patriarch von Jerusalem, wurde Kardinal” berichtete Abt Schnabel gegenüber der Fuldaer Zeitung - also eigentlich ein schöner Anlass, „weshalb ich dort war. Doch als ich von dem Massaker hörte, war jede Stunde, die ich nicht zuhause war, wie eine Strafe.” Sein erster Gedanke, als er von dem Angriff hörte: „Schon wieder Blutvergießen, schon wieder Leid, schon wieder Opfer, Trauer, Rache und Hass. Das Ganze bringt ja das Schlechteste im Menschen hervor, auch wenn es gerade in solchen Situationen immer wieder auch Oasen der Menschlichkeit gibt und Menschen über sich hinauswachsen. Aber dieses Land ist wie ein tief verwundeter Mensch. Jetzt werden wieder neue Wunden aufgerissen.”
Jeder, der ein Herz in der Brust habe, sei geschockt von den Taten der Hamas. „Die Hinrichtungen, das Ermorden von Kindern und Babys, dafür gibt es keine Entschuldigung”, sagte der Abt gegenüber der Fuldaer Zeitung. „Aber das heißt nicht, dass jetzt die Zeit der Rache gekommen ist. Es gibt Stimmen, die sagen, jetzt dürfe man nicht über Frieden reden. Ich bin Mönch, ich will immer über Umkehr, Versöhnung und Frieden reden – und dafür auch beten. Ich sehe hier wie dort Menschen, die leiden!”

Auf beiden Seiten Menschen, die leiden

„Wir sind weder pro Israel, noch pro Palästina, wir sind pro Mensch”, sagte der Abt in einer Tagung der Domschule, der Diözesanakademie des Bistums Würzburg. „Wir leiden mit den Menschen dieses Landes, die wieder vor zerstörten Biographien, vor Unaussprechlichem, auch vor nicht anerkanntem Leid, stehen und vor Zerstörungen und Trauer.” Dieser Gewaltexzess tue diesem gebeuteltem Land nicht gut und hinterlasse nur Verlierer.

Am Dienstag nach dem Massaker hielt er zusammen mit seinen Mitbrüdern eine 24 Stunden lange Gebetswache für den Frieden ab. „Man mag es als naiv bezeichnen, aber es ist das, was mein Hauptberuf als Mönch ist”, sagte der Abt: „Erst haben wir fünf Stunden in Stille gebetet.” Vigil und Laudes folgten. „Und dann haben wir begonnen, alle hundertfünfzig Psalmen zu beten”. Darin habe sich nicht nur eine alte monastische Tradition gezeigt, sondern auch etwas, das Konfessionen und Religionen vereibeten neben Benediktinern auch syrisch-orthodoxe wie koptische Mönche als auch gläubige Juden „und wenn man auf die Muslime schaut, dann kann die Koranrezitation ihre Verwandtschaft zur Psalmen-Rezitation gar nicht verleugnen”. Sie alle vertrauten auf die Psalmen, „diesen unfassbar kostbaren Gebetsschatz der Bibel”, der die ganze Spannweite an Emotionen, Trauer, Wut und Überforderung bis hin zur Freude zum Klingen bringt.
Gegen 23 Uhr wurde ein Taizé-Gebet gesprochen - währenddessen trat eine Gruppe Juden die Klosterkirche und begleitete in stillem Gebet den letzten Teil der Gebetswache. 

In diesen dunklen Stunden müsse es Menschen geben, „die zeigen, was Menschlichkeit heißt”, sagte Abt Nikodemus Schnabel. Die Dehumanisierung auf beiden Seiten mache ihn tief traurig: etwa, wenn der israelische Verteidigungsminister erkläre, dass die Terroristen Tiere und keine Menschen seien. Und selbst wenn es in diesem Zusammenhang skandalös klinge: „Auch ein Massenmörder bleibt ein Mensch und hat eine unantastbare Würde.”

Christen im Nahen Osten: höchst vulnerabel

Christen gebe es auf Seiten der Palästinenser wie der Israelis: Christen aus Thailand, Indien oder den Philippinen arbeiteten auf den Feldern der israelischen Kibbuzim rund um den Gaza-Streifen und, oft illegal, als Pflegekräfte. Viele von ihnen wurden bei dem Angriff der Hamas zusammen mit den jüdischen Menschen, für die sie gearbeitet oder die sie gepflegt hatten, umgebracht. Keiner aus dieser Gruppe moderner Arbeitssklaven sitze jetzt in irgendeinem Militärflugzeug der Israelis, sagte Abt Schnabel. Auch in Gaza gebe es mitten in der Zivilbevölkerung palästinensische Christen: Keiner von ihnen habe an einer Rakete der Terroristen mitgearbeitet, „die werden von der Hamas höchstens aufgefordert, zum Islam überzutreten.” Im Pfarrzentrum der griechisch-orthodoxen Kathedrale seien mehrere palästinensische Christen getötet worden. In Gaza-Stadt blieben viele palästinensische Christen lieber in der römisch-katholischen Pfarrei zur Heiligen Familie, als in den Süden Gazas zu flüchten, den der wenig christenfreundliche Islamische Dschihad dominiere.

So gehörten die Christen auf beiden Seiten der Zivilgesellschaft zu den Opfern und seien höchst vulnerabel. Und so weite sich der Blick auf jüdische Israelis, deren Angehörige von der Hamas nach Gaza verschleppt wurden „und die nicht wissen, wie es weiter geht”. Und auf die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen, die vor Bombardements flüchte.

Zwei Grundsehnsüchte von Israelis und Palästinensern in diesem Konflikt sprach der Abt an,  „die man empathisch zulassen muss”. Israel sei die Antwort auf die Sehnsucht der Juden nach Sicherheit: „Israel ist dazu da, dass den Enkeln nicht das passiert, was den Großeltern passiert ist!” Wenn irgendwo auf der Welt wieder antijüdische, antisemitische Verfolgungen einsetzten, könnten sich die betroffenen Juden ins Flugzeug nach Israel setzen, um dort, in Israel, angstfrei ihren Glauben praktizieren und ohne Bedrohung leben zu können. Deshalb gebe es den Staat Israel: als sicheren Hafen, als Versicherung gegen Bedrückung und Tod für alle Juden weltweit, sagte Abt Schnabel. „Die Shoah war der perverseste Versuch in bürokratischer Vollendung, die Massenvernichtung des europäischen Judentums zu organisieren.” Aber ebenso hätten Juden aus allen weiteren Kontinenten Pogrome erfahren und teilten weltweit die Erfahrung der Verfolgung. Europäern, und dabei auch Deutschen, die seit Jahrzehnten in Frieden lebten, entgegneten die Israelis: „Wenn wir einen Krieg verlieren, dann gibt es uns nicht mehr!” Nie mehr Auschwitz bedeute für Israel: nie mehr Opfer, nie mehr wehrlos sein, nicht mehr Objekt der Geschichte, sondern Subjekt sein.

Die Palästinenser dagegen sehnten sich nach Freiheit und Selbstbestimmung in einem eigenen Staat. Europäern, die einen Pass besitzen, sich frei bewegen, wirtschaftliche und unternehmerische Freiheit besitzen, erwiderten Palästinenser, dass ihnen all dies nicht zur Verfügung stehe: Abhängig von Israel, hätten sie nur eine verkrüppelte, wirtschaftlich nicht eigenständige Form von Staat, seien nicht frei und müssten mit Stacheldraht und Checkpoints leben. 

Schwarz-weiß-Denken führt nicht weiter

Im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern werde allzu sehr in schwarz und weiß gedacht, meinte der Abt: Wenn etwa das Sicherheitsbedürfnis Israels absolut gesetzt werde, falle das Freiheitsbedürfnis der Palästinenser „hinten herunter.”Absolute Palästinenser-Anhänger dagegen seien überfokussiert auf das Freiheitsbedürfnis der Palästinenser und missachteten das ebenso gerechtfertigte Sicherheitsbedürfnis der Israelis.

Nötig sei ein Dialog auf der Basis einer Anerkennung des Freiheitsbedürfnisses der Palästinenser durch Israel und einer Anerkennung des Sicherheitsbedürfnisses der Israelis durch die Palästinenser - ein Dialog „der fragt: Was hilft euch, der jeweils anderen Seite?" sagte Abt Schnabel. Das heiße: Die Palästinenser müssten die Israelis fragen: „Was hilft euch, damit ihr euch sicher fühlt und ihr nicht in jedem Palästinenser einen potenziellen Terroristen oder Gefährder eurer Sicherheit seht?” Und die Israelis sollten die Palästinenser fragen: „Was können wir tun, dass ihr euch frei fühlt und souverän seid und nicht in jedem Israeli einen Unterdrücker und Besatzer seht?” 

Als wichtiger Ort islamischer Spiritualität bleibe Jerusalem vor Raketenangriffen islamistischer Terroristen weithin verschont. Gegenwärtig sei es in der Stadt sehr still. Juden, Christen und Muslime wagten sich kaum vor die Tür und trauten einander nicht. Deshalb halte seine Abtei die Kirche offen - auch wenn keine Pilgergruppen mehr kämen. Denn, sagte Abt Nikodemus Schnabel, gerade jetzt sei es wichtig, zu zeigen: „Wir sind da und tragen die Sorgen, Nöte und Ängste der Menschen um uns herum vor Gott.”

R.N.