Glaube, der mich trägt

Das Wirken des Glaubens auf dem Weg der Selbstfindung des Menschen beschrieb der französische christliche Philosoph und Mathematiker Marcel Légaut (1900-1990) in seinem Buch „Travail de la foi“ (1962). Auf deutsch erschien es 1974 unter dem Titel „Glaube, der mich trägt – Einsicht und Bekenntnis“. Es ist ein Wegweiser zur Vollendung, der in den „Mühen der Glaubensarbeit“ reift. 

Monsieur Portal, Marcel Légauts Mentor, half ihm zu entdecken, dass Ehrlichkeit und intellektuelle Unabhängigkeit für ein lebendiges spirituelles Leben unerlässlich sind. Légaut schrieb: „Das Leben des Glaubens, zuerst nur ein kleines Samenkorn, das dem Menschen ins Herz gesenkt wird, durch die Kirche, durch die liebevolle Frömmigkeit von Vater und Mutter und als verborgenes Geschenk gläubiger Generationen, deren Erbe er ist, erfüllt allmählich sein ganzes Leben, wenn er sich ihm mit seinem ganzen Wesen hingibt.”1 Doch heute gibt es in immer weniger Familien religiöse Erziehung. Selbst Eltern, die um eine religiöse Prägung ihrer Kinder bemüht sind, müssen oft erfahren, dass ihre Kinder sich von ihrem bisherigen Glauben verabschieden. Auch ist das re-ligiöse Sinnangebot in einer pluralen Gesellschaft nur ein Angebot unter vielen. Bindungen an die Kirche haben sich gelockert, die Kirchen selbst sind durch Streit, Korruption und die Kette an Missbrauchsfällen schuldig und unglaubwürdig geworden. Bei vielen jungen Leuten endet die Bindung an Religion und Kirche mit dem Herauswachsen aus dem Elternhaus. Doch ist die Frage nach dem Sinn, nach dem Woher und Wohin des Menschen, damit weder erledigt noch beantwortet und stellt sich - egal, ob ein Mensch religiös sozialisiert wurde oder nicht. 

Massiv gestiegene Kirchenaustritte sprechen eine deutliche Sprache. Und wie in den Kirchen zeigt sich auch in Familien, was geschieht, wenn Gemeinschaftsleben nicht mehr gelingt und Vertrauen fehlt: Wem kann ich wirklich glauben, wer kann für mich Vorbild sein? Marcel Légaut schrieb: „Aber der Glaube erfüllt nicht völlig das persönliche Leben, solange nicht ein unmittelbarer und ausdrücklicher Anruf vernehmbar wird. Bis dahin kann der Mensch ein eifriges Mitglied einer religiösen Gemeinschaft sein. Aber nach diesem Anruf betritt er den Weg, der ihn zum Jünger machen wird. Und auf diesem Weg allein erreicht das Leben des Glaubens seine menschliche Reife.“2 

Ein existenzieller Aufbruch

„Wenn der junge Mensch seine Berufung erkennt", schrieb Marcel Légaut weiter, ,,wenn er sieht, wie aus den stillen Zubereitungen der Vergangenheit sein Lebenssinn sich abzeichnet, wenn er voll Freude etwas entdeckt, was er - wie ihm erst später aufgehen wird - in Selbstverleugnung und zähester Ausdauer wird verwirklichen müssen; wenn er sich der Gnade öffnet, auf den Anruf hört und sich rückhaltlos dem Glauben hingibt, durchlebt er den Wendepunkt seiner Existenz. Alles Weitere wird davon nur noch die direkte oder indirekte, nahe oder ferne Konsequenz sein, die sich gemäß den Umständen und den geistigen Wachstumsstufen mannigfach ausprägt.“3

Ich selbst wuchs im christlichen Glauben auf und ging, wie üblich, sonntags mit dem Vater in die Kirche. Die Wende kam, als Prämonstratenser in meine Pfarrkirche kamen und das alte, 1803 aufgelöste, Kloster neu besiedelten: Mich interessierte, wie sie lebten und arbeiteten, nahm mit ihnen Kontakt auf und begann mit sechzehn Jahren, mich in der Pfarrei zu engagieren: Als Ministrant, Mesner und Orgelspieler, als Verantwortlicher für die Ministranten und, indem ich sonntags beim Chorgebet mitsang. 
Viele Menschen - mein Religionslehrer, Professoren im Studium, ein Theologiestudent aus meiner Verbindung in Freiburg, Mitbrüder, Freunde und Bekannte -, haben mir auf meinem Lebensweg durch Gespräch und Zusammenarbeit eine neu- ere, bessere Sicht in den Glauben eröffnet, sodass mein Glaube wachsen konnte, gemäß dem Wort Jesu: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn. […] Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät (Mk 4, 31). Es wuchs und wurde zu einem Baum und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen (Lk 13, 19).“ 

Aber persönlicher Glaube ist auch Anfechtung, Enttäuschung und Unverständnis ausgesetzt, sodass die Gefahr droht, mutlos zu werden und nicht mehr weiter zu arbeiten. Auch Jesus machte diese Erfahrung - bis zur Gottverlassenheit am Kreuz. Marcel Légaut schrieb: „Einzig und allein der Tod Jesu und mit ihm jene Abwesenheit, die zugleich Gegenwart ist und die seit 2000 Jahren diejenigen in Atem hält, die ihn mit ihrem Herzen suchen, konnten das Saatkorn zum Keimen bringen. Liegt hierin nicht die eigentliche Bedeutung der Abendmahlsszene, in der Jesus, den Blick in die Zukunft nach seinem Tod gerichtet, jene neue Gegenwärtigkeit anzukündigen scheint, die durch die Geschichte hindurch das weiterführen sollte, was sein irdisches Wirken in einem zwar mächtigen, aber noch kaum sichtbaren Ansatz entwerfen konnte? Diese spirituelle Vollendung muss immer wieder neu entdeckt und neu begriffen werden.“4 Auf jedes Ende folgt ein neuer Anfang, folgt Ostern und Auferstehung. „Denn der Glaube erwacht nicht mit einem Schlag zu seiner wahren Vollendung […] Aber es ist die Aufgabe […], dass er in der Nachfolge Christi vieles erleiden muss, wenn er verdienen will, ihm nahezukommen; dass er leiden muss wie er, um ihn zu verstehen und ihn anders zu lieben als mit der Liebe eines religiösen Moralismus. Nur durch das im Geiste Jesu Christi getragene Leiden wird der Glaube geläutert, gestärkt, vergeistigt und findet zu seiner eigenen Ursprünglichkeit.“5

Wer bin ich? Wo stehe ich? Was ist mein Ziel, wofür ich lebe?

„Das Gebet ist von dem Glaubenden selber nicht mehr zu trennen, es ist zum Ausdruck seines Wesens geworden, zur Notwendigkeit, es ist ihm unentbehrlich: Ohne das Gebet würden Glaube und Liebe in ihm zerfallen und zugrunde gehen, sie würden unmöglich oder unwirklich werden. […] Das Gebet, das zum Ausdruck des Seins geworden ist, ist nicht die einzige Frucht des Lebens aus dem Glauben, die unter dem glühenden Licht klarer Bewußtheit reift.“6

Gebet und Meditation – Nachdenken über den eigenen Glauben und die Frage „Wer bin ich? Wo stehe ich? Was ist mein Ziel, wofür ich lebe?” – löst aus Erstarrungen und hilft, in der eigenen Entwicklung voranzuschreiten und zu neuen Anfängen (Auferstehung) zu gelangen. „Gib deiner Seele die Stille, die sie braucht, um sich hörbar zu machen”, heißt es in Heinz Körners Erzählung „Johannes”, „denn die Stimme deiner Seele ist leise und ihre Kraft kann nur in der Stille erblühen. Erst dann wird deine Seele dich mit Leben erfüllen und du wirst so sein, wie du wirklich bist“7 - Das Gebet verweist mich aber auch auf Jesus, wie er auf die Menschen zugeht, offen für ihre Ängste und Nöte zu sein. 

In der Bergpredigt (Mt 5-7) gibt Jesus denen, die ihm nachfolgen wollen, ein neues Gebot. Die Bergpredigt erinnert an das Mosaische Gesetz am Berg Sinai, setzt neue Maßstäbe, führt über den „Buchstaben“ der Zehn Gebote hinaus und füllt sie mit neuem Inhalt. „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen (Mt 5, 17).“ Letztlich gipfelt dieses neue Gesetz in dem einen Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Mt 19, 19).“ Nur in Ausübung der Gottes- und Nächstenliebe vollzieht sich mein Glaube und gibt meinem Leben Hände und Füße. Es macht mich zum glaubwürdigen Zeugen für Jesus Christus. In der Abschiedsrede beim letzten Abendmahl sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15, 9).

„Viele Menschen wollen nicht verantwortlich sein für ihr Tun […],” schrieb Heinz Körner. „Wenn du aber aufgestanden bist zu deiner vollen Größe, so richte deinen Blick vorwärts und gehe deinen Weg mit festem Schritt. Welchen Weg du auch wählen magst, es ist dein Weg. Du bist für jeden Schritt verantwortlich, den du tust, darum gehe deinen Weg gut.“8

Stephan Wolfgang Weber O.Praem. (Bsg)
 

Anmerkungen:

[1] M. Légaut, Glaube, der mich trägt, S. 25f
[2] Légaut, a.a.O., S. 27 
[3] Légaut, a.a.O., S. 27
[4] Légaut, a.a.O., S 142 
[5] Légaut, a.a.O., S. 28f
[6] Légaut, a.a.O., S. 38f 
[7] Heinz Körner, Johannes – Erzählung, Fellbach 1978, S. 96 
[8] Körner, a.a.O., 101f
 

Mag. Stephan Wolfgang Weber

geboren 1943 in Bad König, wuchs in Duisburg auf, studierte in Freiburg und trat dort der K.St.V. Brisgovia bei. Seit 1966 gehört er dem Prämonstratenserorden an, lebt als Chorherr im Stift Schlägl in Oberösterreich und ist derzeit Kustos der Kunstsammlungen des Stiftes.