Das christliche Kreuz als Gestaltungselement und Sinnzeichen findet sich in verschiedener Form immer wieder bei studentischen Korporationen. Im Geiste mittelalterlichen Scholarentums und monastischen Gemeinschaftssinns legten schon die freimaurerischen studentischen Orden der Harmonisten, Amicisten, Unitisten und Constantisten sogenannte Ordenskreuze an, die sie an meist einfarbigen Ordensbändern bei ihren Versammlungen um den Hals trugen. Hier liegen – neben den landsmannschaftlichen Farben – mit die Ursprünge der bis heute üblichen Korporationsfarben1.

Die Erinnerung an den wehrhaften Aufstand deutscher Freicorpsstudenten im Jahr 1813 gegen Napoleon hält das von dem schwarz-silbernen Ordenskreuz der Deutschordensritter abgeleitete und von Friedrich Schinkel im Auftrag des Preußischen Königs entworfene Eiserne Kreuz wach. Dieses hat ausgehend vom Großen Burschenschaftswappen (nach 1818) Aufnahme nicht nur in die Wappen der meisten Einzelburschenschaften gefunden: Selbst in einer Reihe von Wappen katholischer Verbindungen ist es enthalten. Das von vier zusätzlichen Kreuzen bewinkelte Ordenskreuz des Kreuzritterreichs Jerusalem wiederum wurde als Appell zu ritterlicher Tapferkeit und Tugend für die christlich-protestantischen Verbindungen des Wingolfbundes aufgenommen. Das Jerusalemkreuz ist in allen Einzelwappen des Wingolf enthalten, was zurückgeht auf eine Wappenreform des Verbands im Jahr 1912 mit Einführung einer typischen Grundform: Immer im heraldisch rechten Oberfeld befindet sich das Kreuz, links in der Regel der Reichsadler, rechts unten das Wahrzeichen der Universitätsstadt, links daneben ein Kranz mit dem Gründungsdatum2.

Das Kreuz als ausgesprochenes Glaubenssymbol wurde als schlichtes Zeichen bereits an der Vorderseite der Barette von der frühburschenschaftlich „christlich-teutschen“ Bewegung der Gießener Schwarzen unter Führung der Brüder Follen zur sogenannten altdeutschen Tracht getragen. Bis heute beginnt der Wahlspruch eines Teils der Burschenschaften mit dem Vierklang aus: „Gott, Ehre, Freiheit, Vaterland!“ Als sich die Burschenschaften politisch radikalisierten, waren es Neugründungen wie die Uttenruthia in Erlangen und die Germania in Göttingen als Gründungsverbindungen des Schwarzburgbunds, die im Kreuzeszeichen Sittlichkeit und Christentum zu ihrem Hauptprinzip erhoben. Das christliche Kreuz kehrt nicht nur bei evangelischen und katholischen Theologenverbindungen wieder, auch die im Kaiserreich wurzelnde, zunächst interkorporative vereinsstudentische Bewegung hatte zahlreiche Anhänger unter evangelischen Theologen, weshalb es in vielen VDSt-Wappen bis heute aufscheint.

Kreuze auf christlichen und katholischen Verbindungshäusern, nicht nur im Kneipsaal an prominenter Stelle, sondern auch in den Räumen ihrer Wohnheime sind sichtbarer Bestandteil dieses Bekenntnisses, das nicht nur frommes Lippenbekenntnis von Stiftungsfestreden sein darf, sondern stets uns still an unseren apostolischen Auftrag in unserer Gesellschaft als christliche Akademiker gemahnt.

Dr. Bernhard Grün


Anmerkungen:
[1] Vgl. Commentiert (60) Farbenlehre.
[2] Verwiesen sei auf das vom Verband Alter Wingolfiten (VAW) herausgegebene und von Otto Böcher verfasste „Kleine Lexikon des studentischen Brauchtums“, Hannover 2009.