Gedanken zu Allerseelen
„Gute Nachricht", „Frohe Botschaft" ist die Übersetzung des Wortes Evangelium. Dennoch muss nur ein einziger Buchstabe geändert werden - und schon ist dieses Wort in sein Gegenteil verkehrt: Tatsächlich werden viele Ältere gut in Erinnerung haben, dass die christliche Botschaft in früheren Jahrzehnten oft eher als Droh- denn als Frohbotschaft vermittelt wurde und normale Zeitgenossen den Donner im Gewitter so deuteten, dass „der Himmelvater schimpft"! Sicherlich werden sich lehramtliche Verlautbarungen oder theologische Texte diesbezüglich differenzierter geäußert haben, dennoch waren solche Anschauungen gemeinhin sehr lebendig und machten es nicht leicht, von einem men schenfreundlichen, „lieben" Gott zu sprechen.
Sicherlich wurde damals auch das Wort von der „Gottes-Furcht" vielfach missdeutet: nicht Angst und Furcht, sondern Respekt wäre die bessere Übersetzung gewesen.
Wer Respekt vor seinem Mitmenschen hat, der belügt, benachteiligt oder bestiehlt ihn nicht.
So leiten sich aus dem ersten der zehn Gebote „Du sollst den Herrn, Deinen Gott lieben" (= respektieren) alle anderen Gebote ab, bis hin zur Verantwortlichkeit jedes Einzelnen in der Familie, in der Gesellschaft wie in der Politik bis hin zur Sexualität.
Respekt ist der Schlüssel zu einer gelingenden Partnerschaft ebenso wie zu einer funktionierenden Gesellschaft.
Wohin Respektlosigkeit führt, können wir jeden Tag auf der Straße sehen: an den ramponierten Sitzen einer S-Bahn, an verschmierten Hauswänden und Mauern und wohl auch an den vermeintlich so friedlichen Protesten der sogenannten „Letzten Generation".
In den Jahren nach dem Zweiten Vatikanisehen Konzil wurde vieles in der christlichen Verkündigung und Theologie verworfen, geändert und manches neu gedeutet - auch die Kirche besann sich darauf, das Evangelium tatsächlich auch als Frohbotschaft von der Liebe Christi und dem allerbarmenden, guten und verzeihenden Gott zu verkündigen.
Mittlerweile hat es jedoch den Anschein, als werde diese Frohbotschaft als Wellness-Botschaft interpretiert, frei nach dem Motto: Gott im Himmel liebt uns sowieso! Er liebt uns, so wie wir eben sind und verzeiht alles, denn er ist ja barmherzig und deshalb gibt es auch keinen Grund, das Schlechte und Böse zu meiden und von falschen Wegen umzukehren.
Wer so denkt, droht Gott nicht ernst zu nehmen. Gott aber nimmt den Menschen ernst: Er ist überzeugt davon, dass wir so leben können, wie wir ihm und seiner Botschaft glauben, die Jesus uns überbracht hat. Auch wenn das im Alltag nicht immer leicht ist - wer Gott vertraut, darf sich auch seiner Hilfe sicher sein. Denn nur der Weg des Guten leitet den Menschen dahin, dass er erkennt. wie er wirklich gedacht und gemeint war. Der Mensch, der Böses tut und Wege einschlägt, auf denen er nur seinen eigenen Nutzen sucht und anderen schadet,der verfehlt sein eigenes Wesen - und das kann eine Erkenntnis sein, die schmerzhaft und peinigend sein kann.
Am Schluss der Begräbnisliturgie sagt der Priester: „Gott vollende nun an Dir, was er in der Taufe begonnen hat!"
In der Zeit dazwischen gibt es für den Glau
benden auch etwas zu tun: Leben im Sinn horizont des anbrechenden Reiches Gottes zu entfalten - als Chance, Menschsein in ei ner Schöpfung, die sich dem Guten öffnet, zu verwirklichen.
Kb Thomas Schmid (Ott)

Kb Thomas Schmid (Ott)
geboren 1959, Studium der Kathloischen Kirchenmusik , seit Anfang der 1980er Jahre in der K.St.V. Ottonia zu München. Beruf: Kirchenmusiker und Bestatter (Trauerdienste schmid)