Schritt für Schritt ins Heilige Land
6.200 Kilometer zu Fuß nach Jerusalem
Mehr als 6200 Kilometer hat Frieder C. Löhrer auf seinem Weg von Aachen nach Jerusalem zu Fuß zurückgelegt. Das Buch, das er über diese Pilgerwanderung geschrieben hat, ist ein großer Appell zu Respekt, Versöhnung und Friedfertigkeit - Dingen, die das Heilige Land heute dringender denn je benötigt.
Rückblick in die Tage Karls des Großen: 20. Juli 802: „Was ist denn das für ein Ungetüm?” fragen sich die Leute. Vor den Toren Aachens steht ein großes Tier, das bis dahin wahrscheinlich kaum jemand in Mitteleuropa erblickt hat - am wenigsten die damals höchstens vierhundert Einwohner von Aachen. Des Rätsels Lösung: Es ist ein Elefant, beladen mit prächtigen Geschenken, an seiner Seite ein Gesandter aus dem Morgenland. Nachdem das Tor geöffnet worden ist, tappt der Dickhäuter durch die Gassen, erst vor der Pfalzkapelle macht er Halt. Jeder staunt: ein Weltwunder, eine Sensation! „Im Palast von Aachen wurde gefeiert”, schreibt der Hofberichterstatter: „Im Juli kam Isaak mit dem Elefanten und den übrigen Geschenken des Königs der Perser an und übergab sie dem Kaiser”. Mit dem Elefanten bedankt sich nämlich der aus den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht bekannte Kalif Harun ar-Raschid von Bagdad bei Karl dem Großen für den Besuch der fränkischen Gesandten Landfried und Sigismund und des jüdischen Kaufmanns Isaak, die einige Jahre zuvor zu einer diplomatischen Mission nach Bagdad aufgebrochen waren. Ihr Präsent: die besten Jagdhunde des Kaisers.
Später wird behauptet, es habe sich um einen weißen Elefanten gehandelt, historisch verbürgt ist das nicht. Ein Jahr lang muss das Dankgeschenk des Kalifen unterwegs gewesen sein: Von Bagdad ging es nach Jerusalem, von da aus nach Tunesien und von dort mit dem Schiff nach Ligurien. Dann führt ihn der Weg durch Frankreich nach Aachen. In Aachen angekommen, wird der Elefant in der Menagerie der Kaiserpfalz untergebracht, einem Wald- und Wiesenstück. Glücklich wird der Dickhäuter dort nicht: Kälte und Regen setzen ihm zu, Artgenossen hat er keine. Als Machtinsignie muss er für den Kaiser trompeten. Lange lebt der Elefant nicht mehr. Im Sommer 810 verendet er bei einer Rheinüberquerung bei Lippeham. Und was die Delegation nach Bagdad betrifft, hat nur einer der drei Männer Aachen lebend erreicht: Es ist der jüdische Kaufmann Isaak.
Dieser Bericht über eine Begegnung von Judentum, Christentum und Islam in einer Zeit, in der eine Reise von Aachen ins Morgenland so selten, aufwendig und riskant war wie heute die Fahrt zum Mond, schlägt bis heute Wellen: Für den früheren Industriemanager Frieder C. Löhrer war es ein Impuls, von Aachen nach Jerusalem zu pilgern. „Dieses Zusammenwirken der drei abrahamitischen Religionen war der Nährboden für das Wachsen einer Idee. Weniger Bagdad, mehr Yerushalayim als Ort der drei monotheistischen Religionen. Dorthin zu Fuß gehen, gemeinsam, im Austausch und Verstehen, das war der Kern. So habe ich darum Ideen platziert und gewoben, geweitet und verworfen. Erste Wegplanungen, erste Partnerschaften, erste Orientierungen”, schreibt er in seinem Buch „Reise nach Jerusalem”, dem Bericht über seine Pilgerwanderung. In zwei Bände gegliedert, umfasst das Buch mehr als tausend Seiten. Auf seiner Wanderung, die er von Juli 2020 bis April 2022 in 181 Etappen unternahm, durchquerte Frieder C. Löhrer zwölf Länder, nicht in jedem davon herrschte Friede. 31 Kilometer legte er im Schnitt pro Tag zurück. Die Route führte von Aachen nach Speyer, über Salzburg und Budapest bis nach Serbien. Von dort ging es über den Kosovo nach Griechenland und weiter nach Kleinasien. Dann führte der Weg von Amman bis Jerusalem - zu dem, wie er schreibt, „ersehnten Ziel, der spirituellen Wurzel der abrahamitischen Religionen, zu den nur alle 33 Jahre gleichzeitigen Feiern Pessach, Ostern und Ramadan“. Was ihm beim Wandern in den Sinn kam, hat er in seinem Buch als Etappen-Themen niedergeschrieben.
Drei Möglichkeiten gibt es, dieses Buch kennenzulernen: Die erste Möglichkeit ist einfach und klassisch: Von vorn anfangen und durchhalten bis zum Schluss. Wen dabei tausend Seiten schrecken, der sei auf Thomas Manns Diktum hingewiesen, dass nur das Ausführliche wahrhaft unterhaltend ist. Die zweite Möglichkeit: Orientierung nach Orten und Schauplätzen, die der Autor in den 181 Etappen passiert hat. Und die dritte Möglichkeit bietet das Wort des Tages an. Diese Worte dachte sich Frieder Löhrer nicht aus, sie kamen ihm in den Sinn, begegneten ihm auf der jeweiligen Etappe: Solche „Denkorte” begegnen ihm bereits auf der ersten Etappe, auf den ersten fünftausend Metern. Und es ist, schreibt er, „alles wie geplant, dennoch anders und tiefer erlebt und empfunden”: der Besuch bei der Schwester, die Begegnung mit der neu errichteten Aachener Synagoge, die dort steht, wo die alte Synagoge am 9. November 1938 von SA und SS niedergebrannt wurde: „Mein Vater hat vor der brennenden Synagoge als 13-jähriger gestanden.” berichtet Frieder C. Löhrer, „genau sechs Monate nach der Tötung seines Vaters durch die Giftspritze, durch welche Idee und Hand auch immer. So wie jetzt. Er konnte es nicht verstehen, mein Vater. Aber oder Und: Ein neues Haus steht errichtet hier: die neue Synagoge. Ich bin bewegt, sehe meinen Vater vor mir. Der großartige Baum vor der Synagoge. Ich freue mich.” So werden Ereignisse, Erlebnisse oder Begegnungen, die eine Etappe geprägt haben, zum Wort des Tages. Als Glieder des Stichwortverzeichnisses werden sie dann am Ende jedes Bandes übersichtlich dargestellt.
Mit diesen Worten des Tages gibt Frieder C. Löhrer eine Erfahrung vieler Pilger weiter: Schritt für Schritt werden sie achtsamer, überdenken Erfahrungen und Seelenbewegungen und orientieren sich neu. Denn eine Pilgerwanderung bietet auf Schritt und Tritt Gelegenheiten, Gutes zu erfahren: den Boden, der trägt, die Schönheit der Landschaft, unsere Physis, die fähig ist, weiterzugehen, selbst wenn der Rucksack lastet und drückt. Wenn man in solchen manchmal unspektakulären Erscheinungen und Begebenheiten den Geber alles Guten, Gott, entdeckt, ist das selbst ein Gebet und wert, festgehalten zu werden. In solchen Erfahrungen drückt sich die Spiritualität des Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, aus, „Gott in allem zu suchen und zu finden.” Und auf diese Weise eröffnet dem Pilger auch das Heilige Land mit seiner Landschaft ganz neue Glaubenszugänge, schrieb doch der Benediktiner Bargil Pixner: „Fünf Evangelien schildern das Leben Jesu: vier findest du in den Büchern - eines in der Landschaft. Liest du das fünfte, eröffnet sich dir die Welt der vier.”
„Unsere Schöpfung teilen wir miteinander, wir werden sie miteinander in Ehren halten und pflegen. Das ist unser Teilen, ein Mitteilen unserer Liebe zur Schöpfung und zum Mitmenschen”, schreibt Frieder C. Löhrer in den Notizen zur 178. Etappe seiner Pilgerfahrt, als er im muslimischen Viertel von Jerusalem angekommen ist. Solch ein Satz lässt sich lesen als Besinnung auf die gemeinsame Verantwortung der drei abrahamitischen Religionen und ihre Pflicht, für die Schöpfung und den Frieden einzustehen.
Seitdem mit dem Terroranschlägen der Hamas vom 7. Oktober die Gewalt im Heiligen Land eskaliert ist und Religion nurallzu leicht herhalten muss, um Gewalt und Krieg zu rechtfertigen, wünscht man sich mehr solcher Appelle an die drei abrahamitischen Religionen, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, dem Frieden zu dienen und der Gewalt ein Ende zu bereiten.
R.N.
