Der Geist der Unterscheidung
Kritik bedeutet seiner Wortherkunft nach Unterscheidung. Heute wird es häufig im Sinne einer zwar argumentativ gestützten, aber letztlich doch einseitig negativen Beurteilung verwendet. Vom Hintergrund der Kritischen Theorie, wie die sogenannte Frankfurter Schule eigentlich korrekt zu nennen ist, liegt zudem eine Konnotation mit dem Aufdecken von Ideologien nahe, unbefragten Denkvoraussetzungen, die man als unhintergehbar in Anspruch nimmt, die es aber vielleicht gar nicht sind. Konkret heißt das etwa – meistens, aber nicht immer aus dem linken politischen Spektrum stammend – die Aufdeckung kapitalistischer Denkformen in Bereichen, die mit Wirtschaft eigentlich nichts zu tun haben.
Dieser Wortsinn kommt dem Gedanken der Unterscheidung schon näher. Denn dabei geht es um das schwierige und verwundene Geschäft, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Wahrheit ist heute, gerade wegen des durch die Ideologiekritik geschärften Blicks, ein schwieriges Wort: Nur allzu häufig wird es, gerade auch im religiösen Kontext, nicht genutzt, um zu größerer Einsicht und Tiefe zu führen, sondern um Macht auszuüben, andere kleinzuhalten, mundtot zu machen. Und doch kommt Religiosität nicht ohne den Anspruch auf Wahrheit aus. Gerade in streng hierarchischen religiösen Gemeinschaften ist es aber nicht unwichtig, ob sie sich so verstehen, dass sie die Wahrheit haben, wie eine mathematische Formel, die eindeutig, funktional auflösbar ist und von oben verwaltet wird; oder ob die Wahrheit nichts ist, das irgendjemand hat, sondern die einen anspricht, anruft, von sich her zeigt, in sich selber steht. Die Gemeinschaft, die sich auf sie verpflichtet, wäre dann eher eine, die den Raum schafft, in dem diese Stimme gehört werden kann; eine Gemeinschaft, die es ermöglicht, zu unterscheiden zwischen dem, was Standpunkt des Einzelnen ist und dem, was wirklich von Gott gesprochen ist.
In der Benediktsregel könnte man an der Oberfläche etwa meinen, dass sie strikt auf die Autorität des Abtes zugeschnitten ist, der – wenn auch liebevoll – die alleinige Entscheidungsgewalt über die gesamte Gemeinschaft und alle ihre Angehörigen ausübt. Und dies als Repräsentant Christi tut. Die Stimme des Abtes wäre dann die Stimme Gottes. Mit diesem Denken, das exemplarisch auch für andere Formen christlicher Gemeinschaften steht, ist viel Unheil angerichtet, viel Missbrauch getrieben und die Stimme Gottes eher unhörbar als vernehmbar gemacht worden. So ist es aber in der Regel des Hl. Benedikt keineswegs gedacht. Der Abt trifft zwar am Ende die Entscheidung, aber in der Kapitelsversammlung soll jeder Bruder das sagen, was der Geist ihm eingibt und insbesondere auf das, was die jüngeren, damit weniger erfahrenen und vielleicht urteilsschwächeren Brüder zu sagen haben, soll besonderes Gehör geschenkt werden, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“.
Das Kloster als eine „Schule für den Dienst am Herrn“, wie es in der Regel heißt, soll ein Raum des gemeinsamen Hörens sein. Hören bedeutet, sich zu öffnen und sich etwas sagen zu lassen, aber auch der eigenen Stimme zutrauen, dass sie etwas zu sagen hat und Antwort geben kann und so auch kritisch zurückfragen kann, um zur Unterscheidung hinzuführen, um besser zu verstehen, was von Gott kommt und was „nur“ vom Menschen kommt. Das zu lernen ist die „Schule für den Dienst des Herrn“ und kann damit Inspiration auch für andere christliche Formen von Gemeinschaft geben. Vor diesem Hintergrund kann man dann auch die Erkundungen in gelebter Synodalität, die wir in der katholischen Kirche unternehmen, so verstehen, dass es hier darum geht, von Formen, die für eine Wahrheitsbemächtigung anfällig geworden sind, zu Gemeinschafts-, Lebens- und Entscheidungsformen zu finden, in denen die Wahrheit selbst sich bekunden kann. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Mehrheit Maßstab der Wahrheit ist. Wenn man Unterscheidung in ein Format überführt, in dem es am Ende um das Durchsetzen gegen den Anderen geht, dann hat die Wahrheit schon verloren, weil es nicht mehr um sie geht, sondern letztlich nur um Macht. Maßstab der Wahrheit kann nicht die Durchsetzung sein, sondern es ist der lebendige, sprechende Gott. Aber der spricht natürlich nicht so, dass er wie ein Mensch erscheint und uns eine pro-positional eindeutig nachzuvollziehende Wahrheit bekundet. Er spricht im Geist, der er selbst ist, der auch der Geist der Unterscheidung ist. Und diesem Geist sich zu öffnen, der auch durch den anderen spricht, anrufbar und zugleich antwortfähig zu sein, das ist die hohe Kunst der Wahrheitsfindung, die man in einer „Schule für den Dienst am Herrn“ lernen muss.
Diese setzt einerseits das Hören voraus, aber auch die je eigene Stimme des Anderen und damit die sowohl je eigene Freiheit gleichzeitig mit der Freiheit des Anderen, die Möglichkeit frei zu sprechen und frei antworten zu können, starkzumachen. Insofern könnte man auch die Säkularisierung aus religiöser Sicht grundsätzlich positiv würdigen: sie ist Ernstnahme der Freiheit und damit Teil eines freiwerden für die Wahrheit, freiwerden, mit der eigenen Stimme zu sprechen. Aber diese Stimme bleibt dumpfe Selbstbeschallung, wenn sie nicht mit einer Offenheit des Hörens einhergeht. Der kritische Blick, die Unterscheidung, ist so keine Bedrohung der Wahrheit, sondern vielmehr die Absage an Machtausübung und Gewalt, dagegen sich durchzusetzen, vielmehr die Stimme des Anderen stark zu machen und zu hören. Nur so kann man überhaupt unterscheiden.
Um nun wieder zum benediktinischen Geist zurückzukommen: Der mittelalterliche Theologe Joachim von Fiore, der für seine Drei-Reiche-Lehre bekannt ist, lässt das dritte Reich, das des Heiligen Geistes, das auf das Reich des Sohnes folge, mit dem Heiligen Benedikt beginnen. Der kürzlich verstorbene italienische Philosoph Gianni Vattimo bringt den Charakter dieses Reichs des Geistes bei Joachim von Fiore auch so zum Ausdruck: „Der Geist weht, wo er will, sein ist das Reich der Freiheit, ihn in endgültige Grenzen einzuschließen wäre eine unangebrachte Art und Weise, ihn auf den Buchstaben zu reduzieren.“ Das bringt Vattimo vor allen Dingen auch mit der Säkularität unseres Zeitalters zusammen: Die Nicht-Notwendigkeit Gottes eröffnet es erst, dass er als lebendiger begegnen kann, im Wehen seines lebendigen Geistes, der nicht erdrückt und zwingt, sondern lebendig macht, zur Antwort ruft. Das muss aber, anders als es bei Vattimo zuweilen wirkt, nicht bedeuten, dass damit der Willkür Tor und Tür geöffnet ist. Das wäre auch nicht mit dem „benediktinischen” Charakter dieses Zeitalters des Geistes zu vereinen. Es bedarf ganz im Gegenteil der Stiftung einer Gemeinschaft, die eine gemeinsame Welt aufbaut, in der Raum ist zum Hören und zum Aufbau der je eigenen und der je anderen Stimme. Und das bedarf der Kritik im Sinne der Unterscheidung, aber keinem Festkleben an starren Formulierungen und Formen. Das wäre eine richtige „Benedikt-Option“ und ganz anders als in dem Buch des Amerikaners Rod Dreher mit dem gleichnamigen Titel, in dem er wenig von Gott und vom Hören spricht, sondern eher von einer Anti-Kultur gegen die verdorbene säkulare Welt. Ob es ihm dabei nicht am Ende um einen blinden Gehorsam gegenüber einer antimodernistischen Ideologie und damit gerade um das Ausschalten des kritischen Denkens, statt um den geistlichen Gehorsam, dem Hören auf den lebendigen Gott geht, das durch den Geist der Unterscheidung eröffnet wird, mag dahin gestellt bleiben. Diesen Geist der Unterscheidung kann man eben nicht ideologisch herstellen oder herbeizwingen. Als lebendiger gibt er sich selbst. Aber genau darauf kann man ihn ansprechen und darum bitten: Veni Sancte Spiritus!
Stefan Gaßmann (Mk, Smn, Lov! [CV])
Kb Stefan Gaßmann, geb. 1991, wuchs in Lippetal-Herzfeld auf. Seit dem Sommersemester 2011 beim K.St.V. Markomannia aktiv, war er Fuchsmajor und 2012/13 Vorortspräsident, danach 2013/14 Aktivenvertreter im KV-Rat. Er studierte katholische Theologie in Münster und Löwen. Derzeit forscht und schreibt er an seiner Dissertation. Außerdem ist er wissenschaftlicher Referent der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.
