Ende oder neuer Aufbruch?
Katholische Verbände - ein Modell der Vergangenheit?
Paukenschlag bei der katholischen Frauengemeinschaft (kfd) im Januar: Rund 45.000 Frauen traten 2023 aus dem Verband aus. Ein Jahr zuvor zählte der größte katholische Frauenverband bundesweit noch dreihunderttausend Mitglieder, inzwischen sind es nur noch etwas über zweihundertfünfzigtausend. Die kfd selbst führt das auf eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge von 25 Euro auf vierzig Euro zurück.
Anlass für andere Verbände, ähnliche Vorhaben vielleicht nochmals zu überdenken? Und liegt die Ursache für diesen Massenaustritt tatsächlich allein in dem Umstand, dass plötzlich die Mitgliedsbeiträge erhöht wurden? Oder hat man es hier mit einem Nebeneffekt der Kirchenkrise und der steigenden Austrittszahlen zu tun? Vor allem: Wird hier ein Trend deutlich, von dem nicht nur die katholische Frauengemeinschaft, sondern viele katholische Verbände betroffen sind - auch der KV?
„Ich glaube, da sind viele Faktoren im Spiel”, sagte der Journalist Heinrich Wullhorst kürzlich in einem Interview mit dem Kölner Domradio. „Mich persönlich hat der dramatische Mitgliederverlust bei der kfd erschreckt.” Wenn ein Mitgliedsbeitrag vierzehn Jahre lang nicht erhöht worden sei - dann sei eine Steigerung von 25 auf vierzig Euro schon relativ viel. „Auf der anderen Seite sind das weniger als vier Euro im Monat, deswegen verlässt man eigentlich keinen Verband.”
Allerdings müsse bei der Frage nach den Ursachen die ganze Gemengelage berücksichtigt werden: Vereine, Gewerkschaften und Parteien ringen ja ebenfalls um Mitglieder. Es sei ein Fehler, alles auf die Kirchenkrise zu schieben, die Bindung an Großorganisationen sei insgesamt ein Problem, meinte Wullhorst „und die Menschen fragen: „Was bringen die mir denn?” Man müsse sich fragen, wie verbandsaffin die Deutschen heute noch seien, Verbände müssten zeigen, „worin der Mehrwert einer Mitgliedschaft liegt.”
Denn nicht nur die kfd, auch andere katholische Verbände verzeichnen Mitgliederschwund: Folgt man Angaben des Internet-Portals katholisch.de, hat die Katholische Arbeitnehmerbewegung aktuell sechzigtausend Mitglieder - gegenüber 122 000 vor zehn Jahren. Zweihunderttausend Mitglieder hat das Kolpingwerk heute - 48.000 Mitglieder weniger als vor zehn Jahren. 3.153 Mitglieder zählt aktuell der Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV). Vor zehn Jahren waren es noch doppelt so viele: 6139. Andere Verbände konnten Mitgliederrückgänge, etwa infolge der Coronapandemie, leichter auffangen.
Auch unser KV hat mit einem Mitgliederrückgang zu kämpfen. Die Zahl der Neuaufnahmen kann die Zahl der Todesfälle und Austritte nicht kompensieren. Erstaunlich stabil halten sich die Pfadfinder. Sie verzeichnen sogar Mitgliederzuwächse. Soweit die Angaben von katholisch.de
Heinrich Wullhorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Büro der Landtagsabgeordneten Martina Gießübel und ist Pressesprecher des CV. Zuvor arbeitete er als Pressesprecher für den Bund katholischer Unternehmer (BKU), davor für das Kolpingwerk. Er beschäftigt sich also schon „von Berufs wegen” mit katholischen Verbänden. Ein Ergebnis ist sein 2017 erschienenes Buch „Leuchtturm oder Kerzen- stummel. Die katholischen Verbände in Deutschland”, das die Lage und die Perspektive der katholischen Verbände in den Blick nimmt.
Nicht rückläufige Mitgliederzahlen waren Anlass, dieses Buch zu schreiben, sondern eine Bemerkung von Bischof Overbeck über katholische Verbände während einer Veranstaltung der katholischen Akademie des Bistums Essen „Die Wolfsburg”. „Diese Sozialformen haben keine große Attraktivität mehr“, meinte der Ruhrbischof
damals in Bezug auf die katholischen Verbände. Unklar ist, was den Bischof zu diesem Urteil veranlasst hatte. Heinrich Wullhorst empfand dies als regelrechten Hieb in die Magengrube und fragte sich, ob die Menschen, die sich in katholischen Verbänden engagieren „so eine Art Dinosaurier sind, die nur noch nicht gemerkt haben, dass sie schon ausgestorben sind. Sind wir Ötzis, die, wenn sie das Eis über sich freikratzen, eine Lebenswelt vorfinden, in der sie sich nicht mehr zurechtfinden?” Heinrich Wullhorst recherchierte, sprach mit Verbandsvertretern, Hochschullehrern, Politikern und mit dem damaligen Bischof von Osnabrück Franz-Josef Bode, der ganz anderer Ansicht ist als Overbeck.
Das Fazit, das Wullhorst am Ende seines Buches gezogen hat, ist auch aktuell gültig: In Zeiten von Umstrukturierungen innerhalb der katholischen Kirche schlägt die Stunde der Verbände. Der Wandel biete „eine ganz große Chance, die sie überall nutzen müssen, wo die Kirche es aus ihrer Personalsituation heraus gar nicht mehr kann”, so Wullhorst in einem Interview mit dem „Neuen Ruhr-Wort". Wenn Pfarreien sich zu immer größer werdenden Einheiten, zu Pfarrverbänden und Großpfarreien weiteten, stelle sich die Frage, wo Gemeinde noch als „vertraute Einheit” vor Ort stattfinden könne. „Und genau da sind die Verbände gefragt als Gemeinde”, sagte Wullhorst. Aus seiner Sicht können die Verbände Leuchttürme sein, „wenn sie denn leuchten wollen.” Die Verbände müssten dem demografischen Wandel gerecht werden und neue Angebote schaffen”, empfiehlt er. „Die Verbände sind gefragt, attraktiv für junge Menschen, gerade für junge Familien zu werden.” Und: „Wenn es ihnen gelingt, Menschen Heimat und Nähe zu geben, dann werden diese Organisationen überleben.” Ein weiterer wichtiger Punkt sei, in der politischen Debatte präsent zu bleiben.
Gerade die Option für Benachteiligte und Menschen am Rand der Gesellschaft werde für neues Leben in katholischen Verbänden sorgen. Denn Gerechtigkeit, Subsidiarität und Solidarität, diese Gründungs-impulse, die Adolf Kolping oder Bischof Ketteler umtrieben, bleiben aktuell. Bloß lauten die Herausforderungen heute Globalisierung, Flüchtlingsfrage und Digitalisierung, demografischer Wandel, ökologische Verantwortung, Bildung, und auch organisatorische Anpassung der katholischen Kirche angesichts sinkender Zahlen von Mitgliedern und Priestern. Wenn sich die Verbände diesen Herausforderungen stellen, haben sie auch eine Zukunft, hat Heinrich Wullhorst in seinem Buch geschrieben. Deshalb dürfen sie sich nicht abschotten, sollten sich öffentlich stärker einmischen und vor Ort innovationsfähig und -willig sein.
„Früher wusste man, dass sich in der Kneipe die KAB trifft und konnte, wenn man neugierig war, einfach dazukommen. Das gibt es heute so nicht mehr”, sagte Wullhorst bei einer Vorstellung seines Buches gegenüber dem Bund katholischer Unternehmer. Und dann können Verbände auch Kirchenferne erreichen. In seinem Buch zeigt Wullhorst dies anhand eines Gesprächs mit der Abgeordneten Serap Güler, die als Muslimin der CDU angehört und im Vorstand des Kolping-Bildungswerk im Diözesanverband Köln mitarbeitet. „Die Themen Gerechtigkeit, Solidarität und Nächstenliebe sind prägend für alle monotheistischen Religionen. Wenn ich mir das christliche Menschenbild anschaue, kann ich mich darin auch als Muslimin zu hundert Prozent wiederfinden”, sagte sie. Denn Menschen wollen sich engagieren. Die spontane Hilfsbereitschaft beim Zustrom der Flüchtlinge habe das gezeigt.
Und Verbände sind dazu da, Menschen für ihr Engagement einen Rahmen zu geben. Aber dieser Rahmen kann sich wandeln und alte Sichtweisen verändern. Für Heinrich Wullhorst war die Recherche zu seinem Buch auch eine Reise zu sich selbst. Letztlich geht es bei der Frage nach der Zukunft der Verbände darum, der Forderung Jesu gerecht zu werden, Salz der Erde zu sein. Dieses Wort meint nicht Modernität um jeden Preis oder eine alternative Lebensform zu bestehenden Verhältnissen. Salz der Erde sein heißt, aus dem Glauben die Gesellschaft in Gerechtigkeit und Solidarität gestalten. Und dann können Verbände eher Leuchtturm als Kerzenstummel sein - dann nämlich, wenn sie tatsächlich auch leuchten wollen - auch der KV.
R.N.
