Joachim Camerarius der Ältere (* 12. April 1500 in Bamberg; † 17. April 1574 in Leipzig) gilt als bedeutendster deutscher Philologe nach Erasmus von Rotterdam und als einer der einflussreichsten Gelehrten des deutschen Protestantismus des 16. Jahrhunderts. Seit Anfang 2017 erforschte das Projekt „Opera Camerarii“ an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sein Werk; seit 2021 wird die Arbeit durch das Projekt „Camerarius digital“ fortgeführt. Auf welche Fülle an Schriften und wissenschaftlicher Vielfalt man dabei stieß, bestätigt der Verfasser des folgenden Berichts, Kb Vinzenz Gottlieb. Er gehört zum Forschungsteam, das die gedruckten Werke Joachim Camerarius d. Ä. sichtet und in einer semantischen Datenbank erschließt. Das interdisziplinär arbeitende Team besteht aus Wissenschaftlern der Klassischen Philologie, der Germanistik und der Frühneuzeitforschung, der Medizingeschichte und der Digital Humanities. Ziel ihrer Arbeit ist nicht nur, die Werke Joachim Camerarius d. Ä. erstmals vollständig zu verzeichnen und zu erfassen, sondern auch, Konstellationen und Denkräume zu eruieren, die dieses Gesamtwerk möglich machten.

Zum 450. Todestag des Humanisten Joachim Camerarius d. Ä.

Am 17. April hat sich zum 450. Mal der Todestag eines Mannes gejährt, der seinerzeit zu den bedeutendsten Gelehrten Europas gerechnet, gar als „zweiter Humanist nach Erasmus“ bezeichnet wurde. Heute kennen den Namen Joachim Camerarius nur noch ausgewiesene Reformationshistoriker. Als Sohn der Bamberger Patrizierfamilie Kammermeister im Jahre 1500 geboren, bewahrte er zeitlebens ein enges Verhältnis zu seiner fränkischen Heimat. Sein Wirkenskreis war aber bedeutend größer: Das Studium an den philosophischen Fakultäten in Leipzig und Erfurt qualifizierte ihn für erste Lehraufträge in Wittenberg, wo er die Reformation im Hause Philipp Melanchthons kennenlernte, dem er zeitlebens ein treuer Freund und Fachkollege blieb. Davon zeugen mehr als sechshundert Briefe, die von der Heidelberger Forschungsstelle Melanchthonbriefwechsel erschlossen wurden. Die beiden Humanisten spielten eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Neuordnung des deutschen Bildungswesens.

Camerarius war von 1526 bis 1535 Schulleiter der von Melanchthon gegründeten Oberen Schule zu Nürnberg, in deren Tradition heute das Melanchthongymnasium steht. Anlässlich der Schulgründung entstand auch das Bild „Die vier Apostel“ seines Freundes Albrecht Dürer, auf dem Forscher u.a. Melanchthon (ganz links, als Apostel Johannes) und Camerarius (ganz rechts, als Apostel Paulus) erkennen wollten, auch wenn diese Deutung heute allgemein bezweifelt wird. Dürers deutschsprachige Proportionenlehre erhielt erst durch die lateinische Übersetzung des Camerarius europaweite Aufmerksamkeit. Latein war damals die Sprache der Wissenschaft und ihre Beherrschung entscheidend für internationalen und akademischen Ruhm – ähnlich wie das Englische unserer Tage.

Von 1535 bis 1541 war Camerarius, mit Unterstützung von Melanchthon und Johannes Brenz, entscheidend an der Reform der Universität Tübingen beteiligt, nachdem Herzog Ulrich in Württemberg die Reformation eingeführt hatte. Im Jahr 1541 berief der sächsische Herzog Moritz Camerarius nach Leipzig. Durch sein diplomatisches Geschick und seine profunden Kenntnisse des Bildungswesens spielte der Gelehrte bis zu seinem Tod 1574 eine ganz wichtige Rolle an der dortigen Universität, die er durch Reformmaßnahmen modernisierte und auf eine solide finanzielle Basis stellte. Obwohl er lieber wissenschaftlichen Betätigungen nachging und Gremienarbeit hasste, folgte er doch stets den Notwendigkeiten. So war er mehrmals Dekan, dreimal Rektor und wirkte bei der Errichtung der sächsisch-albertinischen Landeskirche mit. Obwohl er kein Theologe war, wurde er von seinen Landesherren mehrfach in religiösen Belangen konsultiert. Den Höhepunkt dabei bildete die Beratung Kaiser Maximilians II. im Jahr 1568 bei der Erstellung einer evangelischen Kirchenordnung für Österreich.

Nähe zu Philipp Melanchthon

Theologisch bekannte Camerarius sich zur evangelischen Konfession, und stand auch in dieser Hinsicht Melanchthon so nahe, dass man ihn in den innerprotestantischen Streitigkeiten am ehesten als Philippisten bezeichnen kann. Nach Humanistenart betonte er aber stets die Gemeinsamkeiten mehr als die Unterschiede. Den großen Erasmus von Rotterdam lernte er im Jahr 1524 persönlich in Basel kennen. Ihr Verhältnis bekam jedoch Risse, als Camerarius zwischen Erasmus und Martin Luther vermitteln wollte: Im Streit um den Freien Willen hatte er Luther durch dessen Frau Katharina überzeugt, eine Replik auf die Erasmus Schrift „De libero arbitrio“ zu verfassen. Diese Antwort „De servo arbitrio“ fiel aber nicht so versöhnlich aus wie von Camerarius erhofft und vertiefte so den Graben zwischen Lutheranern und Humanisten des altgläubigen Bekenntnisses. Dennoch ließ er sich durch Konfessionsunterschiede nicht davon abhalten, auch mit Katholiken wie dem Würzburger Domherrn Daniel Stiebar, dem Eichstätter Bischof Moritz von Hutten und dem kaiserlichen Kriegskommissar Lazarus von Schwendi zu korrespondieren. Ebenso zählten Calvinisten wie Theodor Beza zu seinen Briefpartnern.

Seine Toleranz hatte allerdings Grenzen: In der Ablehnung des Papsttums als Institution war er genauso ein Schüler Luthers wie gegenüber den Türken, die er als Gefahr für die Christenheit betrachtete. Auch auf die Polemiken von evangelischen Kontroverstheologen wie Matthias Flacius Illyricus antwortete er mit ungewöhnlicher Schärfe. Ansonsten aber suchte er stets den Konsens und hasste verbittertes Bohren in theologischen Spitzfindigkeiten. 
Gegenüber dem „Theologengezänk“ im protestantischen Lager nahm er eine dermaßen distanzierte Haltung ein, dass manche Historiker ihn für einen treuen Sohn der katholischen Kirche hielten. Ein solcher Mann wäre auch heute noch ein wichtiger Vermittler in der Ökumene.

Im Bereich der Wissenschaften ragt er heraus durch seine Literaturstudien. Er besorgte viele Texteditionen antiker Autoren. Besonders seine Ausgaben der Plautus-Komödien und der Sophokles-Tragödien waren jahrhundertelang maßgeblich. Auch in der Kirchengeschichte leistete er wichtige Arbeit. Darüber hinaus verfasste er Schriften zu historischen, philosophischen,  medizinischen und anderen Themenbereichen. In der Pädagogik gilt er als einer der ersten, der ein System auf wissenschaftlicher Grundlage zu etablieren versuchte. Seine Maxime war die Verbindung von sprachlichen Studien, Erziehung und Fachwissenschaft: Das oberste Ziel war die religiöse Erziehung. 

Seine Nachkommen – alle neun Kinder erreichten das Erwachsenenalter – neigten mehr der reformierten Lehre zu. Daher verließen sie Sachsen und orientierten sich nach Nürnberg und in die Kurpfalz. Besondere Bedeutung erlangte der Enkel Ludwig Camerarius, der als Rat des Kurfürsten Friedrich V. dessen Bewerbung für die böhmische Königskrone initiierte. Prager Fenstersturz und Dreißigjähriger Krieg waren die Folge.

Wer mehr über die faszinierende Person des Camerarius erfahren möchte, muss nicht mehr durch staubige Archive kriechen: Das Würzburger Projekt „Camerarius digital“ hat ein ausführliches Semantic Media Wiki in deutscher Sprache erstellt, in dem Leben und Werk des Humanisten nachvollzogen werden können. Regesten zu seinen Werken und Briefen sind ebenso enthalten wie Lexikonseiten zu den einzelnen Fachwissenschaften, mit denen er sich befasst hat. Das Wiki ist erreichbar unter wiki.camerarius.de. Der Lesezugriff ist kostenlos und bedarf keiner Registrierung. Ein zusätzliches Feature ist die Entwicklung einer neuen Software zur automatischen Texterkennung der Scans (OCR4all) der von Camerarius verfassten Werke. Diese wird voraussichtlich im Laufe dieses Jahres freigeschaltet.

Vinzenz Gottlieb (AR, Nm, Eck)

Vinzenz Gottlieb

Geb.1985 in Dresden, römisch-katholisch, 1996-2004 Besuch des St. Benno-Gymnasiums Dresden; Chorsänger bei den Dresdner Kapellknaben; 2004-2005 Zivildienst in der Altenpflege; 2005-2013 Lehramtsstudium der Fächer Latein, Geschichte und Griechisch an der TU Dresden; 2015-2021 Lehre und Forschung an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

Seit 2022 Wiss. Mitarbeiter am Projekt „Camerarius digital“ an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Seit 2023 Promotionsstudium ebenda: Forschung zu den Gedenkreden auf Kurfürst Moritz von Sachsen (1521-1553).
Forschungsschwerpunkte: Geschichte des 16. Jahrhunderts mit Fokus auf Sachsen; Humanismus; Handschriftenkunde.

Im KV seit 2010: Mitgliedschaft bei K.St.V. Abraxas-Rheinpreußen zu Dresden, K.St.V. Normannia-Greifswald zu Mainz, K.St.V. Eckart zu Mannheim und Ludwigshafen.