Die Glocken von St. Karl Borromäus in Berlin-Grunewald ertönen seit dem hundertsten Jubiläum unseres Verbandes
Glockenläuten ist liturgische Handlung und allgemeines Kulturgut in unseren Breiten. Auch im nicht (mehr) vom Christentum geprägten Berlin kündet der Klang der Glocken davon, dass die Welt letztlich in (Gottes) Ordnung ist und die Kirche nach wie vor im Dorf beziehungsweise im Kiez und in der Stadt steht.
In Berlin-Grunewald hat es mit den Kirchenglocken der Kirche St. Karl Borromäus etwas für den KV Besonderes auf sich. Diese katholische Diaspora-Gemeinde wurde 1919 gegründet vor allem für die vielen Bediensteten, die aus ärmeren katholischen Gegenden nach Berlin gezogen waren, um in den wohlhabenden Bezirken Schmargendorf und Grunewald eine Anstellung zu finden. Sie musste sich in ihren ersten Jahren und Jahrzehnten zunächst mit Provisorien und sodann einer kleinen Kapelle begnügen. Diese wurde am 15. Februar 1944 durch eine Brandbombe ruiniert – in jenem Zweiten Weltkrieg, in dem leider nicht etwa Schwerter zu Pflugscharen, sondern häufig Kirchenglocken zu Kanonen umgeschmolzen wurden.
Das heutige Kirchengebäude entstand in den 1950er Jahren und wurde an Christi Himmelfahrt, dem 19. Mai 1955, vom Berliner Bischof Wilhelm Weskamp (Albertia, EM d Askania-Burgundia) eingeweiht. Seine Errichtung samt den dafür eingeworbenen Spenden erfolgte im besonderen Gedächtnis an unseren hochgeschätzten Kartellbruder Dr. theol. Dr. phil. Carl Sonnenschein (1876-1929), EM d Semnonia, Askania, Suevia und Winfridia-Graz, der nach dem Ersten Weltkrieg als Arbeiterpriester in Berlin wirkte und einen Ruf genoss, welcher bis heute – einschließlich des vom KV jährlich vergebenen nach ihm benannten Preises – weithin nachhallt. Im Innenhof der St. Karl Borromäus-Kirche erinnert ein Gedenkstein an diesen Großstadt- und Sozialapostel und sein zehnjähriges aufopferungsvolles und segensreiches Wirken in Berlin.
So war es eine wunderbare Idee des KV, zu Ehren des 100jährigen Jubiläums seines Gründungsvereins für diese Kirche im Westteil des damals geteilten Berlin, am Sitz seines Gründungsvereins Askania-Burgundia, ein Geläute für dieses neu zu errichtende Gotteshaus zu stiften.
Ein Geläut aus Stahl in Bochum gegossen
Das Gussstahlwerk Bochumer Verein Aktiengesellschaft führte den Auftrag aus und goss die Glocken. Die Schenkung samt Übergabe wurde am 10. Oktober 1953 in einem großen und öffentlichkeitswirksamen Festakt mit viel Prominenz aus Staat und Kirche und reger Beteiligung der Bochumer Bevölkerung anlässlich der Vertreterversammlung zum 100jährigen Jubiläum des KV-Studententums in Bochum in der großen Halle auf dem Gelände ebendieses Gussstahlwerks vollzogen. Die Weihe der Glocken erfolgte indes erst am 3. April 1955 durch den Berliner Weihbischof Paul Tkotsch (CV) in Berlin, kurz vor der Kirchenweihe des gerade erst fertiggestellten neuen Gotteshauses. 1983 fand eine Überholung der Glocken statt.
Die vier Glocken, auf die Töne cis – e – g – a gestimmt, wurden allesamt so gegossen, dass sie den sie widmenden KV erkennen lassen: Auf der Schulter der cis-Glocke etwa finden sich die Prinzipien des KV „Religion – Wissenschaft – Freundschaft“; die g-Glocke trägt den Wahlspruch des K.St.V. Askania-Burgundia im KV zu Berlin „Crux Christi nostra corona“ (das Kreuz Christi ist unsere Krone). So geben diese vier Glocken über weite Teile von Berlin-Grunewald seit fast siebzig Jahren den Stundentakt und rufen wohltönend und unüberhörbar zu Einkehr und Gebet – und, gemäß des Schlusssatzes der Stiftungsurkunde, dazu, „ut ex caritate et in caritate Christi omnes unum sint“ (dass aus der Liebe und in der Liebe Christi alle geeint sein mögen).
Welch ein Glück, dass Kartellbruder Pater Maximilian Segener SDS (EM d Pruthenia und Grotenburg-Lusatia) nunmehr an eben dieser Kirche als Priester wirkt. Am 5. November 2023 rief er in der Sonntagsmesse seiner Gemeinde zu deren Patrozinium, flankiert von Chargen des K.St.V. Askania-Burgundia und mit einem im Altarraum aufgestellten Großporträt von Carl Sonnenschein, das Ereignis des siebzigsten Jahrestages der Schenkung ins Gedächtnis. Er erinnerte an das bischöfliche Vermächtnis bei der Einweihung dieses Gotteshauses, das Andenken von Carl Sonnenschein präsent und in Ehren zu halten sowie für den KV insgesamt und zu Berlin zu beten. Nach dem eucharistischen Hochamt wurde mit einem Agape-Empfang für die Gemeinde und dem extra eingeladenen Berliner KV würdig weitergefeiert.
So wird deutlich – und möge gelten ad multos annos: Der KV gehört zu Berlin. Unüberhörbar. Gott sei Dank.
Christian Papsthart (Ma, Ask-Bg, Urb)



Literatur:
Elmar Göbel, 40. Jahrestag der Konsekration der Pfarrkirche St. Karl Borromäus, Berlin 1995.
Fritz Krabus, Die glanzvolle Tagung vom 6. bis 11. Oktober 1953, in: Akademische Monatsblätter, (Beckum) 66. Jahrgang, Oktober/November 1953, Nr. 1 / 2, insbesondere S. 10-15.
Klaus-Dieter Wille, Die Glocken von Berlin (West): Geschichte und Inventar. Berlin 1987
St. Karl Borromäus (Berlin), in: Wikipedia (de.wikipedia.org) – abgerufen am 15.12.2023