Der lange Weg zu einem KV-Verein in Osnabrück

Osnabrück ist eine Stadt mit langer Geschichte1. Vergleichsweise jung sind die Hochschulen, die dort ansässig sind - und damit auch das korporative Leben in der Stadt. Bis dort ein KV-Verein mit Aktivitas und Philisterium Fuß fasste, gingen einige Jahrzehnte ins Land.

Immerhin konnte sich die Universität Osnabrück bei ihrer Gründung 1973 auf das im Jahre 1629 beziehungsweise 1632 von Fürstbischof Franz Wilhelm Kardinal Reichsgraf von Wartenberg gegründete Jesuitenkolleg berufen, auch „Academia Carolina Osnabrugensis“ genannt, das aus dem Gymnasium Carolinum entstanden war. Auch gab es seit 1953 in Osnabrück die Adolf-Reichwein-Hochschule als Pädagogische Hochschule. Sie wurde 1969 als Abteilung Osnabrück in die Pädagogische Hochschule Niedersachsen integriert und ging im Jahr 1974 in der Universität Osnabrück auf. 
Vor der Gründung der Universität war 1971 die Fachhochschule Osnabrück – heute „Hochschule Osnabrück” – errichtet worden. Ihre Vorgängerinstitutionen waren die „Staatliche Ingenieurschule Osnabrück” und die „Ingenieurschule für Landbau Osnabrück”.

Das Osnabrücker Land ist konfessionell gemischt. Nachbarregionen, wie das Oldenburger Münsterland, das Emsland und das Münsterland, sind katholisch geprägt, so dass der Anteil katholischer Studenten in Osnabrück stets hoch war. Heute studieren ca. 28.000 Studenten in Osnabrück. Überall in Deutschland stiegen bereits in den 1960er Jahren die Studentenzahlen. In diese Zeit fielen auch viele Neugründungen von KV-Vereinen. 

Am 9. Februar 1968 traf sich der KV-Ortszirkel Löwenpudel in der Gaststätte Holling zu seiner Jahreshauptversammlung. Unter dem letzten Tagesordnungspunkt vermerkte das Protokoll, es sei die Möglichkeit erörtert worden, „an der hiesigen PH eine KV-Corporation zu gründen. Dieses Problem soll demnächst vom Vorstand in Angriff genommen werden. Der Vorstand bat dabei um Unterstützung aller interessierten KbKb, besonders der jüngeren AHAH und der gemeldeten Aktiven und Inaktiven.”

Kein unnötiger Konkurrenzkampf um „Keilandi”

Leider findet sich in Protokollen späterer Jahre kein weiterer Eintrag zum Thema „Gründung einer KV-Korporation” in Osnabrück. Fakt ist, dass 1973 mit der Akademischen Verbindung Widukind der CV das zu bestellende korporative Feld der frisch gegründeten Universität betrat. Bekannt ist, dass der damalige OZ bewusst von der Gründung eines KV-Vereines Abstand nahm, „damit die katholischen Korporationen sich nicht gegenseitig die Keilandi wegnehmen”, so die Aussage einiger inzwischen verstorbener Kartellbrüder. Ob dieser Ansatz einem Faktencheck standhalten würde, ist allerdings ungewiss.

Neuen Wind in die Angelegenheit brachte zwischen Februar 1983 und April 1985 ein Schriftwechsel zwischen Altherrenbundsvorstand und Vorort auf der einen und dem Ortszirkel auf der anderen Seite. Man strebte Neugründungen in Osnabrück und Lübeck sowie Reaktivierungen in Kiel und Vechta an. Dabei sollten die Ortszirkel von Anfang an eingebunden werden. Damaliger Vorort war der K.St.V. Markomannia. Für den Vorort schrieb ein Aktiver namens Markus Wittenberg – uns allen heute als engagierter KV-Ratsvorsitzender bekannt! Der Ortszirkel reagierte mit der Einberufung eines außerordentlichen Convents. In einer ersten Antwort hieß es: 

„Die teilnehmenden KbKb äußerten sich teilweise kritisch zu den Überlebenschancen einer KV-Korporation in Osnabrück [...], waren aber grundsätzlich am Problem interessiert.”
Der Ortszirkel streckte seine Fühler in Richtung Professorenschaft, Katholische Studentengemeinde und ortsansässige KVer mit möglichem Kontakt zu Studenten aus. Doch wurde auch auf „Anfangsschwierigkeiten der ortsansässigen CV-Korporation” und eine „hohe Heimfahrerquote” unter den Studenten hingewiesen. Um den Unterstützungswillen der ortsansässigen AHAH zu prüfen, legte der damalige OZ-Vorsitzende Kb Peter Burchardt (Wf) einem Rundschreiben einen Fragebogen bei. Die Antworten fielen aber ernüchternd aus. Einige KbKb sagten allerdings Sonderspenden zur Unterstützung des Vorhabens zu.

Im Januar 1983 verzeichnet das Archiv noch 135 Mitglieder im KV-Ortszirkel Löwenpudel. Davon sandten ganze elf KbKb im Vorfeld des außerordentlichen Convents den Fragebogen zurück; am Convent nahmen dreizehn KbKb teil. Man sprach sich – wenn überhaupt und unter Vorbehalt – für die Unterstützung einer Reaktivierung in Osnabrück aus, d.h. es sollte unbedingt ein bestehender AHV ohne Aktivitas in Osnabrück einen Neuanfang versuchen. Eine komplette Neugründung traute man sich wohl nicht zu. Es gab damals 41 Kartellvereine ohne Aktivitas. Als Vereine wurden Frisia-Bonn, Eresburg-Münster und Hansea-Halle-Münster genannt. Doch gab es bei denen wohl kein Interesse an einem Standortwechsel.

Reaktivierung, keine Neugründung

Im Wintersemester 1983/84 reaktivierte sich zudem die Unitas Sugambria im UV (gegründet in Münster) in Osnabrück, was die Erfolgsaussichten auf eine weitere katholische Korporation dämpfte. Dennoch wurde 1985 der Ortszirkel nochmals angefragt, ob er nicht eine Neugründung ohne AHV in Angriff nehmen könne; dazu übersandte der Altherrenbund einen neuen Fragenkatalog. Im Protokoll des nächsten OZ-Convent findet sich dazu nur der Eintrag „Diskussion über die Möglichkeiten des KV-Ortszirkels, in personeller und sachlicher Hinsicht Starthilfe bei der Gründung zu leisten”. Im persönlichen Anschreiben an den Altherrenbundvorstand wies Kb Burchardt aber nochmals darauf hin, dass es vor Ort nur wenige AHAH gebe, die dazu motiviert seien, man brauche daher unbedingt  Unterstützung von außen. Dies war die letzte dokumentierte Korrespondenz dieses Anlaufs.
2010 jedoch meldete sich ein Mitglied des Altherrenbundvorstands in einem Rundschreiben per E-Mail bei mehreren KVern in Osnabrück. Es war der heutige Ehrenphilister der Semnonia, Christian Delhey, der verschiedene KbKb in die neuen (alten) Überlegungen einbezog, eine Aktivitas in Osnabrück aufzubauen. 
So brauchte es nochmals einige Jahre, bis der hohe CC des K.St.V. Semnonia-Berlin, dem Kb Delhey selbst als Philistersenior seit 2011 vorstand, am 28. November 2015 beschloss: „Der Hohe Philistersenior und seine Vertrauten führen mit den in Osnabrück ortsansässigen Kartellbrüdern Gespräche über eine mögliche Ansiedlung Semnoniae in Osnabrück.“
Im Frühjahr 2016 gab es die ersten Stammtische in der Gaststätte „Olle Uhse“, im Juni wurde eine Reaktivierungskneipe gefeiert und bald darauf eine Etage angemietet. Was weiter geschah, ist aus verschiedenen Artikeln der AM seit 2016 bekannt. Heute hat der einzige KV-Verein in Osnabrück (und damit auch in Westniedersachsen) 92 Alte Herren und 17 Aktive. 

Matthias Bruns (Gth,Smn)

Anmerkung:

[1] Gegründet von Karl dem Großen vermutlich 780 n. Chr.

Matthias Bruns

geb. 1983 in Oldenburg, studierte 2003-2008 Religionspädagogik und Diakonie in Hannover, 2003: rec. in den AV Gothia zu Hannover, 2016: rec. in den K.St.V. Semnonia-Berlin zu Osnabrück, seit 2017 stv. Philistersenior der Semnonia, seit 2019 zusätzlich Vorsitzender des OZ „Löwenpudel”.