Weder im Liederbuch des KV noch in der Auflage des Allgemeinen Deutschen Kommersbuches, die ich besitze, kann ich es finden: Gießen, deine Musensöhne. Für mich ist es eines der schönsten Studentenlieder, es erinnert an eine unbeschwerte Studienzeit in Gießen. Gesungen wird es nach der Melodie von „Heidelberg, du Jugendbronnen“. 

Gießen, deine Musensöhne singen dir ein Jubellied!
Dass es uns die Zukunft schöne, bleibt dein Bild uns im Gemüt.
Sünden die wir nie bereuten, trauen uns dir ewig an.
Gießen, Stadt der Jugendfreuden, schönes Gießen an der Lahn.

Heidelberg und Gießen, was für ein Vergleich, wird mancher nun denken. Nur in den wenigsten Fällen ist heute Gießen die Wunschuniversität der Studierenden. Oft ist es die Nähe zur mittel- oder nordhessischen Heimat, die junge Menschen, denen gerade die Hochschulreife bescheinigt wurde, nach Gießen treibt. Im allgemeinen gilt die Stadt als wenig attraktiv, weitgehende Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und Sünden beim Wiederaufbau (die nach und nach getilgt werden) haben ihre Spuren hinterlassen. Aber: Wer sein Studium hier absolviert, wird diese Stadt und auch ihre wunderschöne Umgebung lieben lernen.

Gießen ist die Stadt mit der höchsten Studierendendichte in Deutschland. An der Justus-Liebig-Universität (JLU) gibt es derzeit etwa 26.000, an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) etwa 12.000 Studierende. Bei einer Einwohnerzahl von etwa 80.000 ist also statistisch gesehen fast jede/jeder Dritte, der/dem man auf Gießens Straßen begegnet, eine Studentin/ein Student. Entsprechend sind die Angebote für junge Menschen, Gießen ist die Studierendenstadt schlechthin.
Im Jahr 1607 gründete der Landgraf von Hessen-Darmstadt die Hochschule „Ludoviciana“, die heutige Justus-Liebig-Universität. Studieren kann man hier fast alles. Seit der Neustrukturierung in 1999 gibt es elf Fachbereiche. Besonders erwähnenswert ist die Veterinärmedizin, die innerhalb Deutschlands nur an fünf Standorten vertreten ist. In Gießen wird die Tierheilkunde seit 1777 gelehrt.
Berühmtester Vertreter der Naturwissenschaftler ist wohl der Chemiker Justus von Liebig, der von 1824 bis 1852 in Gießen forschte und lehrte. Sein Laboratorium ist heute ein Museum im Stadtzentrum. Unter den Physikern hat Gießen drei Nobelpreisträger zu bieten, nämlich Wilhelm Conrad Röntgen, Wilhelm Wien und Walter Bothe. Obwohl Röntgen seine letzten Lebensjahre in München verbrachte, ließ er sich auf besonderen Wunsch auf dem Alten Friedhof in Gießen im Familiengrab beisetzen. Wer bei meinem Doktorvater, dem Physiker Prof. Arthur Scharmann, eine Prüfung zu absolvieren hatte, sollte vorher sowohl das Liebig-Museum als auch das Röntgen-Grab besucht haben.
Auch die Gießener Mathematiker haben sich in der Stadt ein Denkmal gesetzt. Aus dem alten Gießener Hauptzollamt direkt neben dem Liebig-Museum wurde in 2002 das Mathematikum, das erste mathematische interaktive Museum der Welt.
By the way: Zu den bekannten ehemaligen Gießener Studenten gehören Harald Lesch (Physik), der uns im Fernsehen die Welt erklärt, und Frank-Walter Steinmeier (Jura), unser derzeitiger Bundespräsident.

Deine Häuser, deine Kneipen, sind das Heim der Poesie,
und zum Salamanderreiben, fehlt’s an Stammquartieren nie.
Fragt ihr mich nach alten Gassen? Geht nur hin und seht euch um!
Selbst die allerneusten Straßen schienen mir bisweilen krumm.

Gießen war immer und ist auch heute reich an szenischen Studentenkneipen, spontan fallen mir der „Ulenspiegel“ und die „Zwibbel“ ein. Trotz des großen Angebots standen sie eigentlich weniger in meinem persönlichen Fokus, mein Stammquartier war (und ist es heute noch) das Verbindungshaus des KStV Nassovia. Nicht prunkvoll, wie man das von manchen dieser Häuser kennt, aber gemütlich und zum Wohlfühlen. Im Süden von Gießen bildet das etwa 1.650 Quadratmeter große Grundstück eine grüne Oase inmitten der umliegenden Neubauten. Das Haus mit seiner liebevoll ausgestatteten Kellerbar und seinem großen Garten ist mir während meiner Studien- und anschließenden Promotionszeit zur zweiten Heimat geworden. Ganze Herden von Salamandern haben wir hier gerieben!
Die Einrichtungen der Veterinärmedizin, Humanmedizin und Zahnmedizin sind von hier aus fußläufig zu erreichen, und auch zu den Instituten der Naturwissenschaften ist es nicht weit.

Zu des Gleibergs satter Grüne lockte uns der Maientag!
Und des Staufenbergs Ruine sah manch frohes Zechgelag.
Wo der Mönch statt vor dem Liebchen vor dem Kreuz sich einst verbeugt,
Schiffenberg, dein Söllnerstübchen, fand ich manchmal gar zu feucht.

Der Gleiberg, Wahrzeichen Gießens und des Gießener Landes! Schon von weitem erkennt man, auf der A5 aus Richtung Frankfurt die Wetterau durchquerend, seine charakteristische Silhouette. Auf einem 308 m hohen Basaltkegel liegt die mehr als 1000 Jahre alte Burg Gleiberg, heute ein beliebtes Ausflugsziel mit hervorragender Gastronomie und atemberaubenden Ausblicken auf das Umland. Bei klarem Wetter erkennt man den Feldberg im Taunus und den Frankfurter Fernsehturm. Die Burgruine Vetzberg liegt auf einem gleichhohen Basaltfelsen nur etwa 1,5 Kilometer entfernt.
Der Gleiberg wurde verewigt in der Farbenstrophe der Nassovia: „Und solang der Gleiberg stehet an der Lahn so trutzig da, gibt’s für uns nur einen Wahlspruch: „In Treue fest Nassovia!“

Die Burg Staufenberg im Norden von Gießen stammt aus dem 11. Jahrhundert, war zumindest während meiner Studienzeit beliebter Austragungsort für manche Stiftungsfestbälle und beherbergt heute nach umfangreichen Sanierungsarbeiten ein Viersternehotel.
Bleibt noch der Schiffenberg. Mit 281 Metern Höhe ist er der Gießener Hausberg. Die ehemalige Klosteranlage bietet einen geräumigen Innenhof, tauglich auch für Open Air Konzerte (für die Älteren unter uns, die Jethro Tull noch kennen – die waren auch schon hier). Der Musikalische Sommer auf dem Schiffenberg bietet von Mai bis August Konzerte unter freiem Himmel bei ebenso freiem Eintritt. Es gibt natürlich auch eine Gastronomie. Zum Restaurant gehört ein Biergarten mit Kiosk. Ich erinnere mich gut an viele Besuche mit Äbbelwoi, Handkäs und Streuselkuchen.
(Anmerkung: Vergeblich versuchte ich, herauszufinden, was ein Söllnerstübchen ist. Vielleicht kann mir jemand helfen!)

Selbst die Lahn, des Rheines Schwester, ist umhaucht von Burschengeist,
nimmer dulden wir Geläster, wenn uns wer den Neckar preist.
Durch das Wehr der alten Mühle zog der Fuchs den Kahn hindurch,
und im Bowlenvorgefühle, rudert er zur Badenburg.

Die Badenburg am Lahnufer nördlich von Gießen ist ein Traditionswirtshaus seit 1760. Im Ritterkeller gibt es neben dem südhessischen Nationalgericht, dem Handkäs mit Musik, Spezialitäten wie Burgknochen, Hinkelschenkel oder eine Schippe Dreck. 
Rudert der Fuchs weiter fleißig flussaufwärts, dann erreicht er irgendwann Marburg. Die beiden Universitätsstädte sind durch das „Silberne Band der Lahn“ verbunden, und das gilt auch für die freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Marburger KStV Thuringia und dem Gießener KStV Nassovia. Nette Thüringer laden gerne zum Bier ein, und das nicht nur anlässlich der legendären Nikolauskneipe.
Rudert der Fuchs nun flussabwärts zurück, so wird er am Stadtrand von Gießen auf eine weitere Attraktion treffen. Im Restaurant „Hellas“ serviert die Chefin Maria mächtige Portionen von Spezialitäten aus der kroatischen oder heimischen Küche. Sie tut dies schon seit einer gefühlten Ewigkeit, und sie begrüßt und duzt jeden Gast wie einen alten Freund. Übrigens hat der Name des Restaurants nichts mit griechischer Küche zu tun, der Ursprung ist der „Wassersportverein Hellas 1920 Gießen e.V.“ Gießen ist bekannt für den Rudersport.

Deine Mädchen, schönes Gießen, scheinen zwar von außen kalt,
doch ein and’res Lied von diesen rauscht der Philosophenwald.
Selig in des Clubsaals Tiefen schwang der Fuchs sein Mädel rum,
nur die alten Inaktiven tranken lieber einen um.

In der Wieseckaue am Rand der nördlichen Gießener Innenstadt, direkt hinter den Gebäuden der THM, liegen die Naherholungsgebiete Schwanenteich und Philosophenwald. Der Rundweg um den Schwanenteich ist etwa 1,5 Kilometer lang und belohnt mit farbenprächtigen Blumenrabatten. Im Osten der Wieseckaue lädt der Philosophenwald nicht nur zu erholsamen Spaziergängen ein, er bildet auch einen einzigartigen Lebensraum für Fledermäuse und steht deshalb unter besonderer Beobachtung der Wildbiologen von der JLU. 

Ach, wie musst das Blatt sich wenden, 
wo Herr Goethe scheltend spricht:
„Diese Gießener Studenten saufen doch studieren nicht!“
Säh‘ er heut Student und Spießer, nimmer wahrlich spräch‘ er Hohn,
und ein echter, rechter Gieß’ner liebt den flotten Musensohn.

Wenn ich heute, mittlerweile Pensionär im 104. Verbindungssemester, einem Gründungs- oder Stiftungsfest in Gießen entgegenfiebere, dann habe ich stets die letzte Strophe des stehenden Kantus im Sinn:

Also dichtet der Philister, nimmt sein buntgewirktes Band,
Praxis, Weib und Kind vergisst er, fährt 
hinauf ins Hessenland,
setzt sich nieder zu den Jungen, stimmt den Jubelkantus an,
und im Jubel ist’s verklungen: „Heil dir, Gießen an der Lahn.“

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen. Herrlicher Kantus donnernd verklungen!
Oder braucht es noch weitere Gründe, um ein Studium in Gießen aufzunehmen?

Prof. Dr. Günter Bräuer (Nss)

Justus-Liebig-Universität Gießen

Mit dem K.St.V Nassovia und seinem gemütlichen Haus ist auch eine KV-Verbindung an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) vertreten. Die 1607 gegründete Justus-Liebig-Universität ist eine traditionsreiche Forschungsuniversität, die knapp 26.500 Studierende anzieht. Neben einem breiten Lehrangebot – von den klassischen Naturwissenschaften über Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften bis hin zu Sprach- und Kulturwissenschaften – bietet sie ein lebenswissenschaftliches Fächerspektrum, das nicht nur in Hessen einmalig ist:
Human- und Veterinärmedizin, Agrar-, Umwelt- und Ernährungswissenschaften sowie Lebensmittelchemie. Unter den großen Persön- lichkeiten, die an der JLU geforscht und gelehrt haben, befindet sich eine Reihe von Nobelpreisträgern, unter anderem Wilhelm Conrad Röntgen (Nobelpreis für Physik 1901) und Wangari Maathai (Friedensnobelpreis 2004). Seit dem Jahr 2006 wird die Forschung an der JLU kontinuierlich in der Exzellenzinitiative bzw. der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern gefördert. 

PD