Pennäler- und Korporiertenromantik einst und jetzt: „Die Feuerzangenbowle”

„Wahr ist nur der Anfang und die Feuerzangenbowle. Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen und die Sehnsüchte, die uns treiben, damit wollen wir uns bescheiden...”

Mit diesen melodramatischen Worten verabschiedet sich der falsche Pennäler Johannes Pfeiffer mit drei „f“, verkörpert von dem wahren Schauspieler Heinz Rühmann, im Tonfilmklassiker „Die Feuerzangenbowle“, der im vorletzten Kriegsjahr 1944 noch in die Filmtheater kam und in seltsamem, aber propagandistisch gewolltem Kontrast zum Kriegsalltag stand. Bis heute ist der Film nicht zuletzt bei Korporierten jeder Art beliebt und wird so vor allem auch in der Weihnachtszeit, natürlich stilecht vom Genusse besagten Getränks begleitet, immer wieder gerne vorgeführt.

Das in dem 1933 erschienenen Roman von Heinrich Spoerl geschilderte Milieu der höheren Lehranstalten, ihrer Zöglinge und Professoren, war bereits zu jener Zeit verklärte Vergangenheit. Schülermützen und Schülerverbindungen wurden bald nach 1933 verboten und machten einem vermeintlich fortschrittlichen Geiste Platz, wie er in der Filmfigur des Lehrers Dr. Brett ahnungsvoll aufscheint. 

Die kleine, heile Welt in dem Städtchen Babenberg nirgendwo in Deutschland – als Kulisse dient anonym das unzerstörte Schwäbisch Hall – ist bis heute ein Stück nachvollziehbarer, wenn nicht ersehnter Romantik, wie wir sie im Nachklang in sogenannten Abiturstreichen selbst noch kennen. 

„Dieser Roman ist ein Loblied auf die Schule. Doch es ist möglich, dass die Schule es nicht merkt.”

Spoerls Sohn Alexander schreibt in seinem Roman „Memoiren eines mittelmäßigen Schülers“ über die Entstehung des Buchs, es sei deshalb entstanden, weil sein Vater es leid geworden sei, ständig Briefe an die Schule wegen der Vergehen seines Sohnes zu schreiben. Da sich Autobiographisches und Fiktives mischen, kann nicht gesagt werden, ob alles tatsächlich so gewesen ist. 
Zum ersten Mal im Jahr 1934 wurde der Stoff unter dem Titel „So ein Flegel“ ebenfalls bereits mit Rühmann in der Hauptrolle verfilmt. Im Gegensatz zur Version von 1944 variiert das Drehbuch jedoch den Roman stark und kommt in seiner erzählerischen Dichte nicht an das ‚Original’ heran. 1970 wurde „Die Feuerzangenbowle” nochmals mit Walter Giller, Uschi Glas, Theo Lingen, Nadja Tiller und Willy Reichert in modernem Gewand, aber ohne größeren Erfolg verfremdet. Im Rundfunk wurde im selben Jahr eine Hörspielbearbeitung mit dem Sprecher Hans Clarin ausgestrahlt. 2004 hatten eine Theaterinszenierung der Feuerzangenbowle in Düsseldorf sowie eine Musicalversion in Neu-Isenburg Premiere. 

„Da stelle mer uns ma janz dumm!”

Im August 1993 spielten Studenten aus Hamburg „Die Feuerzangenbowle“ als Realsatire nach. Als vermeintlich neue Schüler erschienen sie im Kreisgymasium Neustadt. Die Aktion sollte eine Woche dauern, flog aber am dritten Tag auf, als eine Überprüfung der „Schüler“ zu viele Ungereimtheiten aufwies. Das Hamburger Abendblatt berichtete über den Spaß, der „Offene Kanal Hamburg” zeigte 1994 eine TV-Dokumentation.
Kommen wir nun aber zur eigentlichen Substanz der Feuerzangenbowle: Der flüssige Stoff in Gestalt des sogenannten Krambambuli war ursprünglich eine Spirituose mit intensiv roter Farbe, die bis 1945 in der Danziger Likörfabrik „Der Lachs“ von Isaak Wedel-Links und Eydam Dirck Hekker hergestellt wurde. Bestandteile waren Auszüge von Wacholderbeeren und Branntwein. 

„Jeder nor einen wönzigen Schlock!”

So setzt sich auch der Name Krambambuli aus den Worten Krandewitt (Kranichholz, anderer Name für Wacholder) und dem rotwelschen Wort Blamp (alkoholisches Getränk) zusammen. Bei Studentenverbindungen wird seit dem neunzehnten Jahrhundert der Begriff des Krambambuli aufgrund der Farbähnlichkeit auch für die allgemein bekannte Feuerzangenbowle, Glühwein oder andere Weinmischgetränke verwendet.
Krambambuli ist zugleich der Titel eines verbreiteten Studentenlieds, das 1745 von Christoph Friedrich Wedekind unter dem Pseudonym Crescentius Coromandel mit damals bereits 102 Strophen verfasst wurde. Das Lied ist bis heute verbreitet, es wurde mehrfach umgeschrieben und erweitert. Eine auf 11 Strophen verkürzte Fassung wurde schließlich in das Allgemeine Deutsche Kommersbuch, die bedeutendste Sammlung von Studentenliedern, aufgenommen. Die heutige erste, ursprünglich 22. Strophe lautet daraus:

„Krambambuli, das ist der Titel des Tranks, der sich bei uns bewährt; 
er ist ein ganz probates Mittel, wenn uns was Böses widerfährt. 
Des Abends spät, des Morgens früh trink ich mein Glas Krambambuli, Krambimbambambuli, Krambambuli!“

Dieses Spiel mit dem Feuer ist jedoch keineswegs streng bierernst zu nehmen wie in der überaus trefflichen Karikatur des Verbindungsstudenten der Kaiserzeit im Roman „Der Untertan“ von Heinrich Mann. Der Brauch der Feuerzangenbowle greift ebenso wie die im Film getragenen Schülermützen, das Vorhandensein eines Karzers, verschiedene Redewendungen und Attitüden unzweifelhaft auf akademische Vorbilder zurück, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in vielfältiger Weise stil- und formbildend wurden. Dieses Nachspielen studentischer Sitten in  Schülerkreisen ist jedoch weitgehend ein äußerliches Kopieren, ohne bereits den tieferen Sinn dahinter und den erzieherischen Zweck zu verstehen. Freude am Spielerischen, Ausgelassenheit und Ulk gehören untrennbar zum Menschen jeden Lebensalters. Der Student von heute dagegen sieht sich immer höheren Leistungszwängen ausgesetzt – gerade hier vermögen studentische Verbindungen willkommenen Ausgleich zu bieten. Vielleicht machen wir uns diese Hintergründe klar, wenn es dann heißt: „Film ab!“

Dr. Bernhard Grün