Romanik, Barock und Klassizismus - Einhard und Carolus Magnus - Carolingen auf Spurensuche in Seligenstadt und Aschaffenburg
Nach coronabedingter Auszeit trafen sich Bundesbrüder des K.St.V. Carolingia Aachen Anfang September dieses Jahres wieder einmal zu einem schönen offiziellen Treffen außerhalb Aachens. Wie bei derartigen Veranstaltungen üblich, legt der Organisator dieser Zusammenkünfte fest, wohin die Reise geht. Oftmals ist dies in die Nähe des Wohnortes, in dem er sich ja bestens auskennt.
Für die Ausrichtung des diesjährigen Treffens bewarb sich Bb Karl-Heinz Gurris aus dem Großraum Frankfurt/Offenbach. Welcher Ort in dieser Gegend könnte nicht nur schön anzusehen sein, sondern vielleicht auch etwas mit der Carolingia zu tun haben?
Die Wahl des Treffpunktes war zunächst für viele BbBb nicht verständlich, denn was könnte in Seligenstadt – außer vielleicht dem Namen – besonderes zu entdecken sein? Das schöne Städtchen hat aber mehr mit dem Namenspatron unserer Verbindung zu tun, als die meisten Teilnehmer der Veranstaltung wussten. Allerdings war für viele der Mitfahrer auch nicht die Geschichte von Seligenstadt das Hauptaugenmerk, sondern die Pflege alter Freundschaften und die Freude, liebe Bundesbrüder wieder in schöner Runde zu treffen.
Eintreffen
Entsprechend war auch die Ankunft im gemeinsamen Hotel schon eine Freude, denn so gut wie niemand verschwand direkt in seinem Zimmer, sondern gesellte sich zum Pulk der schon Anwesenden zum ersten ausführlichen Palaver. Von den vierzehn angemeldeten Bundesbrüdern mussten zwei leider kurzfristig absagen, so dass wir zusammen mit 10 Ehefrauen 22 Carolingen waren. Ergänzt wurde die Gruppe von Kb Günter Beck von der Moenania-Starkenburg mit Ehefrau.
Offiziell eröffnet wurde der Abend dann beim gemeinsamen Abendessen im Restaurant „Zu den drei Kronen“ mitten in der Stadt mit der Begrüßung durch Karl-Heinz Gurris und durch Georg Lauer, der Bb Gurris bei der Organisation des Treffens enorm unterstützt hatte. Zwischen Abendessen und launigen Gesprächen gab Karl-Heinz Gurris in kleinen Tranchen eine thematische Einführung zur Exkursion um „Einhard und Karl“.
Karl der Große und sein Biograph
Nach einem guten gemeinsamen Frühstück wurde am nächsten Vormittag bei einer geführten Stadtbesichtigung deutlich, was Seligenstadt mit dem Namenspatron der Carolingia zu tun haben könnte. Wir hörten von dem mittelalterlichen Gelehrten namens Einhard, der Biograph, Berater und Vertrauter Karls des Großen war. Er ließ die größte Karolingische Basilika nördlich der Alpen in Obermühlheim errichten und gründete dort auch ein Benediktinerkloster, dem er als Laienabt auch vorstand. Karl der Große soll der Sage nach beim Wiederauffinden seiner verloren gegangenen Tochter Imma, die heimlich bei Einhard lebte, ausgerufen haben: „Selig sei die Stadt genannt, in der ich meine Tochter wiederfand.“ Obermühlheim wurde daraufhin in Seligenstadt umbenannt.
Unser kenntnisreicher Stadtführer wusste mit vielen kleinen Anekdoten und Randnotizen den Rundgang ausgesprochen kurzweilig zu gestalten. Der zum ehemaligen Kloster gehörige Garten war mit seinem Kräuter- und Apothekergarten ein Highlight unserer Besichtigung. Aber auch die vielen schönen Fachwerkhäuser, der Marktplatz, auf dem an diesem Vormittag Markt war, und die Gemütlichkeit der kleinen Stadt rundeten den positiven Eindruck ab.
Aschaffenburg und Pompejanum
Nach einer Mittagspause brachte uns am Nachmittag ein Bus ins nahe gelegene Aschaffenburg. Unser Busfahrer entließ uns am Schloss, von dem aus wir in Grüppchen zum sog. Pompejanum spazierten. Nach einer thematischen Einführung durch Karl-Heinz Gurris zum Thema „Barock und Klassizismus“ erhielten wir eine lehrreiche und interessante individuelle Führung durch das Pompejanum, der Nachbildung eines römischen Wohnhauses, die König Ludwig I. erbauen ließ. Unsere Führerin hat mit viel Hintergrundwissen und Detailkenntnis für eine kurzweilige Besichtigung gesorgt. Unter Einhaltung der von der Organisation erbetenen Pünktlichkeit für die Rückfahrt des Busses konnten wir uns noch in „Aschaffenburgs bester Eisdiele“ – so kam sie uns an diesem warmen Sommernachmittag vor – mit leckerer Kühlung versorgt auf den Weg zur Bushaltestelle am Schloss machen.
Gemeinsames Abendessen mit Seligenstadts Ortszirkel
Der an Eindrücken volle Tag klang schließlich im gleichen Restaurant wie am Vortag aus. Dank einer sehr flexiblen Sitzordnung gab es wieder viele freundschaftliche Gespräche. Fast jeder lernte dabei seine Tischnachbarn ein wenig besser kennen.
Natürlich gab es auch hier wieder einen offiziellen Veranstaltungsteil. Wir hatten die Ehre und das Vergnügen, als Gast den Vorsitzenden des Seligenstädter Ortszirkels „Roter Brunnen“, Kb Franz Preuschoff, zu begrüßen. Der frühere KV-Ratsvorsitzende hatte in der Vorbereitung wichtige Empfehlungen zum Ort des Treffens gegeben. Gedanken zum Thema „Karl der Große und sein Bio-graph Einhard“ trug Bb Lauer in gut verdaubaren „Häppchen“ während des Abendessens vor. Damit wurden etliche Informationen über Einhard, die wir an diesem Wochenende erhalten haben, abgerundet.
Eine überraschende, aber schöne Sache war das Layout der Speisekarte mit dem Titel „Zum Treffen der K.St.V. Carolingia Aachen“ mit unserem Wappen. Sie war offenbar – von einem guten Geist gesteuert – ganz individuell für uns erstellt worden und der Inhalt konnte sich schmecken lassen!
Ausklang
Der Sonntag, der letzte Tag unseres Treffens, begann mit einem Gottesdienst in der Basilika St. Marcellinus und Petrus, wo wir einen kurzen Blick auf den Sarkophag werfen konnten, in dem sich die Überreste von Einhard und seiner Frau Imma befinden sollen. Die Predigt in diesem Gottesdienst hätte reichlich Gesprächsstoff liefern können, aber wir haben die Zeit genutzt für die geplante Führung durch die Klosteranlage, die beeindruckende Einblicke in das klösterliche Wohnen und die Essenszubereitung ermöglicht hat.
Der abschließende gemütliche Plausch im Klosterkaffee mit dem eigens für uns arrangierten leckeren Kuchenbuffet kündigte den Abschied von Seligenstadt an.
Wir haben zwei schöne Tage erlebt, die hervorragend geplant und organisiert waren, die aber auch deutlich gemacht haben, dass Freundschaft in unserer Verbindung nicht nur ein Prinzip ist. Hoffentlich konnten wir unseren Dank für die gemeinsame Zeit den Organisatoren deutlich genug vermitteln!
Joachim Brehm (Car)
Einhard, Freund Karl des Großens
Kurz und dick sei der Nacken Karls des Großen, lang die Nase. Auch trete sein Bauch hervor. Doch angesichts des „Ebenmaßes seiner Glieder” würden solche Makel nicht weiter ins Gewicht fallen. In seiner Biographie „Vita Caroli Magni” beschrieb der Geschichtsschreiber Einhard Karl den Großen aus der Erinnerung mit vertraulichem Spott, aber auch mit gehörigem Respekt - was nicht weiter verwunderlich war: Ging es dem Freund und Vertrauten des großen Karl doch darum, dessen zerstrittene Nachfolger an die Größe und Herrlichkeit ihres dahingegangenen Vorgängers zu erinnern: „Er vergrößerte das Frankenreich, das er bereits groß und stark von seinem Vater Pippin übernommen hatte, fast um das Doppelte.”
Um 770 muss Einhard als Spross einer Adelsfamilie im Maingau zur Welt gekommen sein. Seine Aus-bildung begann im Kloster Fulda. Ausgestattet mit Glück und vielen Talenten fiel der junge Klosterschüler Einhard in Fulda als außergewöhnlich klug und sprachbegabt just auf, als Kaiser Karl Männer suchte, mit denen er die Bildung im Frankenreich reformieren konnte.
Bald war Einhard Mitglied der illustren Gelehrtenrunde, die sich in Aachen um den Herrscher scharte.
Er plante Kirchen und Paläste und steuerte als kluger Berater die Politik seines hohen Herrn und Gönners mit. Doch die weitreichendste Leistung gelang Einhard mit dem Verfassen der „Vita Karoli Magni”, der Lebensbeschreibung Karls des Großen. Sie zählt bis heute zu den wichtigsten Quellen des frühen Mittelalters, birgt sie doch nicht nur so manches interessante Detail über Carolus Magnus, sondern sagt auch manches aus über die Mentalität seiner Zeit.
Von Karls Nachfolger Ludwig dem Frommen erhielt Einhard als Laienabt die Abtei Fontenelle. Aus Rom überführte er 827/828 die Gebeine der heiligen Petrus und Marzellinus zuerst in die von ihm errichtete Kirche Steinbach im Odenwald, dann in seine Gründung Seligenstadt am Main. Insgesamt aber ging sein Einfluss nach Karls Tod zurück. Vermittlungsversuche zwischen den zerstrittenen Nachfolgern hatten nur mäßigen Erfolg. Des Politischen überdrüssig geworden, starb Einhard am 14. März 840. Obwohl kein Kleriker, wurde er mit seiner Frau Imma in der Krypta der Kirche des von ihm begründeten Klosters Seligenstadt am Main beigesetzt.
R.N.



