Bonner Arminen auf Ruhrgebietstour

Das Ruhrgebiet ist alles andere als ein blinder Fleck auf den Karten des KV

Auf den ersten Blick macht das Ruhrgebiet nicht unbedingt den Eindruck einer Region, die von KVern geprägt wurde, bekannte KVer hervorgebracht hat, oder in deren Hochschulen der KV sehr präsent wäre. Beim zweiten Blick kommen KVer wie Kb Sturm Kegel (Gth) in Erinnerung, der sich als Direktor des Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk gegen Luftverschmutzung und für den vielbeschworenen blauen Himmel über der Ruhr einsetzte, lange bevor es eine Umweltbewegung gab. Oder der Regisseur, Intendant und Kulturpolitiker August Everding (Arm, Ott), der in Bottrop geboren wurde und dort aufwuchs: Im Januar hat sich sein Todestag zum 25. Male gejährt. Auch hat das KV-Sekretariat in Marl, am Nordrand des Ruhrgebiets, seinen Sitz. Und was KV-Korporationen angeht, ist an der Ruhr-Universität Bochum der K.St.V. Rheno-Merovingia präsent: In der schwierigen Zeit der Corona-Pandemie übernahm er 2021/22 zusammen mit Alania-Breslau Aachen den Vorort im KV. Leicht ist das akademische Feld in der Region an Ruhr, Emscher und Lippe für Korporationen indes nicht zu beackern. Das zeigt sich schon daran, dass Universitäten wie Duisburg-Essen oder Dortmund eher als Pendlerunis bekannt sind. Dennoch: Das Ruhrgebiet ist alles andere als ein blinder Fleck auf den Karten des KV.

Von Industriekultur, über Traditionen bis zur Landschaft im Ruhrgebiet

Am 27. Januar probierten wir als Arminia, uns ein Bild vom Ruhrgebiet zu machen und die Aktivitäten des KV dort kennenzulernen. Gelegenheit bot ein Besuch bei unserem Bundesbruder Hans-Werner Stapelmann, der in Bottrop zu Hause ist. Urkorporiert bei Boiotro Passau ist er aufgrund räumlicher Nähe wie Verwandtschaft neuerdings Alter Herr der Bonner Arminen. Rasch zeigte sich: Bottrop, wo auf der Zeche Prosper Haniel vor sechs Jahren die Steinkohleförderung in Deutschland beendet wurde, hat mehr zu bieten als Fabrikschlote und Fördertürme.
Ehe es an Kulturelles und Wissenswertes ging, stärkten wir uns mit einem für das Ruhrgebiet typischen Frühstück: mit Mettbrötchen mit Zwiebeln und Pfeffer. Dann stand die Besichtigung des Historischen Erlebnis-Zentrums im Rathaus der Stadt Bottrop auf dem Programm. Einmal mehr zeigte sich dort, wofür kartellbrüderliche Verbundenheit nicht alles gut sein kann. Bottrops Rathaus, eigentlich samstags geschlossen, wurde extra für uns von Kb Michael Lücke von der Moenania-Starkenburg Darmstadt geöffnet. Und Michael sorgte nicht nur für offene Türen, sondern gab uns auch gleich eine Führung durchs Zentrum.
Bereits seit einigen Jahren informiert das Zentrum über Kultur, Brauchtum und Tradition in Bottrop und im Ruhrgebiet. Wer einer Studentenverbindung angehört, fühlt sich von einer solchen Ausstellung und den Vereinen, die dort ausstellen, rasch angezogen. Von der Knappen-Garde über Karnevals- und Schützenvereine, bis zum Taubenzüchterverein wurde hier mithilfe von Exponaten, Filmen und Fotos ein lebendiges Bild des Vereinslebens im Ruhrgebiet gezeichnet. Auch Bundesbrüder, die aus dem Ruhrgebiet stammen, erfuhren Neues. Nicht jedem war etwa bekannt, wie tief verwurzelt die Zucht von Brieftauben im Ruhrgebiet ist: Galt doch die Brieftaube wegen der Wettflüge lange als „Rennpferd des kleinen Mannes”. Besser sah das Wissen über Schützenvereine aus, zumal mancher Kartellbruder auch Schütze ist - auch Kb Michael Lücke, unser Guide durch das Historische Erlebnis-Zentrum: Er konnte immer wieder Verbindungen zwischen Schützen- und Studentenvereinen ziehen - und erntete viel Zustimmung der anwesenden Mitglieder des Bottroper Ortszirkels „Kiekenberg”, die ebenfalls allesamt Schützen sind. Mancher Kartellbruder war sogar durch den Ortszirkel mit den Schützen in Kontakt gekommen, oder hatte durch seine Schützenbrüder den KV und den Ortszirkel kennengelernt.
Doch nicht nur Kultur stand auf dem Programm der Reise, sondern auch körperlicher Einsatz. Ehe es dazu kam, stärkten wir uns mit einem Imbiss an einer der legendären „Buden”, die im ganzen Ruhrgebiet Kultstatus genießen: „Gehste inne Stadt, wat macht Dich da satt? Ne Currywurst”, sang schon Ruhrgebiets-Urgestein Herbert Grönemeyer - und gerade als Bonner wusste man nach dem Verzehr dieser Köstlichkeit, warum das Ruhrgebiet für die Currywurst so bekannt ist. Dann ging es hoch zur Halde an der Beckstraße. Auf dieser gut 65 Meter hohen Erhebung befindet sich das nochmals fünfzig Meter hohe Tetraeder, eine Aussichtsplattform, die einen Blick weit über Bottrops Stadtgrenzen ermöglicht. 
Selten bietet sich die Möglichkeit von soviel Industriekultur auf einen Blick. Historiker in unseren Reihen wiesen darauf hin, wie faszinierend dieser Ausblick vor fünfzig Jahren gewesen sein muss: mit unzähligen aktiven Schornsteinen und Zechen. Ein weiterer erhebender Moment: Das Anstimmen der Farbenstrophen der anwesenden Bünde auf dem Tetraeder. Denn es dürfte erst- wie einmalig gewesen sein, dass die Farbenstrophen von 
Aachen über Bonn bis zur Farbenstrophe der Boiotro Passau so hoch über Bottrop erklangen. Und es war nicht nur ein schönes Gefühl, eine Farbenstrophe zu hören, die man vorher noch nicht kannte, sondern auch, dass eine Farbenstrophe gesungen wurde, von der man gar nicht wusste, dass es sie gibt. Denn nach den Kartellvereinen stimmte zu guter Letzt auch Bottrops Ortszirkel „Kiekenberg” seine Strophe an. 
Nach diesem für einige vielleicht zu sportlichen Programmpunkt kümmerte man sich wieder ums leibliche Wohl: mit einem Besuch der Brauerei „Bottroper Bier”. Die Gründungsgeschichte dieser Brauerei klingt für manchen nicht ganz fremd: Eine Gruppe Freunde trifft sich regelmäßig und irgendwann steht die Frage im Raum, ob man nicht einmal sein eigenes Bier brauen soll. Das Interessante: Wirklich brauen kann aus der ganzen Runde nur einer, der Rest hat verschiedene, „ganz normale” Berufe. 

Goldener Gerstensaft „made in Bottrop”

Bis hierhin könnte mancher Kartellbruder Ähnliches erzählen: über ein besonders motiviertes Gespräch an der Theke oder einen vielleicht zu ausgelassenen Ausklang nach einem Kommers oder einer Kneipe. Doch wenn auch die meisten Gespräche dieser Art in bloßen Absichtserklärungen enden, folgten bei der Brauerei „Bottroper Bier“ konkrete Schritte. Zuerst verlief alles in kleinerem Rahmen: Anfangs war es schwierig, ohne persönliche Kontakte an ein paar Flaschen zu gelangen, berichtete der Kiekenberger Jochen Köß. Für ihn sei es immer wieder etwas Besonderes, über seinen Sohn mit aktiven Studenten in Darmstadt in Kontakt zu kommen und mit ihnen Kneipen und Kommerse zu feiern. Gerade der Ortszirkel sei mit seinen Stammtischen aber auch eine einmalige Gelegenheit, KV und Verbindungsleben aus den verschiedensten Vereinsperspektiven über eine Spanne von über fünfzig Jahren zu erleben.
Nach den ersten in Bottrop gebrauten Bieren im Ausschankraum ging es hinter den Ausschanktresen. Zwischen vielen mit frisch gebrautem Bier gefüllten Tanks erfuhren wir nicht nur manches über den Prozess des Bierbrauens, sondern auch, welche Probleme und Erfahrungen mit der Gründung einer kleinen Brauerei einhergehen. Dass diese Brauerei mittlerweile gar nicht mehr so klein ist und die Zeit hinter sich hat, in der man nur über persönliche Kontakte eine Bestellung abgeben konnte, wurde rasch klar.
Diese Erfahrungen nahmen wir mit zur nächsten Station unserer Tour. Zwar versuchten wir nicht, ein eigenes Arminen-Bier zu brauen, doch beschäftigten wir uns weiter mit dem Endprodukt des Brauens. Bei AH Hans-Werner Stapelmann wartete bereits ein Fass Bottroper Bier auf uns, so dass wir einmal mehr die berühmte Gastfreundschaft des Ruhrgebiets erleben konnten. Nach einigen interessanten Gesprächen trat am Ende des Tages der Großteil der Aktivitas die Heimreise an. 
Einige Bundesbrüder, die besonders ruhrgebietsverbunden, ließen sich aber nicht die Chance nehmen und warteten bis Sonntag mit der Rückreise, um noch die Kneipenkultur im Ruhrgebiet zu erleben.

Der KV in Bottrop – Aktivität auch außerhalb von Aktivitates

Besonders bemerkenswert an dieser Tour war die Verknüpfung mit dem Bottroper Ortszirkel „Kiekenberg”: Einige Mitglieder des Bottroper Ortszirkels begleiteten die Tour den ganzen Tag lang, andere hatten die Tour mitgeplant. So frischte diese Tour ins alte industrielle Herz Deutschlands nicht nur unser Wissen und unsere Erfahrungen über das Ruhrgebiet und den Bergbau auf, wir erhielten auch Einblick ins Leben des Bottroper Ortszirkels. Gegründet 1907 veranstaltet der Ortszirkel „Kiekenberg” jeden ersten Dienstag im Monat seinen Stammtisch, bei dem auch Aktive herzlich willkommen sind, wie ich aus eigener Erfahrung zu berichten weiß. Besonders beeindruckend: Als der Ortszirkel vor vierzehn Jahren sein hundertjähriges Bestehen beging, feierten insgesamt 140 Gäste und über 25 Chargierte mit.

Resumee 

Definitiv bietet das Ruhrgebiet mehr zu bieten als Kohle und Industrie. Für ruhrgebietsstämmige Bundesbrüder mit Hang zum Lokalpatriotismus ist das nicht überraschend, aber all jene, die das Ruhrgebiet noch nicht kannten, werden dies künftig anhand dessen bestätigen, was sie bei Arminias Entdeckungsreise nach Bottrop erlebt haben. Besonders erfreulich war aber zu erfahren, wie sich das „KV-Leben“ abseits der großen Universitätsstädte und Kartellvereine abspielen und wie aktiv es dabei zugehen kann.

Jonas Stapelmann (Arm, Arn)