Ortszirkel, das regionale Angebot des KV

Sie sind eine wichtige Säule des KV, werden aber viel zu wenig beachtet: die Ortszirkel. Seit hundertvierzig Jahren gibt es sie bereits. Früher hießen sie Philister- oder Altherren- zirkel und es gab sie schon, bevor sich nach den Aktivitates die Alten Herren organisierten. Sie sind die regionalen Säulen des KV und dazu da, jedem jungen Aktiven, der neu den Weg in eine KV-Korporation findet, den KV vor Ort erlebbar zu machen, sowie jedem jungen Alten Herren, der neu in eine Stadt oder Region kommt, Freundschaft, Kartellbrüderlichkeit und Heimat zu bieten. Die Tradition ist reich und vielfältig, mehr als zweihundert Ortszirkel vermerkt das KV-Handbuch. Doch viele davon existieren nur noch dem Namen nach.

Denn viele Ortszirkel erfahren seit langem: Nach ihrer Exmatrikulation, Philistrierung und ihrem Eintritt ins Berufsleben finden viele Kartellbrüder den Weg zu ihnen nicht. Wenn dann auch noch bei einem jungen Alten Herrn die Verbindung zur/zu den eigenen Korporation/en loser wird, gibt es kaum noch Kontakte zu Verband und Kartellbrüdern. Andere Dinge, Beruf und Familie werden wichtiger - und irgendwann stellt sich die Frage, was die Mitgliedschaft in der Korporation und damit im KV noch soll.

Hier können die Ortszirkel helfen: Sie machen es den jungen Alten Herren möglich, neue Freundschaften zu knüpfen. Sie verhindern eine Entfremdung zum KV und lassen Kartellbrüderlichkeit neu aufleben. Selbstverständlich ist auch den Ortszirkeln  klar, dass der Jungphilister mit dem Eintritt in den Beruf stark gefordert ist. Oft verläuft diese Phase parallel zur Gründung einer eigenen Familie. Jedem ist klar, dass in dieser Phase Familie und Beruf Priorität besitzen. Andererseits ist die Ausschließlichkeit von Beruf und Familie durchaus kurzsichtig. Müsste nicht jeder KVer daran interessiert sein, seinen Gesichtskreis zu weiten und Anschluss in einen neuen Freundeskreis zu finden? 

Der Anschluss an einen Ortszirkel muss nicht prioritäre Verpflichtungen wie Familie und Beruf verdrängen, doch im Ablauf eines Jahres lässt sich immer eine Lücke finden, die es einem jungen Alten Herrn gestattet, Kontakte zu knüpfen, die im Laufe der Jahre immer enger und intensiver werden.

Denn Lebensqualität hat auch mit Freundschaft zu tun - und dieser Aspekt wird im Laufe eines Lebens immer wichtiger. Warum sich nicht zeitig darauf einstellen?

Den Ortszirkeln ist klar, dass der Eintritt bei ihnen nicht selbstverständlich ist: Während die Philistrierung automatisch die Mitgliedschaft im jeweiligen Altherrenverein und damit die allgemeine Zugehörigkeit zum KV bedeutet, beruht der Eintritt in den Ortszirkel auf einem zusätzlichen Willensakt des Kartellbruders. Und Ortszirkel nehmen auch keineswegs für sich in Anspruch, den Kartellbrüdern „Lebensqualität pur” anzubieten. Aber sie halten für die Kartellbrüder eine hilfreiche Infrastruktur bereit. 

Die Ortszirkel vernetzen die Kartellbrüder regional. Deshalb darf keine Entwicklung einsetzen, bei der erst die Ortszirkel sterben, dann die Kartellvereine und schließlich der Verband: Das darf nicht sein. Wer ein Herz für den KV hat, sollte helfen, die „Säule Ortszirkel” zu stützen.              

R.N.

"Wo sind sie, die vom breiten Stein..."

Ortszirkel im KV

Vorliegender Beitrag ist 1996 für das 125-jährige Jubiläum der K.St.V Alamannia entstanden. Für das 150-jährige Bestehen der Alamannen hat der Autor den Text sprachlich überarbeitet und aktualisiert, aber nicht mehr die 1996 genutzten Quellen überprüft. Absicht war es damals und ist es auch heute, den KV insgesamt in den Blick zu nehmen. Dabei darf man dem Autor zugestehen, dass seine Alamannia und sein Wohnort Ravensburg im Mittelpunkt stehen, wiewohl der Raum Oberschwaben für viele Kartellbrüder eher in der Peripherie liegt.

Der Zirkel, den Aktiven als verschlungener Anfangsbuchstabe der Korporationen bekannt, bezeichnet nicht nur das Zeicheninstrument, sondern auch eine gesellschaftliche Runde - in der Regel wohl etwas mehr als einen bierseligen Stammtisch, aber auch nicht immer die erhabene Tafelrunde des Königs Artus.

In der letzten Bedeutung des Wortes haben sich die Korporationen den Zirkel zu eigen gemacht: Als Ortszirkel versteht der Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine (KV) Zusammenschlüsse aller Kartellangehörigen am Ort, seien sie Alte Herren oder Aktive. Neben den Aktivitates und den Altherrenvereinen werden sie als „dritte Säule” des Verbandes bezeichnet1, sichern sie doch die Präsenz des Kartellverbands in der Fläche und sorgen für eine breite Interessenvertretung in der Gesellschaft außerhalb der Hochschulstandorte.
Möglicherweise haben Ortszirkel zwei Gesichter: Einerseits gibt es den offiziellen Ortszirkel mit den Veranstaltungen, andererseits den informellen Kern eines Ortszirkels, der aus ein paar Persönlichkeiten besteht, die den offiziellen Zirkel tragen. Nachfolgend der Versuch, Befunde und Erkenntnisse in Worte zu fassen.

Die Weisheit der Statistiken

Wie viele Zirkel gab und gibt es?
Die Gesamtzahl der Zirkel ist schwer zu erfassen, da schon immer ein Anteil von Ortszirkeln vakant gewesen ist oder nur von wenigen Mitgliedern besucht wird. So verwies schon Kb Johannes Henry 1957 darauf, dass von den 189 registrierten Ortszirkeln viele nur auf dem Papier existierten2
Eine weitere Beobachtung: Um 1990 begrüßte der KV-Rat es, dass sich der Abwärtstrend der Jahre zuvor nun bei einer Zahl von rund 190 Zirkeln stabilisiert habe. Allerdings hat sich seither ein faktischer Rückgang der Zirkel vollzogen: So registriert das KV-Jahrbuch von 1994 zwar 197 Zirkel, aber nur 179 gemeldete. Das KV-Jahrbuch 2010 nennt 208 Zirkel, im Jahrbuch 2015 waren es zwar 207, davon allerdings 62 ohne Kontaktadresse.

Wo gibt es Ortszirkel?
Nach einer Erhebung zur räumlichen Verteilung der Zirkel im Bundesgebiet konzentrierten sich in den 1990er Jahren zwei Drittel der Zirkel in drei Bundesländern, nämlich 42 Prozent in Nordrhein-Westfalen, fünfzehn Prozent in Bayern und zehn Prozent in Baden-Württemberg. In den 1990er Jahren war ein Rückgang besonders im Süden zu verzeichnen - nicht zuletzt in den kleineren Städten. 
Eine nähere Betrachtung macht auch deutlich, dass Ortszirkel kein flächendeckendes Netz ergeben, sondern eine Gemengelage darstellen: Teils gibt es Gebiete mit hoher Konzentration von Ortszirkeln, teils periphere Regionen. Dies hängt mit der Entstehung der Ortszirkel zusammen. Die Zirkel entsprangen nicht einer systematischen zentralgesteuerten Planung, sondern der Initiative einzelner, daher sind die Grenzen zwischen den einzelnen Ortszirkeln auch fließend, insbesondere in den Gegenden mit einer besonderen Dichte, etwa in Teilen Nordrhein-Westfalens oder - früher - in Oberschwaben. 

Was weiß man über die Größe der Zirkel?
Da wird es schwierig, denn rein statistisch gehören alle ansässigen Kartellbrüder in einem Ort oder der näheren Umgebung dem Zirkel an. Doch wo zieht man die Grenze? Nicht jeder KVer auf der Liste nimmt am Zirkelleben teil, nicht alle ansässigen Kartellbrüder engagieren sich auch im und für den Zirkel. Und einige Nichtmitglieder, namentlich die Ehefrauen, die sehr aktiv sind, tauchen in keiner Statistik auf. 
Zahlenangaben zur Größe der Zirkel in früherer Zeit sind auch deshalb schwierig, weil Publikationen meist nur von Teilnehmerzahlen berichten. Immerhin gibt es punktuell einige Angaben. So zählte der OZ Tübingen in den Jahren zwischen den Weltkriegen bis Kriegsende zwar nur ein halbes Dutzend, dafür aber sehr aktive Mitglieder3.
Was die Universitätsstädte angeht, sei ergänzt, dass sich bis heute viele Jungphilister weiterhin der Aktivitas und nicht den Philistern zugehörig fühlen. Die größten KV-Zirkel fanden sich seit jeher im heutigen Nordrhein-Westfalen: So zählte der OZ Bochum nach seiner Wiederbegründung im Jahr 1949 hundertzwanzig Mitglieder und sah bei Festen sogar mehr als zweihundertfünfzig Teilnehmer, der Krefelder Zirkel scharte 1977 sogar 167 Mitglieder um sich4.
Die Größe einer Stadt und deren Einzugsgebiet sagt natürlich nicht allzu viel über die Mitgliederzahl aus, auch nicht über die Attraktivität des Zirkels. Mit Blick auf Geschichte und Selbstverständnis finden sich die großen Zirkel traditionell in katholischen Gebieten, teils sind Zirkel auch Sammlungspunkte für Katholiken in der so genannten Diaspora. 
Was den Südwesten angeht, ergeben sich Angaben im Protokoll über ein Treffen der Vorsitzenden der dreizehn württembergischen Zirkel auf dem Alamannenhaus 1993. Dabei gab es eine Spannweite von acht bis zweihundert aktiven Teilnehmern bei den Zirkelveranstaltungen5.
Noch einige Angaben zu einzelnen Zirkeln: Der OZ Wangen6 zählte 1995 noch 21 Mitglieder, davon war etwa die Hälfte im Zirkelleben aktiv; 2015 allerdings bestand der OZ Wangen nicht mehr, wie die fehlende Kontaktadresse deutlich macht. Der OZ Bodensee verfügte um 1990 noch beinahe über siebzig Mitglieder7.
Im OZ Ravensburg schrumpfte die Zahl in zwanzig Jahren bis 1995 von 65 auf etwa fünfzig. 2022 waren es auf dem Papier rund dreißig. Dagegen beklagte der OZ Stuttgart in den 1990er Jahren, dass er von ungefähr 280 in der Stadt wohnhaften KVern nur 180 zu seinen Mitgliedern zählen könne. Dieser Befund dürfte inzwischen auf weit mehr Ortszirkel zutreffen. Unabhängig von der Zahl haben verschiedene Ortszirkel schon Mitte der 1990er Jahre von einer „Vergreisung” gesprochen8.

Die Zirkel sind in den  Satzungen Spätzünder

Auffällig ist zunächst, dass die Ortszirkel erst 1913 in der KV-Verfassung Erwähnung finden, obgleich ihre Geschichte sehr viel älter ist und der Verband schon seit 1867 über eigene Statuten verfügt.
Die nächste Erkenntnis betrifft das Verständnis der Zirkel selbst, denn in der KV-Verfassung von 19139 ist nicht von Orts- sondern von Philisterzirkeln die Rede. Entsprechend findet man 2013 die Zirkel auch im Abschnitt über die Philistervereinigungen. Zudem beschränkt sich die Verfassung auf eine Definition, aus der in §76 
hervorgeht, die Philisterzirkel seien „Vereinigungen der ortsansässigen Philister desselben Ortes”. Nähere Angaben über das Selbstverständnis der Zirkel können allenfalls der Mustersatzung für die Philisterzirkel entnommen werden. Dort wird als Vereinszweck die „Pflege der Verbandsgrundsätze im privaten und öffentlichen Leben sowie der Geselligkeit” angegeben10.
Die Fassung der Kartellordnung von 1951 bringt lediglich die Präzisierung, dass die Zugehörigkeit nicht nur den Ort selbst, sondern auch die nähere Umgebung umfasse11.

In der KV-Satzung von 197112 finden sich grundlegende Neuerungen:
1. Die Zirkel verstehen sich nicht mehr als exklusive Vereinigungen der Alten Herren. §29 Absatz 1 nennt als Mitglieder „die am Ort oder in einem Ortsbezirk wohnenden Kartellangehörigen (Aktive und Alte Herren)”. Am augenfälligsten zeigt sich dieses neue Verständnis an dem bis heute geläufigen Ausdruck „Ortszirkel”. Damals gingen die seitherigen Philisterzirkel sowie die zuvor von den Aktiven stärker besuchten Ferienzirkel in den Ortszirkeln auf13

1971: Aus Philisterzirkeln werden Ortszirkel

Das neue Verständnis zeigt sich auch im Aufbau der Satzung: Die Zirkel gehören nicht mehr zu den Philistervereinigungen, sondern bilden mit den Ortskartellen und den Zirkelverbänden den Abschnitt „Zusammenschlüsse”. Konsequenterweise ist deshalb nicht mehr der Altherrenbund für die Belange der Zirkel zuständig, sondern der KV-Rat14.
2. 1971 wird der Vereinszweck der Zirkel genau definiert: Es gehe um die „Pflege der kartellbrüderlichen Verbundenheit”, die vereint wird mit der anschließenden Aufforderung, die Zirkel sollten „gesellschaftspolitische, kirchenpolitische und bildungspolitische Aktivität entwickeln und für die Weiterbildung ihrer Mitglieder in diesen Bereichen Sorge tragen”. 
3. Die Zugehörigkeit zum Zirkel und die Pflichten innerhalb des Zirkels regelt dieser selbst (§29 (2) KVS 1971, aktuell §30 (2). Dies bedeutet gewissermaßen eine Kompetenzverlagerung vom bis dahin zuständigen Altherrenbund (§95 Kartellordnung von 1951). Dies kann man als eine Stärkung des Subsidiaritätsprinzips im KV verstehen.

Einige Worte zu den Zirkelverbänden

Die KV-Verfassung von 1913 äußert sich sehr zurückhaltend über Zirkelverbände. Nach §77 treten die Zirkel nach Lage der örtlichen Verhältnisse zu Zirkelverbänden zusammen. Dies lässt darauf schließen, dass zum damaligen Zeitpunkt Zirkelverbände bestanden haben, es aber keine Bestrebungen gab, diese besonders hervorzuheben. So kann man in der damaligen Mustersatzung lesen: „Ein Zirkelverband ist eine Vereinigung mehrerer Zirkel zu gemeinsamen Tagungen und derer, die keinem Zirkel angehören.”15
Dagegen hat die Kartellordnung von 1951 sehr konkrete Vorstellungen und blickt optimistisch in die Zukunft: „Die örtlichen allgemeinen KV-Altherrenzirkel haben sich in einem Gebiet, das eine gewisse geographische, geschichtliche oder verwaltungsmäßige Einheit bildet, zu AH-Zirkelverbänden zu vereinigen.”16
Die 1950er Jahren waren ja auch die Blütezeit des KV: In diesem Sinne regte Kb Johannes Henry an, dass die damals 189 Zirkel sich in bundesweit zwölf Zirkelverbänden organisieren sollten, um die Zusammenarbeit regional zu verstetigen17 .
Die KVS von 1971 ist wieder wesentlich zurückhaltender, denn die Satzung stellt lediglich die Möglichkeit in Aussicht, solche Verbände zu gründen. Die geringe Bedeutung der Ortszirkelverbände machen auch die Zahlen deutlich: 1981 zählte man acht Verbände18. 2015 waren es auf dem Papier fünf.

Die Zirkel in der Verfassung: Eine Zusammenfassung

Der Blick in die Satzungen zeigt: Erst spät hat der KV die Zirkel in seiner Verfassung wahrgenommen und noch später auf einen Vereinszweck hin definiert. Seit 1971 sind Aktive neben den Philistern formal gleichberechtigte Mitglieder. Es ist aber wahrscheinlich, dass die Aktiven sich auch im letzten halben Jahrhundert in erster Linie ihrer Korporation verbunden gefühlt haben. Vielleicht hat die gleichzeitig mögliche Mitgliedschaft in einem Zirkel nach dem Studium den Übergang erleichtert.

Christoph Stehle (Al)


Anmerkungen:

[1] KV-Handbuch 1984. Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine gegr. 1853. Herausgegeben von Bernhard Egen u.a., Beckum 1984, S. 55).
[2] Johannes Henry, Stellungnahme zur Situation im KV, siehe Schwarzes Brett. Beilage zu den Akademischen Monatsblättern (Juni 1957) S. 134-138, hier S. 138. Der Rechtsanwalt und Zentrumspolitiker (1876-1958) war von 1919 bis 1932 zudem KV-Geschäftsführer.
[3] Eugen Reiner, Der Tübinger Ortszirkel, Tübingen 1996.
[4] Erich Hufnagel, 60 Jahre KV-Altherrenzirkel in Bochum. KV-Mitteilungen Dezember 1949, S.4/5. AM (Januar 1977) S.19.
[5] Kuno Walter, Ortszirkel auf dem Alamannenhaus. AM (Mai 1993) S. 2/3.
[6] Kurt Pilgram. OZ Wangen. Wangen 1995.
[7] Englmar Wenk, KV-Zirkel Bodensee. Friedrichshafen 1995.
[8] Adalbert Schorp/Klaus Häring jun: Der Ortszirkel Ravensburg. Ravensburg 1996.
[9] Die Verfassung des Verbandes der katholischen Studentenvereine Deutschlands, Berlin, zweite überarbeitete Auflage 1919.
[10] Anhang zur Verfassung des KV von 1913. Abschnitt II: Mustersatzungen für die Philistervereinigungen §119. Die §§120-128 regeln die Institutionen der Zirkel. Die genannten Verbandsgrundsätze finden sich in §1 der Verbandssatzung: „Religion, Wissenschaft, Freundschaft”.
[11] §94 der Verfassung des KV in der Fassung von 1951 (Beckum 1951).
[12] Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine (KV): Satzung Geschäftsordnung, Gerichtsordnung. Als verbandsinternes Manuskript gedruckt. (Beckum 1984).
[13] Kb Kamper in: AM (Januar 1971).
[14] Hans-Heinrich Eller: Die Ortszirkel- „Säulen des KV” Geschichte und Bedeutung der örtlichen Zusammenschlüsse. AM (Februar 1985), S. 13/14, siehe hierzu auch §29 (4) KVS.
[15] §129 im Anhang der KV-Verfassung von 1913,
[16] §96 KV Satzung von 1951.
[17] Henry, S. 138.
[18] Eller S. 14, außerdem die KV-Jahrbücher 1991 und 1994.

 

Wie bleibt man als Alter Herr KVer?

Legendäre Anfänge - Wie es zur Gründung von Ortszirkeln kam

Letztlich wurzeln die Zirkel im Lebensbundprinzip: Es geht um Möglichkeiten, dass sich Alte Herren treffen können. Was heute so klar vor uns steht, hat sich aber erst nach und nach geklärt.

Der Gedanke eines Philisteriums findet sich erstmals in den studentischen Orden des achtzehnten Jahrhunderts, insbesondere in den Satzungen der Jenaer Amisziten von 1791: Dem Lebensprinzip dieser Korporation zufolge sei die Zugehörigkeit zu einer Korporation nicht auf die Studienzeit begrenzt, sondern solle eine lebenslängliche Bindung bedeuten. Die aus den damaligen Orden entstandenen „Provinziallogen“ waren allerdings nur von kurzer Dauer1.
Der KV selbst befasste sich nach seiner Konstituierung 1866 erstmals auf der Generalversammlung (GV) in Münster 1867 mit dem Thema. Bei diesem Konvent wurde - wenn auch vergeblich - die Gründung eines Männerbundes angeregt, dem sich alle Kartellbrüder nach dem Studium zur Pflege der Amicitia anzuschließen hätten. Auf der Ebene der Korporationen gab es parallel dazu schon früh den Wunsch nach einem Rahmen für das Lebensbundprinzip für die Zeit nach dem Studium. Hier waren die Bayern Vorreiter. Der erste Philisterverein war derjenige der Ottonia von 1876/77.
Zurück zur Kartellebene: 1880 klärte der KV dann, was und wer ein Philister sei: Ein Kartellbruder, der ins öffentliche Leben eintritt. Entsprechend den feierlichen Riten der damaligen Zeit beschloss etwa die K.St.V. Alamannia zu Tübingen 1892, jedem zu diesem Zeitpunkt ein Philisterdiplom auszustellen. Dies erfolgte sogar kostenlos, wenn die betreffenden Außenstände beglichen waren2.

Zeitweilig eine Glaubensfrage: Kartell- oder Korporationsprinzip?

Auf Kartellebene ging es zu Ende des 19. Jahrhunderts um die Grundsatzfrage, ob die überall verstreut lebenden Philister ausschließlich ihrem Verein verbunden bleiben sollten, oder ob es vor Ort Angebote über den eigenen Verein hinaus geben sollte3.
Damals ging es also um ein „entweder - oder”. Über mehrere Jahre entzündeten sich viele und lange Debatten an der Frage, ob der Kartell- oder der Korporationsgedanke Vorrang haben solle. Auf der Generalversammlung 1872 in Göttingen wurde ein Antrag eingebracht, dessen Grundgedanke später in den Zirkelverbänden wieder auftauchte: Das damalige Reichsgebiet solle durch den Verband in Kreise um einen zentralen Ort oder eine Universitätsstadt eingeteilt werden. Jeder Philister sollte dem Kreis, in dem er wohnhaft war, auch angehören. Dieses Projekt, das eine zentrale Steuerung durch den Verband voraussetzte und das Kartellprinzip favorisierte, fand keine Mehrheit. Stattdessen bevorzugte die Generalversammlung 1872, die sich wie alle Generalversammlungen zu dieser Zeit ausschließlich aus Aktiven zusammensetzte, den Korporationsgedanken4
Damals existierte noch kein Altherreverband. Zur Klärung der die Philister betreffenden Fragen tagte 1873 - auf privater Ebene - ein Philisterkongress in Bonn, und dort einigte man sich auf eine Stärkung des Lebensbundprinzips gemäß des Kartellgedankens. In einer Resolution wurde beschlossen, dass jährliche Zusammenkünfte der Verbandsphilister stattfinden  sollten. Dazu wurde empfohlen örtliche Philisterzirkel zu bilden und deren Versammlungsort in den Korrespondenzblättern zu publizieren. Wie es heute gute parlamentarische Tradition ist, wurde zur weiteren Klärung solcher Fragen ein Ausschuss gegründet, der jedoch in der Geschichte nicht mehr auftaucht.     

Der Philisterkongress in Bonn von 1873 hingegen blieb keine Ausnahme, denn ab 1881 fanden solche regionalen Zusammenkünfte regelmäßig statt, wenn möglich im Anschluss an das Stiftungsfest eines benachbarten Kartellvereins oder im Rahmen eines Ferienkommerses des Verbands. Die Beschlüsse des Philisterkongresses von 1873 wurden später vom Verband offiziell auf den Generalversammlungen 1877 und 1879 begrüßt. Gleichwohl betrachtete der Verband die Organisationen des Philisteriums weiterhin als private Vereinigungen und nicht als offizielle Teile des Verbandes.

KVer haben letztlich zwei Mitgliedschaften

Damit ist der breit angelegte Rahmen für die weitere Entwicklung gesetzt: Der Kartellverband ermöglicht die Verwirklichung beider Formen des Lebensbundprinzips, nämlich die Gründung von Zirkeln wie auch von Altherrenvereinen, ohne die Entwicklung insgesamt rechtlich einzuengen. Da die Gründung der Zirkel damals zwar durch die Philister erfolgte, die Zirkel aber nicht in den Statuten des KV erwähnt wurden, ist davon auszugehen, dass viel im Fluss war, probiert, verworfen oder beibehalten wurde. 

Zirkel und Verband

Parallel zur Herausbildung der ersten Zirkel stellte sich auf Verbandsebene alsbald die Frage, wie die Zirkel enger an die KV-Organisation gebunden werden könnten. In der 1888 aufgestellten Satzung des Münsteraner Zirkels wird in §1 ausdrücklich als Vereinsprinzip angegeben, die Philister einander anzunähern, um das Interesse für den Verband zu stärken”. Doch wie umsetzen? Nach gut zwei Jahrzehnten Grundsatzdiskussion in entsprechenden Gremien setzte sich 1905 die Auffassung durch, dass auf Verbandsebene eine Philisterorganisation zu schaffen sei, die beide Auffassungen berücksichtige, also das Kartell- wie auch das Korporationsprinzip. 

Auf den Grundsatzbeschluss folgte ein Jahrzehnt weiterer Beratungen: In dem von Kb Rechtsanwalt Dr. ten Hompel der Vertreterversammlung 1909 vorgelegten Entwurf, der nach zwei Lesungen 1911 und 1912 und nach einer Bearbeitung durch einen Verfassungsausschuss 1913 auf der Vertreterversammlung als Verbandsverfassung verabschiedet worden war5, wurde festgeschrieben, dass jeder in dem betreffenden Gebiet ansässige Philister zum Beitritt in den entsprechenden Zirkel verpflichtet sei. 
Die Idee der lokalen Ortszirkel setzte sich auch deshalb durch, weil es in immer mehr Städten und Regionen immer mehr Alte Herren gab, die darüber hinaus in unterschiedlichen Verbindungen aktiv gewesen waren. Das Protokoll der Generalversammlung von 1877 erwähnt zwei Zirkel, die 1875 auf privater Ebene in Köln und Trier entstanden waren. 1886 folgte der Zirkel „Alter Zoll” zu Bonn, außerhalb der Rheinlande entstand 1892 der Ortszirkel „Vest” in Recklinghausen6, 1894 der Zirkel im lothringischen Metz. Anlässlich des Katholikentags 1899 in Bochum wurde dort ein Ortszirkel gegründet7, im selben Jahr auch ein Ortszirkel in Düren, 1900 einer in Hagen8.
Die ersten Zirkel entstanden also in katholisch geprägten Regionen, z.B. im Rheinland und in Westfalen. Nicht selten waren die Gründer Persönlichkeiten, die auch sonst in den Städten relevant waren. Dies half sicher, möglichst alle Philister vor Ort zur Teilnahme zu gewinnen und öffentliche Beachtung zu schaffen. So gründete etwa der Bürgermeister der Stadt Menden im Sauerland auch den dortigen Ortszirkel9. Neben dem offiziellen Zirkelleben und den Veranstaltungen der Zirkel vor Ort gab und gibt es in der Regel immer auch einen informellen Kern aus ein paar Persönlichkeiten, der den offiziellen Zirkel trägt. Um diese Gruppe in diesem Artikel zu benennen, sei von „Kernzirkeln” die Rede. Die Bedeutung der OZ bereits in dieser frühen Phase des KV unterstreicht die Tatsache, dass sich seitdem in nahezu jeder Ausgabe der AM Berichte über Aktivitäten von Ortszirkeln finden. Zum Teil gingen von Philister- und Ferienzirkeln Initiativen zur Gründung von Kartellvereinen an Universitäten der Region aus, z.B. der Nassovia in Gießen (AM VIII. Jahrgang, Nr. 6, 25.April 1896, S. 184).
Darüber hinaus entwickelten sich auch Zirkelverbände. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es zwei Erscheinungsformen von Zirkelverbänden: Von überragender Bedeutung waren sie in Regionen der Diaspora10, insbesondere in östlichen Regionen des Reichsgebiets, die großteils protestantisch geprägt waren und in denen es keine lokalen Zirkel gab. 

Zirkelverbände in zwei Erscheinungsformen

Die Zirkelverbände ermöglichten über Ferienkommerse an zentralen Orten, dass sich die weit zerstreut lebenden Kartellbrüder ab und zu, aber auch regelmäßig versammeln konnten. Die häufigere, bis in die Gegenwart praktizierte Erscheinungsform ist aber der formelle oder auch lose Verbund mehrerer Zirkel in den Kerngebieten des KV, um Großveranstaltungen möglich zu machen. 1952 entstand auch ein Zirkelverband „Oberschwaben”, bei dem Landgerichtspräsident AH Hermann Bendel die Festrede hielt. Der Zeitpunkt der formellen Auflösung dieses Verbandes bleibt zumindest bisher ein Geheimnis.

Hat der KV dank der Zirkel überlebt? Diktatur und Nachkriegszeit

Die fundamentale Rolle der Kernzirkel für die Existenz des KV vor Ort wird besonders deutlich, wenn ein Verbands- und Korporationsleben nicht mehr möglich ist. Daher einige Schlaglichter auf den Nationalsozialismus und die Jahre im und nach dem Krieg. Immerhin führte die Hitler-Diktatur ja zum Ende eines eigenständigen Korporationslebens. Dass der KV diese Zeit überleben konnte, verdankte er nicht zuletzt den Zirkeln vor Ort und im Grunde den oft informellen Kernzirkeln.
So berichtete der Alamanne Dr. Eugen Reiner, wie die bundesbrüderliche Verbundenheit des Ortszirkels in den Jahren der Diktatur die Existenz des Zirkels und sogar der Alamannia auf privater Ebene gesichert hat. Interessant ist auch, wie sich während der Kriegsjahre einige junge Mitglieder in den Ortszirkel einreihten - es gab ja keine aktive Verbindung - und so eine Zukunftsperspektive aufzeigten11.
Ähnlich war es in Ravensburg: Dort traf sich der engere Zirkel unter Federführung von Rechtsanwalt Hermann Bendel (Al) privat weiter im bewährten Lokal, der Brauereigaststätte „Bechter”, deren Inhaber seiner Stammkundschaft ein Zimmer zur Verfügung stellte. Dies zeigt noch eine sympathische Seite der KVer: Man ist nicht elitär von der kommunalen Gemeinschaft abgesondert, sondern ein Teil von ihr. Wahrscheinlich kannte man den Wirt über das gemeinsame Engagement in einem anderen Verein. Ein vergleichbares Beispiel für die private Weiterführung des Zirkellebens in der Kriegszeit führt Kb Rudolf Czermak für den Zirkel in Heilbronn an. 

Nach Kriegsende lebten als erste die Ortszirkel auf

Nach dem Krieg begann das Zirkelleben in vielen Städten lange vor der offiziellen Wiederbegründung des Verbandes. In Tübingen traf man sich bereits im Frühsommer 1945 wieder im „Kaiser”, bald erhielt der Zirkel mit dem Beginn des politischen Engagements von Kb Gebhard Müller (Al), später Ministerpräsident Baden-Württembergs und Präsident des Bundesverfassungsgerichts, öffentliche Bedeutung. Eindrucksvoll ist auch die frühe Wiederbelebung des Zirkellebens und die frühe Lizensierung durch die Besatzungsmächte im zerstörten Berlin, was ohne einen vitalen Kernzirkel nicht möglich gewesen wäre. Im Fall von Bamberg fanden ab 1946 wieder regelmäßige Treffen statt, sodass 1948 die formelle Neugründung erfolgen konnte12.
Auf den Initiativen in den Zirkeln aufbauend, konnte auch die Wiederbelebung des Verbandes gelingen: Bereits im September 1947 trafen sich die Ortszirkel und die bestehenden Altherrenvereine in Bochum, zu Pfingsten 1949 fand der erste Altherrentag in Würzburg statt13.
Zum Alltag der Zirkel hat neben der Pflege von Freundschaft und Geselligkeit immer ein Programm gehört, wie es auch bis heute in §20 (1) KVS vorgegeben ist. Dieses Programm bezog in der Regel die Familien mit ein und trug zur öffentlichen Wahrnehmung bei. Viele Beispiele aus den Programmen der einzelnen Ortszirkel bis heute mit internen und externen Referenten, mit Ausflügen und Bildungsreisen, mit Diskussionen zu aktuellen Fragen, zur eigenen Stadt oder zur Weltlage, sowie das Feiern des Jahreskreises, lassen sich hier anführen.
Große Ortszirkel, auch große Aktivitates, der große Optimismus im KV, dafür standen die Boom-Jahre ab 1950. Das war die Zeit, als mit Kb Konrad Adenauer ein KVer Bundeskanzler war. Auch der KV stand für die damaligen Reformen samt der Westorientierung, und zwar in Abkehr von einem obrigkeitlich geprägten Staatsverständnis, mit dem man bis heute Burschenschaften und Korps verbindet. Der KV stand für eine neue Zeit14.
Anders als heute gehörte es in dieser Zeit zum guten Ton, katholisch zu sein, auch daher war der KV neben dem CV und dem UV attraktiv. Nicht umsonst gab es damals die meisten Aktiven, von denen nach 1968 vielleicht aber nicht alle geblieben sind. Diese Stimmung spiegelt sich auch in den Zirkelveranstaltungen der 1950er Jahre wider. So ist damals oft von der Verantwortung des katholischen Akademikers für die neue Sozialordnung die Rede15.

Zukunft der Ortszirkel: Das Gefühl einer Krise ist ein halbes Jahrhundert alt

Seit den 1970er Jahren finden sich in den Veröffentlichungen des KV Klagen über einen Niedergang. Als Grund wurde meist der Wertewandel angeführt, der mit dem Jahr 1968 und dem materiellen Fortschritt verbunden wird. „Mit wachsendem Wohlstand schwanden die Tugenden”, hieß es dort etwa, oder: „Viele Vorstände verfielen unter dem Eindruck des Protestes gegen Altes, gegen Bürgervereinigungen im Halbschlaf”, oder „Die Jungphilister verkannten den Zweck”.16

Schritte auf KV-Ebene

Wie ging der KV allgemein und in Bezug auf die Ortszirkel mit diesen Fragen um? Zwei Aussagen fallen immer wieder auf: So erschien es schon in den 1970er Jahren notwendig, dass die Zirkel wieder verstärkt an die Öffentlichkeit treten, um ihre Existenz deutlich zu machen17.
Gleichzeitig wurde immer wieder die Sorge formuliert, man möge es vermeiden, allzu „eingefahrenen Gleisen” zu folgen.18
Vielleicht ist die Neudefinition der Ortszirkel 1971 schon in der Hoffnung erfolgt, neue Impulse durch Einbeziehung der Aktiven zu gewinnen. Das Ergebnis war aber eher ernüchternd, so die Aussage des „Arbeitskreises Ortszirkel Aktive” auf der VV in Regensburg 1985. Aus der Lektüre der Akademischen Monatsblätter erschließt sich hingegen eine interessante Trendwende: Anders als zuvor finden sich seit Ende der 1970er Jahre wieder viele Berichte über die Aktivitäten und die Jubiläen einzelner Zirkel. Hoffnungen verbanden sich auch mit einem außerordentlichen Altherrentag in Würzburg um 1992, der als die größte Versammlung dieser Art seit Jahrzehnten gerühmt wurde19.
Ein Arbeitspapier von Kb Dr. Wolfgang Löhr aus den 1990er Jahren, das die Situation der Zirkel untersuchte und die Stärkung des Zirkellebens thematisierte, machte die begrenzten Möglichkeiten des Verbandes deutlich. Die Initiative müsse von Seiten der Zirkel selbst erfolgen, wie es auch ihrer eigenen Geschichte entspreche, hieß es dort. 
Ganz allgemein entsteht der Eindruck, dass man sich in erster Linie als Angehöriger der Korporation versteht und allenfalls in zweiter Linie als Mitglied eines Ortszirkels. In Oberschwaben etwa sieht es mit KVern statistisch nicht schlecht aus: Es gibt Kartellbrüder im Alter vor der Pensionsgrenze. Und persönlich mag man sich auch. Doch beim Ortszirkel sieht man sich selten. Vielleicht fehlt eine gemeinsame Aufgabe. Möglicherweise ist das ein Vorteil der Service-Clubs: Dort organisiert man eine Spendenaktion und inszeniert sich dann öffentlich als gute Initiative. Das schweißt zusammen, auch wenn man sonst wenig Gemeinsamkeiten hat. Was es für die Ortszirkel ebenfalls nicht leicht macht, ist der Markenkern des KV, das Prinzip Religio. Die öffentliche Zurückhaltung der Zirkel hängt wohl auch damit zusammen, dass der Katholizismus der Gegenwart nicht mehr wie früher die alles entscheidende Klammer darstellt, auch ist die Kirche derzeit ohnehin nicht unbedingt „in”. Und wenn man sich an Kontaktversuche bei den Pfarreien zwecks „Keilen” erinnert, dann entstand nicht der Eindruck, dass die Gemeinden den Kontakt zu katholischen Verbindungen unbedingt suchen. („Ach, Sie sind im KV?”)
Brauchen wir heute einen KV? Eigentlich mehr denn je. Wenn wir weiter in einer Gesellschaft leben wollen, in der nicht nur die Kinder der etablierten Eliten Führungspositionen übernehmen, dann brauchen wir wertegebundene Verbindungen wie den KV, die auch einem „homo novus” helfen, Prinzipien und Praxis unter einen Hut zu bekommen und beim „Comment”   des gesellschaftlichen Umgangs souverän zu sein. Auch zeigen die Krisen der Gegenwart, dass auf der Ebene des Staates oder eines Vereines Verantwortliche nötig sind, die sich von Wertvorstellungen leiten lassen. 
Die Ortszirkel konnten entstehen, weil der damals junge KV Ende des 19. Jahrhunderts Initiativen vor Ort Freiheiten ließ. Vielleicht sind wir heute wieder in einer Phase, in der man pragmatisch ausprobieren muss, wie man die Verbundenheit zum KV und im KV pflegen kann. Ganz allgemein gesagt: Die Zukunft der Ortszirkel entscheidet sich daran, dass die Zirkel überzeugt sind, dass der Verband eine Zukunft hat. Dabei dürfen sie nicht in der Reproduktion oder Nachahmung der Vergangenheit erstarren. Alles ist nämlich im Fluss und verändert sich. Jedenfalls ist es notwendig, in einer dem steten Wandel unterworfenen Welt ein paar Sammelpunkte zu wahren und einige Gewissheiten zu gewinnen.

Christoph Stehle (Al)


Anmerkungen:

[1] Siegfried Hermsteiner, Aus der Geschichte des deutschen Korporationsstudentums, in: KV-Handbuch. Herausgegeben im Auftrag des KV von Paul Benkart, Beckum 1957, S. 44-57, hier S. 45.
[2] Josef Forder: Katholische Sudentenverbindung Alamannia Tübingen 1962, S. 61.
[3] Hans-Heinrich Eller: Die Ortszirkel - „Säulen des KV”. Geschichte und Bedeutung der örtlichen Zusammenschlüsse. AM (Februar 1985), S 13/14, siehe hierzu auch §29 (4) KVS.
[4] Josef Forderer, Katholische Studentenverbindung Alamannia Tübingen 1962, S. 6). Allerdings wurde vorerst nichts abschließend entschieden, man überließ die weitere Entwicklung ganz pragmatisch der Initiative der Philister.
[5] Vorort zur Verfassung des KV (Berlin 1919)
[6] AM IV. Jahrgang, Nr. 8, 25. JUni 1892, S. 158.
[7] Erich Hufnagel, 60 Jahre KV-Altherrenzirkel in Bochum. KV-Mitteilungen Dezember 1949, S.4/5). 
[8] AM Nr. 1 1904 (25.10.1904), S. 16/17.
[9] Bernhard Pfändtner, Tradition und Fortschritt. 75 Jahre KV-Philisterzirkel „Domreiter” Bamberg, in AM, Februar 1985, S. 15/16, zu Menden: AM, September 1975.
[10] §77 in der Verfassung von 1913. Dort ist den Verbänden die flächendeckende Betreuung aller außerhalb der Zirkel existierender KVer zugewiesen.
[11] Eugen Reiner, Der Tübinger Ortszirkel, Tübingen 1996, S.5.
[12] Bernhard Pfändtner (Bamberg), S. 15.
[13] Wilhelm Popp, Gedanken über den Altherrentag, in KV-Mitteilungen. Monatsblätter für die alten und jungen Angehörigen des KV. 1. Jahrgang 1949/50), S. 4.
[14] Th. Maier, Der Weg des KV seit 1949, AM (Juli 1955) Nr. 55, S. 273-277.
[15] Erich Hufnagel, 60 Jahre KV-Altherrenzirkel in Bochum, Kb Peters, Die „Kluse” feiert Geburtstag. Der Essener Altherrenzirkel 70 Jahre alt, in: KV-Mitteilungen Nr. 5 (Februar 1950), S. 3/4.
[16] Zitate aus: Hans Siebeneick: Auszüge aus dem hundertjährigen Tagebuch des Kreiszirkels Düren. in AM 1/ 1986.
[17] Siebeneick S. 6.
[18] Josef Witte, in: AM (Oktober 1977), S. 214
[19] AM Februar 1993.

KV-Ortszirkel

Paragraph 30 (10) der KV-Satzung: „Die an einem Ort oder in einem Ortsbezirk (Zusammenfassung mehrerer Orte) wohnenden Kartellangehörigen (Aktive und Alte Herren) bilden zur Pflege der kartellbrüderlichen Verbundenheit einen Ortszirkel; sie sollen gesellschaftspolitische, kirchenpolitische und bildungspolitische Aktivität entwickeln und für die Weiterbildung ihrer Mitglieder Sorge tragen.” 

Luis Huber (Rh-N), Prof. Dr. Max Wallerath (Nbg): „Jeder KVer kann sicher sein, dass er bei einem Ortszirkel willkommen sein wird und an einer Fortentwicklung der Ortszirkel mitwirken kann.” in: AM 129 -7 (2017), Seite 206

Sylvester Held (Al, Smn, Erm, Stfg, Urb, Rh-N): „Die Ortszirkel des KV sind lebendige Zeugen des als Ausprägung des Prinzips Freundschaft gepflegten Lebensbunds.” in: AM 124-7 (2013), Seite 206.